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Bon Nah und Lern. Hessisches.
— Ministerwechsel in Hessen. Am Montag Nacht starb der Staatsminister Dr. Rothe im Alter von 66 Jahren. Er kränkelte schon seit längerer Zeit, doch kommt sein Tod immerhin unerwartet. Seit Juli 1898 befand er sich an der Spitze des Ministeriums. Unter seiner Führung hat die hessische Regierung sich in einigermaßen liberaler Richtung bewegt. Rothe selbst erklärte in einer Sitzung im Juni, daß er die aufrichtige Ueberzeugung des Gegners achte und man kann ihm das Gegenteil nicht nachsagen. Er bemühte sich, die Wahlreform durchzusetzen, trat leider in dieser Frage nicht energisch genug gegen die„Herren“ auf. Rothe hat sich durch seine noble Gesinnung auch in Arbeiterkreisen Sympathie erworben.
— Landtag. Die Zweite Kammer trat am Dienstag zusammen. Doch wurde in die Tagesordnung nicht eingegangen, die Sitzung gestaltete sich vielmehr zu einer Trauerkund⸗ gebung für den verstorbenen Staatsminister Rothe. Präsident Haas hielt eine Ansprache, in der er die Verdieuste des Verstorbenen schilderte. Das Land habe einen herben Ver⸗ lust erlitten.
— Die sogenannte„Reform⸗ parte!“— das sind die Antisemiten von der Richtung Zimmermann⸗Böckel— hat nun in Hessen, wo eigentlich ihre Wiege stand, vollständig abgewirtschaftet. Was da⸗ von noch übrig war, ist in das Lager Lieber⸗ manns von Sonnenberg abgeschwenkt. Eigent⸗ lich war von einer Reform⸗Partei in Hessen kaum noch die Rede, nachdem die Hirschel und Kon⸗ sorten bei dem Bunde der Landwirte, den ste früher selbst als Bauernfänger bund bezeichneten, untergekrochen waren. Als vorige Woche über eine Sitzung in Friedberg in der Presse berichtet wurde, wo der Anschluß be⸗ schlossen wurde, bestritt das Friedberger Bünd⸗ lerblatt die Richtigkeit der Meldung. Aber der Widerspruch war mehr Wortklauberei. Tat⸗ sächlich hat die Abschwenkung zu den Lieber⸗ männern doch stattgefunden und man hofft unter dieser Firma bei den nächsten Reichs⸗ tagswahlen bessere Geschäfte zu machen. Am Sonntag hat sich Herr Köhler⸗Langsdorf bereits wieder als Kandidat für den Gießener Wahl⸗ kreis aufstellen lassen und zwar von einer Ver⸗ trauensmänner⸗Versammlung der„deutsch⸗ so zialen“ Partei, die in Gießen stattfand. So haben die Köhler, Hirschel ꝛc. den letzten Fetzen des demokratischen Mäntelchens von sich geworfen, das sie sich früher umzuhängen liebten Und sind zu der Partei gestoßen, die man wohl als die rückständigste und volksfeindlichste auf allen Gebieten bezeichnen kann. Man will offenbar eine kräftige Agitation entfalten; der Sekretär der Liebermänner hielt in den letzten Wochen mehrere Versammlungen in Hessen ab, in denen er es besonders auf die Kreise des„Mittelstandes“ abgesehen hatte, zu dessen„Hebung“ er die bekannten Ladenhüter empfahl, wie wir in letzter Nr. schon bemerkten.
Gießener Angelegenheiten.
— Gewerkschaftsversammlung. Ueber eine Reihe von gewerkschaftlichen Dingen, welche die Gesamtheit der Gießener Arbeiter⸗ schaft angehen, wird alljährlich in einer allge⸗ meinen Gewerkschaftsversammlung verhandelt. In der Hauptsache dreht es sich um die Tätig ⸗ keit des Gewerkschaftskartells, das hier Bericht zu erstatten hat. Es häuft sich das Jahr über immerhin eine Menge Stoff auf und es war daher zweckmäßig, daß beschlossen wurde, künf⸗ tig die allgemeine Gewerkschaftsversammlung halbjährig abzuhalten.— Der Vorsitzende be⸗ zifferte in seinem Berichte die Zahl der in Gießen organisterten Arbeiter auf 1500. Im Weiteren zählt er die vom Kartell arrangierten Vorträge und Veranstaltungen auf.— Die Ab⸗ rechnung, deren Ziffern uns nicht zur Hand sind, die wir deshalb erst später geben können, wurde von den Revisoren in Ordnung befunden und auf ihren Antrag wurde der Kassierer entlastet.— Der Bibliothekar berichtete,
daz die Bücherentnahule aus der gemeinsamen Bibliothek so stark wie im Vorjahre war. An die Berichte schloß sich eine sehr lebhafte Dis⸗ kussion. Ein Redner bemängelte den kürzlich über die Freiheitskampfe in Rußland gehaltenen Lichtbilder vortrag, während sich die Mehrheit davon vollkommen befriedigt erklärte. Ferner kritisterte ein Buchdrucker einen Beschluß des Kartells über die Lehrzeit im Buchdruckerge⸗ werbe, worüber ebenfalls lebhaft debattiert wurde.— Die Auskunftsstelle in Arbeiteran⸗ gelegenheiten verzeichnete starken Verkehr.
