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Mittelbentsche Sonntag- Seuung.
Nr. 9.
von Kah und Lern.
In„besseren“ Kreisen.
In Herne(Westf.) wurde vorige Woche ein Skandalprozeß verhandelt, der mit Verur⸗ teilung der Frau Amtmann Dr. la Roche u 3 Monat Gefängnis endete. Die Verurteilte atte an verschiedene Personen anonyme Schmähbriefe geschrieben. Die Gelsenkirchener Zeitung— ein bürgerliches Blatt— schreibt zu dem Prozeß: Die Verhandlungen haben ein Bild davon gegeben, wie jämmerlich es doch eigentlich in diesen„höheren Schichten“ aussteht! Klatschsucht, Hatz und Mißgunst waren an der Tagesordnung; keine Spur von echter Menschlich⸗ keit oder wahrer Bürgertugend. Verächtlich pflegen Vertreter dieser Creme auf die übrigen Gesell⸗ schaftsklassen zu blicken und jede Berührung mit Kreisen, die in bezug auf Bildung und Besttz nicht konkurrieren können, ängstlich zu vermeiden. Wäre nicht in den mittleren und unteren Schichten ein viel edleres Gefühl anzutreffen, so könnte jetzt ein Echo herausschallen, das den oberen Schichten noch lange in unangenehmster Weise in den Ohren klingen müßte. Denn alle die Einzelheiten, die der Prozeß vor die Augen der Oeffentlichkeit gerückt hat, sind beschämente Zeugen der inneren Hohlheit und Fäulnis eines Teiles der höheren Gesellschaft. Verurteilt ist nur eine, aber mit dieser einen ist das ganze Milieu getroffen.
Gesang der Satten.
Beim Stiftungsfest des Landwirtschaftlichen Vereins zu Schönerstedt(Sachsen) wurden auch sehr übel gereimte Tafellieder gesungen, in deren einen sich Verfasser und Säuger fol⸗ gende ausnehmend dreiste Verhöhnung der Volks⸗ not leisteten:
Wie sich doch die Beutel füllen,
Kist' und Kasten werden voll,
Und man weiß beim besten Willen
Nicht mehr, wo man's hintun soll.
Es ist ja auch ganz leicht erklärlich,
Denn die Sauzucht bringt was ein.
Würf' die Sau nur zehnmal jährlich,
Würd's Geschäft noch besser sein.
Auch der Preis der fetten Schweine
Kommt noch immer höher'nan;
Geht's sofort, so sterb'n, ich meine,
Noch die Sau'n am Größenwahn. Dieser Uebermut beweist schlagend, was es mit der Nederei von der„notleidenden Landwirt⸗
schaft auf sich hat. Heinrich Heine.
Im„Romanzero“ begegnen wir auch der prächtigen„Disputation“, unter„Verschiedenes“ in der poetischen Nachlese einer großen Anzahl im Proletariat beliebter Gedichte politischen In⸗ halts. Heines Prosaschriften werden leider weit weniger gelesen, als seine poetischen, obwohl dieselben die fruchtbarsten Anregungen geben und viele allgemeine Wahrheiten enthalten. Die „französischen Zustände“ behandeln u. a. die Periode des Julikönigtums und mögen manchem für veraltet gelten: in der Tat bilden diese Prosaarbeiten aber fortgesetzt eine reiche Quelle geschichtlicher Belehrung. Andre Prosaschriften Heines über Literatur und Theater, Kunst, Philosophie und Geschichte sind vielfach noch heute zeitgemäß und bilden für den fortge⸗ schrittenen Leser eine Genußquelle eigner Art. Wir erinnern nur an die„Reisebilder“.
Die Schonungslosigkeit, mit der Heine über alles und alle, die ihm nicht paßten, herftel, hat ihm naturgemäß auch Feinde von allen Seiten eingetragen. Spottete er doch selbst in seinem„Testament“:
Wem geb ich meine Religion,
Den Glauben an Vater, Geist und Sohn?
Dem Kaiser von China, dem Rabbi von Posen,
Sie sollten beide darum losen.
