Ausgabe 
1.4.1906
 
Einzelbild herunterladen

ereicht schen

iners⸗ fene Lelb

S

r

ͤ

Nr. 13.

.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 5.

Heuchelheim. Auf die Tabakarbeiter⸗ Versammlung, die Montag Abend im Saale von August Rinn stattfindet und in welcher Frau Kiesel⸗ Berlin spricht, sei an dieser Stelle nochmals hingewiesen. Besouders werden die Frauen ersucht, recht zahlreich zu erscheinen; Frau Kiesel behandelt in ihrem Referat nicht nur die Verhältnisse in der Tabakindustrie, sondern wird auf allgemeine Fragen von wirt⸗ schaftlicher und sozialer Bedeutung eingehen. Es empfiehlt sich deshalb der Besuch der Ver⸗ sammlung auch für andere Berufsangehörige. Die Arbeiter von Kinzenbach sind ebenfalls eingeladen; dort konnte keine Versammlung stattfinden, weil kein Lokal zur Verfügung stand. Mit den Wirten sollten aber die Kinzenbacher Arbeiter mal ein ernstes Wörtchen reden.

Aus dem Nreise Friedberg⸗Büdingen.

Zu den Unterschlagungen an dem Butz⸗ bacher Sparkassen verein wird berichtet, daß nicht soviel, wie anfänglich angenommen wurde, verloren ist Die Sparkasse sei durch Reserven derart gedeckt, daß die Spareinlagen vollständig zur Auszahlung gelangen könnten. Die von Heinzerling unterschlagene Summe betrage 45000 Mk. Das ist allerdings auch schon ein ganz hübsches Stückchen Geld.

Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach.

a. Krankhafte Einbildung legte in Alsfeld eig junger Schreiber an den Tag. Hier ist noch üblich, daß die Leichen nach dem Friedhof getragen werden. Als nun kürzlich ein junges Mädchen zu Grabe getragen werden sollte, mußten dessen Eltern im letzten Augen⸗ blick noch nach einem Träger laufen, weil jener junge Schreiber, der vorher als Träger gebeten worden war, abgelehnt hatte. Dessen Mutter hatte die Ablehnung mit den Worten begründet: es paßt sich nicht, daß mein Sohn neben einem Arbeiter hergeht. Ob wohl den Betreffenden mal Geheimräte tragen werden?(Befindet sich denn die Stadt Alsfeld noch nicht mal im Besitze eines Leichenwagens, daß die Leichen noch wie zu Urväter zeiten getragen werden müssen? D. R.)

Aus dem NRreise Weßlar.

Ein schweres Unglück ereignete sich am Sonntag nacht auf der bet Ahausen gelegenen, den Buder ns⸗Werken gehörigen EisensteingrubeThor. Es war auf der Grube ein Brand ausgebrochen, der schnell um sich griff. Montag früh versuchten zwei Steiger und zwei Bergleute vom Otto⸗Stollen aus die Brandstätte zu erreichen. Als sie schon ziemlich weit vorgedrungen waren, erloschen die Lichter, die Leute stürzten infolge Betäubung etwa zwanzig Meter tief in den Schacht. Während die Bergleute nur leichte Ver⸗ letzungen erlitten, fielen die beiden Beamten auf den Kopf und wurden schwer verletzt. Nach angelegtem Rotverband wurden sie nach Gießen verbracht.

h. Nicht sehr höfliche Wirte scheinen die Herren Zipp in Aßlar und Rühl in Hermannstein zu sein. Ersterer wurde kürzlich von der Strafkammer zu 2 Monaten Gefängnis verurteilt, Letzterer zu 75 Mk. Geldstrafe. Beide erhielten diese Strafen wegen Körper⸗ verletzungen, die sie im Streite verschiedenen ihrer Gäste zugefügt hatten. In beiden Fällen handelt es sich um Herren, die sich stets als patentierte Ordnungsleute und Gegner der vaterlandsfeindlichen ꝛe. Sozialdemokratie aufspielten.

Krofdorf. Die Versammlung, welche Frau Kiesel⸗Berlin am Dienstag hier in der Wirtschaft Abel abhielt, war sehr gut besucht. Die Rednerin führte den Bersammelten in klarer leichtverständlicher Weise die Ent⸗ wicklung und den Stand der heutigen Gesellschaftsordnung und die dadurch bedingte traurige Lage des Arbeiters vor Augen und machte darauf aufmerksam, daß nur eine gut organisterte Arbeiterschaft es ermögliche, das Joch zu brechen und bessere Verhältnisse zu schaffen. Mit großer Ruhe folgten die Anwesenden, in der Mehr⸗ zahl Frauen und Mädchen, den Ausführungen der Red⸗ nerin, und spendeten ihr lebhaften Beifall. A. Schieferstein gab hierauf noch einen kurzen Bericht über den Stand der hiesigen Zahlstelle des Tabakarbeiter⸗Verbandes, die

in kurzer Zeit, Dank der regen Agitation erfreulichen

Aufschwung genommen hat, sodaß sie bereits über 100 Mitglieder zählt. Die Kassenverhältnisse können auch als sehr gut bezeichnet werden. Er schloß mit einem Appel an die jetzt noch Fernstehenden, ihre Lage zu erkennen, sich aufzuraffen, in die Organisation einzutreten und an der Besserung ihrer Lage mitzuarbeiten. Frau Kiesel führte im Schlußwort noch aus, daß durch die wirt⸗ schaftliche Knechtung und Ausbeutung des Arbeiters der⸗ selbe auch in geistiger Hinsicht zurückstehen müsse. Mit

einem dreifachen Hoch auf den Verband der Tabakarbeiter, schloß die imposant verlaufene Versammlung.

