Ausgabe 
4.2.1906
 
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braucher.

Seite 2.

NMitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

den Konsumenten an seiner Gesundheit, aber es raubt Arbeitern die Exlstenz.

Gerade bei entbehrlichen Genußmitteln richtet sich der Verbrauch weniger nach den Neigungen als nach den Mitteln der Ver⸗ Bei der übergroßen Mehrheit der Bevölkerung hängt die Befriedigung des Rauch⸗ bedürfnisses davon ab, wie viel Geld für Tabak und Zigarren ausgegeben werden kann. Erhält ein Raucher der in der Woche 30 Pfg. für Zigarren ausgeben kann, sechs Zigarren für sein Geld, dann raucht er sechs, erhält er aber nur fünf, dann muß er mit diesen sein Be⸗ dürfnis befriedigen. Diese Verschiebung ist für den Staatsmann kein Unglück, wenn er nur das Geld für die sechste Zigarre in die Staatskasse bekommt und dadurch reiche Leute vor größerer Belastung schützen kann. Aber anders wirkt es bei den Arbeitern. Geht der Konsum von sechs auf fünf Zigarren zurück, dann wird auch immer von sechs Arbeitern einer arbeits⸗ los oder bei rund 180 000 Tabakarbeitern in Deutschland 30 000 Arbeiter.

Wie Preiserhöhungen wirken, wollen wir

zunächst an einem auch nicht von Herrn von

Stengel zu bestreitenden und ihm bekannten Bei piele nachweisen. 1869 wurden in den Ver⸗ kaufsstellen der französtschen Tabakregie 32 600 000 Kilo Tabakfabrikate verkauft, hier⸗ von entfielen auf Elsaß Lothringen 1800 000 Kilo, es blieben also für das übrige Frankreich 30800 000 Kilo. Welche Steigerungen 1870/71 brachten, läßt sich nicht feststellen, da die Kriegs⸗ jahre manche Verwüstung brachten. 1872 wollte man, gerade wie Herr v. Stengel jetzt, eine höhere Summe aus dem Tabak herausschlagen und erhöhte den Verkaufspreis für 1 Kilo Tabak⸗ fabrikate von 9 Frank auf 11.50 Frank. Nun kam aber statt der erwarteten Mehreinnahme von 77 Millionen, nur eine solche von 32 Millionen, denn der Verbrauch sank von 30,8 Millionen Kilo auf 27 Millionen Kilo. Auch das Jahr 1873 brachte uur einen Verkauf von 28,3 Mil⸗ lionen Kilo, so daß der Reinüberschuß eine

Höhe erreichte, die er annähernd auch ohne

Preiserhöhung erreicht haben würde.

Die deusschen Staatsmänner berufen sich immer auf Deutschland, wo die Zollerhöhungen von 1879 nicht solche Rückgänge im Konsum gebracht haben. Jahre die 1879 gebrachte Störung überwunden. Wie diese sonderbare Erscheinung sich erklären läßt, kümmert den Staatsmann wenig. Aber die Arbeiter wissen es und die Staatsmänner können und sollten es wissen, daß die Zoller⸗ höhungen von 1879 keine Verteuerung der Zigar⸗ ren brachten, sondern was die Reichskasse mehr einnahm, einfach den Arbeitern vom Lohne ab⸗ gezogen ist. ö (Ein zweiter Artikel folgt).

Politische Aundschau. Gießen, den 1. Februar 1906.

Gegen das Reichstagswahlrecht und für Aus uahmegesetze hetzen die Scharfmacher und ihre Presse fort und fort. Nachdem neulich der Junker von Erffa im preußischen Herrenhaus in so zynischer Weise den Umsturz von Oben predigte, läßt sich der dicke Brotwucherer Oertel in seinerDeutschen Tagesztg. im gleichen Sinn vernehmen. Er jammert darüber, daß dieses fatale Reichstags⸗Wahlrecht die Volksmeinung durchaus falsch zum Ausdruck bringe; die Post nimmt die Diätenfrage zum An⸗ laß her, um wieder einmal gegen Wahlrecht Gift und Galle zu speien und derReichsbote, der am Berliner Hof sehr viel gilt, hält neuer⸗ dings jeden Tag für verloren, an dem er nicht nach neuen Ausnahwegesetzen rufen kann. So heißt es in seiner neuesten Nüm ner:

Es ist unerträglich, wenn die Regierung diesem umstürzlerischen Treiben ruhig zusieht, es gewähren läßt und erst eingreifen will, wenn die revolutionären Worte sich in revolutionäre Taten umsetzen und die Flammen der blutigen Revolution wie in Rußland an allen Ecken und Enden zum Himmel emporlodern. Wo soll das noch hinführen, wenn die Volksmassen mit dem Geiste

der Sozialdemokratie erfüllt werden!

