Ausgabe 
1.7.1906
 
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Seite 6.

Mitteldentsche Sonntags⸗ Zeitung.

Nr. f 26. a 8

Sozialdemokratie und Frridenkerkum,

zugleich eine Betrachtung über das Wesen des Letzteren.

Von einem Freidenker.

(Fortsetzung.) Was macht die Arbeiter notwendiger Weise zu Freidenkern? Die kirchlichen Dogmen, in unauflöslichem Widerspruch stehend mit den Ergebnissen der Wissenschaft(Entwickelungs⸗ geschichte des Menschen und der Tiere, Gesetze der Physik und Chemie ꝛc.), die immer mehr zunehmende Knebelung der freien Forschung, die gewaltsame Unterbindung der Lehrfreiheit an den Universitäten durch die Reaktionäre, speziell die kirchlichen Behörden, die immer mehr zunehmende, eine Gefahr für das gesamte Deutsch⸗ tum bedingende Unterdrückung aller derjenigen Bestrebungen, die die Volksschule völlig aus den Vampyrarmen der Kirche und ihrer An⸗ hänger befreien wollen(vergleiche die Anträge des vor einigen Tagen in München abge⸗ haltenen Deutschen Lehrertages), ferner der für jeden Freidenker(die Meisten sind es!) höchst unsittliche Zwang zum Aufsagen der gesetzlich vorgeschriebenen Eidesformel und vieles Andere mehr alles das hat den denkenden Arbeiter auch nach der inneren Freiheit dürsten lassen, d. h. ihn zum Freidenker gemacht. Aber dadurch, daßReligion von Partei wegen als Privatsache gilt, ist jede intensive Be⸗ schäftigung auch mit religiösen Fragen anderer Art, sowie mit den für das Freidenkertum allgemein wichtigen Kulturerscheinungen un⸗ möglich. Man argumentiert so: Durch stärkere Beschäftigung mit solchen, mehr das Geistes⸗

und Gemütsleben berührenden Angelegenheiten

wird die eigentliche Arbeit, die Durchführung sozialer Forderungen, in den Hintergrund gedrängt. Ein anderer Grund aber, wes⸗ halb das Freidenkertum innerhalb der Arbeiter⸗ schaft keine posktive Pflege finden kann, ist viel wichtiger und auch ausschlaggebend. In die Erörterung religiöser Fragen will man nämlich gerade um des konfessionellen Friedens willen nicht eintreten.

Wo aber in aller Welt gibt es denn bei uns Freidenkern einen Glaubenssatz? So etwas ist unmöglich, denn der wahre Freidenker kennt ja, in scharfem Gegensatz zu dem Gläubigen, keinen Anfang und kein Ende der Welt. Ihm, dem Freidenker, ist Zeit und Raum unendlich laut dem tausendfach von der Natur selbst be⸗ wiesenen und von der Wissenschaft erkannten

Gesetz:Aus nichts wird nichts, und

was wird, das wird aus etwas Früherem, Anderem). Deshalb gibt es für den freien Denker keinen Gott und kein Gott ähnliche Wesen, deshalb aber auch kein Jenseits, d. h. keinen Raum hinter der Welt, eben wegen der unendlichen Ausdehnung des Weltenraumes. Der Freidenker bemüht sich, sein ganzes Leben aus eigener Kraft zu gestalten, ohne auch nur im Entferntesten an die Macht und Hilfe eines Gottes oder eines sonstigen außerweltlichen Wesens zu glauben. Das ist nicht so zu verstehen, als ob er innerlich bf auf sich selbst gestellt zu sein glaubte, völlig von der ihn umgebenden Welt losgelöst. Keineswegs! Denn auch er ist ein Glied des großen Ganzen, der Natur; seine Fähigkeiten und Kräfte, seine Vernunft und sein Gemüt stnd ihm zu einem großen Teile von den Vor⸗ fahren vererbt; ein anderer Teil seines Ichs hat hier auf Erden aus der ewigen Wechsel⸗ wirkung zwischen Mensch und Mensch(Handel und Verkehr, Wissenschaft und Kunst, Ehe und Erziehung ꝛc.) zwischen diesem und der Natur tausend Kräfte erworben, tausend Schöpf⸗ ungen zu den ihm geschenkten hinzugesellt. Aber gerade, indem er Beides, das Ererbte und Erworbene zweckmäßig, bewußt und vor allem selbständig vereinigt und benutzt, bildet er aus ihnen das Produkt, das ihm

