5
—
*
—
Seite 4.
Mitteldeutsche Sountaos⸗Zeitung.
Ny. 53
kommt in Wegfall. Die konfessionelle Unter⸗ weisung derjenigen Kinder, deren Eltern eine solche wünschen, ist den Geistlichen der betreffen⸗ den Religionsgemeinschaften zu überlassen. Die noch bestehenden Konfesstonsschulen sind alsbald in gemeinsame Schulen umzuwandeln.
9. Die Kammer wolle beschließen, Großh. Regierung zu ersuchen, den Landständen als⸗ bald eine Vorlage zu machen, wonach die religiösen Gemeinschaften zur Deck⸗ ung ihrer Bedürfnisse lediglich auf die Bet⸗ träge ihrer Mitglieder angewiesen werden, und jeder Zuschuß aus staatlichen Mitteln in Weg⸗
fall kommt. Arbeiterschutz.
1. Eine Vorlage wird gefordert, die einen wirksamen Bauarbeiterschutz vorsteht und Ar⸗ beiter aus dem Baugewerbe als Bau⸗Kontrol⸗ leure heranzieht.
2. Die Gewerbeinspektion soll der⸗ art ausgebaut werden, daß in allen Bezirken Hilfsbeamten aus den Kreisen der Ar⸗ beiter und Arbeiterinnen angestellt werden.
3. Ein Gesetzentwurf soll eingebracht werden, betreffend die Verhältnisse der Arbeiter und Hilfsangestellten in den Staatsbetrieben. Da⸗ bei sind folgende Punkte zu berücksichtigen: 1.
Einrichtung von Arbeiterausschüssen, die aus geheimer Wahl hervorgehen und in allen Fragen des Arbeits⸗ und Lohnverhältnisses zu hören find. 2. Durchführung eines achtstündigen Normalarbeitstages. 3. Festsetzung eines je⸗ weils mit den Arbeiterausschüssen zu verein⸗ barenden Minimallohnes. 4. Zustcherung fester Alters- und Penstionszulagen. 5. Garantierung der freien Ausübung des politischen und ge⸗ werkschaftlichen Koalitionsrechtes.
4. Schleunige Vorlage, durch welche für ewerbliche und land wirtschaftliche Lohnarbeiter⸗ chaft eine berufsständige Vertretung(Ar⸗ beiterkammei) geschaffen wird.
Pon Nah und Fern.
Hessisches.
— Der hessische Hauptvoran⸗ schlag ist vorige Woche erschienen. Er balan⸗ ziert in Einnahmen und Ausgaben mit 70,223,925,78 Mk. Der Fehlbetrag ist von 752,000 Mk. in dem Jahre 1905 gesunken auf jetzt 646,000 Mk. Nach der Vorlage kann eine langsame, aber stetig fortschreitende Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse konstatiert werden, wenn auch die Durchsicht der Ziffern des Voranschlages den fortdauernden großen Ernst der finanziellen Lage nicht verkennen läßt.
— Wahlproteste. Gegen die kürzlich vorgenommenen Landtagswahlen ist nur in zwei Fällen Protest erhoben worden. Und zwar haben unsere Genossen im Wahlkreise Kastel⸗ Kostheim die Wahl des Zentrumsmannes Schmitt angefochten und die Bündler gegen die Wahl des freisinnigen Abg. Christ in Wörrstadt Protest eingelegt, wo ihr Parteifreund Wolf⸗Stadecken mit 15 gegen 17 Stimmen unterlag.
— Ein hessischer Herrenhäusler. Der Graf Alt⸗Leinigen⸗Westerburg, Kirchenpatron von Berstadt wurde kürzlich wieder einmal erwähnt. Dieser Edle wurde vor etwa 5 Jahren wegen Ehebruchs zu sechs Monaten Gefängnis ver⸗ urteilt. Diese Strafe abzubrummen, dafür be⸗ dankte sich der erlauchte Graf, er drückte sich vielmehr ins Ausland und pfiff auf die hinter ihm entlassenen Steckbriefe.— Nun hat das Reichsgericht unter Aufhebung des Urteils des Darmstädter Oberlandesgerichts der Klage des hessischen Oberkonststoriums gegen den Grafen stattgegeben und erkannt, daß der Graf wegen die aus dem dinglichen Patronat über die evangelische Kirche in Berstadt fließenden Rechte für seine Person verloren hat. Also Kirchen⸗ patron ist nicht mehr. Wohl aber gehört er noch als„Standesherr“ der ersten hessischen Kammer an, ist„geborener“ Gesetzgeber. Es wäre interessant zu erfahren, wie diese Er⸗ lauchten über ihren unsittlichen Kollegen denken.