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Hier war Ende der achtziger

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Die Sozlalbemotraule wird sich um dieses Rabengekrächze wenig kümmern. Sie wird viel⸗

Der Hamburger Wahechsraub ist gelungen.

mehr stets an Stärke und Einfluß zunehmen Vorlage zur Annahme. Man hatte geheime

und zwar unter allen Umständen. Denn das Vernünftige und Gerechte kommt endlich doch zum Durchbruch.

Es muß auf diese Hetze nachdrücklich hin⸗ gewiesen werden; man sucht in den Kreisen der Reaktionäre offenbar nach neuen Mitteln zur Knebelung der Arbeiterklasse!

Es ist sehr möglich, daß von reaktionärer Seite bei Regelung der Diätenfrage eine Ver⸗ schlechterung des Wahlrechts versucht wird. In bezug auf Reichstagsdiäten wurde übrigens mitgeteilt, daß für die Session eine Pauschale von 3000 Mk. bezahlt werden soll, von der für jeden Tag, den der Abgeordnete fehlt, ein entsprechender Abzug gemacht werden soll. Solche Reichstagsmitglieder, die zugleich andern politischen Körperschaften angehören, sollen für die Zeit der Reichstagstagung nur Reichsdiäten erhalten. Nun, man wird auch in dieser Sache das Weitere abwarten müssen.

Die preußischen Herrenhäusler paukten am Donnerstag auf deninneren Feind. Eine von den Junkern eingebrachte Interpel⸗ lation mußte die Veranlassung bieten. Diese Interpellation, die Graf Eulenburgbe⸗ gründete, hat den Wortlaut:

Erscheint es der Staatsregierung möglich, die vaterlandsfeindlichen Unternehmungen der Sozialdemo⸗ kratie mit den Mitteln der bestehenden Gesetz gebung er⸗ folgreich zu bekämpfen? a

Der Junker Eulenburg hielt eine Rede, wie sie schon oft von seinesgleichen gehalten wurde. Natürlich will er das Dreiklassenwahlrecht nicht angetastet wissen, sonst würde ja die junker⸗ liche Räuberpolttik nicht möglich sein.

Im Gegenteil, er möchte das Reichstags wahl⸗ recht besettigen und die Sozialdemokratte durch Aus nahmegesetze knebeln. Die unstnnige Junker⸗ politik ist schon im Leitartikel näher beleuchtet. Erheiternd wirkt es aber für jeden Freiheits⸗ freund, wenn das Gräflein folgendes Jäger⸗ latein verzapfte:

Das Wil d, das die antisozialdemo⸗ kratischen Vereinigungen zur Strecke gebracht haben, ist sehr gering. Gewiß soll die Re⸗ gierung zunächst mit aller Rücksichtslosigkeit die bestehenden Gesetze anwenden; erachtet sie aber eine Aenderung der Gesetzgebung für geboten, so wisse sie, daß sie das Herren⸗ haus auf ihrer Seite hat, sowie alle, die Gott lieben und ihren König ehren.

Diese Sätze voll Frechheit und Boniertheit sind der allgemeinen Lächerlichkeit über⸗ antwortet. Fürst Bülow beanwortete die offenbar bestellte Anfrage. Er haute in die⸗ selbe Kerbe und spielte die Rolle desstarken Mannes.

Die Regierung habe bei weitem nicht soviel Angst, als man glaube. Vor der Tyrannei der Straße beugen wir uns nicht! Durch Demonstrationen und Drohungen lassen wir uns nichts abtrotzen. Exzesse, Pöbelexzesse und Re⸗ volution werden wir in Preußen, in Deutsch⸗ land nicht dulden!

So prahlte Fürst Bülow und dabei war doch die ganze Herrenhaus⸗Aktion eine Folge der Demonstrationen!

Der Kaiser hat am Morgen nach den Wahldemonstrationen eine Anzahl angehende Leutnants von der Lichterfelder Kadettenanstalt, empfangen. Denen er gesagt haben soll:Ich rechne auf Ihre Treue auch im Straßenkampf. Hm, hm!

Wahlrechtskampf im Elsaß.

Am Sonntag wurden in Elsaß Lothringen an 38 Orten Versammlungen abgehalten, in denen das allgemeine gleiche Wahlrecht gefor⸗ dert wurde. Ueberall waren die Versamm⸗ lungen sehr stark besucht und nahmen den besten Verlauf. Auch die Soldaten waren wieder be⸗ reit gehalten und mußten in der Kaserne bleiben. Sie werden darüber gewiß ganz vergnügt ge⸗

wesen sein und jedenfalls Zeit gehabt haben

über die heutige Ordnung der Dinge ein wenig nachzudenken. Und das schadet gewiß nichts.

