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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeuung.

Nr. 13.

Revolution in Russland.

In den Moskauer Gefängnissen besinden sich gegenwärtig nicht weniger als 850 politischeVerbrecher. Die Gefäng⸗ nisse sind überfüllt; die politischen Verbrecher haben in den Arrestlokalen ein geradezu men schenunwürdiges Dasein zu führen. In eine Zelle werden so viele Personen hineingepfercht, wie irgend hineingehen. Oeffuet man die Tür, so quellen die Gefangenen heraus. An Liegen oder Sitzen ist unter solchen Bedingungen natürlich kein Gedanke die Gefangenen sind froh, wenn ste einen Platz an der Wand er⸗ obern, wo sie sich wenigstens anlehnen können. Die unmittelbare Folge dieser Zustände ist, daß die Amtspersonen der Gefängnssse, vom Direktor bis zum letzten Aufseher, unter der ihnen auf⸗ gebürdeten Arbeitslast fast zusammenbrechen, was auf ihre Stimmung jedenfalls keinen sehr erheiternden Einfluß haben kann. Unter den Gefangenen find Angehörige aller Berufe ver⸗ treten. Da gibt es Generale, Priester, Redak⸗ teure, Journalisten, alle Sorten von Ingenieuren, Technikern, Mechanikern, Eisenbahn⸗ und Post⸗ beamten, ganze Serien vonDelegierten jeder Art, Vertreter verschiedenerGesellschaften, Mitglieder allerKongresse, Typographen, Setzer, Aerzte, Advokaten, Bäcker, Kommis,

ausknechte und eine endlose Flucht anderer

estalten. Auch Schüler des Konservatoriums und der Philharmonischen Schule, Gymnastasten und Realschüler haben unter den Gefangenen nicht gefehlt. Eine große Zahl der Gefangenen leidet besonders schwer unter dem Umstande, daß ste sich in völliger Unkenntnis darüber befinden, warum sie eigentlich hinter Schloß und Riegel sitzen. l

Zarische Mordtaten. In Tschita verurteilte das Kriegsgericht 13 Postbeamte wegen Beteiligung an dem Ausstande der Post⸗ und Telegraphenbeamten zum Tode.

Die Wahlen zurDuma finden gegen⸗ wärtig statt. Die Bevölkerung beteiligt sich daran nur wenig, die Arbeiter fast gar nicht. Was für eine Sorte Parlament das werden wird, geht am Besten daraus hervor, daß ein

anzes Heer Polizeispitzel Plätze in dem Sitzungs⸗ aale bekommt! Natürlich werden die scham⸗ losesten Wahlbeeinflussungen verübt, besonders gegen die Bauern, die aber auch zu erwachen beginnen.

Die Sehmiede.

Wir sind die Schmiede der neuen Seit, Wir schaffen am Feuer!

Das wirft röͤtende Funken breit Ueber altes Gemäuer.

Die Eisenhämmer schmettern

Schlag klingend um Schlag Draußen aber vor der Schmiede Unter jung grünenden Birkenblättern Horcht dem klingenden wilden Liede Blutfrisch erglühend ein neuer Siegender Frühlingstag.

Wir sind die Schmiede am roten Herd, Vom Frühling befohlen. Klirr das Eisen zwingend, fährt Die Sange in die Kohlen. Heiße Funken umflirren Das Werk zum Gruß Draußen aber über der Schmiede Wirbelt wildauf ein Funkenschwirren Im Freiheitstanz zu dem klingenden Ciede: Wir schmieden eiserne Sohlen Der Seit an den Fuß! Franz Diederich.

Lebenswert!

Von Elisabeth George. (Schluß.)

Ju den Kronen der Bäume begann es zu raunen und zu rauschen. Ueber ihr ertönten die schwermütigen, sehnsuchtsvollen Weisen einer Nachtigall, und da kam es über sie wie ein Rausch. Sie dachte nicht darüber nach, daß alles ste von diesem Manne trennte, Lebens⸗ stellung und Lebensanstcht. Sie hatte nur das eine Empfinden: er liebt dich, er liebt dich, und da streckte sie beide Hände aus:Ja, komm, küsse mich und habe mich lieb. Ich hab' ja solche Sehnsucht nach Liebe.

