Ausgabe 
4.2.1906
 
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f Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeuung.

Nr. 5.

Von Nah und Fern.

Die Orduungsblatt⸗Redaktion im Belagerungszustand.

Die Redaktion derPost, des Berliner Scharfmacherorgans, war am Demonstrations⸗ Sonntag(21. Januar) im Verteidigungs⸗Zu⸗ stand gesetzt. Uuser Zentralorgan teilt darüber folgende lustige Einzelheiten mit: Das Haus war verbarrikadiert und bewacht von einer Schutztruppe von 9 Mann, bewaffnet mit einem Karabiner und acht Revolvern. Der Ober⸗ faktor der Druckerei leitete, unterstützt von einem Obermaschinenmeister dasGanze, dieMann⸗ schaft bestand aus einem Oberstereotypeur, drei Hülfsstereotypeuren und vier Expedittonsange⸗ stellten. Die Schriftsetzer hatten ihre Einreihung in die Schutztruppe dankend abgelehnt. Der Kommandierende hat sich schon einige Tage vor dem 21. im Schießen geübt und die Tagesparole am 21. lautete:Wer sich in feindseliger Ab⸗ sicht unserem Tor nähert, wird über den Haufen geschossen. Da sich aber niemand in feind⸗ seliger Absicht nähern wollte, wußten sich die Lands knechte nach guter alter Art die Zeit mit Trunk und Spiel vertreiben. Der Chefredakteur hatte der Vorsicht besseren Teil erwählt und war am Sonnabend auf Reisen gegangen, un⸗ bekannt wohin. Am Montag schrieb er dann seiuen bekannten Artikel von demhohen Amt und der äußersten Entschlossenheit der Ord⸗ nungsmänner im Kampf gegen den Umsturz.

Eln verbrecherischer Landrichter.

In Beuthen(Ober ⸗Schlesien) wurde vorige Woche ein Strafprozeß gegen den Land⸗ gerichtsrat Alfred Blumenberg durchgeführt, der ein trübes Bild gab von den sittlichen und moralischen Zuständen, die sich vielfach in besseren Kreisen vorfinden. Blumenberg war des Amtsverbrechens in fünf Fällen, des Be⸗ truges und der Unterschlagung in einund⸗ zwanzig Fällen, sowie des öfteren Arrestbruchs angeklagt. Aus der Verhandlung war zu ent⸗ nehmen, daß der Angeklagte in leichtsinnigster Weise lebte. Die Frauen spielten eine große Rolle in dem Leben des Landgerichtsrats. So stiegen seine Schulden auf 80000 Mk. Wenn Schulden fällig wurden, suchte Bl. Verlängerung der Zahlungstermine zu erzielen, gab neue Wechsel auf höhere Summen und machte den Frauen seinerGeschäftsfreunde, berüchtigten Wucherern, kostbare Geschenke. Im März 1905 brach das Schwindelgebäude zusammen und es wurde gegen den Gesetzwächter die Untersuchung eingeleitet, bei der sich herausstellte, daß Bl. um sich noch über Wasser zu halten, zu den verwerflichsten, mit schwerer Zuchthausstrafe bedrohten Mitteln gegriffen hatte. Dieser Herr spielte auch in Strafprozessen gegen Partei⸗ genossen als Beisitzer eine Rolle, obwohl ganz Beuthen wußte, wie es mit ihm stand. Um so auffälliger erschien es, daß dieser Mann un⸗ angefochten viele Jahre lang in dem angesehenen und verantwortungsvollen Amte eines Richters verbleiben konnte.

Die Vernehmung des Angeklagten entrollte ein Bild des raffintertesten Schwindels. Der Mann, der selbst täglich zu Gericht sitzen und schwere Strafen über die armen Sünder, die sich gegen das heilige Eigentum vergangen hatten, auszusprechen hatte, griff zu den betrügerischsten Mautpulattonen. und Silbersachen, Juwelen, Kunstgegenstände auf Kredit und verpfändete dann diese Sachen nach kurzer Zeit wieder, ohne einen Pfenuig davon abzuzahlen. Durch solche Betrügereien kam eine alte, schwer kranke Frau um ihre ganzen Ersparnisse im Betrage von 600 Mk. Außerdem gebrauchte der Ehrenmann sein richterliches Amt dazu, den Prozeßparteien gegen Entgelt seine Hilfe angedeihen zu lassen. Das stnd Vergehen, die das Strafgesetzbuch mit Zuchthausstrafe bis zu fünf Jahren bedroht. Der Staatsanwalt beantragte gegen Blumen⸗ berg vier Jahre Zuchthaus. Das am Montag gefällte Urteil lautete auf fünf Jahre Gefängnis und ebensoviel Ehrverlust.