— Mit der Präsidenten wahl⸗Ko⸗
mödie in der Zweiten Kammer wollte
mau tatsächlich gegen die Verurteitung Köh⸗ lers demonstrieren. Das soll Köhler selbst dem Justizminister erklärt haben. Diese Rebellion gegen das Allerheiligste im Klassen⸗ staat, die Justiz, ist jedenfalls ein außerge⸗ wöhnliches Ereignis im Parlamentarismus. Sie dürfte dem bürgerlichen Klüngel vielleicht noch bitter aufstoßen. Köhler soll nun durchaus nicht daran denken, die Funktionen des 2. Präst⸗ denten der Kammer auch wirklich auszuführen. Da die Präsidenten der Kammer nach Art. 9 der Geschäftsordnung am Anfang einer Land⸗ tagsperiode zunächst auf drei Monate, und dann erst auf die Dauer des Landtags gewählt werden, so dürfte Köhler höchstwahrscheinlich nach einem Vierteljahr der prästdialen Würde entsagen, zumal ihm diese nur eine Bürde sein würde. Der Langsdorfer Dorfschulze ist kein Mann parlamentarischer Ordnung, sondern lebt mit dieser ständig auf dem Kriegsfuß. Und da es ihm nun ja gelungen ist, mit Hilfe der Nationalliberalen und Ultramontanen auf seine Weise gegen seine Verurteilung zu protestieren, so tritt er schmunzelnd von seinem Posten zurück. Wie verlautet, soll in diesem Falle der ehemalige dritte Präsident, der nationalliberale Herr Reinhart, der gegenwärtig Mitglied des Finanzausschusses ist, wieder ins Präsidium eintreten.— So schreibt unser Mainzer Partei⸗ blatt nach Mitteilungen ans zuverlässtger Quelle.
Also: Die Nationalliberalen, Antisemiten und Ultramontanen verweigern den Sozialdemo⸗ kraten einen Sitz im Präsidium, trotzdem diese ihrer Stärke nach einen solchen verlangen können. Grund: Weil die Sozialdemokraten sich nicht dazu erniedrigen wollen, höfische Zere⸗ monien mitzumachen und sich nur streng an die Geschäftsordnung halten. Dann akzeptiert diese selbe Mehrheit das Ansinnen der antisemitischen Bauernbündler, durch die Präsidentenwahl Köhlers gegen einen Gerichtsbeschluß zu prote⸗ stieren. Und nachdem Köhler seine durch das Gericht verletzte Ehre durch eine willfährige Kammermehrheit repariert glaubt, tritt er zurück und verzichtet großmütig auf die Ehre, Präst⸗ dent des„hohen Hauses“ zu sein, und ein an⸗ derer findet sich bereit, sich an Köhlers Stelle zu setzen! Zu solchen Faxen benutzt die bürger⸗ liche Kammermehrheit das Parlament! Mag sie so weiter arbeiten!
— Einenerfreulichen Sieg erkämpften unsere Parteigenossen in Mühlheim a. M. Dort wurde unser Genosse Peter Zahn am Mittwoch mit 489 Stimmen zum Beigeord⸗ neten gewählt. Der bisherige Beigeordnete erhielt nur 349 Stimmen. Verschiedene Blätter, so der„Gieß. Anz.“ und auch die Frkftr. Volks⸗ stimme bemerken dabei, daß dies der erste soztal⸗ demokratische Beigeordnete in Hessen sei. Das stimmt unseres Wissens nicht. Es sind schon mehrfach Sozialdemokraten zu Beigeordneten gewählt, aber nicht bestätigt worden. So z. B. in Rödgen bei Bad Nauheim.
Gießener Angelegenheiten.
— Herr Professor Biermer be⸗ streitet in der Frkftr. Ztg., die ihn ebenfalls wegen seinen Ausführungen in seinen staats⸗ wissenschaftlichen Vorträgen angegriffen hatte, daß das Thema seines letzten Vortrages nicht „Koalitions⸗ und Versammlungsrecht“ gelautet habe. Er habe vielmehr über das Verhältnis der Sozialdemokratie zu den Gewerkschaften ge⸗ sprochen.— Nach dem früher bekannt gegebenen Programm war das erstere Thema für den betreffenden Vortrag vorgesehen. Das Thema tut wenig zur Sache, es kommt darauf an, was ausgeführt wurde, darin stimmen wir der Fr. Ztg. vollkommen bei. Wir müssen das, was wir in letzter Nummer über die Biermer⸗ schen Ausführungen sagten, voll aufrecht er⸗ halten. Und daß wir damit Recht hatten, wird sich erweisen, wenn die Vorträge im Druck erscheinen, was Herr Biermer ankündigt.
— Aerzte⸗ Terrorismus. Die hiesigen Aerzte boykottieren den Sankitäts⸗ verein Gießen und erlassen im Amtsblatt Warnungen vor Zuzug. Warum? Der Sani⸗ tätsverein konnte die geforderte Honorar⸗Er⸗ höhung 7 auf 12 Mark per Mitglied nicht be⸗
willigen. Ein Arzt, der nicht mittun wollte, wurde vom Aerzte⸗Verband dazu gezwungen, es wurde ihm erklärt, daß ihm kein Vertreter gestellt würde, wenn er eines benötige. Die Herren verfahren mit den Nichtorganisterten ganz anders als die Gewerkschaften.