Den deutschen Freiheits⸗ und Gleichheitstraum,
Die Seifenblasen vom besten Schaum,
Vermach' ich dem Zensor der Stadt Krähwinkel;
Nahrhafter freilich ist Pumpernickel.
fort; namhafte Dichter und Prosaiker schmähen ihn jetzt noch, während Bismarck, nach eignem Geständnis wiederum mit Vorliebe Heine las. Auch Gerhart Hauptmann ist ein Bewunderer Heines. Wir könnten uns darauf berufen, daß er auch ein Freund Ferdinand Vassalles und Karl Marx, wie andererseits Alexander von Humboldts und Varnhagen v. Enses war. Doch wir nehmen ihn selbst mit seiner Genialität und starken Persönlichkeit, die noch heute neben uns zu stehen und mit uns gegen Unfreiheit und Intoleranz, gegen Wahn und Heuchelei zu kämpfen scheint. Nicht blos das 19. auch das 20. Jahrhundert bedarf dieses selben Heine, dessen Schriften einst, neben denen von Börne, von der seligen deutschen Bundes versammlung auf den Index gesetzt wurden und die noch heute viele Hunderttausende bornierter Schädel um⸗ pflügen, um bewußte, klarsehende Individuen zu machen. Sicherlich war Heine kein Sozialist und Programmann in unserm Sinne. Denn die gesamte Entwicklung und wir mit ihr sind vorwärts geeilt, Heine jedoch starb schon 1856. Die gewalkige soziale Bewegung unsrer Tage mit ihrem Sturm und Drang, die zugunsten jener Klasse— die noch Lassalle mit dem„vierten Stand“, dem„Arbeiterstand“, bezeichnet— ein⸗ esetzt hat, ist noch lange keine 50 Jahre alt. ber die Elemente zu dieser Bewegung waren damals bereits vorhanden, ökonomisch, politisch und philosophisch, und Heine hat diese Elemente schon bemerkt und gewürdigt, ohne auch nur die Ahnung von den Formen zu haben, die diese erste größte allgemeine Volksbewegung dereinst einnehmen würde; er selbst hat in seiner Weise Waffen geschmiedet, deren wir uns noch heute mit Erfolg bedienen. Das ist die Bedeutung von Heines Genius für die proletarische Sache. Die Reaktion ist dieses Dichters, dessen Werke ebenfalls in den Bücherschränken aller Reaktionäre stehen und stehen müssen, nie recht froh ge⸗ worden, denn aus vielen Kapiteln und Vers⸗ zeilen grinst der Revolutionäre Heine ste an und gemahnt sie an der bevorstehenden letzten Kampf auf Erden, den heiligen Krieg. Und die Pie⸗ tisten und Quietisten bekommen Nervenzufälle, wenn sie nur das Wort Heinrich Heine hören. Deshalb hat auch der größte Dichter des vorigen Jahrhunderts noch immer kein Denkmal er⸗ halten. Ihm gegenüber bleibt man unversöhn⸗ lich. Mit vollstem Recht sagt daher Bölsche: „Der Mann ist so stark, daß er noch heute sein Henkmal in Deutschland dauernd verhindert. Herrn Piepmeyer aus Schilda kann das un⸗ möglich passieren. Sein Denkmal ist gezeichnet und sicher.“
Ja, der Mann ist zu stark. Doch eben des⸗ halb gehört er unser, gehört er dem Proletariat, wenigstens in seiner zweiten Schaffensperiode. Wie manchen andern Giganten des Geistes, der aus den bürgerlichen Kreisen hevorging, reklamiert das Proletariat auch Heine als den seinigen. Für das„neue Geschlecht“, mit„freien Gedanken“, mit„freier Luft“, so schrieb Heine selbst in seinem Wintermärchen.
Und dieses neue Geschlecht sind wir, die Armen und Enterbten der Gesellschaft, die aber ihre Pfade durch Nacht und Kampf zum stegenden Licht wandeln, unbeirrt um die Bajonette und Kanonen der Reaktion. Fünfzig Jahre ist der Sänger des Weberliedes kot. Wo werden wir sein, wenn wir uns zu seinem hundertsten Todes⸗ tage zur Feier versammeln?
„ C —
Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. Fortsetzung)
„Meine Stellung ist Ihnen bekannt!“ fuhr Morsen nach einigen Augenblicken fort;„ich
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diefer Hinsicht von Ihrer Seite wohl keine Schwierigkeit bestehen wird.“
„Durchaus nicht, durchaus nicht,“ sagte Malvinens Vater, nachdem er sich ein wenig vom Erstaunen erholt hatte.
