Ausgabe 
1.7.1906
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

manchen Umsatzsteuerverordnungen findet, ist wirtschaftlich deshalb unbegründet, weil der

Sitz aller Bodenwertssteigerungen in den bebauten

Quartieren zu suchen ist. Die Wertzuwachs⸗ steuer soll ferner nur den unverdienten Wert⸗ zuwachs treffen, der aus der Tätigkeit der Ge⸗ meinde und des Staates, der wirtschaftlichen Entwickelung der Lokalität ohne Zutun der Grundbesitzer entstanden ist. Es sind daher alle die Wertsteigerungen auszuschließen, die auf direkten Kapitalaufwand(Meliorationen usw.) zurückzuführen sind, soweit er nicht aus⸗ schließlich der Erhaltung des Grundstückes dient. Dagegen dürften die zugewachsenen Zinsen des Erwerbspreises bei unbebauten Grundstücken unter keinen Umständen abgezogen werden. Sie sind kein Meliorationsaufwand.

(Schluß folgt.)

Pon Nah und Lern.

Gießener Angelegenheiten.

Sangesbrüderliche Unpartei⸗ lichkeit. Nächsten Sonntag gibts in Gießen wieder mal ein Sängerfest, das etwas Be⸗ deutenderes werden soll, als die übrigen der⸗ artigen Veranstaltungen, von denen man ja fast jeden Sonntag irgendwo in der Umgebung eine genießen kann. Dazu werden umfassende Vorbereitungen getroffen; das Fest des Lahn⸗ thalsängerbundes sollte ein allgemeines Volksfest sein, jeder sollte sich daran beteiligen. Auch unser ArbeitergesangvereinEintracht war be⸗ reits zu Anfang des Jahres eingeladen worden und er hatte die Einladung auch angenommen. Seine Mitglieder wurden in die einzelnen Fest⸗ ausschüsse gewählt und arbeiteten darin fleißig mit. Nun wird uns über die weitere Entwick⸗ lung der Dinge von befreundeter Seite ge⸗ schrieben:Anfangs voriger Woche stellte der Ausschuß den Festzug zusammen. Einer der Herren machte hierbei die schreckliche Entdeckung, daß dieEintracht eine rote Sängerfahne habe. Himmel! Eine Fahne von der revolu⸗ tionären, bet allen frommen und patriotischen Deutschen verpönten roten Farbe im Festzuge! Unmöglicher Gedanke! Der Entdecker des Un⸗ glücks suchte den Ausschuß⸗Mitgliedern begreiflich zu machen, daß die rote Fahne im Zuge nicht mitgehen könne, denn da ginge das Fest in die Brüche, so etwas ließen sich die vielen patrio⸗ tischen Turn⸗ und Kriegervereine, sowie die Spitzen der Behörden nicht bieten. Nebenbei sei bemerkt, daß jener Herr im Vorstand der national⸗liberalen Partei ist. Ob er sich durch seine hier an den Tag gelegte Rotscheu für das s. Zt. verweigerte Reserveoffizierspatent

empfehlen wollte, mag dahingestellt bleiben.

Nun wurde nach tapferer urdeutscher Weise geheim abgestimmt und das Ergebnis war: dieEintracht darf sich am Festzuge nicht beteiligen! Unser Verein faßt naxürlich die Sache von der heiteren Seite auf. Es muß aber doch darauf hingewiesen werden, daß in den vier Gießener Vereinen: Harmonie, Bauer⸗ scher Gesangverein, Heiterkeit und Gemütlichkeit, die Mehrzahl der Mitglieder Arbeiter sind, zum Teil in Gewerkschaften und in der Partei orga⸗

nisterte. Und an diese darf wohl die Frage

gerichtet werden: Wollen sie den Schlag ins Gesicht ruhig hinnehmen, der hier den Arbeitern verabfolgt wurde? Wir meinen, ihr Ehrgefühl und Klassenbewußtsein müßte ihnen gebieten, nicht nur jede Beteiligung an dem Feste abzu⸗ lehnen, sondern auch solchen Vereinen den Rücken zu kehren, wo man die Arbeiter derart behandelt.

