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Mittelbeuische Sountags⸗Zeitung.

männer von 42 erschienen, 4 waren verstorben, 2 krank. Gewählt wurde der Bürgermeister Finger von Pfeddersheim mit 19 Stimmen, 15 erhielt Mahler⸗Hernsheim. Bürgermeister haben im hessischen Landtage auch wirklich noch ein paar gefehlt! Das Schönste ist dabei noch, daß der gewählte Finger Bauernbündler ist, es waren aber nationalliberale Wahl⸗ männer, die ihn gewählt haben! Das zeigt mit erschreckender Deutlichkeit, wie weit es die Nationalltberalen in der Gesinnungslumperei schon gebracht haben. Eine ganze Anzahl nationalliberaler Abgeordneter des Landtags stehen schon längst unter der Botmäßigkeit der Bündler.

Ein ordnungsparteilicher Schmutzfinke. Unser Offenbacher Parteiblatt schrieb in seiner Montagsnummer folgendes:

Vor einigen Tagen brachten Darmstädter Blätter Notizen des Inhalts: Reichstagsabge⸗ ordneter Berthold sei am Montag voriger Woche morgens finnlos betrunken in eine Wirt⸗ schaft gekommen, dort bald unter den Tisch gesunken und dort liegen geblieben.Einige der Gäste bauten um den am Boden Liegenden hohe Stuhlpyramiden auf, andere pumpten ihm, wohl um ihn wieder auf die Beine zu bringen mittels einer Radfahrerluftpumpe die Hosen voll Luft und wieder andere bemühten sich in verschiedenster Form um ihn. Diese Bemühungen stießen bei dem letzteren jedoch auf nur geringe Sympathie, er widersetzte sich und alsbald es war inzwischen 8 Uhr morgens geworden entwickelte sich eine regelrechte Rauferei, an deren Schluß derfremde Gast von kräftigen Fäusten zum Gaudium der Straßenpassanten unsanft auf die Straße befördert wurde, wo er sich alsbald mühsam erhob und schwankend den Schauplatz verließ. Bertholds Name wurde nicht genannt, aber das ist gerade das Zeichen der Feigheit und Perfidie, jedermann mußte auf ihn raten. Inzwischen hat diese Presse eine Berichtigung bringen müssen, wo⸗ nach die ganze Notiz erstunken und erlogen ist. So heißt es in der Berichtigung des Täg⸗ lichen Anzeigers:Herr Berthold kam am letzten Sonntag früh von Berlin, wo er seinen Pflichten als Abgeordneter nachkam, hier an, verbrachte den Sonntag im Kreise seiner Familie, hat in der Nacht von Sonntag auf Montag seine Behausung nicht verlassen und ist am Montag früh bereits 7 Uhr 19 Minuten, also zu einer Zeit, zu welcher sich die Geschehnisse in der WirtschaftZum Spohrertor zugetragen haben sollen, wieder nach Berlin zu den Reichstags⸗ verhandlungen abgereist. Als Urheber der gemeinen und verleumderischen Notiz wurde dem Genossen Fulda der Journalist Hannemann, Vertreter der Wormser Zeitung in Darmstadt, also Soldknappe des Freiherrn v. Heyl, genannt. Es ist das dieselbe trübe Quelle, die den Sozial⸗ demokraten während des Wahlkampfes die Ver⸗ breitung gefälschter Stimmzettel, auf Theobald Stein lautend, imputierte, ohne bis jetzt den Beweis dafür erbracht zu haben. Die am Samstag in Darmstabdt abgehaltene Partei⸗ versammlung beschäftigte sick eingehend mit den niederträchtigen Machinationen und wurde die während des Wahlkampfes tätige Redaktions⸗ kommission beauftragt, geeignete Schritte zur Abwehr zu unternehmen.

Das ist dievornehme Kampfesweise der Gegner! Diese gemeine Verleumdung ist von demselben Kaliber, wie die s. Zt. von dem Offenbacher Amtsblatt und dem Gießener An⸗ zeiger gegen den Stadtverordneten Genossen Schmidt vorgebrachte, dem man einen Feld⸗ diebstahl andichten wollte. Der Gießener An⸗ zeiger hat die Schmutzerei bis heute noch nicht widerrufen.

Noch ein Bündler in den Land⸗ tag. Bei der Ersatzwahl im Kreise Wörrstadt, die infolge der Ungültigkeitserklärung des Frei⸗ sinnigen Christ am Mittwoch stattgefunden hat, brachten die Bündler die Mehrheit der Wahl⸗ männer durch. Christ hat jetzt im Ganzen nur 15 Wahlmänner, während der Bündler Wolf über 17 verfügt. Letzterer wird also gewählt werden. Zwischen Beiden wird übri⸗ gens nicht viel Unterschied sein.

Gießener Angelegenheiten.