) Vgl. auch den bedeutenden Aufsatz des Präsidenten des Deutschen Freidenkerbundes und Predigers der frei⸗ religibsen Gemeinde in Breslau, Gustav Tschirn: Uranfang und Endzweck der Welt in der Zeitschrift: Der Freidenker, Doppelnummer vom 1. Juni 1906.

allein eigentümlich ist, die Persönlichkeit. Sie dirigiert alle seine Taten, ihr Charakter gibt ihnen ihr Gepräge, niemals der Wink irgend eines Gottes oder eines sonstigen, außerhalb der Welt vorgestellten Wesens oder einer Heilsperson, z. B. Jesus Christus. Dem Freidenker sind diese Dinge fremd. So gelangt er zu dem Begriff und Gefühl der vollen Selbstverantwortung überall da, wo nicht ein übermächtiges Schicksal sich ihm entgegenstellt(Blitz, Erdbeben, gewisse Krank⸗ heiten usw.), während der Gläubige nur die schlechten Taten auf sich nimmt, und auch diese nicht einmal ganz, denn oft ist das Bhöse die Fügung Gottes, die guten Werke dagegen führt der Religiöse aufdie göttliche Vorsehung als auf ihre Urheberin zurück. Beim Freidenker also: sittliche Kraft, aus eigener Ueber⸗ legung erwachsen. Beim Gläubigen dagegen: Unterwerfung unter einenhöheren Willen auch in einfachen Lebenslagen. Dort: der innerhalb der Naturgrenzen Freie, hier: der Sklave. Nun kann aber der Gläubige mit Recht darauf hinweisen, daß es auch unter glaubensreligiösen Menschen viele Persönlich⸗ keiten gegeben hat, z. B. den grozen Phystker Newton, der sehr bibelgläubig war. Indessen ist es ja eine allbekannte Tatsache, daß auch die größten Geister trotz ihrer hervorragenden, bahnbrechenden Werke dennoch auf denjenigen Gebieten, die ihrem Denken abseits liegen, schweren Irrtümern anheimfallen. So war es auch mit Newton. EinePersönlichkeit im eigentlichen Sinne, d. h. ein Mensch, der in allen, auch den geringsten, Beziehungen seines Lebens, seine Entscheidungen für und wider nur nach freiem Ermessen trifft, ein solcher Mensch war auch der große Newton nicht. Daran hinderte ihn eben sein Dualis⸗ mus(- Lehre von der Zweiheit, d. h.: einer⸗ seits Gott, der Welt Gebieter, andererseits die ihm unterworfene, angeblich von ihm geschaffene Welt). Dazu steht im scharfen Gegensatz die von den Freidenkern angenommene Lehre des Monismus[=- Lehre von der Einheit, d. h.: die Welt samt allem Leben und Vergehen beruht auf ewig giltigen, eng(soweit erforscht) inein⸗ ander greifenden Gesetzen, die in ihr selbst (nicht außer ihr!) seit unendlich langen Zeiträumen wirken und daher keinenSchöpfer oder sonst einen Anfang haben, eben wegen ihrer Unendlichkeit]. Wie man aber auch sonst diese Einheit sich vorstellen mag(z. B.: ob im Sinne Häckel's als Zellseele ꝛc.), das darin enthaltende Denkprinzip ist unanfechtbar, denn es deckt sich mit den bisherigen Ergebnissen der Wissenschaft(3. B. bezüglich der Quan tität der in der Welt vorhandenen Kräfte, das berühmte Meyer⸗Helmholtz'scheGesetz der Erhaltung der Energie). Dem den Gläubigen geschenkten Glauben setzt der Freidenker seinen eigenenGlauben gegenüber: er vertraut den Natur⸗Gesetzen, soweit ste ergründet sind. Aber niemals sieht er in dem unendlichen Gewirr von menschlichem Elend, Krankheit, Hungersnot, von Reichtum und Glanz, Heuchelet und Wahrheit irgend ein Natur- Gesetz, denn dieses hat zur Voraussetzung eine immer gültige Beschaffenheit oder einen ewig sich gleichbleibenden Verlauf der Dinge. Viel⸗ mehr erkennt der Freidenker nur die Entwicke⸗ lung, d. h. hier: die Aufwärtsbewegung von niederer Kulturstufe zu immer höherer Vollkommenheit bei dem Einzelnen wie bei den Völkern auf den Wellenlinien der ewig neu schaffenden Natur an im Widerspruch zu der Lehre von der ewigen Güte desliebenden Vaters(Gottes) und vollends im Gegensatz zu der biblischen Schöpfungsgeschichte, die die Welt und alles Leben als etwas von Anfang an von Gott Gegebenes, also Vollkommenes() und von seinem Willen() Abhängiges ansteht. Demuach ist der Freidenker naturgemäß frei von jeder Konfession, d. h. von jedem Glaußbensbekenntuis, welches es auch sei. Und da die Konfesstonen gerade nur deshalb lebens⸗ fähig sind, weil sie den ihnen eigentümlichen, von dem anderen verschiedenen Glauben verkünden, dadurch aber heftige Feindschaft hen die Andersgläubigen erfahrungsgemäß chon im Kindesalter herbeiführen und so schon