Dem können wir nur zustimmen. Ein solches Vorgehen der Festleitung ist einfach un⸗ erhört. Da reden die Herren immer davon, daß Politik in Turn- und Gesangvereinen nichts zu tun habe, hier tragen sie selbst Politik in die Fest⸗Angelegenheit hinein, eine höchst arbeiter⸗ feindliche Politik dazu! Die Arbeiter sollen hier bloß die Staffage bilden, die Herren wollen nur kommandieren. Jeder verständige Arbeiter und Parteigenosse bleibt von dem Feste weg! Laßt die Leute unter sich, die nichts mit euch zu tun haben wollen! f

Das dritte Bundesfest des Arbeiter⸗ sängerbundes wurde am Sonntag bei riesiger Be⸗

teiligung und ausgezeichnetem Wetter in Hauau abge⸗ halten. Auch aus unserem Bezirke waren zahlreiche Sänger nach Hanau gereist, die GießenerEintracht war vollzählig vertreten. Im Ganzen beteiligten sich 131 Vereine; und nach der Schätzung unseres Frank⸗ furter Parteiblattes war die Zahl der Festbesucher auf mindestens 20 000 zu schätzen. Bereits am Samstag hatte ein großer Kommers stattgefunden. Hierbei hielt der Bundesprästdent Fladung⸗Frankfurt eine Ansprache, in der er hervorhob, daß es in der jetzigen bewegten Zeit nicht allein Pflicht der Arbeiter sei, sich gewerk⸗ schaftlich und politisch zu betätigen, sondern daß sie auch die unabweisbare Pflicht hätten, die Arbeitergesangvereine in ihrem edlen Bestreben zu unterstützen, die Sanges⸗ kunst zu pflegen, in denen auch im Gegensatz der bürger⸗ lichen Vereine den Freiheitschören ein großes Interesse entgegengebracht werde. Sein Hoch galt dem freien Sang. Am Sonntag fanden in acht großen Sälen Gesangskonzerte statt. Der Festzug nahm um 2 Uhr seinen Anfang. Zu den 131 Gesangvereinen kamen da⸗ bei noch eine Anzahl Gewerkschaften und Radfahrervereine von Hanau und Umgebung, deren Gruppierung für das Festkomitee keine leichte Aufgabe war. Der Zug wurde von einem Festreiter eröffnet und ihm folgte ein pracht⸗ voll dekorierter Blumenwagen, der von vier kräftigen, gleichfarbigen Pferden der Brauerei Nikolay gezogen wurde. Auf dem Wagen thronte die Gesangsgöttin mit der Lyra in der Hand, verkörpert durch eine Hanauer Schönheit. Zwei weitere Gestalten versinnbildlichten die Zusammengehörigkeit von Wissenschaft und Arbeit, und junge, weißgekleidete Mädchen huldigten der Göttin der Harmonie. Dann folgten Radfahrer auf ihren mit Blumen und Bändern geschmückten Rädern. Ihnen reihten sich die 131 Vereine mit ihren etwa 70, meist prächtigen roten Fahnen an. Den Schluß machten die Hanauer Gewerkschaften und der festgebende Arbeiter⸗ gesangverein Vorwärts Hanau. Es war ein imposanter Zug, wie ihn Hanau so groß noch nicht gesehen haben dürfte; etwa 10 000 Personen dürften an ihm beteiligt gewesen sein. Der Zug wurde überall freundlich begrüßt, Blumen und Sträußchen wurden ihm aus allen Fenstern zugeworfen. Sehr viele Häuser waren geschmückt. Eine volle Stunde dauerte der Vorbeimarsch; nachdem er wieder auf dem Festplatze angelangt war, vergnügte man sich mit Volksbelustigungen aller Art. Im Ganzen war es ein gelungenes Fest, für dessen Arrangement dem Bundesvorstand alle Anerkennung gebührt. Ebenso werden die gebotenen gesanglichen Leistungen von allen Sachverständigen als recht gute bezeichnet.