Er kaufte kostbare Gold⸗ weniger vom Geiste unserer Zeit abhängig.

Oenjamin Franklin. Zur Erinnerung an die 200. Wiederkehr seines Geburts⸗ tages, 17. Januar 1706. 3 Von Dr. R. Strecker. (Schluß.)

Die Hauptaufgaben seines Lebens aber traten an Franklin heran, als die nordamerikanischen Staaten sich gegen die Tyrannei des Mutter landes, insbesondere gegen die Georgs III. von Eugland erhoben. Längst hatte Franklin dies Ereignis vorausgesehen und zum Teil sogar vorbereitet. So hatte er z. B. in Philadelphia gegen den Widerstand der Quäker(eine religiöse Sekte, welche dort vorherrschte und das Kriegs⸗ handwerk als eine Sünde betrachtete) die Landes⸗ verteidigung organistert, Befestigungen und eine Miliz geschaffen. Wie dann in dem großen Unabhängigkeitskampfe Washington die kriege⸗ rischen Operationen leitete, so Franklin die poli⸗ tischen. Es war von ausschlagebender Be⸗ deutung, daß er vor allem Frankreich, wohin er persönlich reiste, zur Unterstützung Amerkkas gewann, denn erst die Truppen und das Geld der Franzosen ermöglichten die Abwehr der Engländer. Bei der Begründung der neuen amerikanischen Macht, die sich nun alsVer⸗ einigte Staater selbständig hinstellte, war auch Franklins Geist in erster Linie mit⸗ beteiligt. Manche der hier verwirklichten Grund⸗ sätze trugen daun ihrerseits, viel zur Förderung der französischen Revolution bei, und so stellt der in Paris weilende Franklin gewisser⸗ maßen die Vermittlung zwischen den beiden großen Volksbewegungen westlich und östsich des Atlantischen Ozeans dar. Kein Wunder daher, daß er trotz all seiner Bedeutung auch seine strengen Verurteiler fand, während ihn die für den Freiheitsgedanken empfängliche Mensch⸗ heit mit dem Verse feierte:Er entriß dem Himmel den Blitz, dem Tyrannen sein Szepter.

Kurz und treffend ist in diesen Worten seine gemeinnützige, wissenschaftliche und poli⸗ tische Bedeutung gekennzeichnet. Nicht lange, nachdem die Verfassung der Vereinigten Staaten begründet war, ist Franklin am 17. April 1790 gestorben, bis zuletzt im Sinne edelster Mensch⸗ lichkeit wirkend, und daher mit Recht von Herder als Hauptvertreter des Humanitäts⸗

ideals gefeiert. So wirkte er noch in den letzten

Juhren in zwei Gesellschaften, in der einen für die Erleichterung des Elends in den Gefäug⸗ nissen, in der andern für die Aufhebung der Sklaverei. Nicht nur das eigne Volk fühlte den unersetzlichen Verlust, selbst in Frankreich wurde eine dreitägige Nationaltrauer ihm zu Ehren beschlossen. Der sittlich religiöse Grund, aus dem seine Größe sich entwickelte, war der desDeismus, das ist eine in seinem Jahr⸗ hundert weitverbreitete liberale Weltanschauung, die frei von aller dogmatischen Rechthaberei das Wesen der Religion nur darin er⸗ kannte, den Mitmenschen Gutes zu erweisen.) Das sind Franklins eigne Worte, das ist der Geist, der uns aus jedem Blatt seiner Selbstbiographie entgegeaweht. Mag er deshalb auch in manchen Zügen(3. B. in seiner völltgen Gleichsetzung von Tugend und äußerem Glück, die in unserer Welt der Trauer⸗ spiele doch leider gar oft nicht stimmt), die Schranken verraten, die diesem ganzen Zeitalter anhaften, so wird das seinem Charakterbilde in der Gesamtwirkung wenig Abbruch tun. Denn als Menschen sind wir ja alle mehr oder