frühzeitig eine unheilvolle Wirkung auf das heranwachsende Geschlecht ausüben, deshalb fordert der Freidenker vollständige Ab⸗ schaffung des sogenannten le richts(also auch des simultanen Religions⸗ unterrichtes), d. h. der nur Haß und Zwietracht säenden Glaubensunterweisung, und Ersatz derselben durch eine, Gemüt und Geist in gleicher Weise veredelnde Sittenlehre, an der Hand der Geschichte aller Völker und Zeiten(3. B. ist das der wesentliche Inhalt der offiziellen Forderung der Bremer Lehrerschaft auf dem Deutschen Lehrertag, der vor wenigen Tagen in München stattfand). (Schluß folgt.)

Eine alte Geschichte. Von K. Neurath.

Das Weib muß Mutter werden, wenn es Rechte am Leben haben will und wenn sein Dasein einen Zweck haben soll! sage ich mit unserer alten Magd, die nun schon lange tot ist.

Die alte Magd, die seit Jahr und Tag bei meinem Großvater und dann bei uns war, und sich, obschon halb erblindet, mit ihren mürben Knochen nützlich machte wie sie konnte, hatte das an sich selbst erfahren und uns oft die Geschichte erzählt, die ihr Leben war.

Als meine Mutter zum erstenmal die Stunde erwartete, da sie Mutter werden sollte, war die Lene in unser Haus gekommen und hatte für sie gesorgt und geschafft wie für eine eigene Tochter. Bei uas war ste alt geworden.

Einst war sie einmal jung und schön gewesen und die lustigste von allen, denn das sind nun einmal alle gesunden Mädchen; und wenn sie auch nie ihre Mutter gekannt hatte und von ihrem Vater nur wußte, daß er ein geschickter I ee gewesen war, lustig und fröhlich war

e doch.

Manchmal allerdings saß sie in ihrem kahlen Dachstübchen und weinte lange und schwer, aber das sah niemand und wußte niemand, und wenn sie unter den Leuten war, ließ ste sich nie etwas anmerken.

Ihre Herrsckaft hielt viel auf sie, denn ste war ehrlich und anstellig zu jedem Werk, und je schwerer sie zu arbeiten hatte, um so lauter und lustiger sang sie. f

Auch im Dorfe war sie wohl gelitten. Be⸗ sonders die Burschen hatten ein Auge auf sie, und je abfälliger einer über sie sprach, umso lieber war sie ihm.

Das ist von jeher so gewesen; denn was ein rechter Bursch ist, läßt sich nichts von seiner Liebschaft merken, wenn er von gar keiner Be⸗ vorzugung, von gar keinem Entgegenkommen reden kann. g ö

Aber trotz aller Herbigkeit des Mädchens ließ keiner nach, ihr auf jede Art zu zeigen, daß ste ihm besonders lieb sei und daß er viel von ihrer Züchtigkeit und ihrer Ehrbarkeit halte. Wenn sie irgend einer fragte, ob er ihr denn gar nicht ein bischen gefalle und ob sie ihn denn gar nicht ein bischen lieb haben könne, dann sagte sie jedesmal, daß er ihr gar wohl

gefiele, daß sie ihn aber nicht lieb haben könne,

weil die Liebe ganz von selbst kommen müsse, ohne daß man wisse warum und wie.

Das habe schon ihre selige Muhme gesagt, und die mußte es wissen, denn sie hatte bet dem früheren Pfarrer in Dienst gestanden und an ihrem Hochzeitstage sogar ein wunderhübsches Legendenbuch mit vielen Heiltgenbildern von ihm erhalten, in dem sie bis zu ihrem Tode an jedem Abend gelesen hatte. a

Ob die Muhme nun aus diesem Legenden: buche oder sonst woher ihre Weisheit gewonnen hatte, das ist mir nicht bekannt geworden, und es frug auch nie ein Bursch darnach, ohgleich mancher die kluge Muhme samt ihrem Letzenden⸗

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