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Mitteldeutsche Sonntags ⸗Zeitung.
Nr. 26.
Die deutsche Industrie wird sich auf erregte Zeiten vorbereiten und auf einen Zollkrieg mit den Vereinigten Staaten von Amerika ge⸗ faßt sein müssen, falls diese fortfahren, die deutschen Produzenten und ihre Erzeugnisse schlecht zu behandeln.“
Herr Bueck unterzog dann die vom Reichs⸗ tag beschlossenen Verkehrssteuern einer scharfen Kritik und sagte, daß der Reichstag sich in allen großen Fragen unfähig erweise und wir von Parteitaktik und Popularitäts⸗ hascherei regiert würden.— So sagte Bueck und er hat vielfach recht. Wer ist aber schuld an den Dingen, die er kritisierte? Die natio⸗ nalliberale Partei, der er selbst angehört, spottet also seiner selbst!
Die oben angeführten Tatsachen beweisen aber, daß die deutsche Industrie noch schwer an den neuen Handelsverträgen zu tragen haben wird, und wenn sich das nicht gleich in aller Schärfe zeigt, so ist das nur dem zufälligen Glücksumstande zu danken, daß die neuen Ver⸗ träge zu einer Zeit ausnahmsweiser geschäft⸗ licher Hochkonjunktur in Geltung traten. dem Abflauen dieser Konjunktur wird die Wir⸗ kung um so fühlbarer werden.
Riesengewinne— Millionenreute!
Von den fabelhaften Summen, die die Grubenbesitzer einheimsen, erzählt der Be⸗ richt über das erste Geschäftsjahr der Hohen⸗ lohewerke A.⸗G. in Oberschlesten in folgendem:
„Die Hohenlohe⸗Werke Aktiengesellschaft sind am 3. April 1905 mit einem bar eingezahlten Aktienkapital von 40,000,000 Mk. und einem bar eingezahlten Reservefonds von 4,000,000 Mk. gegründet. Den weitaus größten Teil der Bergwerke, Bergwerksanteile, Kohlenfelder, Grundstücke, Hütten⸗ und sonstigen Anlagen, Geschäftsanteilen, Pacht⸗ und sonstigen Nutzungs⸗ rechte, die unser Gesellschaftsvermögen jetzt aus⸗ machen, haben wir von dem Fürsten zu Hohenlohe⸗Oehringen erworben. Als ein⸗ heitliche Gegenleistung für die Gesamtheit der Gegenstände haben wir den Betrag von 44,000,000 Mk. in barem Gelde und das Versprechen anf eine jährlich mit 3,000,000 Mk. bar in vierteljährlichen Teilbeträgen nachträg⸗ lich zahlbare, ewige, vererbliche Rente gewährt.“
Drei Millionen Mark müssen also die Arbeiter dieses Werkes jährlich aufbringen, um dem steinreichen Fürsten die Rente zu sichern. Erst dann dürfen sie— für sich? o nein! für die jetzigen Inhaber, Direktoren, Aufsichts⸗ räte und Dividenden⸗ und Tantiemenschlucker ihre Arbeitskraft hergeben und erst der„letzte schäbige Rest“, wie das Schlagwort heißt, bleibt für ihre Person, für ihre hungernden Frauen und Kinder. Wer wagt es zu leugnen, daß die Weltordnung herrlich, daß sie göttlich ist— für die Satten?
500 Prozent Dividende sind nach der Frankfurter Zeitung von der Internationdlen Bohrgesellschaft für das Geschäftsjahr 1905/6 in Aussicht genommen. Diese Gesellschaft hat eine Reihe außergewöhnlicher und außerordent⸗ lich hoher Gewinne durch den Verkauf von Kohlen⸗ und Kalifeldern erzielt. Der erste dieser Verkäufe betraf 250 Normalfelder, die für den Betrag von 35 Millionen Mark in den Besitz der Rheinisch⸗Westfälischen Kohlen⸗ bergwerks⸗Gesellschaften übergingen. Sodann veräußerte die Internationale Bohrgesellschaft 12 Kohlenfelder in Westfalen und 2 Feldergruppen im Aachener Bezirk sowie Kalifelder in der Nähe von Halle zum Gesamtpreise von 10 Millionen Mark. Schließlich verkaufte sie ihren Besttz 1. Kohlenfeldern für 7 Millionen
ark.
Das, was die Internationale Bohrgesell⸗ schaft„verdient“, ist eigentlich nichts andres wie Diebstahl am Nationalvermögen. Die Gesellschaft schürft nach abbaufähigen Erzen und Mineralien, erwirbt, wenn sie solche ge⸗ sunden hat, das Mutungsrecht und verkauft dieses für Millionen weiter. Die Schätze, die im Erdboden liegen und die der Gesamtheit gehören sollten, werden auf diese Weise zu einem Mittel müheloser Bereicherung.
