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Nr. 5.
Mitteldenische Sonnags⸗Zeitung.
Seite 3.
Die Mittelstandsretter im Stadthause werden
betrübt sein, die große Masse der Dresdener
Bürger und Einwohnerschaft aber wird über das Votum der oberen Behörde große Freude
und Befriedigung empfinden. Das ist doch
einmal ein Lichtblick in der schwarzen Nacht
der Reaktion in Dresden!“
Unter sozialdemokratischer Regierung. Aus der roten Stadt Waltershausen wurde
dem Gothaer„Volksblatt“ geschrieben:„Diese
Woche ruht die Staatsgewalt nun doch in
sozialdemokratischen Händen und wird
wohl der Sachsen⸗Gothaische Staat umgestürzt werden, wenigstens soweit der Waltershäuser Bezirk reicht. Herr Fabrikant William Heincke, der Staatskommissar für die erledigte Senatoren⸗ stelle und stellvertretender Bürgermeister, hat nämlich eine Woche Urlaub genommen und seine Funktionen sind auf den— Sozial⸗ demokraten Thilo übergegangen. Und Walters⸗ hausen wird sich während der Stellvertretung mindestens so gut befinden als sonst.
Sozialdemokratische Wahlerfolge
in Dänemark.
Bei den Stadtratswahlen, die in den letzten Tagen in Dänemark stattfanden, haben unsere Genossen bedeutende Erfolge erzielt. Von den 417 Mandaten, die zur Wahl standen, erhielten die Sozialdemokraten 155, die Radikalen 80 und der reaktionäre Kuddelmuddel 182. sind im ganzen 50 Städte, in denen Sozial⸗ demokraten gewählt wurden. Die Stadtrats⸗ wahlen der allgemeinen Wählerklasse finden alle 6 Jahre statt, ebenso die ber höchstbesteuerten Klasse. Alle 3 Jahre wird gewählt, das eine Mal von der allgemeinen, das andere Mal von der höchbesteuerten Klasse. Die Klassen⸗ einteilung ist ungerecht dadurch, daß die Höchst⸗ besteuerten nicht nur in ihrer, sondern auch in der allgemeinen Klasse wählen. Immerhin ist die Arbeiterschaft bei diesem Klassenwahlrecht in der Lage, die Mehrheit in den Stadträten zu gewinnen, was bei diesen letzten Wahlen auch in einer Reihe von Städten gelungen ist. Selbst in den kleineren und kleinsten Städten ist die Sozialdemokratie in die Gemein ever⸗ tretung eingedrungen.
Opfer der Arbeit.
Ströme von Arbeiterblut sind es, die auf dem Schlachtfeld der Arbeit Liest man die Zahlen der in einem Jahr Ge⸗ töteten und Verletzten, so kann man leicht zu dem Glauben kommen, die Verlustliste eines ganzen Feldzuges vor sich zu haben. Für 1904 kweisen die„Rechnungsergebnisse der Berufsge⸗ nossenschaften“ 8752 Tote, 137 674 Schwer⸗ verletzte, 447544 Leichtverletzte nach. Gegen das Vorjahr beträgt die Zunahme der angemeldete Unfälle 53000, die Zunahme der vollendeten Industriemorde fast 400!— Wenn jemals— bas ja nie geschehen kann und wird— irgend ein fahrlässiges Verschulden der Sozialdemokratie auch nur den tausendsten Teil jenes Elende hervorrufen würde, das sich in diesen Zahlen ausdrückt, in welchen Taumel der Entrüstung würden wir die bürgerliche Welt versetzt finden! Wieviel Todesurteile würden vollstreckt, wie viel Einkerkerungen vorgenommen werden. Aber die tausende, hunderttausende von Proletariern, die im Jahre 1905, umringt von verzweifelten Angehörigen auf der Bahre oder auf dem Schmerzeusbette lagen, starben einen geheiligten Tod und litten geheiligte Schmerzen, denn sie litten und starben für den Kapitalisten⸗Profit! Für den Profit der andern— nicht zum Wohle ihrer Brüder, nicht für ihre eigne Freiheit!
Und darum melden die bürgerlichen Zeitungen diese fürchterliche Zahlen, furchtbare Anklagen wider die Geldgier und Gewissenlosigkeit herr⸗ schender Klassen, trocken und nüchtern, ohne jede Spur sittlicher Eutrüstung, fast mit ruhigem und sattem Behagen. Ein paar tausend Mark Geldstrafe, hundertfach eingebracht durch den erzielten Gewinn, ein paar Wochen Gefängnis, meist verhängt über untergeordnete Organe das ist die ganze Gegenrechnung, die ganze Strafe, die die bürgerliche Gerechtigkeit für Vernichtung so vieler Menschenleben verhängt!
