eite 2.
qnftteldeutsche Sonntaas⸗Zeitung.
Nr. 53
los zu betrachten. Offenbar stellt er den letzten Versuch der Reaktionäre aller Schattierungen dar, die sozialdemokratische Position im Reichs⸗ tage zu schwächen, und ihm begegnet man am besten durch unaufhörliche Agitations⸗ und Organisationsarbeit.
Kolonialjämmerliches ·
Nach und nach kommt auch den Freunden der Kolonialpolitik die Erkenntnis, daß auf diesem Gebiete für uns wirklich keine Lorbeeren zu holen sind. In dem rheinischen Hauptorgan des Zentrums, der„Köln. Volkszig.“ äußert sich der Katzenjammer in folgenden Sätzen:
„In gleicher Weise war es für die Deutschen viel leichter, den Weg nach Afrika zu finden, als mit Ehren wieder heraus zu kommen. Wenn wir damals gewußt hätten, was wir heute wissen, so hätte wohl kein einziger Reichstagsabgeordneter der„Schutz⸗ herrschaft“ über Südwestafrika und Ostafrika zugestimmt. Jetzt führen wir in Süd westafrika schon zwei Jahre Krieg, die Verluste an Menschen übersteigen schon diejenigen im däni⸗ schen Kriege von 186364, und die Kosten betragen heute 300 Millionen Mark! Und was ist im günstigen Falle der Sieges⸗ preis? Die Herrschaft über ein ziemlich wert⸗ loses, meist aus Einöde bestehendes Gebiet, in dem nach Ansicht von Sachkennern höchstens 5000 deutsche Anstedler ihren Unterhalt finden können. Das ist ein niederdrückendes Gefühl und erklärt die Interessenlosigkeit der weitesten Kreise den afrikanischen Kämpfen gegenüber. In verschiedenen Zeitungen wird bitter darüber geklagt, daß für Weihnachts⸗ gaben an unsere Krieger in Afrika aus ganz Deutschland so beschämend wenig Geld eingekommen sei, während für die verfolgten russischen Juden mit vollen Händen gegeben werde. Aber Mangel an Teilnahme für unsere kämpfenden Landsleute liegt gewiß nicht vor; die Ursache liegt darin, daß die„Schutzgebiete“ selbst der großen Masse an sich vollständig gleichgültig sind. Wenn ste morgen weg⸗ gegeben würden, so wären die meisten Leute sehr zufrieden.“
Diese Schilderung der Sachlage ist durch⸗ aus zutreffend und ste beweist, daß die Sozial⸗ demokratie wieder einmal Recht behält. Sie hat die koloniale Abenteuerpolitik von vornherein bekämpft und vorhergesagt, daß sie dem Reich nie zum Segen gereichen könne, sondern zum Unheil ausschlagen müßte. Dafür hat man sie angefeindet und verhöhnt. Heute sehen selbst einstmals sehr kolontalbegeisterte Leute ein, daß man besser getan hätte, dem Rate der Soztal⸗ demokratie zu folgen. Trotzdem können die Bekehrten sich heute noch nicht entschließen, ein Ende zu machen. Es soll welter gewurstelt werden, d. h., das Volk soll immer neue Millionen für trostlose Einöde opfern!
