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N. 9.

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Witteldeutsche Sonnags⸗Zeitung.

Soi 3.

ekelhafter Weise lobhudelten. Ganze Setten sind

angefüllt mit dem ödesten Klatsch, die Kleidung der Fürstlichkeiten wird fast bis aufs Hemd ge⸗ schildert; alles aufgezählt, was gegessen, getrunken, geredet wurde. Wenn dem Publikum derartiges geboten werden darf, so beweist das, welche Hirnverkleisterung die Klatschpresse bei ihm her⸗ vorgebracht hat. Wundern muß man sich auch, wie der Berliner Oberbürgermeister Kirschner, der sichfreistunig nennt, 0 im Staube kriegen kann, wie er in der Ansprache an die Braut etan hat.Allergnädigst hochgnädigst, hatten die Gnade gehts da in einem fort!

Die Gleichheit vor dem Gesetz.

Vom Landgericht Oldenburg war am 7. Juni v. J. der Gastwirt Böschen wegen Duldung von Glücksspielen zu einer Geld⸗ strafe von 10 Mark verurteilt worden. Er hatte es geduldet, daß verschtedene Gäste bei ihm pokerten. In der stillen Hoffnung, daß die vom Oldenburger Gericht s. Zt. über das Pokern ausgesprochene Ansicht beim Reichs⸗ gericht Schule machte, hatte er Revision ein⸗ gelegt. In der Verhandlung vor dem Reichs⸗ 1 beantragte jedoch der Reichsanwalt die erwerfung der Reviston und fügte mit Beto⸗ nung hinzu: Wenn das Landgericht Oldenburg feststellt, daß das Pokern ein Glücksspiel ist, so ist dies ohne Rechtsirrtum geschehen. Das Reichsgericht erkannte auf Verwerfung der Reviston. Als Herr Ruhstrat gepokert hatte, erklärte das Oldenburger Gericht belanntlich, Pokern sei kein Glücksspiel! Wann! hat das Gericht nun einenNechtsirrtum begangen: im Falle Ruhstrat oder im Falle Böschen? Jedenfalls sollte sich Herr Böschen seine 10 Mark Geldstrafe nebst allen Kosten von seinem Justizminister Ruhstrat erstatten lassen; denn allein auf dessen juristische Autorität hin hat er doch gesündigt!

Unschuldige Opfer der Nilitärjustiz

scheinen die am 19. Dezember in Koblenz vom Oberkriegsgericht verurteilten Musketiere Sturm und Nettersheim zu sein. Diese wurden damals, wie auch in unserem Blatte berichtet wurde, ersterer zu 6Jahren Zucht⸗ haus, letzterer zu 6 Jahren Gefängnis ver⸗ urteilt und zwar wegen milttärischen Aufruhrs. Die ihnen zur Last gelegten Tat sollen ste während des Manövers im Dorfe Ellern auf dem Hunsrück begangen haben. Beide Verurteilte haben Reviston gegen das Urteil eingelegt. Nun brachte die Hunsrücker Zeitung die sensationelle Meldung, ein junger Mann aus Ellern habe nachträglich ausgesagt, er selbst habe den Steinkrug durch das Fenster des Wirtshauses in Ellern geworfen, in dem die betreffenden Unteroffiziere beim Bier saßen. Infolge widersprechender Aeußerungen der Zeugen haben die Verteidiger noch weitere Er⸗ hebungen angestellt. Ein Hüttenarbeiter wurde festgenommen, der mit anderen jungen Leuten zu ungunsten der Angeklagten ausgesagt hat. Es scheint also, daß die Sache noch nicht ab⸗ geschlossen ist. Die Angeklagten beteuern fort- gesetzt thre Unschuld, sie befinden sich seit dem 16. Septbr. v. J. in Haft. Im Herbst sollten sie entlassen werden. Auffallend ist noch, daß die beiden Muskettere trotz der schwerwiegenden Anschuldigungen das ganze Kalsermanöver mit⸗ gemacht haben.

Wahlreform in Oesterreich.

Im österreichischen Reichsrate begründete der Ministerpräsident Gautsch seinen Wahr⸗ gesetzentwurf, der auf dem Grundsatz des all gemeinen Wahlrechts bastert. DieAlldeutschen und andere Reaktionäre lärmten, der Minister erklärte jedoch, daß das Mintsterium mit der Wahlreform stehe und falle. Unser Genosse Adler sagte in einer großen Versammlung: Wir sind jetzt Regierungspartei,weil wir eine Regierung stützen, die zum erstenmal in Oesterreich den Voͤlkern ihr Recht verschaffen will. Solange die Regterung dieser Aufgabe dient, kann sie auf uns rechnen!