Abstimmung beschlossen; die Wahrechtsräuber waren zu feig, öffentlich abzustimmen.

Verurteilte Wahlrechtsde monstranten.

Am Donnerstag wurde in Plauen in Sachsen gegen 16 Arbeiter und Parteigenossen verhandelt, die angeklagt waren, am 3. Dezember einenDemonstrationszug durch Plauen ver⸗ anstaltet zu haben und sich deshalb wegen Auf⸗ laufs, groben Uufugs ꝛc. zu verantworten hatten. Der Genosse Dietze wurde alsAnführer zu 6 Wochen, zwei weitere Angeklagte zu je 4 Wochen Gefängnis und 3 Wochen Haft und dreizehn Angeklagte zu je 3 Wochen Haft verurteilt.

Hetzjagd auf die sozialdemokr. Presse.

Gegen eine Reihe unserer Parteiblätter

sind Anklagen wegen Majestätsbeleidigun gen und anderen Sünden erhoben worden. Die Leipziger Volksztg. ist wegen Beleidigung sämt⸗ licher 22 Bundesfürsten angeklagt, außerdem soll ste noch einige andere Majestätsbeleidigungen verübt haben. Der Redakteur Kluß der Bres⸗ lauerVolkswacht hat ebenfalls mehrere Anklagen erhalten. Genosse Perner von der Märkischen Volksstimme in Forst wurde wegen Aufreizung verhaftet. Täglich hagelt es Verurteilungen! Als ob man damit die Sozialdemokratie einschüchtern könnte! Die konfiszierten Wahlrechtsflugblätter mußten vom Gericht wieder freigegeben werden; diese Polizei⸗ aktion war also ein Schlag ins Wasser.

Zur Fleischnot.

In Krefeld wurde von der städtischen Ver⸗ waltung eine Uebersicht über den dortigen Vieh⸗ und Fleischmarkt herausgegeben. Uebersicht, die sich auf die Jahre 1904 und 1905 erstreckt, wurde festgestellt, daß auch in Krefeld die Fleischpreise ganz enorm ge⸗ stiegen sind. Selbstverständlich war die

Folge der Preissteigerung ein Rückgang der

Schlachtungen. Während im Jahre 1904 die Zahl der geschlachteten Schweine 30 457 er⸗ reichte, sank diese Ziffer auf 24683 im Jahre 1905. Zieht man in Betracht, daß, verursacht durch den Viehmangel, sehr viel unreifes Vie) geschlachtet wurde, daun ist dex Ausfall noch größer. Im Engroshandel stieg der Preis für gute Ware von 57 Mk. pio 50 Kilo auf 74 Mk. Der Preis im Detailhandel stieg im gleichen Verhältnis und zwar von 1.50 Mk. pro Kilo auf 1.83 Mk. Zu bemerken set noch, daz infolge der hohen Fleischpreise der Ver⸗ brauch von Pferdefleisch sehr zugenom⸗ men het.

Das teuere Südwestafrika.

Nachdem erst kürzlich 60 Mann Trup⸗ pen nach Südwestafrika abgegangen sind, sollen

am 5. Februar weitere 600 Mann nebst 800

Pferden abgehen. Das wären binnen zwei Monaten über 1200 Mann, während nachdem im Etat gegebenen Zusicherungen alle zwet Monaten nur 250 Mann nachgesendet werden sollten. Ganz rätselhaft ist es, zu welchem Zwecke man diese 1200 Mann nach Südwest⸗ afrika geschickt hat. deutsche Herer os und Hottentotten nicht fertig werden

könne n, die sich jetzt noch im Lande herumtreiben? f

Oder ist sonst etwas im Werke?? Niederlage der Mittelstandsretter.

Seit Jahren bemühen sich in Dres den die

Antisemiten die sich so gerne als Mittelstands⸗

retter aufspielen eine Umsatzsteuer einzuführen,

um den verhaßten Arbeiter⸗Konsumvereinen den Garaus zu machen. Jetzt haben die Herren

aber eine empfindliche Schlappe erlitten. Der

Kreisausschuß in Dresden hat die Einführung der von den städtischen Kollegien geplanten Umsatzsteuer abgelehnt. Unser Dresdener Parteiblatt bemerkt dazu:Dresden bleibt also bis auf weiteres, und wie wir hoffen wollen,

auf immer von dieser unerhört ungerechten, rückschrittlichen und einseitigen Steuer verschont. 5

Mit 120 gegen 35 gelangte die

Durch diese

Sollten wirklich 14,000 Soldaten mit den paar Hundert