Die Meutereien in Südwestafrika, über die der Vorwärts berichtete, werden nun auch amtlich zugegeben. Die Nordd. Allg. Ztg. teilte mit, daß von dem für den Norden zuständigen Gericht in diesem Jahr zwei Fälle von Meuterei bezw. Aufruhr, begangen von Mannschaft en gegen Portepee⸗Unteroffiziere, abgeurteilt worden seien. Ein Bericht vom Süden stehe noch aus. Infolge dieser Meutereien sind verurteilt worden: 5 Mann zum Tode, 7 zu Gefängnis⸗ strafen.
Der zweite Fall, in welchem drei Todes⸗ urteile gefällt und vier längere Gefängnis⸗ strafen verhängt worden sind, liegt noch völlig im Dunkel und der Süden hüllt sich ganz in Schweigen. Unter solchen Umständen ist es nicht überaus tröstlich, zu hören, daß„nur“ 57 Mann nach Deutschland zur Strafvollstreckung überführt worden seien. Die Nordd. Allgem. Ztg. findet diese Ziffer bei der Stärke der Schutztruppe von 15000 Mann nicht besorgnis⸗ erregend„hinsichtlich der Disziplin“. Uns scheint der Bericht des offiziösen Blattes höchst besorg⸗ niserregend hinsichtlich der Rechts sicherheit der Soldaten. Nur über einen der beiden Fälle vermag das offiziöse Blatt näher Aus⸗ kunft zu geben. Unter Soldaten von Kaps⸗ Farm bei Windhuk war es zu einer Schlägerei gekommen, in deren Verlauf ein Reiter tödliche Wunden erhielt. Der herbeigerufene Wacht⸗ meister forderte die Leute zum Auseinandergehen auf, und ließ, da ste dieser Aufforderung nicht nachkamen, die schuldigen fünf Mann verhaften. An dem Wachtmeister selbst und dem die Pa⸗ trouille befehligenden Unteroffizier hatte sich niemand vergriffen. Der Mann, der dem Reiter die tötliche Verwundung beigebracht hatte, wurde freigesprochen, weil er in der Notwehr so ge⸗ handelt hatte. Dennoch führte dieser Fall zu zwei Verurteilungen zum Todel Die Richter selbst haben die Umwandlung der Todes⸗ strafe in eine angemessene Freiheitsstrafe durch „allerhöchste Gnade“ beantragt. Zwei Mann erhielten zwei Jahre, einer wegen gefährlicher Körperverletzung ein Monat Gefängnis.— So dunkel dieser Bericht auch ist, so geht doch aus ihm hervor, daß wirklich verübte Körperver⸗ letzungen sehr leicht, dagegen Insubordina⸗ tionsvergehen mit furchtbarer Schärfe geahndet worden sind.
Wablsieg in Haunover! Die Ersatzwahl in Hannover für unsern
verstorbenen Genossen Heinrich Meister hat
mit einem Siege für unsere Partei geendet. Unser Kandidat August Brey behauptete den Wahlkreis im ersten Wahlgang mit 31803 Stimmen. Der Nationalliberale Fink erhielt 16865, der Welfe v. Dannenberg 11033, der Zentrumskandidat 2415 und ein Bündler 182 Stimmen. Seit 1903 stieg unsere Stimmenzahl um 2500, doch auch die Gegner erhöhten ihre Stimmenzahl gar nicht unbedeutend, die Natto⸗ nalliberalen um 6000, die Welfen um 1000. Die Gegner haben diesmal ungeheure Anstren⸗ gungen gemacht, uns diesen Wahlkreis zu ent⸗ reißen, der seit 1884 in unserem Bestitze ist. Nationalliberale und Welfen wetteiferten, um ihren Kandidaten in die Stichwahl zu bringen und dann vereint die Sozialdemokratie zu schlagen. Und es wurde Ungeheuerliches in der Verunglimpeung unserer Partei geleistet. Der berüchtigte„Reichsverband“ stellte sich an die Spitze der Agitation gegen unsere Partei, er betrachtete es als seine Hauptaufgabe, die zahl⸗ reichen Wähler, die bei der vorigen Wahl der Abstimmung ferngeblieben waren, durch wilde Verdächtigungen der Sozialdemokratie heran⸗ zuziehen. Alle diese Bemühungen hatten aber nicht den erwarteten Erfolg. Doch diese Wahl zeigt, was wir bei dem nächsten Wahlkampfe zu erwarten haben. Es wird der Kampf gegen uns in einer Weise geführt werden, wie noch nie und die bisherigen Wahlen zeigen ja, daß die Gegner mehr Wähler als früher an die Urne bringen. Da heißt es für uns schon jetzt kräftig an die Arbeit gehen!