Westerwald und Antersahn.

Brennholz für den Lehrer. In Unnau bei Marienberg wurde dem zweiten Lehrer auf Veranlassung des Bürgermeisters durch den ersten Lehrer das Mitbrennen desSchulholzes plötzlich unter⸗ sagt, während der erste Lehrer, ein Spezialfreund des Dorfoberhauptes, im Genuß dieser Vergünstigung blieb. Die Sympathien der Dorfbewohner waren aber auf der anderen Seite, und so erschien am Abend ein Menschenzug mit großen Körben voll Holz beim zweiten Lehrer und luden in dessen Wohnstube() ab, da ihm ein anderer Raum zur Unterbringung des Holzes überhaupt nicht zur Verfügung steht. Wegen Raummanpels mußten viele mit ihrer Holzlast wieder abziehen.

Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.

Die Gewerkschaftsvbersamm⸗ lung am Samstag war leider nur von etwa 60 Personen besucht. Nachdem Gen. Heiden⸗ Frankfurt seinen sehr belehrenden und beifällig aufgenommenen Vortrag über Arbeiterversiche⸗ rung beendet hatte, erstattete Gen. Buckler den Jahresbericht des Gewerkschaftskartells. Danach wurden im verflossenen Jahre zwei öffentliche Gewerkschafts⸗Versammlungen abgehalten; in der ersten sprach Vetters⸗-Gießen über den Berg⸗ arbeiterstreik, in der zweiten Weidner⸗Frankfurt über den Kölner Gewerkschaftskongreß. Eine Bauarbeiterschutz⸗Kommission kam trotz mehr⸗ facher Aufforderung an die Bauarbeiter leider noch nicht zu stande. Daß eine solche sehr not⸗ wendig wäre, zeigen die vielen kleineren und größeren Bauunfälle, die in der letzten Zeit vorgekommen sind. Die Bauarbeiter werden hoffentlich bald für Errichtung einer Kommission Sorge tragen. Die Gewerkschaftsbibliothek wurde bedauerlicherweise nur mäßig benutzt. Wegen Errichtung eines Gewerbegerichts für Marburg war das Kartell beim Magistrat vorstellig geworden. Nach der letzten Volks⸗ zählung hat Marburg bekanntlich über 20000 Einwohner. Vom Magistrat kam jedoch die weise Antwort zurück, daß ein Bedürfnis für ein Gewerbegericht nicht vorliege und Marburg übrigens noch keine 20000 Einwohner habe, da das Militär alsEinwohner nicht gezählt werde. Punktum, Streusand drauf! Den Be⸗ richt der Rechtsauskunftstelle gab Gen. Rösler. Insgesamt kamen 38 Fälle zur Erledigung. Es wurde den Mitgliedern empfohlen, dies Institut mehr als bisher zu benutzen. In der letzten Generalversammlung der Marburger Orts⸗ krankenkasse wurden die vom Kartell aufge⸗ stellten Kandidaten in den Vorstand gewählt. Die sich den Berichten auschließende Debatte brachte verschiedenerlei nützliche Anregungen für die weitere Entwicklung der einzelnen Organi⸗ sationen. Schließlich wurde noch beschlossen, wegen Errichtung eines Gewerbegerichts noch⸗ mals bei dem Magistrat vorstellig zu werden.

Die Religion soll dem Volke erhalten werden. In der Volksschule wird bekanntermaßen am Religionsunterricht mehr als nötig ist geleistet. Kommt aber Ostern heran, so wird den Konfirmanden noch vor dem Austritt aus der Schule mit aller Gewalt das nötige Quantum religiösen Lernstoffs eingepaukt. Nicht weniger wie 120 Bibelverse mußten diese armen Geschöpfe bis jetzt seit einem halben Jahre auswendig lernen und niederschreiben, ungerechnet die vielen Kirchen⸗ lieder c. Das alles genügt aber noch nicht. Damit die Jugend richtig verpfafft wird, sollen die Kinder auch noch nach der Entlassung aus der Schule Konfirmanden⸗ unterricht oder Bibelstunde besuchen. Die Eltern sollten sich derartigen Versuchen entschieden widersetzen und lieber dafür Sorge tragen, daß die Kinder das lernen, was sie zu ihrem Fortkommen im Leben notwendig brauchen.