Und jauchzend umschlang er die schlanke Gestalt, heiße, leidenschaftliche Worte in ihr Ohr flüsternd und sie lag an seiner Brust und atmete es ein, dies süße, berauschende Gift.

Wochen und Monate waren vergangen. Da saß an einem Abend Else Helgen daheim in ihrem Zimmer. Sie hatte eben einen Brief beendet, den ste konvertierte und mit der Adresse des Herrn Ronau, ihres Verlobten, versah. Dann lehnte ste sich mit tiefem, befreiendem Aufatmen in die Sophaecke.Gott sei Dank! Das wäre abgetan.

Ein Seufzer und ernstes Kopfschütteln ihrer Freundin, die, mit einer Handarbeit beschäftigt, gegenüber am Tische saß, antwortete ihr.

Ich verstehe dich tatsächlich nicht, Else, wie du einen derartigen Schritt unternehmen kannst und so, mit offenen Augen, dein Lebens⸗ glück mit Füßen trittst.

Ach, quäle mich nicht. Du weißt doch, daß ich nicht anders handeln konnte.

Else, sagte Clär weich und stand auf und

legte ihren Arm um die Schultern ihrer Freundin.Else, noch hast du den Brief nicht abgeschickt. Ueberlege es dir noch einmal.

Glaubst du, daß du es nie bereust, was du heute tust? Ich weiß ja nicht, wie das alles gekommen ist. Du sagst mir ja so wenig. Alles behältst du für dich. Wenn du noch einmal Vertrauen zu mir haben wolltest.

Ach, Clär, das mußt du nicht sagen. Ich vertraue dir und hab' dich lieb. Aber steh', was so in mir vorgeht, das, ja, das wird mir so schwer, Jemandem zu sagen. Oft, wenn ich mir ein Herz gefaßt habe und alles herunter beichten will, sieh', dann ist immer eine Stimme 5715 mir sagt: Ach, sie verstehen's ja doch n 4

Und wenn du's nun einmal versuchen wolltest, vielleicht verstehe ich's doch.

Else sah sie fragend an und dann mit plötz⸗ lichem Entschluß ihre Hände fassend, sagte sie:

Ja, Clär, komm, ich will dir alles sagen und dann magst du entscheiden, ob ich Recht oder Unrecht tue. Aber dann müssen wir's uns recht gemütlich machen. Warte, ich tue den Schleier über die Lampe, das gibt so ein trauliches, dämmeriges Licht.

Vergiß aber deu Ofen nicht.

Ja, steh', an den hätt' ich nicht gedacht. So mein Freund, jetzt mußt du mal hübsch scheinen und nicht vergessen, daß du unbedingt dazu gehörst, uns so ein rechtes, echtes Schlum⸗ merstündchen zu bereiten. Sie trat zum Fenster und warf einen Blick auf die Straße.

Hu! wie es draußen stürmt und schneit!

Da ist es doppelt gemütlich hier drinnen.

Das ja, aber wenn ich nun denke, daß ungern tausende in der Welt sitzen frierend,

ungernd und wir hier so warm, dann kann ich mich gar nicht darüber freuen. ü

Und wie steht's mit deiner Beichte?

Ja, ja! Ich will mich zu deinen Füßen setzen, soll ich? und meinen Kopf in deinen gehe legen und nun mußt du hübsch acht geben.

Wie wir uns kennen gelernt haben, nicht wahr, das hab' ich dir schon erzählt. Ich war damals so lebersmüde, es war mir alles so reiz⸗ und gehaltlos. Ich konnte mich über nichts, garnichts freuen, weil mir Eins wie's Andere so schal, so nichtig erschien. Nichts war

im Stande, mich über die Leere und Oede in meinem Innern hinweg zu täuschen und ich

