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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
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Nr. 9.*
Die Zweite Kammer nahm am Mitt⸗ woch ihre Beratungen mit einer Anfrage Brenn⸗ tanos(Zentr.) über Verseuchung des Main⸗ stromes auf. Ullrich verlangte im Interesse der Fischer und des Fischbestandes wirksame Ueberwachung und strenge Durchführung der für die Fabriken bestehenden Vorschriften. Die Anträge betr. Gewährung von Ve rgütungen an Geschworene und Schöffen sowie betr.
Entschädigung für unschuldig erlittene Haft werden auf Antrag des Abg. Ullrich nach kurzer Debatte an die zuständigen Ausschüsse zurück⸗ verwiesen.— Donnerstag begann die Beratung des Haushaltsplanes, wobei Ullrich das Wort ergriff und die Nichtbestätigung gewählter Gemeindebeamten sowie die Haltung der ersten Kammer in der Wahlrechtsfrage verurteilte.
— Erhebungen über die Heimarbeit in Hessen anzustellen, hat der Abg. Rein⸗ hart(natl.) in der Zweiten Kammer beantragt.
Die Aufnahmen sollen durch die Gewerbeinspek⸗ tionen vorgenommen werden und sich erstrecken über: 1. Die Zahl und das Alter der in der Heimarbeit beschäftigten erwachsenen und jugend⸗ lichen Arbeiter und Arbeiterinnen; 2. über deren Arbeitszeit; 3. über deren Lohn und deren Arbeitsbedingungen; 4. über deren Wohnungs⸗ verhältnisse und Arbeitsräume.
Eine derartige Untersuchung ist gewiß wün⸗ schenswert.— Die Frankfurter Stadtver⸗ ordneten beschlossen übrigens, der Magistrat solle dahin wirken, daß die Berliner Heimarbeit⸗
Ausstellung nach Frankfurt komme. Wenn dies
unmöglich sei, solle Frankfurt sofort Schritte tun, um in Bälde eine eigne sozialpolitische
Ausstellung mit besonderer Berücksichtigung der
Heimindustrie zu veranstalten.
— Zur Ersatzwahl in Darmstadt. Die Nationalliberalen haben den Rechtsanwalt Dr. Stein in Darmstadt als Kandidaten aufgestellt und von dem Bunde der Landwirte, den Deutsch⸗Sozialen und den Christlich⸗Sozialen wird diese Kandidatur unterstüͤtzt, was schon für sie bezeichnend genug ist. Eine feine Sorte Liberalismus“, die sich mit den schwärzesten Reaktionären, den rücksichtslosesten Volksfeinden verbündet! Der berüchtigte Becker⸗Sprendlingen hat denn auch schon seinen Segen dazu gegeben und am Sonntag in Darmstadt eine seiner bekannten Schimpfreden gegen die Sozialdemo⸗ kratie gehalten. Die„Linksliberalen“ halten an der Kandidatur des nationalsozialen Pfarrers
Korell fest.— Unsere Parteigenossen werden
in der Konferenz am 4. März ihren Kandidaten, als welcher bekauntlich Genosse Berthold vorgeschlagen ist, endgültig aufstellen.
Gießener Angelegenheiten.
