eite 4.
Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung
Nr. 13.
Molkenbuhr unter großem Beifall sprach. Sonntag hielt Molkenbuhr in Groß Gerau eine Versammlung ab, die ebenfalls den besten Verlauf nahm.
— Zu der Affaire Hirschel, die wir in letzter Nummer kurz erwähnten, teilte die „Frkftr. Ztg.“ von unterrichteter Seite mit,„daß der 2. Direktor der landwirtschaftlichen Haupt- genossenschaft zu Friedberg, Landtagsabgeord⸗ neter Hirschel, von dem 1. Direktor Oekonomie⸗ rat Schlenke in Friedberg bei der Staatsan- waltschaft wegen Unterschlagung von Ge⸗ 1 in mehreren Fällen ange⸗ zeigt worden ist. Die Anzeige war für 1895 Schlenke aus naheltegenden Gründen geboten, nachdem er wußte, daß von anderer verant⸗ wortlicher Stelle aus geg u Hirschel nichts getan werden sollte. Die Meinung also ins- besondere, daß es sich bloß um geschäftliche Unregelmäßigkeiten, namentlich um„verspätetes“ Abliefern von Geldern zur Kasse handele, ist irrig. Zurückerstattet hat allerdings Hirschel die Gelder— aber erst unter dem Drucke der Verhältnisse, also in diesem Sinne„zu spät.“ Die falschen Verbreitungen lassen sich wohl am natürlichsten durch die unrühmlichen Vertusch⸗ ungsversuche der politischen Freunde Hirschels und der sonst für ihn Interessterten erklären. Das Gewebe ist aber bereits zu durchsichtig, und wird restlos auseinander gesponnen werden können.“
Eine merkwürdige Stellung nimmt das Blatt des Herrn Hirschel, die„Volkswacht“ in Friedberg ein, dem ja die Sache allerdings mehr als fatal sein mag. Es erklärt, daß Poan Hirschel eine von Rachsucht diktierte
enunzlation beim Gericht angebracht worden sel, die nun untersucht werde. Doch hätten sich Vorstand und Aufsichtsrat der Genossen— soaft einstimmig auf den Standpunkt gestellt, aß Hirschel nichts vorzuwerfen, dieser auch einer unehrenhaften Handlung nicht fähig sei. Herr Schlenke, der sonst doch ein guter Freund irschels war, scheint darüber etwas anderer deinung zu sein.
In Hungen hat eine Versammlung der be— teiligten Genossenschafter Herrn Olrschel ein Vertrauensvotum ausgestellt, das Verfahren Schlenkes dagegen mißbilligt.— Man wird ja sehen, was die Untersuchung weiter ergibt.
Gießener Angelegenheiten.
— Die Arbeiterfrauen sollten sich jetzt recht eindringlich vor Augen führen, wie schwer der am 1. März in Kraft getretene Zolltarif den Haushalt belastet und die Lebenshaltung erschwert. Alle Lebensmittel sind mit Zöllen belastet und werden dadurch enorm verteuert. Um nur das Fleisch anzuführen, machen die Zölle an dem Pfund aus:
14,4 Pfennige bei Kuhflelsch
14,4 5 Stlerfleisch 144 1 Ochsenfleisch 14,4 5„ Kalbfleisch 18,0 0„ Hammelfleisch 9,0 1„ Schweinefleisch.
Frauen des arbeitenden Volkes! In wessen Interesse ist die gewaltige Belastung eurer Nahrungsmittel erfolgt? Im Interesse des grundbesitzenden Landadels, der Gutsbestitzer und Rittergutsbesttzer! Die Güter dieser Leute 9 nach Annahme obiger Zollsätze fortwährend m Werte gestlegen, wie ia unserer vorigen Rummer an vielen Beispielen gezeigt wurde, diesen Junkern sind durch die Annahme dieses Ja. esetzes die ungezählten Millionen in den
choß geworfen, die von euch jetzt beim Bäcker uud beim Nene für die gleiche Ware mehr bezahlt werden! Außer den Lebensmitteln aller Art werden dem Volke alle übrigen notwendigen Bedarfsartikel verteuert. Es sei nur auf das Schuhwerk hingewiesen, das besonders in zahlreichen Familien einen bedeutenden Ausgabe⸗ N ausmacht. Infolge hoher Lederpreise, ie natürlich ebenfalls durch den Zolltarlf nicht wenig gesteigert wurden, sind auch die Schuh⸗ waren teurer geworden. Zahlreichere Familien werden dadurch besonders belastet! Die So-
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e okratte hat als einzige große Partei
en für das minderbemittelte Volk drückenden
und verderblichen Zolltarif bekaͤmpft. Es ist
im Interesse des gesamten Volkes 0