Zu dem Ergebnis bemerkte der Vorwärts: „Die Genossen und Wähler des Wahlkreises Hannover haben das Andenken des unvergeß⸗
lichen Heinrich Meisters in glänzender Wei geehrt. Der Sieg ist um so höher anzuschlagen als sich die bürgerlichen Parteien in schmach⸗ voller Weise des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie bedienten. Doch haben alle
Anstrengungen nichts genützt, Hannover sendet wieder einen Sozialdemokraten in den Reichstag.“
Ueber die gegnerische Agitatton bei dieser
tum zurück. Automebile und Droschken waren in großer Anzahl im Betrieb. In einem Wahl⸗
lokal in der Stadt Hannover fuhr ein Kranker
vor, beziehungsweise wurde vorgefahren; er konnte nicht herauskommen. Man brachte ihm ein Wahlkouvert ans Auto und der Wahlvor⸗
steher kam mit der Wahlurne heraus und ließ In einem anderen Lokal erschien ein Backfisch, erbat sich ein Kou⸗ vert, da sein Vater krank sei und nicht kommen
das Kouvert einstecken.
könne. Das Kouvert wurde verabfolgt. Nach
einiger Zeit kam das Mädchen zurück und gab 0 dem Wahlvorsteher das Kouvert, der es in die
Urne warf. Ein anderer Ordnungswähler hielt
im Auto auf der Straße vor dem Wahllokal, schickte seinen Diener hinein und ließ den für sich wählen. Ein Dienstmädchen oder die Tochter eines anderen Wählers kam an den Wahltisch;
ihr von Rheumatismus geplagter„Herr“ oder
Vater stand vor dem Wahllokaleingang. Das
Mädchen ging in die Dunkelkammer, steckte den
Wahlzettel ins Kouvert und gab es unter Zu.
stimmung ihres„Herrn“ Wahlvorsteher! diese Ungesetzlichkeiten protestierten, sagte der Wahlvorsteher: Nicht einmal Mitleid haben
diese Menschen! Dagegen wurden unsere Ge.
nossen in vielen Dörfern des Landkreises aus
dem Lokale gewiesen.— Das hannoversche Parteiblatt bemerkt zu dem Wahlergebnis:
„Unter den obwaltenden Umständen: Kandidaten⸗
—.
wechsel, Ersatzwahl und dem beispiellosen Ver⸗ leumdungsfeldzug des Bürgeraus⸗ schusses ist das Ergebnis der Wahl ein
recht erfreuliches, wenn es auch den vielfach in
Genossenkreisen gehegten Hoffnungen nicht Die Wahlziffern lehren, daß es.
entspricht. noch Tausende von Arbeitern gibt,
die entweder der Wahl fern bleiben oder aber auf den bürgerlichen Leim gehen. Diese Ar⸗
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beiter gilt es für unsere Sache zu gema
sie zu begeisterten Mitkämpfern zu mach
Arbeitet auch die wir schaftliche und politsscge
Entwicklung uns in die Hände— die Haupt⸗ arbeit haben wir doch sel bst zu verrichten durch unermüdliche Werbearbeit“
Wer reißt die Arbeitergroschen an sich!
Die Sozialdemokraten, rufen die Staats⸗ erhaltenden, zu denen vor allem die Hausagrarier und Wohnungswucherer gehören, aus einem Munde. Man lese und bilde sich ein Urteil: Der größte Teil der Einwohner in dem Städtchen Wasserburg bei Günzburg(Schwaben) find Textilarbeiter, arme, elende Proletarier. Vor einiger Zeit gelang es endlich, diese Arbeiter für die Organisation zu gewinnen, mit deren Hülfe dann eine Lohnerhöhung durchgedrückt worden ist. Erleichtert atmeten die Textil- fklaven auf, konnten ste durch die Lohnerhöhung doch einigermaßen das durch die allgemeine Teurung im Haushalt entstandene Defizit decken. Aber schon nach 14 Tagen mußten die Armen den Hungerriemen wieder in das vorige Loch zurückschnallen, e klärten, daß, nachdem durch die Lohnerhöhung das Einkommen der Arbeiter erhöht worden, nun für diese auch die Möglichkeit vorhanden sei, mehr Miete zu bezahlen, und sie nahmen den Arbeitern die ganze Lohnerhöhung und teilweise noch mehr für höhere Miete ab. Den armen Teufeln bleibt zur Verbesserung der eigenen Lebenshaltung kein Pfennig übrig! f
Edelste auf der Anklagebank.
In Breslau begann am Montag vor acht Tagen ein Prozeß, der mit Recht bedeutendes Aufsehen erregt. Der Bezirkskommandeur
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oder Vaters dem Als unsere Genossen gegen
denn sämtliche Hausbesitzer er-