Die Stadtverordneten hielten am Donnerstag eine Sitzung mit ziemlich reich⸗ haltiger Tagesordnung ab, die aber nicht viel des Interessanten bot. Erwähnenswert ist ein Gesuch des Brauereibesitzers Förtsch um Ueber⸗ lassung von Stadtbachgelände an der Kirchstraße, wo F. einen großen Saal errichten will. Nach Vorschlag der Baukommission soll er für das betr. Gelände 100 Mk. Pacht zahlen. Die Versammlung beschließt, nur 50 zu fordern. Für das Hoch⸗ und Tiefbauamt werden zwei Fahrräder anzuschaffen beschossen. Abge⸗ lehnt wird das Gesuch der Anzeiger⸗Druckerei um Ueberlassung elektrischer Energie zu billi⸗ gerem Preise. Zum Schluß gab es eine ziemlich lebhafte Debatte über die Ueberfüllung der Volksschulklassen, die Dr. Ebel mit dem Nachweis einlettete, daß verschiedene Klassen über 60 Schüler zählten! Orbig kritisterte die langweilige Arbeitsweise an der Höheren Mädchenschule, die längst fertig sein könnte. Krumm fügte dem hinzu, daß der Theaterbau viel schneller gefördert werde. Auch der Ober⸗ bürgermeister mußte die Berechtigung der Kritik bezüglich des Schulbaues anerkennen.

Deutsche Justiz. Zwei Mo⸗ nate Gefängnis diktierte die Gießener Strafkammer am Dienstag dem Gen. Vetters zu, weil er in Nr. 10 derMitteld. Sonntags⸗ zeitung eine humoristische Notiz abgedruckt hakte, in welcher ein drastischer Druckfehler aus dem Homburger Kreisblatt wiedergegeben war. Darin erblickte die Anklage eine Mafestätsbeleidigung und auchVerbreitung unzüchtiger Schriften. Das Gericht gab sogar dem Antrage des Staats⸗ anwalts auf Ausschluß der Oeffentlichkeit statt und trotzdem der Angeklagte dagegen protestierte, wurde die aus 2 Männern im Alter von etwa 40 Jahren bestehende Oeffentlichkeit ausge⸗ schlossen! Es handelt sich bekanntlich um eine durchaus bedeutungs⸗ und harmlose Sache; der Oberstaatsanwalt brachte es fertig fünf Mo⸗ nate zu beantragen! Das Gericht sprach obige Strafe aus, obwohl es anerkannte, daß Ange⸗ klagter nicht die Absicht einer Majestätsbeleidi⸗

gung gehabt habe. Das Urteil zeigt wleder,

wie notwendig die Beseitigung des Majestäts.

beleidigungsparagraphen ist. a

Das Frankfurter Gewerkschafts⸗ haus reichte für die erhöhten Anforderungen nicht mehr aus und mußte eine Erweiterung erfahren. Es wurde das daran angrenzende Gebäude, worin sich schon längere Zeit ver⸗ schtedene Bureaus befinden, für den Preis von 260000 Mk. dazu gekauft. Wann wird die Gießener Arbeiterschaft endlich einmal zu einem eigenen Lokale gelangen? Hier sind die Zustände bekanntlich derart, daß ein solches dringend notwendig wäre.

Das sprichwörtlicheSchweine⸗ glück der Sozialdemokratie hat sich am Sonn⸗ tag wieder glänzend bewährt. Während das große Fest des Arbeitersängerbundes vom herr⸗ lichsten Wetter begünstigt war, sind zahlreiche, patriotische Feste in Oberhessen gründlich ver⸗ regnet. So das des Kriegervereins in Burg⸗ gräfenrode im Friedberger Kreise. Dort regnete es dermaßen, daß der Tanzboden umherschwamm

und benutzt wurde, um in die Zelte zu gelangen.