— Auf die Gewerbegerichswahlen am Samstag sei nochmals hingewiesen. Alle Arbeiter sollten zur Urae gehen! Die Wahl findet in den Stunden von 12— 8 Uhr nach⸗ mittags statt.— Herr Ritzert, der Führer der„nationalen“ Arbeiter läßt im Gieß. Anz. ein„Eingesandt“ los, in welchem er die Rich⸗ tigkeit der von uns in vorletzter Nr. gebrachten Mitteilungen bestreitet. Wir können nur er⸗ klären, daß wir berichtet haben, was uns von zuverlässigen Leuten mitgeteilt wurde. Später als die Notiz erschienen war, wurde dem noch hinzugefügt, daß allerdings eine komplette Liste in Vorschlag gebracht worden sei; es sind aber einige der Anwesenden gefragt worden, ob ste sich als Kandidaten aufstellen lassen wollten. Wir haben sonst nichts zu berichtigen und schenken Herrn R. das, was er sonst noch vor⸗ bringt. Bemerken wollen wir nur noch: wir hegen zu den Gießener Arbeitern das Zutrauen, daß sie die„Nationalen“, ihre Taten und ihre Leute kennen und dementsprechend zu handeln wissen werden.
— Die Volksvorlesungen erfreuen sich fort⸗ gesetzt des zahlreichen Besuches einer aufmerksamen Zu⸗ hörerschaft. Auch die Diskussionen verlaufen sehr an⸗ regend— Sonntag, den 11. Februar abends wird ein Unterhaltungsabend im Saale des Turnvereins Mord⸗ anlage) abgehalten. Herr Dr. Strecker⸗Bad⸗Nauheim wird einen Vortrag über Hans Sachs und Wtlhelm Busch halten. Vom Dürerbund Gießen werden zwei „Fastnachtsspiele“ von Haus Sachs aufgeführt, sowie einiges aus Busch's Werken in Lichtbiloern gezeigt. Für Arbeiter⸗Vereine werden hierzu Karten zu 10 Pfg. A Person im Vorverkauf abgegeben; an der Kasse kostet der Eintritt 30 Pfg.
— Die Brauerei⸗ Arbeiter hielten am Sams⸗ tag vor acht Tagen im Wiener Hof eine gut besuchte Versammlung ab, in welcher sie besonders über ihre Lage und Arbeitsvechältnisse verhandelten. In längeren Ausführungen wies der Vorsitzende darauf hin, wie sich die Arbeitsweise und damit auch die Verhältnisse in der Brauindustrie geändert haben. Heute werde die Arbeits⸗ kraft des Arbeiters viel mehr ausgenützt, als früher, wo fast nur Kleinbetriebe existierten. Den erhöhten An⸗ forderungen entsprächen die Löhne keineswegs. Nur dort, wo eine gute Organisation vorhanden sei, war es mög⸗ lich, die Verhältnisse einiger maßen erträglich zu gestalten und Schutz vor übermäßiger Ausbeutung zu schaffen. In der sehr ausgiebigen Diskusston erfuhren die Ver⸗ hältnisse in den Gießener Brauereien gebührende Beleuch⸗ tung. Einstimmig kam die Meinung zum Ausdruck, daß es unbedingt nötig sei, auch hier der Jetztzeit ent⸗ sprechende Verbesserungen anzustreben. Es wurde schließ⸗ lich zur Wahl einer Kommisston geschritten, welche die Vorarbeiten dazu in Angriff nehmen soll. Nachdem noch einige Mitglieder aufgenommen waren, schloß die Versammlung mit einem Hoch auf den Brauerverband.
— Das Gewerkschaftsfest findet diesen Sams⸗ tag im Saale des Café Leib statt, worauf wir noch⸗ mals aufmerksam machen.
Aus dem Rreise gießen.