Fröhliche Pfingsten wünschen wir allen unsern Lesern! Wir wissen wohl, daß dteser Wunsch für die große Mehrzahl ein frommer bleiben muß, zwingen doch die heutigen Lebensmittelpreise den Arbeiter zu den größten Einschränkungen und es bleibt ihm für Festtags⸗Aufwendungen nichts übrig. Aber wir können uns auch ein billiges und doch schönes Vergnügen verschaffen, wenn wir das Waldfest der Turner und Sänger am zweiten Feiertag besuchen, für das vom Komitee Aufwendungen aller Art gemacht worden sind, um alle Teilnehmer zufrieden zu stellen. Wir verweisen auf das Inserat.

Aus der letzten Stadtverord⸗ netensitzung, die am Freitag stattfand, sei einiges Interessante notiert. Eine längere Debatte verursachte eine Eingabe der Anwohner an den Eichgärten, die um Anschluß an die städtische Wasserleitung ersuchen. Die Wasser⸗ deputation beantragte Ablehnung, weil die betr. Grundstücke außerhalb des Bebauungsplanes liegen. Nachdem sich mehrere Stadtverordnete für möglichstes Entgegenkommen ausgesprochen hatten, wird die Angelegenheit nochmals an die Deputation zurückverwiesen. Nicht weniger als 43000 Mark werden für ein Kabel ver⸗ langt, zum Anschluß des Theaters an das Elektrizitätswerk. Dagegen sträubten sich mit Recht nicht bloß die Haare, sondern auch ver⸗ schiedene Stadtväter. Vom Oberbürgermeister wurde dargelegt, daß für das Theater ein Extrakabel nötig sei, weil beim Anschluß an das allgemeine Kabelnetz die Lichtstärke bei plötzlichen Ein⸗ und Ausschaltungen erheblich schwanken würde. Mehreren Rednern will das nicht einleuchten doch wird nach längerer Debatte die obige Summe bewilligt. Das Jugendfest verursachte auch eine längere Auseinandersetzung, die mit einem unerwarteten Resultat endete. Der Schulvorstand hatte sich gegen die Abhaltung eines solchen Festes in diesem Jahre ausgesprochen, weil andere größere Feste abgehalten würden. Fünf Redner sprachen sich teilweise mit merkwürdigen Gründen dagegen aus. Herr Jann sagte z. B., die Kinder seien 4 Wochen vorher und ebensolange nachher in Aufregung. Dazu schüttelten denn doch einige die Köpfe. Krumm meinte hier⸗ auf, er sei stets für das Jugendfest gewesen, es sei aber längst kein allgemeines Fest mehr, die besseren Kreise wollten mit dem gewöhnlichen Volke kein Fest feiern. Die sozialen Gegensätze treten immer mehr zu tage. Sollte aber kein Jugendfest zu stande kommen, dann werde er mit seinen Freunden den Kindern ein solches bereiten. Diese Ausführungen veranlaßten den Oberbürgermeister, sich für das Fest ins Zeug zu legen. Mit großem Pathos erklärte er, daß das Fest bisher ein allgemeines gewesen sei. Lassen wir es uns nicht aus der Hand nehmen, sonst wird's das Fest einer politischen Partei! Und jetzt wurde das Fest fast einstimmig be⸗ schlossen; es stimmten sogar alle diejenigen da⸗ für, welche vorher dagegen gesprocheu hatten, aus Furcht vor der Sozialdemokratie! Krumm hatte erreicht, was er eigentlich wollte und die Kinder bekommen ihr Fest. Eine Anzahl Arbeiter, die an den Fundamenttrungsarbeiten des Theater⸗Neubaues gearbeitet haben, ersuchen um Gewährung einer Entschädigung, weil diese Arbeit besonders schwer war, die leichtere Ar- beit am Oberbau aber ein anderer Unternehmer ausführt. Das Gesuch wird abgelehnt. Krumm bemerkte dazu ganz richtig, daß die Arbeiter sich für ihre Arbeit ordentlich bezahlen lassen nicht aber Geschenke annehmen sollten.

Die kapitalistische Gewaltpolitik, wie sie von den Unternehmerverbänden gegenüber den Arbeitern getrieben wird, findet auch in Gießen Nachahmer, wo bisher diese Praktikeu verabscheut wurden. Herr Schaff⸗ staedt hat auf diesen Samstag 38 Metallarbeiter gekündigt. Damit folgt der Freisinnsmann und Stadtvater dem Kommando der Berliner Scharfmacher; er wirft ohne jeden Grund mehr als die Hälfte seiner Arbeiter die keinerlei Forderungen gestellt hatten einfach aufs Pflaster. Und diese Arbeiter machten schon seit 9 Wochen täglich zwei Ueber⸗ stunden, damit die Firma ihre Aufträge erledigen konnte! Ist eine unerhörtere Handlungsweise denkbar?

Die Arbeiter mögen daraus die nötige Lehre ziehen, auch wenn es jetzt nicht zur Aussperrung kommen sollte.

