Ausgabe 
5.8.1906
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 31.

ständigung zu benutzen, kann hier Ordnung

schaffen.

Der Unterschied zwischen dem Kapttalisten und dem Arbeiter springt in die Augen. Freilich gibt es auch Unter nehmer und Arbeitgeber, die kein Kapital besitzen, ob⸗ gleich sie als Kapitalisten gelten wollen, während sie bloß Mittelsmänner der Kapitalisten sind. Und es gibt freilich auch Kapitalisten, die be⸗ haupten,auch Arbeiter zu sein(und es wirk⸗ lich sind, soweit sie gesellschaftlich nützliche Ar⸗ beiten als Betriebsleiter, Mithelfer verrichten), deswegen aber doch Kapitalisten bleiben, weil in ihrer Einnahme mehr arbeitsloses Kapitals⸗ einkommen als Arbeitslohn steckt. Es gibt selbstverständlich auch Zwergkapitalisten, die niemand zur Kapitalistenklasse zählt, weil ste nur den geringsten Teil ihrer Bedürfnisse aus den Mitteln ihres arbeitslosen Kapitalsein⸗ kommens befriedigen. Aber niemand zweifelt daran, daß die Kapitalistenklasse von jenen Mitgliedern der Gesellschaft gebildet wird, die vermittels ihres Eigentums an Produktions⸗ mitteln(Geld, Boden, Häusern, Maschinen, Rohstoffen usw.) Produkte der menschlichen Ar⸗ beit, ohne dabei selbst Arbeit zu leisten, als ihr Eigentum anhäufen und verbrauchen können.

Klär ist auch, daß diejenigen, denen der Kapitalist unmittelbar als Arbeitgeber gegen⸗ übersteht, die ihm ihre Arbeitskraft verkaufen und vom Arbeitslohn leben, Arbeiter sind und die Arbeiterklasse bilden. Neben ihnen stehen aber zahlreiche Personen, die Arbeit leisten und von ihrem Arbeitseinkommen leben, ohne doch Arbeiter imgewöhnlichen Sinne des Wortes zu sein. Zu ihnen zählen die

Bauern, die selbständigen Handwerker, die

Beamten, die Aerzte, Lehrer, Künstler usw., ste alle leisten nützliche und notwendige Arbeit, gehören aber weder der Arbeiterklasse, im engeren Sinne des Wortes, noch auch der Kapitalistenklasse an.

Wir sprechen dann auch vom Bürgertum als einer Klasse. Der bürgerlichen Klasse ge⸗ hören die Kapktalisten, aber nicht bloß diese an. Bürger sind im sozialdemokratischen Sprach⸗ gebrauch alle, die sich in einer gefestigten, be⸗ häbigen oder auch bloß selbständigen Lebens⸗ stellung befinden. Hier unterscheidet man wieder zwischen Kleinbürgertum und Großbürgertum je nach Sicherheit und Höhe der wirtschaftlichen Stellung. Ziemlich gleichbedeutend mit Groß⸗ bürgertum wird der französische Ausdruck Bourgeoiste gebraucht.

Beispielsweise ist der gut bezahlte Direktor einer Fabrik ist kein Arbeiter, kein Kapitalist, aber ein Bourgeois, auf alle Fälle ein Angehöriger der bürgerlichen Klasse.

Die der Sozial demokratte feindlichen Parteien pflegen den AusdruckBürgertum in einem ganz andern Sinne zu gebrauchen. Sie be⸗ haupten meist,keine Klassenpolitik zu treiben, sonderndie Interessen des gesamten Bürger⸗ tums zu vertreten. Damit wollen sie aber keineswegs das Geständnis ablegen, daß stie Vertreter des Bürgertums undbürgerliche Parteien in unserm Sinne seten, sondern sie nehmen das WortBürgertum gleichbedeutend mitStaatsbürgertum oder Volk. In diesem Sinne gehört auch jene Masse, die wir als unterdrückte Klasse bezeichnen, zumBürgertum und bildet dessen überwiegende Mehrheit. Wollen wir also den Gegnern, namentlich den liberalen und freisinnigen, in ihrer Sprache antworten, so müssen wir ihnen sagen, daß auch wir die Interessen desBürgertum vertreten, aller⸗ dings nicht desgesamten, sondern bloß seiner überwiegenden Mehrheit, deren Interessen ganz andre seien als die einer kleinen bevorzugten Minderheit.

Bleiben wir aber bei dem Begriff des Bürgertums als einer Klasse, so finden wir als festen Kern die Kapitalistenklasse, in engem Anschluß an sie jene Bourgeois, die keine Kapita⸗ listen sind, ferner, gleichsam eine lose Hülle um den besten Kern bildend, zahlreiche klein⸗ bürgerliche Elemente. Alle zulammen bilden die bürgerliche Klasse.

