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Seite 6.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 35.
Die e eee im Jahre 1905. II.
Die Jahreseinnahme in den 63 Verbänden betrug 1905 insgesamt 27812257 Mark. Die höchsten Einnahmeziffern weisen folgende Verbände auf: Metallarbeiter 5 357728 Mark, Holzarbeiter 3245075 Mark, Maurer 3126826 Mark, Buchdrucker 2407770 Mark, Bergarbeiter 1265557 Mk., Zimmerer 1093 293 Mark, Bauhülfsarbeiter 1017124 Mark, Fabrik⸗ arbeiter 916 230 Mark, Textilarbeiter 785 670 Mark, Handels- und Transportarbeiter 773 530 Mark, Maler 633 195 Mark, Tabakarbeiter 600 129 Mark, Lithographen 543866 Mark, Schuhmacher 521540 Mark, Brauereiarbeiter 436 278 Mark, Schneider 369 672 Mark ꝛc.
Wie enorm die Steigerung der Einnahmen, sowohl absolut, als auch pro Kopf der Mtt⸗ glieder berechnet, in den Gewerkschaften ist, ergibt sich deutlich bei dem Vergleich der Ein⸗ nahmen der einzelnen Verbände für mehrere Jahre. Durch einen solchen Vergleich wird auch unzweifelhaft nachgewiesen, daß die früher oft aufgestellte Behauptung, durch Erhöhung
der Beiträge seien Mitglieder vberluste zu erwarten
und die Unorganisierten würden vom Beitritt zu den Verbanden ferngehalten, eine böllig irrige ist.
Die Jahresausgabe stellte sich im Jahre 1905 in den 64 Verbänden, die der General⸗ kommission angeschlossen sind, auf 25024 234 Mark. Im Jahre 1891 hatten die 47 Verbände, die Berichte erstatteten, eine Ausgabe von 1606534 Mk. und im Jahre 1900 hatten die 58 Verbände, von denen Bericht vorlag, eine Ausgabe von 8 088 021 Mk. In der Zeit von 1891 bis einschließlich 1905 vorausgabten die Verbände 111 197 616 Mk. Von dieser Summe entfielen auf Rechtsschutz-Unterstützungen und das Verbandsorgan 43 113 494 Mk., und zwar wurden in dem genannten Zeitraum ver⸗ ausgabt für: Rechts schutz 1 128 907 Mk., Ge⸗ maßregeltenunterstützung 2 317 911 Mk., Reise⸗ unterstützung 6 455 889 Mk., Arbeitslosenunter⸗ stützung 10 356 261 Mk., Krankenunterstützung 9717266 Mk., Invalidenunterstützung 1395015 Mark, Beihilfe in Not- und Sterbefaͤllen 2 853 797 Mark, zusammen 34 225 146 Mk. Damit ist die überaus segensreiche Tätigkeit der Gewerkschaften erwiesen. Jedoch haben sie sich nicht etwa damit begnügt, die Mitglieder in Notfällen exlstenz⸗ fähig zu erhalten, sondern sie haben mit aller Euergie dahin gewirkt, für die Arbeiterschaft eine bessere Lebenshaltung zu erringeu. Das be⸗ weisen die enormen Auf wendungen für die Streiks und Aussperrungen. Von 1891 bis einschließlich 1905 wurden hierfür 33 120 243 Mk. verausgabt. Daß die gewerk⸗ schaftlichen Centralverbände in den letzten Jahren, wie vielfach behauptet wird, den Kaͤmpfen aus dem Wege gehen, wird widerlegt durch die Steigerung der Ausgaben für Streiks und Aussperrungen. Diese betrugen von 1892 bis 1897 unter 1 Million Mark pro Jahr, stiegen allmählig und betrugen im Jahre 1903 4½, 1904 fast 6 und 1905 9/ Millionen Mark. Diese Zahlen beweisen, wie wenig die Gewerk⸗ schaften, trotz Ausbau der Unterstützungsein⸗ richtungen, ihre wichtigste Aufgabe, den Kampf um 1 5 Lohn- und Arbeits bedingungen hinten⸗ ansetzen.