Herr Gall tut Aehnliches. Er maßregelte mehrere Tabakarbeiter, die dem Verbande angehörten. Deren Kollegen erklärten sich aber mit ihnen solldarisch und legten die Arbeit nieder. Mit diesen Dingen beschäftigte sich eine am Donnerstag stattgefundene Ver⸗ sammlung, die das Vorgehen der genannten Unternehmer entschieden verurteilte. Die Versammlung beschloß fol⸗ gende Resolution:

Da es zweifellos feststeht, daß die Tabak⸗ und Zigarrenfabriken G. Ph. Gail in Gießen und Daniel Haas in Heuchelheim,(Sitz der Firma in Dillenburg) Arbeiter und Arbeiterinnen wegen ihrer Zugehörigkeit zu ihrer Organisation entlassen haben, beschließt die heute am 31. Mai in Gießen tagende Gewerkschafts⸗ Versammlung, die Arbeiterschaft Deutschl ands zu ersuchen, solange die Fabrikate der beiden Firmen nicht zu konsumieren, bis die gemaßregelten Arbeiter und Arbeiterinnen wieder eingestellt werden.

Alle Arbeiterzeitungen werden um Abdruck der Reso⸗ lution ersucht.

Die Ortskrankenkasse hält Sonn⸗ tag, den 10. Juni, vormittags 10 Uhr, ihre Generalversammlung imPostkeller ab. Auf der Tagesordnung steht als erster Punkt Rechnungsablage; als zweiter ein Vortrag des Vorsitzenden der Frankfurter Ortskrankenkasse Eduard Gräf über dieErrichtung eines städtischen Krankenhauses. An dritter Stelle soll über die Generalversammlung der freien Vereinigung hesstscher Krankenkassen, die am Sonntag vor acht Tagen in Nauheim statt⸗ gefunden hat, berichtet werden. Die interessante und reichhaltige Tagesordnung wird hoffentlich bewirken, daß sich die Generalversammlungs⸗ vertreter recht zahlreich einfinden.

o- Einen Turngang, der allen Teil⸗ nehmern wohl in steter Erinnerung bleiben wird, veranstalteten am eee die Vereine des dritten Bezirks vom Kreis 9 des Arbeiter- Turnerbundes. Ein herrlicher Matenmorgen, der wohl jeden Naturfreund in's Freie lockte, begünstigte diesen Ausflug und so konnte es denn nicht Wunder nehmen, daß die Brudervereine von Gießen, Staufenberg, Alten⸗ Buseck, Launsbach und Heuchelheim in sehr stattlicher Zahl in Lollar zusammentrafen. Von hier aus wurde bei klingendem Spiel und frohem Sang der Marsch nach Marburg angetreten, und wohl mancher Turngenosse, der nur mit Mühe davon abzuhalten war, den Weg mit dem Dampfroß zurückzulegen, dürfte zu der Ein⸗ sicht gekommen sein, daß es sich im Kreise frohbevegter, zu allerhand launigen Streichen aufgelegter Menschenkinder ganz gut per pedes

reisen läßt, selbst wenn die Terrainverhältnisse

nicht geringe Anforderungen an den Einzelnen stellen. Unweit des Dorfes Sichertshausen stieß die in heiterster Stimmung befindliche Karawaue auf die Marburger Turngenossen, welche uns nach Niederweimar begleiteten, allwo die erschlaffenden Lebensgeister wieder aufge⸗ frischt wurden. Von hier gings teils durch herrlichen Buchen, teils durch Fichtenwald nach der Dreiersquelle. Eine dort uns erwartende Mustkkapelle setzte sich mit dem Troumlerkorps an die Teéte und brachte den inzwischen auf über 200 Personen angewachsenen Zug über Ockershausen nach Marburg zum Restaurant Hildemann. Am Nachmittag fand ein Festzug durch Marburg statt, dem sich Konzert, Schau⸗ turnen und Tanz im Hildemann'schen Garten anschloß. Kein Wermuthstropfen fiel in den Becher reiner, ungetrübter Festesfreude und man hatte das Bewußtsein, einen herrlichen Tag verlebt und der Marburger Einwohner⸗ schaft ein imposantes Bild von der auch bei uns im Vormarsch begriffenen Arbeiterturnbe⸗ wegung geliefert zu haben. f

Aus dem RAreise gießen.

Aus Ober⸗Ohmen. Herr Lehrer Schwanz beabsichtigt unsern Ort zu verlassen. Wir bedauern das sehr, denn Herr Schwarz war sowohl wegen seiner persönlichen Eigenschaften geschätzt und geachtet. Er be⸗ handelte das Kind des Arbeiters ebensogut, als das des Bestgestellten in der Gemeinde waz ja eigentlich selbste verständlich ist, nicht aber immer zutrifft und deshalb anerkannt werden muß. Im Uebrigen kümmerte er sich nicht um die Dorfpolitik und die Vereinsgeschichten, wo⸗