Ausgabe 
2.9.1906
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗ Zeitung!

Nr. 35.

schönheiten bieten könne, daß aber Mühlheim gewissermaßen ein historischer Boden der Sozial⸗ demokratie sei. Schon in den 60er Jahren habe hier der Allgemeine Deutsche Arbeiter⸗ verein Wurzel gefaßt. Zwar gingen diese An⸗ fänge während des Sozialistengesetzes wieder zu Grunde, doch steht jetzt unsere Partei in Mühlheim stark und gefestigt da; mehr als 700 Genossen über die Hälfte der Wahl⸗ berechtigten gehören der sozialdemokratischen Organisation an, im Gemeinderate besitzt die Sozialdemokratie die Mehrheit. Redner schildert im Weiteren die Wahlkämpfe in der Gemeinde, wobei auf Seite der Gegner mit genau den⸗ selben schoflen Mitteln gearbeitet wurde, wie anderwärts. Und jetzt wird unser Beigeordneter Zahn nicht bestätigt, weil er, wie der Offen⸗ bacher Kreisrat sagte, bei einem Volksaufstande die Polizeigewalt zu Gunsten des Aufstandes anwenden würde! Wir werden aber der Re⸗ gierung unsernZahn immer wieder zeigen! schloß Redner unter Beifall.

Nach erfolgter Bureauwahl, in der Ulrich und Kluge als Vorsitzende und Friedrich⸗ Darmstadt als Schriftführer bestimmt wird, erstattet Ulrich den Bericht des Landes⸗ komitees. Er verweist auf den(von uns ebenfalls veröffentlichten) gedruckten Bericht und bemerkt, daß im verflossenen Jahre sich unsere Organisation recht gut entwickelt habe, was zum guten Teil der Einrichtung des Partei⸗ sekretariats zuzuschreiben sei.

Dr. David geht in seinem Bericht als Sekretär zunächst auf die Beschwerde ein, die vom Friedberger Kreise wegen des zu späten Erscheinens des Landtagswahl⸗Flugblattes er⸗ hoben wurde. Das Flugblatt konnte nicht eher erscheinen, als der Landtag geschlossen war, dann sei es aber sofort herausgekommen. Uebrigens dürfe man sich doch nicht allein auf die Flugblätter verlassen. Die Wahlrechts⸗ vorlage solle zwar wieder eingebracht werden, trotzd m müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, daß wir auch noch zur nächsten Landtagswahl indtrekt wählen, ein Grund mehr zu immer⸗ währender energischer Arbeit! Besonders müsse für Verbreitung der Presse gesorgt werden. Redner bespricht weiter die statistischen Auf⸗ stellungen über die Stärke der einzelnen Wahl⸗ vereine. Er stellt ferner in Aussicht, daß er demnächst in Offenbach, Mainz und Gießen Ausbildungskurse für Redner abhalten wolle. Es sei kein Zweifel, daß der nächste Reichstags⸗ Wahlkampf an Schärfe alle seine Vorgänger übertreffen werde, die bürgerlichen Parteien werden verzweifelte Anstrengungen machen. Schließlich teilt er noch mit, daß er leider genötigt sei, das Amt als Sekretär niederzulegen, weil die Arbeitslast zusammen mit den Reichs⸗ und Landtagsmandaten zu groß für ihn sei.

Kasstierer Orb weist auf die gedruckt vor⸗ liegende Abrechnung hin, der er noch hinzufügen wolle, daß 2500 Mk. an die Parteikasse in der Ausgabe enthalten seien. Die Opferwilligkeit unserer hessischen Parteigenossen sei wohl anzu⸗ erkennen, doch reiche sie noch lange nicht an die der Berliner und norddeutschen Genossen heran. Mehrfach sei der Wunsch geäußert worden, Kreisleiter anzustellen; das Landeskomitee sei bereit, dafür Mittel zu bewilligen.

In der Debatte beschwert sich Busold⸗ Friedberg, daß kein Maifeier⸗Flugblatt erschienen sei. Man hätte auch vom Protokoll der Alzeyer Konferenz wenigstens einen Auszug herausgeben können. Bei der Landtagswahl habe der Vorstand versagt; das Wahlflugblatt sei viel zu spät herausgekommen. Fröhder⸗ Mainz wendet sich dagegen, daß der Bericht in Bezug auf die Frankfurter Parteigenossen von Großmannssüchtigen rede. Außerdem bringen Götz⸗Darmstadt, Engelmann ⸗Worms, Grze⸗ stnski und Eißnert⸗ Offenbach noch mehrere Beschwerden und Wünsche vor, auf die Ulrich antwortet. Er erklärt, wie schon David, daß das Wahlflugblatt gar nicht eher herauskommen konnte. Im Weiteren wendet er sich gegen die erhobenen Vorwürfe. Das Gleiche tut Dr.

David bezüglich seines Verhaltens bei der Darmstädter Nachwahl, über welch' letztere sich noch mehrere Redner äußern, worauf Schluß der Debatte erfolgt. Dem Landeskassterer wird

Entlastung erteilt; ferner wird beschlossen, die noch vorhandenen Exemplare des Handbuches an die Parteigenossen unentgeltlich abzugeben

und weiter ein Maifeier⸗Flugblatt zum 1. Mai herauszugeben. Hierauf Schluß der Sitzung.