Und bei Frank in trägt seine Bescheidenheit und sein liebenswürdiger Humor noch besonders viel dazu bei, seine kleinen Schwächen erträglich zu machen. Man lese nur die Grabschrift, die er sich noch selbst verfaßte:Der Leib Ben⸗ jamin Franklins, eines Druckers, liegt hier als Speise für die Würmer, wie der Einband eines alten Buches, woraus der Inhalt gerissen, Auf⸗ schrift und Vergoldung abgegriffen. Aber das Werk wird nicht verloren gehen; denn es wird

) Als preußischer Volksschullehrer in unseremfort⸗ geschrittenen Jahrhundert hätte Franklin mit solchen Anschauungen wohl keine glänzende Karriere gemacht. Man sieht daraus, wieviel höhere Anforderungen heut⸗ zutage an den Menschen gestellt werden! D. R.

Liesbeth dazwischen.

(wie er glaubte) wieder erscheinen, in einer neuen zierlicheren Auflage, durchgesehen und verbessert vom Verfasser. Rh. M. V.

2 5 Es geht ein Laut Es geht ein Caut durch alle Weltgeschichte In Pausen von Geschlechtern zu Geschlecht, Und ruft der Menschheit Dränger zu Gerichte, Verkündet das vergess'ne Menschenrect.

Ein Rufen ist's von Armen, Unterdrückten,

Aus Nacht, aus Fesseln, Geisteszwang und Not, Ein Mahnen an die Reichen und Beglückten, Ein Drängen nach Erkenntnis und nach Brot.

Der Knecht, der es vernommen, denkt an's Sterben, Und fühlt die Seele heldenhaft empört, Kein Swingherr, der sein Mahnen ohn' Entfärben Selbst in dem Schutze seiner Schergen hört.

A. Meißne.

Gesellenfahrten.

Eine Weih nachtsgeschichte von Philipp Scheidemanu 6 Nachdr. verb.

(Fortsetzung.)

Zu dem Konzert am Montag Abend kam die schwarze Hexe nicht. Sie kam nicht, trotz⸗ dem sie mein Freund Gustav durch die Sieb⸗ zehnjährige unseres nächsten Nachbars aus⸗ drücklich hatte einladen lassen. Und wie raffi⸗ niert hatte Gustav einladen lassen. Ein junger sehr netter Herr sei anwesend, den Fräulein von einer sehr lustigen Begegnung her kenne. Der betreffende Herr brenne darauf, das Fräu⸗ lein wiederzusehen. Und dann hatte er noch der Zwischenträgerin versichert, was ich Gottlieb Schulze! für ein liebenswürdiger Mensch sei usw.

Neugierig hatte das lleine blonde Fräulein noch einmal bei uns in das Fenster gelugt, um zu sehen, ob ich, der schlanke Gottlieb, wirk⸗ lich ein so netter Mensch sei. Und sie muß zu⸗ frieden gewesen sein. Spornstreichs war sie hiuweg geeilt, der um ein Jahr älteren Freun⸗ din die Einladung zu überbringen.

Ste traf Liesbeth, deren Mutter schon längst tot war, mit ihrem Vater zu Hause.

Du Liesbeth, ich soll dich einladen zum Konzert für heute Abend.

Einladen? Wer läßt mich einladen?

Gustav Bersky. f

Waaas? Wie kommt Gustav dazu, mich einzuladen?

Ja, weißt Du, er lädt Dich gewissermaßen nur im Namen eines anderen ein.

Eines andern? Was soll das bedeuten? Wer ist der andere?

Ja, das soll ich nicht sagen; Du sollst überrascht werden. Es handelt sich um einen Herr, dem Du schon begegnet sein sollst und zwar unter ganz absonderlichen Umständen.

Nun merkte der Alte, Liesbeths Vater, der in seiner Poltzeierunisorm an einem Tisch saß und schrieb, auch auf:

Was ist das für eine merkwürdi ke Ein⸗ ladung?

O, Herr Dierksen, es handelt sich wirklich um einen sehr netten Herrn, ich habe ihn ge⸗ sehen, versicherte jetzt das kleine Bodenfräu⸗ lein.Es handelt sich um einen Freund Berskys und Gustav kennen Sie doch. 5

Ach was, ich will wissen, wer meine Tochter zum Konzert einlädt. Also wie heißt der nette junge Mann?

Gottlieb Schulze.

Wa wa was? Wie wie wie heißt der Kerl? Gottlieb Schulze? Bei Jung⸗ müller? fuhr der Putz auf.

Ja, ganz Recht.

Aber den kenne ich doch gar nicht, warf