„Ich habe noch nicht mit ihr darüber ge⸗ sprochen, da ich es für besser hielt, zuvor den Vater zu Rate zu ziehen.“
„So? Ja, ja, gewiß,“ entgegnete Werner zerstreut, denn da sein Kopf immer mit seiner eigenen Angelegenheit erfüllt war, entstand die Ueberzeugung dei ihm, daß er nach Morsens Antrag unmöglich Geld von diesem leihen könne; es würde ihm den Schein gegeben haben, als ob er sein Kind verkaufe.
„Wenn von Ihrer Seite keine erheblichen Bedenken bestehen,“ fuhr Morsen nach einer Pause wieder fort,„würde es mir angenehm sein, wenn Sie oder Ihre Frau Gemahlin bei Ihrer Tochter einmal anklopfen wollten.“ „Anklopfen?“ wiederholte Werner mechanisch zum Zeichen, daß er noch immer zuhörte.
Und im Falle Ihre Tochter mir nicht ab⸗ 1 wäre, würde ich Ihre formelle Zu⸗ 1 erbitten, wie ich bereits jetzt vorläufig ue.“ 1 Seinem unmittelbaren Vorgesetzten eine Zustimmung verweigern, war für Werner un⸗ denkbar; aber geben kopnte und mochte er sie in den traurigen Verhältnissen, in welchen er sich befand, auch nicht. Er schwieg deshalb, bis Morsen seine Frage wiederholte. Nun wäre kaum eine günstigere Gelegenheit zu denken gewesen, Aufklärung über seine Verhältnisse zu geben, aber gerade in diesem wichtigen Augenblicke entsank ihm aller Mut und er ersuchte Herrn Morsen nur mit seiner Frau über diese Ange⸗ legenheit sprechen zu dürfen. Morsen fand dies ganz in der Ordnung und da sein Kollege nichts mehr sagte, so stand er auf und beide Herren begaben sich wieder in das vordere Zimmer, Morsen um hundert Pfund leichter, Werner gedrückter als jemals.
Während Frau Werner mit den Kindern im Dunkeln zurückgeblieben war und jedes Einzeine über das Gespräch nachdachte, welches im Hinterzimmer geführt wurde, denn jedes glaubte den Gegenstand zu kennen— kam Malbine zu dem versprochenen Besuch. Auch ste legte jener Unterhaltung eine Deutung bei, welche sie plötzlich still und nachdenklich machte und sie kaum empfänglich bleiben ließ für die freudige Neuigkeit, welche Franz ihr erzählte und für die wichtige Mitteilung, die ihre Mutter ihr machte.
Malvinens Herz sagte ihr, was in dem Hinterzimmer gesprochen wurde. Aber als die Mutter ihr zuflüsterte, daß der Vater gewiß nun das Geld von ihm leihen werde, sagte sie, daß ste das auch glaube, und als Franz ihr seine Ueberzeugung mitteilte, daß Herr Morsen gewiß noch ein Plänchen mit ihm vorhabe, meinte sie, das könne wohl so sein, und als die Kinder sie frugen, ob ste nicht denke, daß Herr Morsen dem Vater Zulage geben werde, versicherte ste, daß sie dies auch hoffe, aber was sie selbst dachte, behielt sie für sich. Wie klopfte ihr Herz, als die Türe des Hinterzimmers geöffnet wurde, und die beiden Herren mit feierlichem Schritt die Schwelle des Zimmers übertraten. Die jüngeren Kinder sahen sich fast die Augen aus, um die Papiere über die Gehaltserhöhung zu sehen. Franz heftete einen forschenden Blick auf seinen Vater, ob dieser ihm einen Wink geben werde, Frau Werner sah nur flüchtig zuerst ihren Gatten und dann Morsen an, um aus ihren Mienen auf den Verlauf des Gespräches zu schließen, und Mal⸗ vine sah vor sich hin und widmete ihre ganze Aufmerksamkeit den Falten am Kragen ihres kleinsten Bruders. Morsen blieb bei der Be⸗ gegnung so ruhig als möglich und kurze Zeit darauf erhob er sich, um Abschied zu nehmen, nachdem ihm alle nochmals herzlichen Dank dafür gesagt hatten, daß er für Franz gesorgt habe. Als er fort gegangen war behauptete die jüngste Tochter Werners, daß Herr Morsen Malbvine nicht begrüßt habe, was durch Franz
Die Feindschaft gegen Heine setzt sich in vielen und nicht etwa bloß theologischen Kreien
habe meinen Gehalt und überdies habe ich etwas zurückgelegt und geerbt, so daß also in
mit Heftigkeit widersprochen wurde. Seiner
als gerade jetzt seinem Kollegen eine