Die Ausgaben für die einzelnen Zweige gewerkschaftlicher Tätigkeit im letzten Jahre zeigt die folgende Aufstellung:
Es verausgabten im Jahre 1905 für:
Organisationen Verbandsorgan 64 1415397 Mk. e e, eee ee 64 1305132 Streiks im Beruͥf 55 9149708„ Streiks in anderen Berufen 62 524386„ Rechts schut z 57 311239„ Gemaßregeltenunterstützung. 47 486765„ Reiseunterstützun g 44 712820„ Arbeitslosenunterstützung 41 1091924„ Krankenunterstützung 38 1920 699„ Invalidenunterstützung 7 273 960„ Beihilfe in Sterbefälle 41 328 676„ Beihilfe in Notfällen 42 296128„ Umzugskosten 39 175451„
Organisationen Stellenvermittelung 14 129986 Mk. ee, 27 7258 Sonstige Zwecke 61 1037745„ Konferenzen und General⸗
versammlungen. 56 312 798„ Beitrag an die General⸗
kommission 62 182449„ Beitrag an Kartell
Sekretariate 38 224984„ Prozeßkosten 19 8920„ Gehälter 63 466 856„
Verwaltungs material 53 542064„
An Kassenbestand verblieben den Verbänden am Schlusse des Berichtjahres 19 635850 Mark, gegen 16 109 903 Mark am Schlusse des Jahres 1904. Im Jahre 1891 hatten die gesamten Verbände nur 425 845 Mark Kassenbestand, der sich im Jahre 1900 bereits auf 7745902 Mark erhöht hatte. Von dem Bestand am Schlusse des Jahres 1905 ent⸗ fallen auf den Verband der: Buchdrucker 4940 149 Mk., Maurer 2732467 Mk., Metall⸗ arbeiter 2177198 Mk., Holzarbeiter 1840 987 Mark, Bergarbeiter 1226445 Mk., Zimmerer 919 169 Mk.
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So ziales.
Der 9. Schneider⸗Verbandstag hat im Gewerkschartshause in Berlin stattge⸗ funden. Er war von 79 Delegierten be⸗ schickt; als Vorstandsvertreter nehmen Stühmer und Käming teil und für die Fachzeitung ist Sabbath⸗Berlin anwesend. Stüh mer erstattet den Vorstandsbericht, in dem er stch besonders über die Einführung der Arbeits losen⸗ Unterstützung verbreitete, von der er sagen müsse, daß sie nach dem vorliegenden Matertal nicht durchführbar sei. Auch dürfte jetzt die richtige Zeit nicht für die Einführung sein, weil augenblicklich nicht Mittel genug für ein derartiges Experiment vorhanden seien. Der Aufstellung von einheitlichen Lohntarifen für ganz Deutschland stellen sich ungeheure Schwierigkeiten entgegen, wodurch selbst Be⸗ sprechungen dieser Art mit dem Unternehmer⸗ verband unmöglich seien. Der Haupterfolg des Verbandes in der letzten Geschäftsperiode sei hauptsächlich in der Zurückweisung des rigorosen Vorgehens der Unternehmerorganisatton zu sehen. Aus dem Geschäftsbericht ist folgendes bemer⸗ kenswert: Der Mitgliederbestand betrug am Schlusse des ersten Quartals 30 300 männliche, 3312 weibliche. Die Kassenverhältnisse stellen sich wie folgt. An Einnahmen vom 1. April 1904 bis 1. April 1906 803 868,96 Mk., Aus⸗ gaben 732 278,35 Mk. Verausgabt wurden für Streik- und Gemaßregelten⸗Unterstützung 290923 Mark 12 Pfg., für Reise⸗ und Kranken⸗Unter⸗ stützung 98 939,24 Mk., für Agitation 50504 Mark 22 Pfg. Lohn bewegungen ohne Streiks fanden im Jahre 1905 23 statt, die sämtlich erfolgreich waren, mit Streiks 13, da⸗ von mit Erfolg 12; im Jahre 1906 war das Verhältnis 38 und 17. Das Jahr 1905 war für den Verband ein Kampfjahr wie kein zweites. Der Arbeitgeberverband wollte die Organisation sprengen und sperrte deshalb die Kollegen in 18 Städten aus. Zur Abwehr traten diese in 46 Städten in den Generalstreik, mit dem Erfolg, daß der berüchtigte Revers, der die Arbeiter ehrlos machen sollte, von dem Arbeit⸗ geberverbande zurückgezogen wurde.— Auf die hauptsächlichsten Beschlüsse des Verbandstages werden wir gelegentlich noch zurückkommen.