— Zum Austritt aus der Kirche forderte ein Flugblatt auf, das hier vorige Woche an die Professoren und Studenten zur Verteilung gelangte. In dem Aufruf wird eingangs gesagt, daß die schwer erkämpfte Frei⸗ heit des deutschen Geistes in Gefahr sei und daß es besonders Aufgabe der Akademiker sei, gegen diese geistige Knechtschaft anzukämpfen. Es sei nötig, in den konfesstonellen Kämpfen der Gegenwart(Schulgesetzvorlage) Stellung zu nehmen. Und da die Zugehörigkeit zu einer der überkommenen ktrchlichen Konfesstonen beiden meisten Akademikern nur äußerer Schein set, werden diese aufgefordert, allgemein aus der Kirche auszutreten und die Aufhebung der theo⸗ logischen Fakultät zu fordern.— Den Aufruf, der von bier Leipziger und einem Berliner Studenten unterzeichnet ist, druckte auch der Gießener Anzeiger ab und bemerkte dazu, die Studenten hatten sich damit lächerlich gemacht und würden in einigen Jahren diesen Schritt als den törichtsten ihres Lebens bereuen. Offenbar hält der Anzeiger jeden Angehörigen der bürger⸗ lichen Klasse, der eine fretere, von der ordnungs⸗ parteilich abgestempelten, abweichende Meinung bekundet, für so gestnnungslumpig, daß er sie sofort abschwört, wenn ihm daraus irgendwelche gesellschaftliche oder sonstige materielle Nachteile erwachsen. gewiß nicht das größte Zutrauen, aber deswegen sprechen wir noch lange nicht jedem Gesinnung
angekauft und beabsichtigte dort größere Neu-
hat sich hier ein„Bürgerverein“ gebildet. Nicht der Verein selbst, sondern die besonderen Um⸗ stände seines Zustandekommens veranlassen uns zu einigen Bemerkungen. beschäftigte sich der leitende Gemeindebeamte mit dieser Sache und wenn man bisher der Mei⸗ nung war, daß bei ihm ein Bürger so viel gelte als der andere, wie er bei seiner Wahl erklaͤrte, so wird man diese Meinung etwas korrigieren müssen. unter den Bürgern.
nötige Schwere nicht au ignoriert; auch fortschrittliche Kommunalpolitiker besseren Standes fanden Augen der zukünftigen tuierende Versammlung verteilte vor allen Dingen die Ehrenämter des Vereins unter sich. So denkt
Wir haben ia in dieser Beziehung 1 5 vielleicht auch die Gemeindeämter zu ber⸗
es kann manchen die Zeit recht lan dem Taufpaten des Kindes vielleicht selber.
Studierenden Protest gegen die allgemeine Ver muckerung erhebt.— Wenn der Aufruf den Kamp
funden haben!
Oberhessen tritt am ersten Saison zusammen.
wärts hat man das darin
so z. B. in Bayern.
als Schöffen in Tatigkeit treten werden. Verhandelt wird am Montag
tötung; Dienstag gegen Otto Schneider aus Nieder⸗Wöllstadt wegen Verbrechen im Amt; Mittwoch gegen Karl Krauskopf aus Gießen
Luh, Dern, Weiß und Keßler aus Großenlinden wegen Sittlichkeitsverbrechen.
— Wegen Bran dstiftung wurde am Dienstag der Dachdeckermeister und Bauunter⸗ nehmer Heinrich Carle verhaftet. Am Samstag war in den Altwaren⸗ und Lumpen⸗ geschäft der Witwe Rothenberger am Neuenweg eln Brand ausgebrochen, der aber bald gelöscht wurde. Es stellte sich heraus, daß Brandstiftung vorliegen müsse, die von außen her bewirkt worden war. Carlé hatte mehrere Häuser in der Umgebung des Rothenberger'schens Anwesens
bauten aufzuführen. Dazu wollte er auch das Rothenbergersche Haus erwerben, doch Frau R. verlangte zuviel dafür. Die Verhaftung Carlés erregt in der Stadt nicht geringes Aufsehenu. — Die Freie Turnerschaft hielt am Samstag einen karnevalistischeu Abend im Lenz⸗ schen Felsenkeller ab, der sehr zahlreich besucht war und auf's beste verlief. Zahlreiche humo⸗ ristische Vorträge brachten die Teilnehmer in die fröhlichste Stimmung. Wenn bei den gewiß für die Arbeiter nicht heiteren Zeiten dafür gesorgt wird, daß diese den Humor nicht ver⸗ lteren, so ist das jedenfalls anzuerkennen.— Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß die Arbeiterturnvereine mächtig emporgeblüht sind; die Arbeiterturnerzeitung verzeichnet jetzt eine Auflage von 50000!