ES
fließen.
——**— Sozialistische Wahlerfolge in England. Die Wahlen in England sind am Montag nunmehr beendigt worden. Sie haben wie schon früher kurz mitgeteilt, den Liberalen einen ent⸗ scheidenden Sieg gebracht und damit ein ver⸗ nichtendes Urteil über die Zoll politik gefällt, die von den Konservativen und Unionisten, den Anhängern Chamberlains, propagiert wurde. Aber auch der Soztalismus hat ganz überraschende Erfolge erzielt. Es sind etwa 60 Kandidaten der Arbeiterpartet ge⸗ wählt worden, die Mehrzahl davon sind Sozia⸗ listen. Auch eine Reihe ausgesprochene Sozial⸗ demokraten sind gewählt.
Proletarier und Kapitalisten unter den Aerzten. Die Statistik der Aerztekammer für Berlin und Brandenburg ergibt, daß von
den 4103 Aerzten im ganzen Kammerbezirk
999— also der vierte Teil— ein Ein⸗ kommen von nur 900- 3000 Mk. pro Jahr haben. Diesen Proleten von der Kunst Aesku⸗ laps stehen andererseits Leute mit Riesenein⸗ kommen gegenüber. Die Statistik verzeichnet 15 Aerzte mit einem Einkommen von 50000— 60 000 Mk., 13 mit 60 000 70 000 Mk., 3 mit 70000 80 000 Mk., 3 mit 80000- 90 000 Mk., 6 mit 90000100 000 Mk., 4 mit 100 000— 120 000 Mk., 5 mit 160 000 180 000 Mk., 1 mit 255000- 260 000 Mk. und 1 mit 325 000— 330000 Mk. Jahreseinkommeg. Wie man aus diesen Zahlen sehen kann, hat der Aerztestand iu seiner großen Mehrheit das gleiche Interesse an der Umgestaltung unserer sozialen und wirt⸗ schaftlichen Zustände, wie das Proletariat im allgemeinen.
Aus dem Reichstage.
Das neue Gesetz über den Unter⸗ stützungswohnsitz stand am Montag als erster Punkt zur Beratung. Dieses Gesetz, das ebenso za ungunsten der großen Städte wie zu ungunsten der breiten Arbeitermasse die Armenlasten vom platten Lande abwälzt, wurde vom Genossen Herzfeld einer eindringlichen Kritik unterworfen. Er ging unmittelbar auf die Krrufragen und Hauptschäden des altbureau⸗ kratischen, norddeutschen Armenrechts ein. Er geißelte die Vielfältigkeit und Rückständigkeit der zahllosen Armenrechtsbestimmungen, die den Unterstützten politisch entrechten, seiner Freizügig⸗ keit berauben, ja ihm das Arbeitshaus an⸗ drohen— und all das für ein Almosen von 18 Pfg. pro Tag, wie es der regierende Fürst Georg von Schaumburg⸗Lippe der Frau eines Mannes, der 40 Jahre lang in seinem Dienst geschuftet, anzubieten wagte. Als bestes Mittel gegen das durch den Wuchertarif und die neuen Steuern drohende übermäßige Anschwellen der Armenlasten empfahl er: Freies Koalitionsrecht für die Landarbeiter und Einführung des Reichs⸗ tagswahlrechts für den preußischen Landtag. Einige kräftigen Seitenhiebe trafen hierbet die dreisten Reakttonäre, welche die friedliche Wahl⸗ demonstration des Proletariats am vergangenen Sonntag in einem Blutmeer zu ertränken ge⸗ dacht hatten. Vergeblich suchte der konservatibe Regierungsrat Schickert und Staatssekretär Graf Posadowsky den Eindruck dieser wuchtigen Ausführungen abzuschwächen. Das Gesetz ging schließlich nach dem Antrage des Genossen Singer au eine Kommisston von 21 Mitgliedern. Womöglich noch schlechter schnitt die Regierung bei der Beratung des Hilfskassenge⸗ setzes ab. Genosse Lesche kounte den Nach⸗ weis führen, daß dieser Entwurf, dessen Ten⸗ denz sich angeblich gegen die Schwindelkassen richtet, in Wahrheit dazu bestimmt ist, die Selbst verwaltung der Hilfskassen und damit ihre Existenz zu vernichten und so eine Art Generalprobe für das geplante Attentat auf die Freiheit der Krankenkassen zu bilden. Der Zentrumsabgeordnete Giesberts und selbst der„freistnnige“ Dr. Mugdan schlossen sich dieser Kritik an.