— Mordpatriotis mus der Volks⸗ schullehrer. In leger Zeit macht man mehr als früher die für den Kulturmenschen betrübende Wahrnehmung, daß es die Lehrer auf dem Lande für ihre Aufgabe erachten, im Nebenamt als Sozialistenvernichter aufzutreten und das Evangelium des Massen⸗Totschlags zu predigen. Vor Kurzem erwähnten wir erst die Pauke, die der Lehrer in Leihgestern im Kriegerverein hielt und womit er bei den Mitgliedern selbst Widerspruch hervorrief. Aus Heuchelheim wurde uns neulich mitgeteilt, daß die Kinder ganz aufgeregt nach Hause kamen, der Lehrer hätte ihnen erzählt, daß der Krieg unmittelbar bevorstehe.— In Launs⸗ bach hielt am Samstag zur Kaisersgeburts⸗ tagsfeier Lehrer Bender eine gewaltige Ver⸗
nichtungsrede gegen den„inneren Feind“, über
ben er Pech und Schwefel vom Hemmel her⸗ unter wünschte, den man wie Unkraut ausrotten müsse. Der brave Patriot! Er sagte leider nicht, was er unter dem„inneren Feind“ ver⸗ steht. Er stellt sich jedenfalls vor, daß diesen „Feind“ es auf Plünderung der Kassenschränke abgesehen hätte!— Im Allgemeinen machen ja solche Hetzereien keinen Eindruck. Die n⸗ beiter sind vernünftiger geworden als die„Ge- bildeten“. Traurig aber für ein Kulturvollk, wenn die Erzieher des Volkes anstatt Duld⸗ samkeit und Achtung des Nebenmenschen zu lehren, sich in solchen Hetzereien ergehen. Kein
Wunder allerdings, wenn der Kreisschul⸗In⸗ spektor selber krommelnde Heldengeschichte fabriziert! 9
b. Reiskirchen. Am 21. Januar hielt der Arbeiterverein bei Gastwirt Wild seine Generalversammlung ab, die recht gut besucht war. Genosse Schmidt hielt einen kurzen Vortrag über die poltlische und gewerk⸗ schaftliche Arbeiterbewegung, wobei er am Schluß die Bedeutung der Demonstrationsver⸗ samm lungen, die am gleichen Tage in ganz Deutschland stattfanden, auseinandersetzte. Seine Ausführungen wurden beifällig aufgenommen. — Unser Verein hat sich übrigens reckt erfreu⸗ lich entwickelt. Davon legte auch die an Weih⸗ nachten arrangierte Festlichkeit Zeugnis ab, die überaus stark besucht war und aufs beste ver⸗ lief. Drum„Vorwärts!“ sei auch unsere Parole!
— Protestversammlungen gegen die Tabaksteuer⸗Vorlage fanden statt am Sams⸗ tag in Wiesec, am Sonntag in Großenlinden und Heuchelheim, Donnerstag in Gießen. Gen. Schnell⸗Hanau schilderte in allen Ver⸗ sammlungen, von denen die drei erst genannten sehr gut besucht waren, die Gefahren, weltghe durch die Vorlage der Arbeiterschaft in dern Tabakindustrie drohen. Eine Protestresoluton gelangte zur einstimmigen Annahme. Ferner soll ein in Berlin demnächst zusammentretendern Kongreß zu der Tabaksteuerfrage Stellung nehmen. Die Versammlungen befaßten sich auß mit der Delegiertenwahl dazu.
— Versammlung in Großen⸗ Linden. Diesen Sonntag nachm. 3 Uhr findet im Saale des Heren Weigandt eine öffentliche Versammlung statt, die sich mit den Stenerfragen beschäftigen soll. Um zahlreiches Erscheinen namentlich von Seiten des Arbeiter⸗ bildungsvereins wird gebeten.
Lollar. In der Versammlung am 21. Januar gingen durch Tellersammlung 8.20 Mk. zur Unter- stützung der Opfer des russischen Freiheitskampfes ein.
aus dem Nreise Iriedberg⸗Büdingen.
tz. Rommelhausen. Die am Sountag zins lierende Sammelliste für unsere russischen Freiheit kämpfer ergab die Summe von 7 Mk. 45 Pfg., welch an den Kassierer des Kreiswahlvereins in Vilbel sosort abgegangen ist. Mangels eines Referenten konnte für die hiesige Umgebung am 21. Januar keine Versamm s lung zu Gunsten sunserer russischen Brüder stattfinden, worauf der hiesige Wahlverein im Orte obige Sammel⸗ liste zirkulieren ließ. Diese Opferwilligkeit zeugt von Solidaritätsgefühl der hiesigen leinen Schar von Partel- frennden unseren russischen Kämpfern gegenüber. Möchten die Genossen in den übrigen umliegenden Orten, W dieses noch nicht geschehen ist, das Versäumte nachholen. — Sonntag, den 4. Februar, findet hier die regelmäßige Mitgliederversammlung des hiesigen Wahlvereins statt. In Anbetracht einer wichtigen Tagesordnung ist es ge⸗ boten, daß alle Mitglieder erscheinen. 5
z. In Nieder⸗Eschbach fand am 21. Januat 1 ebenfalls eine Demonstrationsversammlung statt, welche nach einem Referate des Genossen Arm brust⸗ Vilbel ihrer Sympathie mit dem Freiheitskampfe in Rußland Ausdruck gab. Eine Sammlung für die Opfer des Zarismus ergab 4,80 Mk,— Anschließend an die Ver⸗ sammlung wurde die Gründung eines Wahlvereins vor⸗ genommen, dem sofort 35 Mitglieder beitraten. Vor⸗ sigender ist Joh. Holz. Hoffentlich entwickelt sich der Verein zu einem tüchtigen und regsamen Gliede unseret n Parteiorganisation! 3
Aus dem RNreise Wetzlar.
h. Keinen Orden! Von dem großen Orden ⸗ regen am 21. Januar ist nicht ein Tröpfchen nach Wetzlar gekommen, wie das Kreisblatt betrübt konstatsert. Wir wissen ja nicht, wie stark unter den oberen zehn oder zwanzig von Wetzlar die Sehnsucht nach dem Kinderspielzeug ist. Einen wissen wir aber, der un⸗
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