Zum sächsischen Wahlrechtskampfe
wurde in unserer Parteipresse berichtet: Dem Dresdener Spießertum, sind die Straßendemon⸗ strationen arg auf die Nerven gefallen. Und alle Aengste entladen sich, trotz der an den Straßenecken angekleistertenAufruhrparagraphen, in dem Schrei nach rücksichtsloser Anwen⸗ dung brutaler Unterdrückungsmaßregeln. Und als leiser Unterton:„Mahnungen! und „Warnungen“, damit der Ruf Dresdens als„Fremdenstadt“ nicht geschädigt werde. „Man“ ist auch für Wahlrechtsreformen; aber in erster Linie kommt das Geschäft. Vorläufig kann sich der Dresdener Bliemchenbürger noch in Frieden nachts die Bettdeckenzipfel über seine Ohren zie en: die Sozialdemokratie Sachsens wird abwarten, wie die Dinge sich entwickeln werden.] Aber auch hier heißt es: Das Schwert geschliffen und das Pulver trocken gehalten! Die Wahlrechtskämpfe haben natürlich das öffentliche Leben in Sachsen in hohem Grade aufgewühlt. Die Wirkungen der machtvollen
Demonstrationen machen sich sogar in den Militärgerichtssälen bemerkbar. Man ist besorgt um die militärische Disziplin, wie eine Verhand⸗ lung vor dem Dresdener Militärgericht beweist,
über die der„Sächsischen Arbeiterzeitung“ be⸗ richtet wird. Der aus Tharandt gebürtige Soldat Schaarschuh vom 1. Pionierbataillon war vor dem Kriegsgericht angeklagt, sich eines groben Verstoßes gegen die Disziplin schuldig gemacht zu haben. Er hatte nur einen Befehl eines Unterofftziers nicht sofort ausgeführt und die Hände nicht stramm an die Hosennaht an⸗ gelegt. Dieses„Verbrechen“ erheischte natürlich eine gründliche Sühne. Der Vertreter der Anklage hielt es sogar für nöttg, auf die„gegen⸗ wärtigen unruhigen Zeiten“ zu verweisen. Ge⸗ rade jetzt, so führte der Herr aus, könne man alle Tage aus den Zeitungen ersehen, welch wertvolles Gut ein Heer mit strammer Disziplin sei. Es müsse deshalb auf eine strenge Strafe erkannt werden, damit sich alle Elemente, die etwa Lu st verspürten, sich in gleicher Weise wie der Angeklagte gegen die Disziplin zu vergehen, den() Fall als Warnung dienen lassen. Das Krtegsgericht stellte sich auf denselben Standpunkt, indem es wegen Achtungsverletzung in begriffliche Zusammen⸗ hange mit Erkennengebens des Ungehorsams durch Handlungen auf drei Monate Ge⸗ fäng nis erkannte. Ferner wurde die sofortige Inhaftnahme des Missetäters verfügt. Diese Militärgerichtshandluag zeigt die bange Furcht vor der schwindenden Iichaft falt Disziplin. Die herrschende Gesellschaft fühlt sich selbst in der Kaserne nicht mehr ganz sicher! Auch der sächsische König hielt es vor Kurzem
für angebracht, in einer Ansprache an die Re⸗ kruten auf die Bedeutung der„Heiligkeit“ des Fahneneides hinzuweisen. Er bemerkte dabei sogar, daß der sogenannte Fahneneid nicht blos für die aktive Dienstzeit, sondern für das ganze Leben gelte. Dieser Ausspruch hat Peter Schlemihl im Simplizissimus zu folgendem Poem veranlaßt:
Ueb' immer Königsfreundlichkeit
Bis an dein kühles Grab
Und weiche keinen Finger breit
Von deinem König ab!
O, lieb' ihn recht in ver Kasern
Und auch als Zivllist,
And hab' ihn dann zuletzt noch gern,
Wenn du am Sterben bist.
Ja, trage willig deine Last,
Getreu dem Fahneneid!
Und wenn du nichts zu fressen hast,
So stirb in Ehrlichkeit!
Dann segnen Priester deine Gruft
— Das heißt mit Vorbehalt—
Wenn jemand für dich armen Schuft
Die Leichenkosten zahlt.
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Die Polizeibehörde in Dresden will für die nächste Zeit in Dresden sozialdemo⸗ kratische Versammlungen wegen Gefahr für die öffentliche Ordnung nicht mehr gestatten, auch nicht in den Vororten. Die Polizei würde mit einem derartigen durchaus gesetzwidrigen Verhalten nur Oel ins Feuer gießen.— Ein Schmied in Dresden, der sich an den Straßen⸗ demonstrationen beteiligt hatte, wurde wegen groben Unfug zu dr ei Wochen Haft verurteilt.