— Hochwasser. Die Lahn und Wieseck haben in den letzten Tagen eine Höhe erreicht, wie seit langen Jahren nicht mehr. Die Ebene zwischen Gießen, Heuchelheim und Wieseck glich einem See. Mehrere Häuser am rechten Ufer standen im Wasser. Auch aus dem übrigen Deutschland werden Ueberschwemmungen ge⸗ meldet. — Ueber Heinrich Heine wird in der nächsten Versammlung des W ahlvereins ein Vortrag gehalten werden.
Aus dem Nreise gießen.
J. Altenbuseck. Unter dem Protektorat und dem besonderen Einfluß des Bürgermeisters
Schon seit Wochen
Man hielt eine gründliche Auslese Wessen Geldbeutel die fwies, der wurde einfach
keine Gnade bor den Männer. Die konsti⸗
eilen, wozu der Andrang sehr stark ist. Aber
g werden,
und Charakter ab, halten es im Gegenteil für recht erfreulich, wenn sich aus den Kreisen der
4 Uhr eine öffentliche Ver samenlung bei
thr. In Leidhecken findet dtesen Sonntag nachm.
gegen die Sozialdemokratie predigte, würde er gewiß den vollen Beifall des Amtsblattes ge⸗
— Das Schwurgericht für die Provinz
Montag, 5. März, zur Die Liste der Ge⸗ schworenen weist wieder keinen einzigen Arbeiter auf. Die zahlreichste Bevölkerungsklasse ist also von der Rechtsprechung ausgeschlossen. Ander⸗ liegende Unrecht eingesehen und hat auch Angehörige der Arbeiter⸗ klasse mit auf die Geschworenenliste genommen, Auch aus Kiel wird be⸗ richtet, daß zum ersten Male mehrere Arbeiter
gegen Louise Schneider aus Lauterbach wegen Kindes-
wegen Brandstiftung; Donnerstag gegen Menges,
„ Joh. Heß statt, in der Redakteur Vetters⸗Gießen über f Wahren und falschen Patriotismus“ sprechen wird. Die
Parteifreunde aus den Ortschaften der Umgebung wollen für recht zahlreichen Besuch sorgen.
Aus dem Nreise Wetzlar.
*Kreisblattliches. Vor einiger Zeit druckte der„Wetzlarer Anzeiger ein Stück von einem Artikel unseres Genossen Kampfmeyer über die Versicherungs⸗ gesetze ab unter der Ueberschrift„Ein Zeugnis für unsere Arbeiterversicherungsgesetze“. In diesem Artikel, der nach dem Anzeiger„neulich“ in den„Sozialistischen Monats⸗ heften“ erschienen sein soll, wird die Wirkung der Versiche⸗ rungsgesetze geschildert und— um es kurz zusammenzufassen — erklärt, daß die Arbeiterversicherungsgesetze die Arbeiter⸗ schaft körperlich und geistig gehoben und ihr eine tat⸗ sächliche wirtschaftliche Besserstellung von anderthalb Milltarden Mark gebracht habe. Und dazu sagt nun das Kreisblatt:
„So urteilt ein Sozialdemokrat, wenn er der Wahr⸗ heit die Ehre gibt! Die andern Führer der Genossen, insbesondere die Hetzblätter à la„Mitteldeutsche“ usw. setzen sich über diese offenkundigen Tatsachen hinweg, weil sonst ihre ganzen, zur Aufwlegelung des Volkes bestimmten Lehren von der Ausbeutung der Arbeiter durch die Unternehmer und der wachsenden Verelendung der Massen zusammenbrechen würden.“