wäre so gerne, so gerne gestorben. Da kam er und sagte, daß er mich liebe mehr als Alles auf der Welt. Ich glaube, er hat einen schweren Kampf mit seinen Eltern bestehen müssen. Aber er hat nie zu mir davon gesprochen. Mit ihm trat etwas Neues in mein Leben. Im Anfang jubelte ich: Nun hat dein Leben doch einen Wert. Du bist im Stande, einen Meuschen glücklich, überglücklich zu machen. Und dann, mußte ich ihm nicht dankbar sein, daß er mich, das mittellose Proletarierkind, zu seiner Frau machen wollte? Und doch war es gerade dies, das die unübersteigbare Kluft ausmachte, die sich ganz allmählich zwischen uns drängte. Ich hatte ihn auch lieb, ja, es war ja so schön, so an seinem Herzen auszuruhen, aber dann, wenn wir uns in irgend ein Thema vertieften, dann trat es zwischen uns riesengroß, und wir standen uns gegenüber völlig fremd, da war auch nicht ein einzig gleiches Empfinden, das den Weg über diese Kluft gefunden hätte. Das ist ja auch ganz erklärlich. Die Grundlage unserer beiderseitigen Lebensanschauungen ist ja zu ver⸗ schieden, um eine Verständigung zu ermöglichen.

Auch die Liebe vermag das nicht?

Nein, auch die allergrößte nicht. Sieh! Er ist aufgewachsen sorglos, lebensfroh, mit dem Glauben an Gott, an eine Ewigkeit, nichts hat seine Seele erschüttern können. Kämpfe, Seelenkämpfe hat er nie durchgemacht. Er lebt, wie er seine Eltern leben steht, er glaubt, was ihm gelehrt worden ist, ohne zu prüfen und dem Leben eine eigene selbsterkämpfte Anschauung abzuringen.

Sieh, Clär, in dieser Zeit, in diesem immer⸗ währenden Kampfe zwischen Liebe und Ueber⸗ zeugung, denn lieb hab ich ihn doch, hab ich mich selbst erkennen gelernt. Und immer klarer immer deutlicher trat es vor meine Seele: Du kannst und darfst seine Frau nicht werden. Wir gingen einmal spazieren. Es war ein wunderschöner Abend. Wir standen Arm in Arm und waren so glücklich. Da tönte ein Lied zu uns herauf, deffen Refrain ich nie wieder vergessen habe, und das mir immer wie eine Mahnung durch den Sinn ging. Wart' mal, es geht so:

Denn, ach, ich bin ein Proletariermädchen!

Mein Herz gehört dem Proletariat!

Ja, Clär, mein Herz gehört ihm, ihm ganz allein. Wenn etwas auf Erden ist, das meine Seele ausfüllen kann, so ist es seine Sache.

Aber, hätle ich jemals in jenen Kreisen offen für diese Sache eintreten können? Mußte ich nicht stets eine Andere scheinen als die ich war? Sollte ich diese Larve tragen mein ganzes Leben lang? Nein, ich wäre grenzenlos elend geworden.

Und seine Liebe? Ist sie dir denn garnichts? Er hat dich furchtbar gern, Else.

Ja, ich weiß, daß ich ihm wehe tue. Dez⸗ wegen hab ich ja auch geschrieben. Wenn ich ihm mündlich sein Wort zurückgegeben, ich fuͤrchtete, ich könnte schwankend werden. Und ich muß doch tun, was ich tue. Wenn ich seine Frau geworden wäre, sollte ich in meinen Kindern Gegner meiner eigenen ldleberzeugung erziehen?

Und warum tust du nichts, ihn zu deiner Lebensanschauung zu bekehren?

Ich hab' daran gedacht, Clär. Aber ich mag nicht. Ich weiß, wie es geht, wenn man den Weg betritt, da gibt es kein Zurück. Und ich kenne die Kämpfe, die da unausbleiblich sind, wenn Einem Alles, an das man geglaubt, in einen Trümmerhaufen zusammen bricht. Ich weiß ja nicht, ob er denn die Kraft haben würde, sich da heraus zu arbeiten und gegen alle Traditionen seiner Familie zu kämpfen. Ich hab' ihm ja alle die Gründe dae die mich zu meinem Schritte drängen. Wenn er nun aus eigenem Triebe prüft und kämpft und ach, Clär, wenn er dann einst wieder käme aber ich weiß es, er wird nie wieder⸗ kommen, und doch, Clär, nicht wahr, ich kann und darf nicht anders handeln? 5

Ja, mein Lieb, raten kann ich dir da nicht. Es wird wohl so sein, wie du sagst. Wenn nur nicht einst die Stunde kommt, wo du ver⸗ gebens dir seine Liebe zurückrufen wirst.