Am Mittwoch 23. Januar kam der soge⸗ nannte Toleranz⸗Antrag des Zentrums zur Verhandlung, bei welcher Gelegenheit Genosse
Dr. David die„Toleranz des Zentrums ge⸗ bührend beleuchtete.
Freitag wurde eine Novelle zur Gewerbe⸗ ordnung erledigt, welche eine Art verschämte n Befähigungsnachweises für das Bauhandwerk einführt. Diese bedauerliche Kapitulation der Regierung vor den Zünftlern wurde von Ge⸗ nosse Frohme scharf gerügt.
Revolution in Rußland.
Ueber die Kämpfe in Moskau veröffentlichte der„Vorwärts“ verschtedene private Mitteilungen, die interessante Einzel⸗ heiten brachten. Wie der„Sieg“ der Regierung aussieht, mag folgende Tatsache illustrieren:
Von den kämpfenden 40005000 sozialistischen Männern und Frauen find während des 13tägigen Kampfes nur ganz wenige um⸗ gekommen. Nach dem Kampfe tauchte die un⸗ geheuere Mehrheit von ihnen in der Menge Unter; den anderen gelang es fast sämtlich zu entkommen, da bis zum Abschluß des Kampfes einige Eisenbah nen in der Gewalt der Aufständischen waren. Die Regierungstruppen wagten trotz ihrer Kanonen und Mitrailleusen meist nicht, die Barrikaden direkt anzugreifen, sondern beschossen ganze Häuser⸗ blocks, hinter denen sie Barrikaden ver⸗ muteten! Daher die ungeheuere Zahl von Opfern, die zu einem so großen Teile aus Gretsen und Kindern bestand. Die Fertig⸗ keit im Barikadenbau, deren Gefährlichkeit für die Truppen haupt sächlich in den ganze Straßen⸗ züge überspannenden Eisendrähten bestand, war bei der Bevölkerung geradezu erstaunlich.
Da es der Regierung nicht gelungen ist, die Revolutionäre in ihre Hände zu bekommen, so besteht für sie nach dem Kampfe dieselbe Ge⸗ fahr wie vor demselben. Man erinnere sich, daß die Revolution äußerlich eigentlich mit einer Niederlage des Volkes begann, mit der Niedermetzelung der Tausende, die am 22. Januar vorigen Jahres friedlich dem Priester Gapon auf seinem Zuge zum Zaren folgten.
Die Aufregung ist jetzt schlimmer als damals. Speziell in Moskau hat die materielle Not der Arbeiter und der Studierenden eine Dimension angenommen, die jederzeit wieder einen offenen Ausbruch der Bewegung hervor⸗ rufen kann.— Jetzt ist es still, aber es ist die Stille vor dem Sturme!
Die Wahlen zur„Reichs dum a“ sollen demnächst stattfinden. Aber die Be⸗ völkerung schenkt ihnen bis jetzt wenig Beach⸗ tung. Ist es aber nicht merkwürdig, daß das⸗ selbe Volk, das blutige Kämpfe um die Ver⸗ fassung geführt hat, nun zu Hause bleibt, statt die Verfassung zu gebrauchen? Was auf den ersten Blick verblüffend winkt, zeigt sich viel⸗ mehr als die selbstverständliche Wirkung der Witteschen Unter drückungspolitik und des Wit⸗ teschen Wahlrechts. In Petersburg sind alle Versammluugen verboten, rings im Reiche herrscht fast überall der Kriegszustand; da muß man sich nicht wundern, daß bisher keine Kan⸗ didaten werbend und redend hervorgetreten sind. Gegen Ende des Monats soll das Versamm⸗ lungsverbot aufgehoben werden. Zu einer wirklichen Wahlbewegung wird es auch dann nicht kommen— das macht die Wahlordnung unmöglich.
Eine Menge unsinniger Bestimmurgen des Wahlgesetzes verhindern das Aufkommen einer Wahlbewegung. Unter solchen Umständen ist es wahrlich nicht zu verwundern, daß die Un⸗ lust, an den Wahlen teilzunehmen, über alle Schichten der Bevölkerung verbreitet ist.
In Homel plunderten die Kosaken. Die Läden wurden ausgeraubt, ebenso die Vereins⸗ bank. Die Arbeiter der Eisenbahnwerkstätten haben sich auf die Seite der Juden gestellt.
Ein Attentat. Gegen den Chef des Generalstabes in Tiflis, General Grtasnoff, ist ein Bombenanschlag verübt worden. Der General wurde getötet und der Mörder ver⸗ haftet.
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