Eine besondere Stellung nehmen die selbst⸗ ständigen Unternehmer der Landwirtschaft ein. Das in Deutschland meist adlige Großgrund⸗

besitzertum fühlt sich noch als selbständiger Stand gegenüber dem bürgerlichenStande; ebenso ziehen die Bauern zwischen sich und den Bürgern noch eine scharfe Scheidungslinie. Man muß den Begriff der bürgerlichen Klasse schon sehr weit fassen, um die Wohlhabenden unter ihnen mit in ihn einbeziehen zu können. (Fortsetzung folgt.) .. ̃ßö

Politische Rundschau.

Gießen, den 2. August 1906. Kolonial ⸗Korruption.

Gegen den Major Fischer, Offizier beim Oberkommando der Schutztruppen, Vorstand bei der Bekleidungsabteilung, ist wegen Verdachts der Bestechung das amtliche Verfahren ein⸗ geleitet und der Beschuldigte in Unter⸗ suchungshaft genommen worden. Major Fischer gehörte ehedem der alten Wißmann⸗ Truppe an, nachdem er zuvor in sächstschen Diensten gestanden hatte, dazwischen auch einige Zeit inaktiv gewesen war. Der Verhaftete stand, wie weiter berichtet wird, mit der Firma Tippelskirch, die bedeutende Lieferungen für die Kolonial⸗Truppen hatte, in unsauberer Geschäftsverbindung. Die Firma hat dem Major HunderttausendeDarlehen geleistet, an deren Rückzahlung niemand dachte. Dafür sorgte Fischer, daß die Firma Millionen ver⸗ diente, das Monopol für Lieferungen bekam. Von dem Cousinenmann Jesko v. Putt⸗ kamer verlautet, daß das gegen ihn einge⸗ leitete Disziplinverfahren sehr günstig für ihn stünde. Natürlich!

Ein Bildchen vom vielgerühmten Arbeiterschutz

in Deutschland bot der Prozeß, der vorige Woche gegen den Betriebsführer Rüther von der KohlenzecheBorussia vor dem Dort⸗ munder Gericht durchgeführt wurde. Die auf dieser Zeche im vorigen Jahre stattgefundene Brandkatastrophe kostete 39 Bergleuten das Leben und der genannte Betriebsführer war der fahrlässigen Tötung angeklagt, weil er die nötigen Schutzmaßregeln verabsäumt hatte. Der Prozeß legte Zustände auf der genannten Zeche blos, die beweisen, daß sich die Kohlenbarone den Teufel um den Arbeiterschutz und die ge⸗ setzlichen Bestimmungen kümmern. Aber Rüther wurde freigesprochen! Die Justiz findet keinen Schuldigen, wo verbrecherische Profitsucht und schäudliche Leichtfertigkeit den grausigen Feuertod von neununddreißig Arbeitern verschuldete! Und wie großmäulig prahlte die deutsche Kapitalistenpresse bei der Katastrophe von Courriéres, daß in Deutsch⸗ land etwas derartigesnicht möglich sei! Weniger als in derBorussia war in Cour⸗ rières auch nicht für die Sicherheit der Berg⸗ arbeiter gesorgt.

Gaukler und Schaumschläger.

Keine einzige Partei hat so viele Gaukler und Schaumschläger in ihren Reihen gezählt, wie die unsrige, und keine Partei hat sich so von Phrasenhelden und elenden Speku⸗ lanten nasführen lassen, als die antisemi⸗ tische. So schrieb zornig der Antisemit Wilberg im Sommer 1901 über seine eigene Partei und die antisemitische Bewegung. Und er hatte damit durchaus recht, sein Urteil trifft zu bis auf den heutigen Tag. Das zeigte der bet der Ersatzwahl in Hofgeismar⸗Rinteln ent⸗ brannte Bruderkampf zwischen den beiden anti⸗ semitischen Richtungen, denReformparteilern und denDeutsch⸗Sozialen(Zimmermänner und Liebermänner) recht deutlich. Die Aus⸗ einandersetzungen steigerten sich bekanntlich bis zur Prügelei, und die Erklärungen, die dar⸗ auf herüber und hinüber flogen, sind für beide streitende Teile charakteristisch. So veröffent⸗ lichte derReformer Hellmerich eine Dar⸗ stellung, in der es u. a. heißt:

Adolf Wulfes, der berüchtigte Agi⸗ tator der deutsch sozial⸗konservativ⸗bündlerischen Sippschaft, läßt durch den Liebermannschen Generalsekretär Henningsen(Dicker Herr

ackerte auch schon in Gießen herum, wo er sich in Konsumvereinstöterei versuchte. D. R.), die stark entstellte Erzählung von einem Attentat verbreiten, dem er zum Opfer gefallen sei. Wulfes und Henningsen sind in der be⸗ kannten Liebermannschen Hochschule für Ver⸗ leumdungskünste ausgebildet, und diese

beiden edlen Seelen sind einander würdig.

