Ausgabe 
4.2.1906
 
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Ne. 5.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 7.

O, es handen sich wirklich um einenlehr netten jungen Mann, erklärte jetzt der Alte und setzte die ganz offizielle Polizeimiene auf. Du wirst den netten, anständigen jungen Mann allerdings schwerlich kennen; aber ich kenne ihn denjungen netten Mann. Ich habe ihn diese Nacht zwischen ein und zwei Uhr auf dem Steindamm kennen gelernt, dennetten jungen Mann. So ein frecher Kerl! Wie kann sich der unterstehen! Es ist selbstverständlich, daß Du nicht zu dem Konzert gehst! Dem werde ich die Meinung sagen, sobald ich ihm begegne, demuetten jungen Maun!

Schulze nahm einen großen Schluck, ich füllte von neuem die Gläser, dann erzählte Gottlieb weiter:

Wir spazierten im Konzertgarten umher und schauten uns die Augen nach der schwarzen Hexe aus. Sie war nirgends zu entdecken. Da klopfte ein Polzeimensch, der mir merkwürdig bekuͤnnt vortam, meinem Freund Gustav auf die Schulter und sagte:

Meine Tochter verbittet sich die Einladungen

von gewissennetten dasnetten betonte er in ganz auffälliger Weise von gewissen netten jungen Herren.

Damit verschwand der grimmige Schnauz⸗ bart. Gustav war baff.

Was will denn der Putz? fragte ich.

Was der will, das war doch Liesbeths Vater!

Bist Du verrückt? Das war?

Das war Liesbeths Vater.

Ach du lieber Gott, das ist ne feine Kiste. Dieser Putz har mich ja diese Nacht arretieren wollen

Arretieren? Warum?

Nun erzählte ich Gustav den Zusammenhang, so weit ich ihn selber noch kannte. Er schüttelte sich vor Lachen.

Das vergißt Dir der Alte nie, das ist ein Ordnungsphilister, wie er im Buche steht. Aber bei seiner Tochter schadet Dir das nichts, die macht selbst tolle Streiche, wo und wann sich Gelegenheit bietet.

(Fortsetzung folgt.)

Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.

12)(Fortsetzung.)

Das Gesprsäch wendete sich hierauf auf die Verdienste Malvinens und Frau Taubermann versicherte mit einem Kusse, daß sie ihr herzlich dankbar für alles sei. Die Schriftproben der Kinder wurden darauf nebst den anderen Hand⸗ arbeiten und der Bibel mit goldenen Schlössern, das Geschenk des Vaters, auf den Tisch gelegt, um den Besuchern, die man erwartete, gezeigt zu werden. Es fanden sich denn auch mehrere Tanten und Basen ein, von denen die eine es auffallend fand, daß die Gouvernante kein Ge⸗ scheuk gemacht habe, während es eine andere ganz richtig erachtete, wenn eine Gouvernante nichts ab. Eine alte Tante frug, ob der Mörser an einen anderen Ort gebracht sei, da man das Geräusch desselben deutlicher als sonst höre, und ein entfernter Vetter befand es be⸗ dauerlich, daß die Familie Taubermann noch immer in diesen engen Räumlichkeiten wohnen bleibe.

Gegen Abend, als die Besuche vorüber waren, wurde unter Malvinens Angabe der Tisch so zurecht gemacht, daß er ein gemütliches und doch festliches Ansehn hatte. a

Kommen Sie, Malvine! nun müssen wir einmal ein Glas auf Ihre Gesundheit trinken, sagte Tauberman beim Dessert, nachdem er seiner gastronomischen Neigung nach Herzenslust gefröhnt hatte,aber dazu muß eine bessere Flasche herbei. Ich werde einmal darnach

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Malvine rief ihm noch nach, daß er dies ihretwegen nicht tun solle, da sie doch nichts mehr trinken würde, aber er war schon in seinen Keller geeilt und kam nun mit einer Flasche Champagner zurück. Unglücklicherweise mußte er dabei durch den Laden und gerade in diesem Augenblicke wurde die Türe geöffnet und Herr

Morsen trat herein, der nun nicht einmal zu fragen brauchte, ob Taubermann zu Hause sei.

Aber ich komme Ihnen vielleicht ungelegen, sagte der Beamte mit einem vielbedeutenden Blick auf die Flasche.