daß der Einfluß unserer Partei immer me verstärkt wird, damit es ermöglicht wird, wieder zu erkämpfen, was der arbeitenden Klasse durch die Wucherparteien geraubt wurde. Darum er⸗ geht auch an die Frauen die dringende Mahnung, sich an diesem Kampfe zu beteiligen! Und sie können das sehr leicht, wenn ste, soviel sie können, für weiteste Verbreitung unserer Presse arbeiten. Aber dieser Mahnruf gilt nicht nur für die Frauen. Wie viele Männer gibt es noch, die ihre selbstverständlichsten Arbeiter⸗ pflichten e und vernachlässigen! Wie viele unterstützen noch die gegnerischen Zeitungen, welche täglich das Recht des Volkes und die Interessen der Arbeiter mit Füßen treten, ihre politische Partei und ihre Vorkämpfer täglich verunglimpfen. Bei jedem Lohnkampfe stellen sich die Amts- und sogenannten„Orbnungs“⸗ blätter auf die Seite der Unternehmer, sie finden jede, auch die bescheidenste Forderung der gequälten Arbeitsbienen als„unberechtigt“ oder„unerfüllbar“. Nur die sozialdemo⸗ krotische Presse steht dem Arbeiter jederzeit treu zur Seite, eine Helferin und Beraterin! Und gerade jetzt, wo sich die Gegensätze stetig verschärfen, wo man die Arbeiter nicht nur aushungert und ausbeutet, selbsve ihnen auch noch die natürlichsten und selbstverständlichsten Rechte vorenthält, könnte der Arbeiter nichts dümmeres tun, als seine freien Stunden mit der Lektüre der bürgerlichen Blätter totzuschlagen, die im Dienste des scharfmacherischen Reichs ⸗ verbandes stehen, der die moderne Arbeiter⸗ bewegung begelfert und e möchte; die das höfische Gras wachsen sehen, aber Watte in den Ohren und Sand in den Augen haben, wenn die Klassenjustiz am Pranger steht, wenn das Unrecht, das unausgesetzt am werktäligen Volke begangen wird, zum Himmel schreit. Deshalb, Parteifreunde, rüttelt die Gleich⸗ gültigen auf! Werbet zum Siege des Volkes über seine gewissenlosen Unterdrücker und Be⸗ herrscher, werbet für euer wichtiges Kampfmitttel, werbet für euere Mitteldeusche Sonntags⸗Zeitung! — Die Antisemiten Liebermann'scher Richtung hatten am Montag eine öffentliche maler e im Café Ebel einberufen, in welcher der Sekretär dieser Partet, Herr Hen⸗ ningsen aus Hamburg, über die„Konsumvereins⸗ Gefahr“ sprach. Der Redner suchte diese an. gebliche„Gefahr“ der Versammlung, die sich aus etwa 30 Geschäftsleuten, 20 Handlungs- ehilfen und vielleicht 10 Angehörigen unserer Partei zusammensetzte, möglichst schwarz zu schildern. Er versuchte darzutun, daß die Konsumvereine nicht mehr leisten könnten, als die privaten Kaufleute, daß sie höhere Preise für die gleichen Waren nähmen und ihre Au⸗ 2 70 N schlecht bezahlten und behandelten. nappe zweit Stunden lang führte er ein Sündenregister vor, zu dem er aus ganz Deutsch⸗ land Einzelheiten vorführte, die natürlich meistens nicht nachgeprüft werden können und tendenziös aufgebauscht und übertrieben sind. So suchte er u. a. den großen Konsumvereinen Lelpzig⸗ Plagwitz und„Vorwärts“⸗Dresden am Zeuge zu flicken, die sich wirklich mit ihren Efnrich⸗ tungen und Betriebe jederzeit sehen lassen können, die anerkannte Musterbetriebe sind. Schließlich fordert er zum Kampfe gegen die„sozialdemo⸗ kratischen“ Konsumvereine auf. Inu der sich bis 2 Ur hinziehenden Diskussion bemerkt Keßler, daß der Konsumverein zweifellos nicht 2 unterschätzende Vorteile gewähre, bie bei etziger Zeit die Arbeiter und Mlnderbemlttelten recht gut brauchen köunten. Was der Referent an angeblichen Mißständen vorgebracht habe, seien Dinge, die in Privatgeschäften hundertfach vorkämen. Der hiesige Konsumverein suche seinen Zweck, den Mitgliedern gute Waren zu mäßigen Preisen zu liefern, stets voll zu erfüllen. Vetters führte aus, daß das stetige Wachs- tum der Konsumgenossenschaften beweise, daß es sich um eine gute Sache handele. Wäre wahr, was der Referent gesagt habe, dann würde die Bewegung zu grunde gehen. Ehe man von Mißständen und schlechten Löhnen in Konsumvexeinen rede, solle man nach dieser Richtung Privatgeschäfte ansehen. Kaum eine
Woche vergehe, ohne daß in den Zeitungen über Gerichtsverhandlungen berichtet werde, in denen sich Bäcker oder Metzger wegen Unsauberkeiten zu verantworten hätten. Eine Schädigung der Geschäftswelt im Allgemeinen durch Konsum⸗ vereine bestreite er. Uebrigens sei der genossen⸗ schaftliche Umsatz im Verhältnis zu dem Gesamt⸗ Waren⸗Umsatz noch so irh aß er sich im Geschäftsleben kaum bemerkbar machen könne. Die Partei des Referenten bekämpfe in der Stadt die Konsumvereine, während sie solche auf dem Lande ee und befürworte. Das sei eine Politik mit doppelten Boden! Die Agitation geschehe nur im Interesse der Liebermann ⸗Partei. An der weiteren Debatte beteiligten sich noch stud. Noack, Bäckermeister Löber, Oberlehrer Werner, Kaufmann Berdux u. a. Herr Löber entrüstete sich über vermeint⸗ liche Angriffe, die Vetters gegen das ehrsame Bäckergewerbe gerichtet haben sollte und Herr
Berdux meinte, daß der Konsumverein keine Fortschritte mache, klagte aber trotzdem üher
seine Konkurrenz. In seinem Schlußworte suchte der Referent die vorgebrachten Einwände 11 entkräften, brachte aber weiter nichts von
edeutung vor. Im ganzen verlief die Ver⸗ sammlung ziemlich ruhlg.