Kleine politische Nachrichten.

Sozialdemokratische Wahlerfolge, Bei der Stadtverordnetenwahl in Kassel, die am Freitatß

stattfand, erhielten unsere Kandidaten rund 1700 Stim⸗ men gegen 900 bei der letzten Wahl. Die Zunahme ist also eine ganz bedeutende. Sechs Mandate waren zu erneuern, wovon zwei unsern Genossen zuflelen. Unsere Partei hatte natürlich alle bürgerlichenRich⸗ tungen gegen sich.

Ahlwardt taucht wieder auf und will eine neue politische Partel gründen, mit der Losung: Gegen Juden und Jesulten! Heil, Heil!

Nevolution in Rußland.

Henkerarbeit in den Ostseepro⸗ vinzen. In einem Privatbriefe, der unserm Leipziger Parteiblatte zur Verfügung gestellt wurde, heißt es: Es ist fast unmöglich geworden, in den Ostseeprovinzen zu leben. Täglich hört man weiter nichts, wie Nachrichten über Hin⸗ richtungen und abermals Hinrichtungen. Nach⸗ dem alle fortschrittlicheren lettischen Zeitungen sistiert worden sind, ist es unmöglich geworden, irgendwelche Meldungen über die himmel⸗ schreienden Schandtaten, welche die baltischen Barone an der lettischen Landbevölkerung verüben, an das Licht zu bringen. Jetzt genügt es ihnen schon nicht mehr, daß sie, unter dem Schutze von Kosaken und Dragonern, ihren Blutdurst durch Menschen⸗ jagden und Massenmorde stillen können. Dieser Sport scheint ihnen zu alltäglich geworden zu sein, da er bereits auch in anderen Gebieten des Zarenreiches allgemeinen Anklang und Nachahmung gefunden hat. Der Katzdangensche Baron ließ in seiner Gemeinde allein 9 Personen erschießen und viele ins Gefängnis werfen. Der Bauer Jubert ist nach dem Gouvernement Wologda verbannt, wo der Aermste nichts zu tun, aber auch nichts zu beißen hat. Dann haben es uusere Barone bereits soweit gebracht, daß sie sogar den Versuch machen, Menschen als Pferde zu benutzen. Ein Augenzeuge erzählt es mir, daß auf dem Gute Saleene (lettisch) im Grobinschen Kreise, ein Baron mit einem Viergespann angefahren kam, wel hes aus zwei Pferden und zwei Menschen die letzteren an der Spitze vorgespannt bestand. Als man die Pferde ausspannte, um sie im Stalle zu füttern, tat man mit den beiden unglücklichen Menschen das gleiche; auch fie wurden ausgespannt und zusammen mit den Pferden in den Stall geführt, um dort ge⸗ füttert zu werden. Doch genug davon, ich fürchte, es vergeht mir der Verstand..

1400 Norde haben die Zarenhenker seit dem 7. Januar verübt, wie der Londoner Times aus Petersburg berichtet wurde. Die Zahl der politischen Verhaftungen in St. Peters⸗ burg belief sich auf 1716. In 17 Städten wurden provisorische Gefängnisse eröffnet. 78 Zeitungen wurden unterdrückt, 58 Redakteure verhaftet. In War sch au fällte das Kriegs⸗ gericht zahlreiche Todesurteile, die schleu⸗ nigst vollstreckt wurden.

N 5

Das Ende des Arbeiters oder: Lohn für treue Dlenste.

Es war jetzt ungefähr ein Jahr her, daß er sich die langwierige Kraikheit zugezogen. Beim Leeren der Aschebehälter hatte er sich heiß ge⸗ schwitzt und sich, als er darauf den Hof kehrte, schwer erkältet. Monatelang lag er zu Hause, die Glieder steif, daß er ste fast nicht rühren konnte und sie ihn schmerzten. Als er dann Bäder nehmen mußte, war er ins Spital ge⸗ kommen. Hier wurde er im Verlauf eines Jahres soweit hergestellt, daß er wieder daran denken konnte, zu arbeiten, zu verdienen. Er war ja nicht mehr der Alte, die Füße wollten nicht mehr so recht ihren Dienst tun, aber es gibt ja genug Arbeit, bet der man wenig zu Kone braucht. Er hatte ja noch zwei rüstige

rme und eine große Sehnsucht danach, wieder zu arbeiten, zu verdienen.