Keineswegs, gewiß nicht! Ein guter Freund kommt niemals ungelegen, entgegnete Tauber⸗ mann mit patriarchalischer Herzlichkeit;meine Frau feiert ihren Geburtstag, müssen Sie wissen, und aber kommen Ste nur herauf.

Nein, gewiß nicht, Sie haben Gesellschaft.

Kein Mensch, außer meiner Frau, meinen Kindern und der Gouvernante.

Dies letztere war für Morsen zu verfüh rerisch.

Nun dann will ich rasch meine Gratulation

abstatten, entgegnete er, indem er mit hinauf⸗

ging.Ich fürchte wirklich, daß ich Ihnen lästig falle, wendete sich im Zimmer sofort an Frau Taubermann,aber da ich höre, daß Ihr Geburtstag ist, kann ich mir es nicht versagen, Ihnen Glück zu wünschen.

Frau Taubermann und die Kinder und Mal⸗ vine hätten gewünscht, daß er es sich versagt hätte, aber er war nun einmal da und an ihrem Ge⸗ burtstage wollte die Hausfrau ihrem Mann keinen unfreundlichen Blick zuwerfen, der ihm sonst gewiß zu Teil geworden wäre. Es wurde ein Glas geholt; Morsen setzte sich, mußte noch ein Stückchen Torte essen und etwas Früchte und endlich saß er in dem Kreise, als gehöre er vollständig dazu.

Der Tisch würde abgeraumt und es war

bereits ziemlich spät, ohne daß Morsen an den Abschied dachte. Und doch hatte die Hausfrau keine rechte Lust, ihn zu fragen, ob er nicht den

Abend bei ihnen zubringen wolle und der Herr

des Hauses wagte es nicht und Malvine war es ganz gleichgiltig.

Mama, bl ibt Herr Morsen heut Abend bei uns? rief plötzlich das jüngste Töchterchen, dessen Fertigkeit in solchen Ungeschicklichkeiten selbst die beste Gouvernante nicht ausrotten konnte.

Sie müssen bleiben, rief die darauf fol⸗ gende, und Malvine begann zu lachen, indem sie sagte:Man könne wohl sehen, daß die beiden jüngsten Prinzeßchen schläfrig würden, aber es blieb Frau Taubermann nichts anderes übrig, als den ungebetenen Gast zu einem ge⸗ betenen zu machen.

Sind Sie böse darüber, Fräulein? frug nun das jüngste Mädchen wieder und Malvine sagte, daß sie am Geburtstag der Mutter nicht höse sein könne, worauf Morsen frug, ob ste sonst zuweilen böse sei. Und darauf folgte ein Lobspruch Taubermanns, worüber Malvine in ein herzliches Lacheu ausbrach, aus welchem Morsen entnahm, daß Jemand, der so lachen könne, in: Grund der Seele sehr liebenswürdig sein müsse. Und darauf schwieg er und alle schwiegen und man hörte nur das Stampfen des Mörsers weil Herzen niemals so laut klopfen, daß man sie hören kann; aber es war eins darunter, das wahrlich stark genug klopfte.

Das Licht kam und das Lottospiel wurde herbeigebracht, woran alle Teil nahmen; eine Whistpartie sollte dann später folgen. Die Prinzeßchen saßen mit vor Aufregung glühen⸗ den Wangen zwischen den vier großen Menschen, deren Gesichtsfarbe nicht viel von derjenigen der Kleinen abstach. Bei Taubermann hatte dies seinen Grund vom Essen, bei seiner Frau von der Wärme, bei Morsen von dem Dessert, wollen wir einmal sagen, und bei Mal⸗ vine, weil ste sich beim Ablesen der Nummern vornüber bücken mußte. Wie das Spiel ver⸗ lief, wollen wir nicht ausführlich berichten, Morsen war dabei sehr unglücklich, aber er tröstete sich, indem er der Gouvernannte er⸗ zählte, daß diejenigen, die im Spiel unglücklich sind, in der Liebe Glück haben, ein eben so alter als unwahrer Spruch. Taubermann ver⸗ gaß immer zu setzen, zum großen Verdruß seiner ältesten Tochter, die nicht begreifen konnte, warum der Vater, wenn er einmal splelte, nicht mehr auf das Spiel achtete.

Ach, liebes Kind, dein Vater spielt nie, sagte Taubermann,er kennt gar kein Spiel.

Aber du spielst doch in der Lotterie?