Während meiner Abwesenheit im Kreise Rinteln

hat nun die Liebermannsche Meute mit diesem

erlogenen, teils übertriebenen Märchen einen unlauteren Stimmenfang betrieben und zur Steuer der Wahrheit ist daher meinerseits eine Richtigstellung erforderlich. sehr eingehende Schilderung der Ohrfeigen⸗ geschichte, die wir uns indessen schenken wollen. Dann sagt Hellmerich weiter:Einen Wahl⸗ kampf mit solchem Schmutz und solch maßloser persönlicher Gehässigkeit hervorgerufen zu haben, dieses Verdienst gebührt den politischen Brunnenvergiftern Lieber⸗ mannscher Richtung. Wahrheit und Recht haben infolgedessen kläglich Schiffbruch gelitten, und so sind diesmal mit all dem Lug und durch die widerwärttgen Verhetzungen und teils mit dem amtlichen Unterstützungsappa⸗ rat, die Wählerkreise beeinflußt und eingefangen worden. Ein unlauteres Manöver jagt das andere, Exlstenzen, die kein Mensch kennt, darunter ein Mann namens Evers in Hofgeis⸗ mar, aus der Schreibstube der Deutschsozialen, verfaßt Entrüstungsartikel nach Henningsenschem Diktat. Dann kommt im Auftrag der gar nicht vorhandenen Nationalliberalen in Frankenberg ein Zerrartikel und dergleichen widerlicher Unfug mehr. So hat diesmal die Lüge und Ver⸗ leum dung den Sieg errungen.

So urteilt der Antisemit und Reichstags⸗ kandidat Hellmerich über die Antisemiten von der anderen Fakultät und wir zweifeln nicht im mindesten daran, daß diese ganz die gleiche Hochachtung vor den Reformparteilern hegen. Weil sich aber Pack schlägt und verträgt, so fordert zum Schluß Herr Hellmerich seine Wähler auf, für den Kandidaten derpolitischen Brunnen⸗ vergifter zu stimmen!!

Die Stichwahl in Hagen

endete mit der Wahl des Freistunigen, des Bürgermeisters Cuno. Dieser erhielt 21605 Stimmen, während unser Genosse, Arbeiter⸗ sekretär König, es auf 18673 Stimmen brachte. Am 19. Juli wurden für unsern Kandidaten 16 298, für die fehlen Gegner 22978 Stimmen abgegeben. Unsere Stimmen haben also um fast 2400 seit der Stichwahl zugenommen. Da anzunehmen ist, daß alle gegnerischen Stimmen sich auf Cuno vereinigten, da er nur 900 weniger erhielt als sämtliche bürgerlichen Kandidaten bei der Hauptwahl, stammt der weitaus größte Teil unseres Stimmen⸗ gewinnstes aus eigenen Reserven. Danach bedeutet auch die Stichwahl einen bedeutenden Fortschritt für uns. Die Entwickelung unserer

Partei im Kreise zeigt folgende Zusammenstellung:

Wahl Nationall. Freisinn Zentrum Soziald. 1881 4585 11358 1773 343 1884 6086 10 308 1696 1126 1887 8478 11911 2702 1890 3794 12287 5221 1893 6771 9659 2392 6914 1898 6892 10234 3712 9080 1903 5786 10 572 4526 13870 1906 4545 11172 5266 16 110

Die Sozialdemokratie hat mithin alle Ur⸗ sache, mit dem Ausgang der Wahl vollauf zu⸗ frieden zu sein. Während der Freistun mit dem Hute in der Hand heute den ersten Volks⸗ verrätern, den schwarzen wie den blauen Jesuiten, den Dank für ihre Hilfe abstatten muß, sehen wir getrosten Mutes in die Zukunft. Die Parteien der Schlotbarone, der Intoleranz und der Volksverdummung gestatten dem Freisinn noch einmal Zutritt. Und so wird uns auch dieser Sieg des absterbenden Freisinus kräftig die Wege ebnen zum roten Wahljahre 1908!

SchuldbeladeneLiberale.

Ein köstliches Eingeständnis macht in ihrer Betrachtung des Hagener Wahlresultats dieFreistnnige Zeitung. Sie registriert den

Es folgt nun eine

Trug,