Wenn man weit, daß dieser Kriegerverein 1903 den bekannten Wahlkrawall inszenierte und daß diese Patrioten seinerzeit den Wirt Kohl ins Gefängnis brachten, sein Haus demolierten, beim letzten Manöver durch den Bürgermeister den Militärboykott verhängten, so kann man sich nur freuen, daß Kohl am Sonntag durch die zahlreichen flüchtigen Krieger ein Geschäft machen konnte. Das Sängerfest in Lollar verregnete ebenfalls total, ebenso das in Fauer⸗ bach bei Friedberg. Ju Gießen hatte der Krieger⸗ verein Waldfest, mußte sich aber auch vor dem Gewitter nach der Turnhalle flüchten.

Bauunternehmer Carls hat, wie wir hören, das vom Schwurgericht über ihn verhängte Urteil anerkannt.

Eine öffentl. Holzarbeiter⸗ versammlung findet Montag, den 2. Juli, 7 Uhr abends imWiener Hof statt. Ahle⸗ meyer⸗ Frankfurt wird vom Verbandstage Bericht erstatten. Vom 1. Juli werden die hiesigen Holzarbeiter nach ihrem neulichen Versammlungs⸗ Beschlusse 55 Pfg. wöchentlichen Beitrag zahlen.

Aus dem RAreise gießen.

Die Kreiskonferenz hat der Kreiswahlvereinsvorstand auf den 29. Juli ein⸗ berufen. Ihre Tagesordnung ist unter Partei⸗ nachrichten angegeben.

Gegenden Sparkassenrechner

Heinzerling aus Butzbach wird diesen Samstag vor der Gießener Strafkammer ver⸗ handelt. Heinzerling hat bekanntlich etwa 200 000 Mk. Sparkassengelder unterschlagen.

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Richtigstellen müssen wir unsere neuliche Bemerkung, wonach sich zu dem Kassiererposten der Ortskrankenkasse über 100 Bewerber gemeldet hätten. Das trifft nicht zu; die Zahl 100 ist auf einen Schreib⸗ fehler im Manuskript zurückzuführen. Uebrigens beträgt das Jahresgehalt des Kassierers ganze 700 Mk., außer⸗ dem werden 1000 Mk. Kaution verlangt. Es ist daher klar, daß unter solchen Bedingungen sich soviel Bewerber für einen solchen Posten nicht finden.

v. Polizeiliche Lokalabtreiberei wird im Kreise Wetzlar immer noch mit allem Eifer betrieben und namentlich haben die Angehörigen des Bergarbeiterver⸗ bandes darunter zu leiden. Ein Wirt, der sein Lokal in Aussicht gestellt hatte, erklärte den Bergleuten am ersten Pfingstfeiertage, er würde es gerne tun, doch der Herr Wachtmeister sei bei ihm gewesen und habe es ihm verboten, andernfalls würde es für ihn Folgen haben. Was für Folgen, konnte der Wirt sehr leicht erraten, da er nacheinander zweimal in Strafe genommen wurde, weil der Sturm die Lampe vor der Türe aus⸗ geblasen hatte und die Polizei dafür sorgen muß, daß. es überall helle wird. Doch alle Liebesmühe verschiedener Herren wird umsonst sein, wenn man demahristlichen Gewerkverein auch noch soviel Vorschub letsten und den freien Bergarbeiterverband vernichten möchte; die hier ansgestreute Saat geht auf und bringt gute Ernte. Daß übrigens Gensdarmen und Polizei sich um Dinge so eifrig bekümmern, die sie absolut nichts angehen, ist ein Beweis dafür, daß die Leute viel Zeit übrig haben.

t. Das dankbare Vaterland. Im Kreisblatt war kürzlich zu lesen:!

Die Ortsbehörden find amtlich aufgefordert worden, diefenigen in ihren Gemeinden wohnenden hilfsbedürftigen

Nr. 26.