* Streikbrecher suchte die Kasseler Firma Fröh⸗ lich und Wolf(Weberei) im Kreisblatt. Diese Firma hat ihre Arbeiter und Arbeiterinnen ausgesperrt und es wird daher jeder, der nicht an seinen Klassengenossen zum Verräter werden will, gewarnt, dort Arbeit anzu⸗ nehmen. 1

X Zum Quartalswechsel müssen sich unsere Parteifreunde mehr als sonst die Verbreitung unserer Presse angelegen sein lassen. Viele hunderte Abonnenten können unseren Zei tungen noch gewonnen werden. Noch nicht einmal alle Gewerkschaftsmitglieder haben die Arbeiter⸗ presse abonniert. Wer also seine Interessen wahrnehmen will, der abon niere die Mittel-

deutsche Sonntags⸗Zeitung oder die täglich erscheinende Frankftr.Volksstimme.

Soziales.

Lohnkämpfe. Ein Ausstand der Schneider ist in den größeren Städten des Ruhrbezirks ausgebrochen. Die Ursache sind Lohndifferenzen. In Worms traten am Montag die Zimmerer in den Ausstand, sie verlangen Erhöhung des Stundenlohnes von 40 auf 50 Pfg. Eine große Metall- arbeiteraussperrung steht in Hannover bevor und zwar infolge etner Differenz, welche die Former der hannoverschen Maschinenbau⸗ Aktiengesellschaft mit dieser Firma wegen Lohn⸗ erhöhung hatten. Auch in Dres den planen die Metallindustriellen bis 4. April eine allge⸗ meine Aussperrung.

Ein Bergarbeiterstreik ist in dem mittel⸗ deutschen Braunkohlenrevier(Altenburg⸗ Meuselwitz, Luckenau⸗Zestz) seit Montag ausge- brochen. Im Meuselwitzer Revier waren am Dienstag fast alle Bergleute ausständig, in ander Revieren ist der Ausstand kein allgemeiner.

Die Gewerbegerichtswahl in Fürth t. B., die zum erstenmal nach dem Proportional⸗ system vorgenommen wurde, brachte den freien Gewerkschaften einen vollen Erfolg. Die Christ⸗ lichen, die mit den Hirsch⸗Dunkerschen verbündet waren, gingen leer aus, weil sie nicht soviel Stimmen aufbrachten, als die durchschntttliche Verteilungsziffer betrug. Sämtliche sechs Sitze fielen daher den freien Gewerkschaften zu. Bei der Wahl der Uunternehmerbeisttzer fielen den Sozialdemokraten zwei von den sechs Sitzen zu.

Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach. Sonntag, den 1. April, vormittags 10 Uhr, im LokaleZum Stadtpark Kreis konferenz.

Tagesordnung: 1. Bericht des Kreisvertrauens⸗ manns. 2. Abrechnung. 3. Verschiedenes. Zu zahlreichem Besuch ladet ein. Der Kreisvertrauensmanu.

Versammlungskalender.

Samstag, 31. März.

Gießen. Holzarbeiter. Abends ½7 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb. Metallarbeiter abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Garbenteich. Arbeiter⸗Bildungs⸗Verein. Abends ¼9 Uhr Versammlung bei Heinr. Freund. Zahlreich erscheinenen!

Marburg. Wahlverein. Jesberg Versammlung.

Sonntag, den 1. April.

Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Nachm. 3 Uhr Versammlung bei Wirt Heinrich Volkmann.

Krofdorf⸗Gleiberg. Wahlverein. Nachmittags Uhr Versammlung bei Gastwirt Feu ser⸗Gleiberg.

Nieder⸗Eschbach. Wahl verein. Nachmittags 4 Uhr Mitgliederversammlung im Vereinslokal.

Samstag, den 7. April.

Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung bei Wacker.

Staufenberg. Volksverein. Abends 8 6Uhr Ver⸗ sammlung bei Wirt Geiß ler.

Dienstag, den 10. April.

Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr

Sitzung bei Orbig.

Empfehlenswerte sozialistische Schriften! Von der Expedition der Mitteld. Sonnt. Zeitung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen:

Sozialdemokratisches Reichstagshandbuch. Von Max Schippel. Ein Führer durch die Zeit⸗ und Streitfragen der Reichspolitik. In 37 Lieferungen A 20 Pfg. Gebunden 2 Mk.

Die Neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie. Allwöchentlich ein Heft. Preis 25 Pfg.

Generalstreik und Sozialdemokratie. Von Henriette Roland⸗Ho st. Mit Vorwort von Kaut sky. Preis 1.20 Mk.

Die Agrarfra ge. Von Karl Kautsky. Eine Uebersicht über die Tendenzen der modernen Landwirt- schaft und die Agrarpolitik der Sozialdemokratie. Preis brosch. 5 Mk., gebd. in Leinwand 6.50 Mk.

Grundsätze und Forderungen der Sozial⸗ demokratie. Von Karl Kautsky und Bruno Schönlank. Preis 10 Pfg.

Abends 9 Uhr bei

0