— Im Gewerkschaftskartell wurde
in der letzten Sitzung über verschiedene Lohn⸗ bewegungen verhandelt, die in Gießen in mehreren Berufen bevorstehen. Zunächst legten die Brau⸗ reiarbeiter ihren einzureichenden Tarif vor und gaben die nötige Erläuterung dazu. Das Ge⸗ werkschaftskartell beschloß, die Forderung gut⸗ zuheißen und e ihre Durchführung zu unterstützen. Dasselbe wurde bezüglich der Tapezierer sowie der Maler und Weißbinder beschlossen.— Die Tapezierer sind bereits in die Bewegung eingetreten, ihre Kündigung läuft diesen Samstag ab, ebenso die der Stein- metzen, die ebenfalls vor Kurzem eingereicht wurde.
— Mit Anlage einer elektrischen Bahn in Gießen beschäftigte sich am Donners⸗ tag Abend eine vom Bürgerverein einberufene Versammlung, die den Saal des Café Leib vollständig füllte. Herr Ingenieur Frerich entwickelte das Projekt eingehend. Bei ca. 6 Kilo⸗ meter Bahnlänge würde die Anlage 500000 Mk. kosten. Die jährlichen Betriebskosten stellten sich auf 71000 Mk.; die Einnahmen auf ca. 100000 Mk., sodaß sich ein Ueberschuß von 29000 Mk. ergäbe! Oberbürgermeister Mecum
oß aber gehörig Wasser in den Wein des 1 0 Frerich, unseres Erachtens etwas zuviel. Nach ihm kann vor 1911 nicht an Errichtun der Bahn gedacht werden, die 720000 Mk. kosten würde. Betriebskosten seien 146000 Mk. anzunehmen, sodaß jährlich ein Defizit von 46000 Mk. zu decken bleibt. Dtese Zahlen sucht Herr Ingenieur Haas von der Allgemeinen Elektr„Gefellschast u entkräften und erklärte sich bereit, fuͤr 500000 Mk. die Bahn herzu⸗ stellen. An der weiteren Debatte beteiligen sich noch Stadtv. Kirch, Ingenteur Fefd, Stadtv. Gabriel u. a. Mit Annahme einer Resolution, die sich für Anlage einer elektrischen Bahn aus⸗ spricht, schloß die Versammlung.
— Die letzte Volksvorlesung für diesen Winter wird nächsten Mittwoch, 4. April, in derselben Turnhalle wie bisher gehalten. Herr Oberlehrer Dr. Strecker-Bad⸗Nauhelm wird an Stelle des erkrankten Herrn Prof. Staudinger über Goethe's Lebens- und Welt⸗
anschauung sprechen.
Aus dem Rreise gießen.
— Frau Kiesel aus Berlin spricht gegenwärtig in öffentlichen Versammlungen in unserm Bezirke. Die Rednerin befindet sich auf Agitation für den Tabakarbeiter⸗ verband, doch sind ihre Darlegungen allgemein gehalten und für jeden Arbeiter und Arbeiterfrau von großem Interesse. Versammlungen fanden bereits in Krofdorf, Gleiberg und Großenlinden statt. Für die nächsten Tage sind noch folgende vorgesehen: Samdtag abends ½9 Uhr in Wieseck bel Ziegler; Sonntag, 1. April nachmittags 4 Uhr in Altenbuseck bel Wirt Becker; abends 8 Uhr in Rödgen bel Wirt Balßer; Montag abends ½9 Uhr in Heuchelheim im Saale von Aug. Rinn; Dienstag abends 0 Uhr in Launs bach bei Wirt Komp. Gür Launsbach und Wißmar.)