Die Steuerleistung der Konsumver⸗ eine. Das Märchen von der„Steuerfrei⸗ heit“ der Konsumvereine, das die Mittelständler als eine der hauptsächlichsten Waffen gegen die ihnen verhaßten Konsumentenorganisationen aus⸗ spielen, erhält eine recht drastische Widerlegung durch den letzten Halbjahrsbericht des Allge⸗ meinen Stuttgarter Konsumvereins, der im verflossenen Geschäftshalbjahr 7260 7,73 Mk. an Steuern und Abgaben zu entrichten hatte. Ob die Krämer und sonstigen Händler, die durch den Konsumverein angeblich ausge⸗ schaltet sind, wohl so viel Steuern gezahlt hättense
E Die Mönche. Von A. Tschechow. (Schluß.)
Einen ganzen Monat verbrachten sie in Langeweile, dann einen zweiten, der Alte kam immer nicht. Endlich, nach dem dritten Monat, hörten die Mönche das bekannte Klopfen seines Stabes. Die Mönche stürzten ihm entgegen und überhäuften ihn mit Fragen, aber anstatt sich des Wiedersehens zu freuen, weinte der Prior bitterlich und sprach kein Wort. Die Mönche bemerkten, daß er sehr gealtert war; sein Antlitz war müde und drückte tiefen Gram aus, und als er zu weinen anfing, sah er aus,
wie ein Mensch, den man beleidigt hatte.
Die Mönche fingen auch an, zu weinen und fragten ihn teilnahmsvoll, warum er weine, warum sein Gesicht so finster set; er aber sprach kein Wort und schloß sich in seiner Klause ein. Sieben Tage verbrachte er dort, nahm weder Speise noch Trank zu sich, spielte bloß Orgel und weinte. Das Klopfen an seine Tür und die Bitten der Mönche, herauszukommen und seinen Schmerz mit ihnen zu teilen, beantwortete er nur mit tiefem Schweigen.
Endlich kam er heraus. Er versammelte die Mönche um sich, und mit verweintem An⸗ gesicht, mit einem Ausdruck tiefsten Grams und tiefster Empörung hub er an, zu erzählen, was er die letzten drei Monate erlebt hatte. Seine Stimme klang ruhig und seine Augen lächelten, während er seine Wanderung vom Kloster in die Stadt beschrieb. Unterwegs, erzählte er, sangen ihm Vögel, rieselten Bäche, und süße, junge Hoffnungen bewegten seine Seele, er ging und in seinem Herzen war ein Gefühl wie in einem Soldaten, der in den Kampf geht und des Sieges sicher ist; in Träume versunken, schritt er vorwärts und dichtete Verse und Hymnen und bemerkte nicht, wie er am Ziele angelangt war.
Aber seine Stimme bebte, seine Augen sprühten Funken, der Zorn k erfüllte sein ganzes Wesen, als er von der Stadt und den Menschen zu reden anfing. Nie hat er Aehnliches gesehen, ja sich vorzustellen gewagt, als das, was ihm in der Stadt begegnete. Erst hier erkannte er zum ersten Male in seinem ganzen Leben, in seinen alten Tagen, wie stark der Teufel, wie verführerisch das Laster, wie schwach und wie nichtig die Menschen sind. Ein unglücklicher Zufall wollte, daß das erste Haus, in welches er eintrat, ein Hurenhaus war. An fünfzig reiche Menschen, die Gold in Ueberfluß hatten, aßen und tranken unmäßig. Vom Weine be⸗ rauscht, sangen sie Lieder und sprachen dreist abscheuliche Worte, die ein gottesfürchtiger Mensch nie auszureden wagt, grenzenlos frei, mutig und glücklich, fürchteten sie weder Gott noch Teufel, noch den Tod, sondern sprachen und taten alles, was sie wollten, und gingen, wohin ihre Lüsternheit sie trieb. Und der Wein, rein wie Bernstein und goldfunkelnd, war gewiß ungemein süß und duftend, da jeder, der davon trank, selig lächelte und wiederum trank. Auf das Lächeln der Menschen antwortete der Wein auch mit einem Lächeln, und, als man ihn trank, funkelte er freudig, als wenn er wüßte, was für einen teuflischen Reiz seine Süßigkeit in sich birgt. g
Immer mehr zornerfüllt und weinend vor Empörung fuhr der Greis fort, das Geschehene zu beschreiben. Auf dem Tisch vor den Zechern, sprach er, stand ein halbnacktes Weib. Man kann schwerlich sich etwas Schöneres und Ver⸗ führerisches denken oder finden. Dieses verab⸗ scheuungswürdige Wesen, schamlos und dreist, jung, langhaarig, mit schwarzen Augen und roten Lippen, fletschte ihre weißen, blitzenden Zähne und lächelte, als ob ste sagen wollte:
„Schaut, wie schön, wie dreist ich bin!“ Ihr
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