An einem Morgen machte er sich auf und meldete sich bei seiner Firma mit der Bitte, ihn zu einer leichten Beschäftigung wieder einzustellen, etwa zum Zeichnen der Felle oder sonst einer Arbeit, bei der man die Füße schonen kann. Die Herren wiesen ihn ab. Da er selbst

ung eingeschüchtert wurde und anfing, trüb⸗ unig zu werden, machte seine Frau wiederholt den Versuch, bei den Buüroherren der Fabrik vorstellig zu werden ohne Erfolg. Er machte noch einmal einen Bittgang, wenn auch dieser fehlschlug, dann dann wußte er nicht, was er noch auf der Welt suchen solle. 54 Jahre war er alt geworden, über ein Vier teljahr⸗ hundert hatte er bei der von der Firma Heyl übernommenen Firma Schlosser gedient. In diesem Betrieb, wo tausende Unterkunft finden, wird es, so hoffte er, wohl auch noch einen Platz geben, für einen in der Arbeit für ste er⸗ grauten Familienvater. Es sind ja zur Ver⸗ richtung leichter Arbeiten genug junge unver⸗ hetratete Arbeiter da, die mit Leichtigkeit irgendwo anders Arbeit finden. Wenn ihm die Firma nicht Arbeit gibt, der er sein Leben lang gedient, wer wird ihn noch nehmen, ihn, den Halbin⸗ validen, der bald ins Greisenalter tritt. Die frühere Arbeitsstätte ist ihm zur Heimat ge⸗ worden, da ist er mit allem vertraut, da sind seine Arbeitskameraden; nun soll er mit seinen gebrochenen Kräften noch in die Fremde gehen Der letzte Versuch endete mit einer Vernichtung seiner letzten Hoffnung. Man bedeutete ihm daß er eine jährliche Invalidenrentevon etwas über 200 Mk. erlangen könne, billigte ihm einen wöchentlichen Zuschuß von 3 Mk. und riet ihm im übrigen, sich an die Armenber⸗ waltung zu wenden. Also soweit war es ge⸗ kommen; er sollte nicht mehr sein Brot selbst verdienen können, mit 54 Jahren auf Almosen angewiesen sein! Und wie mit diesem Bettel eine Frau, eine 84 Jahre alte Mutter, eine Pflegetochter und sich erhalten können? Das ging nicht mehr in seinen Kopf. Als seine Frau am Dienstag abend vom Waschen nach Hause kam, hing ertotan der Türklinke. Es fand sich ein Geistlicher, Dekan Bennemann, der ihm ein christliches Begräbnis nicht versagte. In der Heylschen Fabrik sammeln die Ar⸗ beiter für die Witwe des allseits beliebten Arbeitskollegen, dessen Leben so tragisch endete.

Diese Schilderung brachte dieWormser Volksztg. im Anschluß an eine Notiz des Polizeiberichts vom 14. Februar, in welcher mitgeteilt war, daß der Arbeiter, von dem die Rede ist, in seiner Wohnung erhängt vorgefunden wurde. Hehl gilt aber als großer Wohltäter.

Non Nah und Lern. Hessisches.

Das Amtsblätterunwesen kam kürzlich im Finanzausschusse der Zweiten Kammer wieder zur Erörterung. Lebhaft wurde über die unqualifizierbaren Angriffe geklagt, welche von Kreisamtsblättern gegen einzelne Abgeordnete wegen ihrer zustimmenden Stellung zur Regierungs⸗Gemeindesteuervorlage während der letzten Wahlagitation beliebt wurden. Es sei unerhört, wie bei dieser Gelegenheit auch die Regierung durch ihre eigenen Amtsblätter hingestellt worden set. Dem müsse ein Ende gemacht werden durch Beseitigung des dermaligen Systems der Amtsblätter. Die Regierung er⸗ klärte, sie set der Sache näher getreten, doch habe sich gezeigt, daß die erforderlichen Kosten recht bedenklich seien. Demgegenüber wurde von unserem Genossen Ulrich erklärt, daß er bereit sei, ohne einen Pfennig von der Regierung zu verlangen, den Druck und die Herausgabe der für jeden Kreis erforderlichen Amtsblätter zu besorgen und noch soviel dabei zu verdienen, daß er sich verpflichte, der Staatskasse noch 5, ja 10 Prozent vom Reingewinn abzugeben. Andere Mitglieder des Ausschusses gaben ähn⸗ liche Erklärungen ab. Trotz alledem blieb der Regierungsverkreter bei seiner früheren Haltung, worauf der Ausschuß die Verhandlungen ab⸗ brach und vom Herrn Staatsminister selbst nähere Auskunft wünschte. Durch das uner⸗ wartete Ableben des Staats ministers konnte diese Auskunft nicht gegeben werden. Dadurch blieb die Frage in der Schwebe. Der Ausschuß ist aber entschieden der Ansicht, daß der der⸗ malige Zustand nicht fortbestehen dürfe und fordert dringend eine baldige Regelung der mißlichen Angelegenheit.