Ja, da muß ich einen Fall erzählen, Herr Morsen, bemerkte der Krämer und er schob zum großen Aerger seiner Aeltesten seine Karte zur Seite, um recht behaglich von einem Aben⸗ teuer mit einem Lotterlejuden zu erzählen, der ihm das Los in die Westentasche gesteckt hatte und fortgelaufen war. Es war bereits das sechste Mal, daß Taubermann diese Geschichte erzählte und es war daher auch natürlich, daß seine Aelteste wußte, daß er in der Lolterie spielte.

Solche Lose sind am glücklichsten, ent⸗ gegnete Morsen.

So? Nun, ich will es Ihnen überlassen, und Taubermann holte das Los hervor.

Danke, danke, ich habe heute Abend wieder bemerkt, daß ich immer unglücklich bin, nicht wahr, Fräulein Malvine?

Ich habe nicht darauf geachtet, versetzte diese,aber das würde gerade eine Ursache sein, um Ihr Glück einmal anderwärts zu versuchen.

Zu spät erinnerte sich Malbine, was Morsen vorhin, in Bezug auf das Glück in der Liebe und das Unglück im Spiele gesagt habe, und dieser unterlteß denn auch nicht, zu fragen, ob dies wirklich ihre Meinung set.

Die Gouvernante versichterte, daß sie durch⸗ aus nicht begreif, was Herr Morsen meine, und dieser hätte gern etwas recht viel deutiges und auf zweierlei Weise auszulegendes gesagt, wenn ihm nicht, wie dies in solchen Fällen häufig zu geschehen pflegt, die richtigen Worte gefehlt hätten. Glücklicherweise wurde er durch die Prinzeßschen gerettet, welche laut riefen, falt der Vater das Lotterielos Malvine geben ollte.

Hier, liebes Kind! sagte der Krämer, in⸗ dem er den jüdischen Dialekt nachahmte,ver⸗ suchen Sie Ihr Glück. Und als Malvine es verweigerte, steckten die Mädchen das Los in ihre Tasche und es gab ein Gelächter und eine Freude, wie sie Frau Taubermann noch nie an ihrem Geburtstage erlebt hatte. Morsen hatte lange Zeit keinen Abend so vergnügt zugebracht.

Ste müssen Ihren Besuch bald einmal wiederholen, lieber Freund! sagte der Krämer, als er Morsen hinausließ, und mit zufriedenem Gemüte befestigte er die Eisenstange an der Innenseite der verschlossenen Türe, so daß der Klang Morsen durch Mark und Bein ging.

Am folgenden Tage hatte Frau Tauber⸗ mann keine Kopfschmerzen und ihr Gemahl beschränkte sich auf einen Bittern.

(Fortsetzung folgt.)

Jumoristisches.

Meine Kuh ist gestorben.Was für ein Unglück! Wie wirst Du dies Deiner Frau bei⸗ bringen?Ich werde sie langsam vorbereiten. Zuerst werde ich ihr sagen, ihre Mutter wäre gestorben.

Die Gattin:Nun, hast Du Glück gehabt? Der Gatte(betrübt):Nein! Die Gattin: Waren denn in dem Vermietungsbureau keine Dienst⸗ mädchen anwesend? Der Gatte(geknickt):Ja, eine ganze Menge, aber sie hatten alle bei uns gedient.

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Geschichtskalender.

4. Februar. 1897 Achtstundentagsdebatte im Reichs⸗ tage. 1890 Arbeiterschutzerlasse Wilh. II.

5. 1880 Dynamit⸗Attentat im Winterpalast in Peters⸗ burg. 1682 Wilhelm Böttcher, Erfinder des Por⸗ zellans.

6. 1904 Kriegserklärung Rußlands an Japan. 1900 Peter Lawrow, russ. soz. Revolutionär f. 1897 Ende des Hamburger Hafenarbeiterstreiks.

7. 1904 Reichstagsabg. E. Rosenow f. 1898 Zola⸗Prozeß in Paris.

3. 1894 Bülow, Komponist f.(B. komponierte das Herwegh'scheBet' und arbeit.)

9. 1905 Ad. Menzel, Maler F. 1901 Gray, Tele- phon⸗Erfinder T. 1784 Michelet, französischer Hi⸗ storiker f.

10. 1901 Pettenkofer, Naturforscher in München 5. 1887 Kleiner Belagerungszustand über Offen bach verhängt.

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