Am Sountag früh berichtet Ulrich über die Verhandlungen bezüglich der Presse und bemerkt, daß ein tägliches Organ für Oberhessen in Gießen erscheinen solle. Die Wünsche Darm⸗ stadts wegen eines Tageblattes seien ebenfalls berechtigt, doch mit Errichtung eiuer eigenen Druckerei müsse man vorsichtig sein. Die von den Friedbergern gewünschte Verschmelzung der hessischen Blätter sei unmöglich; heute gehe die Entwickelung der Presse auf eine gesunde Dezen⸗ tralisation. Er ersucht, den Antrag des Landes⸗ komitees anzunehmen. Busold meint, ein Gießener Blatt sei eintotgeborenes Kind, ohne indeß wettere Gründe für seine Befürch⸗ tungen vorzubringen. Eine Reihe Redner treten für ein tägliches Blatt in Darmstadt ein. Vetters und Eißnert treten für Annahme des Antrags des Landeskomitees ein, der gegen wenige Stimmen angenommen wird.

Ueber den Parteitag in Mannheim referiert Dr. David. Er schlägt folgende b vor, die einstimmig angenommen wird:

In der Erwägung, daß zur Anwendung und er⸗ folgreichen Durchführung eines politischen Massenstreiks, die Mitwirkung der Gewerkschaften ganz unentbehrlich ist, spricht die hessische Landeskonferenz die Erwartung aus, daß die Verhandlungen des Mannheimer Partei⸗ tags zu Beschlüssen führen möchten, die eine Verständigung mit den gewerkschaftlichen Organisationen erleichtern.

Um für die Zukunft in allen die Partei und die Gewerkschaften berührenden Fragen von vorn herein Gegensätze möglichst auszugleichen und ein einheitliches Handeln zu sichern, hält es die Landeskonferenz für notwendig, daß eine ständige Verbindung zwischen den obersten Leitungen von Partei und Gewerkschaften her⸗ gestellt wird.

Ueber das Referat Davids und die weiteren Verhandlungen berichten wir in nächste Nummer.

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Pon Nah und bern

Gießener Angelegenheiten.

Alles wird teurer! Die Preise für Seife sollen demnächst auch erhöht werden. Verschiedene Versammlungen der Seifenfabri⸗ kanten des Bezirks Frankfurt, Gießen ꝛc. haben sich bereits mit der Frage befaßt. Die Erhöhung der Preise wird mit den immerwährenden Preis⸗ steigerungen der Rohmaterialien(Fett, Oel ꝛc.) begründet, die die hohen Viehpreise nach sich ztehen. Für den Arbeiterhaushalt bedeutet die Verteuerung eines so wichtigen Bedarfsartikels, wie die Seife es ist, natürlich eine weitere Belastung, die noch zu dem Lebensmittelwucher hinzukommt.

Gegen die Art der Arbeits⸗ vergebung bei dem Neubau der höheren Mädchenschule beschwert sich lebhaft die Gießener Schretnerinnung. Sie wendet sich da⸗ gegen, daß die Arbeiten nach auswärts vergeben wurden. Wir sind allerdings auch dafür, daß die Arbeiten am Platze blieben, wenn nicht etwa übertriebene Forderungen gestellt werden. Auch die Weißbinder⸗Innung liest ihrem Kollegen Nikolaus in einer großen Erklärung den Text und wirft ihm Unterbietung vor. In Bezug auf die Arbeiterbehandlung bei Herrn gehör. haben wir bisher Nachtekliges nicht

ehört. n 9 Bündlerische Preß gründung. Das Blatt des Herrn Hirschel, die antisemitischeVolkswacht, soll, wie berichtet wird, vom 1. Januar 1907 ab täglich erscheinen. Der Verlag wird in eine Aktiengesellschaft mit 120 000 Mark Kapital umgewandelt. Als Direktor soll Hirschel an die Spitze des Unternehmens gestellt werden. Bezeichnenderweise beteiligen sich dieNational⸗ liberalen Graf Orkola und v Heyl zu Herrnsheim mit je 10 000 Mk. an dem Unternehmen. Außerdem habe Baumaterialienhändler Ullrich dazu 15 000 Mk. gegeben, der hat also noch mehr übrig, als der 30 fache Millionär Heyl. Eine nette Geschichte übrigens! Die national⸗ liberalen Führer geben Geld für ein antisemitisch⸗ bündlerisches Blatt! Aber wir geben gerne zu, daß der Lederkönig und das Gräflein beide keinen Schimmer mehr vonliberal haben und mehr der antisemitisch⸗

konservativen Richtung zuneigen. Immerhin gehören sie doch noch zu den offiziell anerkannten Führern der Nationalliberalen! Wenn die Bauern jetzt noch nicht einsehen, daß sie vomBauernfängerbund wie ihn Hirschel einst nannte an der Nase herum geführt werden, so ist ihnen nicht mehr zu helfen. Der Bauern⸗ leger Heyl kauft sich das Preßorgan des Bauernbundes! Das ist genau so, als wenn Schafe den Wolf zu ihrem Hirten wählen!