Daß uns der„Wetzl. Anzeiger“ ein„Hetzblatt“ nennt, kränkt uns weiter nicht. Wer für die Armen und Unterdrückten eintritt, Mißstände bloslegt, Unrecht bekämpft, den Perrücken, Philistern, Heuchlern die Wahr⸗ heit sagt, kann sicher sein, daß er von diesen Hetzer, Aufwiegler und ähnliches geschimpft wird. So ging's schon vor 2000 Jahren dem Nazarener Christus, der bekanntlich deswegen sogar ans Kreuz geschlagen wurde. Tausenden nach ihm gings ähnlich. Trotzdem wollen wir viel lieber Hetzer genannt werden, der die Menschen zum Kampfe gegen Ausbeutung und Unterdrückung und für Recht, Freiheit und Menschenwürde aneifert, als ein Reptil sein, das vor den Machthabern im Staube kriecht, die Armen und Schwachen aber mit seinem Geifer überschüttet. Lakai⸗ oder Bütteldienste zu verrichten, ist eben nicht jedermanns Sache; Leute von Charakter eignen sich dazu nicht. Wir sprechen aus, was nach unserer Ueberzeugung wahr und richtig ist und fragen nicht danach, ob ein„hohes Tier“ daran Anstoß nimmt, oder sich darüber freut. Wir können auch unserer Ueberzeugung Ausdruck geben; ein Kreis⸗ blatt darf nur bringen, was man„oben“ gern sieht und wenn sein Redakteur hundertmal weiß, daß es un⸗ wahr und unrichtig ist. Dafür hat ja vor nicht langer Zeit ein Kreisblatt⸗Redakteur einen drastischen Beleg aus seiner eigenen Erfahrung in ber Frkftr. Kl, Presse ver⸗ öffentlicht. Also: Ein Kreisblatt hat keine eigene Meinung!
Wie steht's nun mit dem Kampfmeyer'schen Artikel 2 Zunächst sel bemerkt, daß das, was der„Anz.“ davon brachte, aus der Reichsverbands⸗Korrespondenz oder irgend einem Ober⸗Reptll abgedruckt ist, wie fast alles, was er bringt. Nur Kriegervereinssestreden sind„Original“. Der Artikel erschien ader nicht„neulich“, sondern im September des Jahres 19021 Er umfaßt über acht Seiten in den„Sozlalistischen Monatsheften“; was der„Anz.“ abdruckte, ist etwa der zwölfte Teil des Artikels. Daß aus wenigen, aus dem Zusammenhang herausgerissenen Sätzen nicht ersichtlich sein kann, was der ganze Artikel sagen und beweisen will, ist ohne Weiteres klar. Davon abgesehen, gestehen wir gerne zu, daß wir verschledene, vom„Anz.“ wiedergegebene Sätze keineswegs unterschreiben. Ka mpffmeyer sagt selbst in einer Zuschrift an uns:„Der Artikel kenn⸗ zeichnet die Arbeiterversicherung als ein Klasseninstitut, das auf einen von einem Hungergurt umschlossenen proletarischen Magen zugeschnitten ist.“
Wir haben niemals die Arbeiter⸗Versicherung weg⸗ werfend behandelt, wollen vielmehr deren Ausbau. Bestreiten müssen wir aber, was die Gegner vi l⸗ fach behaupten, daß die Arbelterschaft damit von allen Uebeln erlöst sei. Tatsache ist: daß es ohne die Sozialdemokratie keine Arbeiterversicherung gäbe; daß das Unternehmertum in seiner Mehrheit dagegen ist; daß die Lasten am letzten Ende von der Arbelterschaft aufgebracht werden.
* Die Stöckerei auf Agitation. In der letzten Zeit bearbeiten die Stöckerleute den Wetzlarer Wahlkreis mit besonderem Eifer. Ste wollen den Kreis bei der nächsten Wahl unbedingt erobern. Zu diesem Zwecke haben sie einen Kuhhandel mit den Antisemiten abgeschlossen, die demgemäß auf eine eigene Kandidatur verzichten. Selbstverständlich rechnet die Stöckerel mit der Unterstützung der Zentrumspartei, die mlt ihren 6000 Stimmen das den christlichen Bergleuten als Sekretär aufgepfropfte Gärtner⸗Fränzchen in den Reichs⸗ tag schicken soll. Soweit stimmt ja auch die Rechnung — falls nicht die Wählerschaft einen dicken Strich durchmacht. Und daß letzteres geschieht, ist eher als
Gastwirt
das Gegenteil wahrscheinlich. Wenigstens wird kein verständiger Mensch, am allerwenigsten ein Arbeiter, für
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