— Ueber die Betriebskranken⸗ kasse des Herrn Bauunternehmer Win n wurde bei uns lebhaft Klage geführt. Es ist mehrfach vorgekommen, daß die erwerbsun⸗ fähigen Kranken oder ihre Angehörigen Sams⸗ tags bei Abholung des Krankengeldes stunden⸗ lang im Freien warten mußten, bis sie die paar Pfennige bekamen. Mit den Betriebskranken⸗ kassen ist's eben so eine Sache. Die Arbeiter müssen wohl so viel bezahlen, als in der Orts⸗ krankenkasse, jene leistet aber nicht entfernt so⸗ viel als diese und die Arbeiter haben fast gar keinen Einfluß auf die Verwaltung.
— Die Freie Turnerschaft hält nächsten Samstag, den 6. Januar ihr Winter⸗ fest im Saale des Café Leib ab. Bei den Festen der Turner wird immer etwas an guter Unterhaltung dargeboten, weshalb ein guter Besuch erwartet werden darf.
— Zur Wahlvereins⸗Versamm⸗ lung am Samatag werden die Parteigenossen um zahlreiches Erscheinen ersucht.
An die Gewerkschaftsvorstände in Gießen und Umgebung(auch Wetzlar und Marburg) richten wir das freundliche Ersuchen, uns sobald als möglich ihre gegenwärtige Mitgliederzahl sowie die Adressen der Vorsitzenden anzugeben.
Redaktion der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung.
Aus dem Nreise gießen.
— Kreisfest 1906. Der Vorstand des Kreiswahlverein hat im Verein mit den Hausener Genossen das Kreisfest auf den 24. Juni fest⸗ gesetzt. Die befreundeten Vereine werden ersucht, dies bei Festsetzung ihrer Veranstaltungen zu berücksichtigen.
a. Leihgestern. Ein tödlicher Unglücksfall hat wieder einen Arbeiter aus unserem Orte dahingerafft; innerhalb kurzer Zeit das zweite Opfer auf dem Schlacht⸗ felde der Arbeit. Der Bremser Georg Schaum, der als solcher einen Güterzug Gießen⸗ Betzdorf bediente, wurde am Freitag(22.) nachts im Betzdorfer Bahn⸗ hofe überfahren. Der Schlußbremser bemerkte beim Abfahren des Zuges den Verunglückten zwischen den Schienen liegend. Auf das Haltesignal eilte das Personal herbei, fand ihn jedoch bereits tot. Auf welche Weise das Unglück geschehen ist, wurde noch nicht aufgeklärt. Schaum war erst 27 Jahre alt und seit einem Jahre verheiratet. Weil er ein strebsamer und nüchterner Mann war, bedauert das ganze Dorf den so jäh ums Leben Gekommenen, nur im Krlegervereine streitet man sich darüber, ob man dem seitherigen Mitgliede die letzte Ehre erweisen und ihn zu Grabe geleiten soll, weil er vor Kurzem sich aus dem Verein abgemeldet hatte. Er hatte begriffen, daß im Kriegerverein nicht der richtige Platz für einen Arbeiter ist. Die Beerdigung konnte infolge gerichtlicher Anordnung erst am Donnerstag stattfinden.
Watzeuborn⸗Steinberg. Am zweiten Weihnachtsfeiertag star b hier unser Parteige⸗ nosse Jakob Burger, Weißbinder, nach kurzer Krankheit im Alter von 35 Jahren. Er hinter⸗ läßt eine Frau mit drei unmündigen Kindern. Er hielt stets treu zur gewerkschaftlichen und politischen Organisa ion. Wir verlieren in ihm einen tüchtigen Genossen, der sich immer bereit zeigte, unsere Sache nach besten Kräften zu 1 Wir werden ihm ein ehrendes An⸗ enken bewahren.
r. Großen⸗Linden. Unser Arbeiter- bildungsverein befindet sich seit seinem Bestehen in erfreulicher Entwicklung. Auch von Seiten der Gegner wird ihm die größte Beachtung geschenkt. Obwohl wir nun uns weiter nichts vorgenommen haben, als nur uns gegenseitig aufzuklären und die wirklich wahre Volkspartei, nämlich die Sozialdemokratie, zu unterstützen und zu fördern, glauben hier gewisse Leute, wir wollten alles umstürzen, oder gar den Kriegerverein vernichten. Das ist nun weniger der Zweck unserer Organisation; ein denkender Arbester geht von selbst in keinen Kriegerverein oder tritt aus. Als dies aber einer unserer Parteifreunde tat, gab man sich alle Mühe ihn vom Austritt abzuhalten, 15 8 vergeblich. Daraufhin forderte man ibm 4 Mk.„Austeltts⸗
—