r. Der Streik in der Gail'schen Dampfziegelei dauert noch fort. Die Streikenden haben diese Woche das Gewerbe⸗ gericht als Einigungsamt angerufen, worauf Herr Gail erklärt hat, daß er zu Verhandlungen bereit sei, doch müsse die Sache bis Mitte September anstehen, weil die betreffenden Be⸗ amten seines Werkes bis dahin von Gießen abwesend seien. Der Streik dauert jetzt schon 7 Wochen; daher erscheint seine baldige Bei⸗ legung im Interesse beider Teile wünschenswert. Von Seiten der Arbeiter wurde auch kein Mittel zur Einigung unversucht gelassen. Wir meinen, es wäre Herrn Gail jetzt schon möglich, ohne daß sein Betriebsleiter Wagenschein dabei wäre, die bescheidenen Forderungen seiner Arbeiter zu bewilligen, denn wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. An den Streikenden liegt es nun immer noch, daß sie ihre bisherige musterhafte Haltung bewahren und dafür sorgen, daß keine weiteren Streikbrecher zu verzeichnen sind. Dann wird auch dieser Lohnkampf einen Erfolg für die Arbeiter zeitigen.

Auf die Lassallefeier, welche die Gießener Genossen diesen Sonntag in Klein⸗Linden, im Lokale des Gastwirts B. Hinterlang veranstalten, sei nochmals aufmerksam gemacht. Die Parteigenossen wollen sich recht zahlreich beteiligen.

Die Mitglieder sowie Freunde derFreien Turnerschaft werden darauf aufmerksam gemacht, daß diese in ihrem Vereins okale imPfau(Neustadt) Samstag, den 1. September, einen gemütlichen Herrenabend veranstaltet. Für reiche Unterhaltung ist bestens gesorgt. Wer also einige vergnügte Stunden verleben will, der benutze diese Gelegenheit. Anfang 1/9 Uhr.

Aus dem Rreise gießen.

r. Alten⸗Buseck. Nach dem Beschluß der Be⸗ zirkskonferenz in Trohe sollte die Berichterstattung von der Landeskonferenz vierzehn Tage nach der Konferenz stat tfinden. Der Umstand aber, daß dieser Sonntag als auch der folgende uns für diesen Zweck sehr ungünstig erscheinen, veranlaßt uns, die Versammlung auf Sonntag, den 2. September, einzuberufen. Wir bitten die Partei⸗ genossen, die Tagesordnung unter Parteinachrichten nach⸗ zulesen und für einen recht zahlreichen Besuch Sorge zu tragen.

Niederlage Köhlers. Die Bürgermeister⸗ wahl in Langsdorf am Samstag hat zu einer ver⸗ nichtenden Niederlage Philipp Köhlers geführt. Er er⸗ hielt nur 55 Stimmen, während sein Gegenkandidat, der Beigeordnete Schiel, 128 Stimmen aufbrachte. So hat ihm also sein e Beschwörung der altgermanischen Götter für seine Wahl nichts genützt. Ob etwas Besseres nachgekommen ist, fragt sich allerdings noch sehr, von vernünftiger Kommunalpolitik ist wohl eher bei Köhler, als bei seinem Nachfolger die Rede. Denn Köhler soll sich, wie wir hören, immerhin Mühe gegeben haben, die Gemeinde in modernem Sinne zu leiten und vorwärts zu bringen.

Eine anttsemitische Dreckseele schüttete in dem Friedberger Bündlerblatte einige Schmutzkübel über die Streikenden der Gail'schen Fabrik aus. Der Bursche will, daß seine niedrige Gesinnung der Oeffent⸗ lichkeit nicht vorenthalten bleibe und spricht zum Schluß die Hoffnung aus, daß sich dasSozzenblatt in Gießen damit beschäftige. Damit hat er eigentlich recht, seine verlogenen Gemeinheiten gehören in der Tat nledriger gehängt. Der Bursche lügt unter anderen Folgendes: Der Hauptzweck des Streikes war nicht die Forderung nach höherem Taglohn, sondern, man wollte die Arbeiter in den Verband zwingen und dann mit dem Streik be⸗ weisen, was der Verband alles fertig brächte. Es standen bei diesem Streik kaum irgendwelche wirlschaft⸗ liche Fragen im Vordergrund, vielmehr war der Streik ein sozialdemokratisches Machwerk. Die Haupträdels⸗ führer auch dass cheele Großmaul und der kleine Gernegroß suchen zwar jetzt die Schuld an all dem Unglück, das sie über 150 Arbeiter gebracht haben, von sich abzuwälzen, aber die ganze Umgegend kennt die Brüder und Hetzer ganz genau. Jetzt steht der Winter vor der Türe und mancher möchte gern wieder an seinen schönen, sicheren und warmen Arbeitsplatz. Es ist ja schon eln sehr großer Tell der kleinen Bauern im Umkreis von Gleßen, nachdem sie das wahre Gesicht der Familien zerstörenden

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