Reiche Leute als Steuer · Drückeberger.
In unserem Münchener Parteiblatte em⸗ pfiehlt jemand dem Reichsschatzsekretär v. Stengel, daß er doch eine Kouponsteuer einführen möge, sowohl für fest verzinsliche als auch für Dividendenpapiere. 5 5
„Aus meiner langjährigen Praxis ist mir bekannt, schreibt der Einsender, daß unsere „Rentiers“ deshalb keine Hypotheken kaufen, weil das liebe Rentamt einen sofort„vorfängt“, während man bei Papieren nur das zu ver⸗ steuern braucht, was einem beliebt, denn„da kommens nöt dahinter!“ Ungezählte Mil⸗ lionen werden von den„Stützen der Gesell⸗ schaft“ nicht versteuert, und hier wäre es die verdammte Pflicht der Regierung, den Hebel recht kräftig anzusetzen, denn wer Zinsen ein⸗ nimmt, ist absolut nicht notleidend, und er zahlt wie der Bauer, wenn er muß! Unsere„oberen Zehntausend“, die so gerne in Hurra⸗Patrio⸗ tsmus machen, sollen zeigen, daß sie jedes Opfer mit Vergnügen auf den Altar des Vater⸗
landes legen und bereit sind, unsern Herrn v. Stengel in einer Weise zu unterstützen, damit er jeden Sorgen enthoben ist und auf Steuern für Bier und Tabak verzichten kann.
Das wünsche ich dem Deutschen Reiche fürs neue Jahr und verzichte auf jede Anerkennung meiner unmaßgeblichen Ansicht!“
unternehmer und Arbeiterfürsorge.
Für die Seeleute plant man eine Witwen- und Waisenfürsorge. Dazu bemerkt die„Lelpz. Volksz.“, hoffenklich sei es diesmal der Seeberufsgenossenschaft mit der„ge⸗ sicherten Fürsorge für die Waisen und Witwen der deutschen Seeleute“ ernst und handelt es sich nicht bloß um eine Wohlfahrtseinrichtung nach bekanntem Muster, die viel verspricht und recht wenig hält.
Unser Leipziger Parteiblatt erinnert daran, wie gerade von der Seeberufsgenossenschaft über den Wert der Unfallverhütungsvorschriften geurteilt wurde. In einem Schreiben der See⸗ berufsgenossenschaft vom 18. Februar 1896, das seinerzeit auch im Reichstage zur Verlesung gelangte, heißt es u. a.:
Die Unfallverhütungsvorschriften haben m. E. weniger einen direkten praktischen Zweck, als daß sie zur Dekoration dien en, um den Behörden und dem Publiku n zu zeigen, wie v ortrefflich die Seeberufsgenossenschaft alles geregelt hat, wie sie alles bedacht hat, für die Reeder denkt und sorgt, ihnen die Mühe des eigenen Nach⸗ denkens und die Verantwortung abnimmt und sie in jeder Weise bevormundet. Von diesem Gesichtspunkte aus, meine ich, sollten wir jede auftauchende Frage durch eine hübsche Unfallversicherungs vorschrift zu lösen trachten, je harmloser, desto besser. Mundus vult decipi.(Die Welt will betrogen werden.)
Cyntscher kann man sich über Absicht und Zweck der zum Schutze von Liben und Gesund⸗ heit der Arbeiter erlassenen Gesetze kaum äußern, als es in diesem Schreiben geschieht. Und des⸗ halb wird man gut tun, auch die Resultate der jetzt angekündigten neuen Wohlfahrtsaktion der Seeberufsgenossenschaft abzuwarten, bevor man Lobeshymnen darüber anstimmt.
Das Spremberger Eisen bahnunglück vor Gericht.
Die Strafkammer in Cottbus verurteilte wegen des Spremberger Eiseubahnunglücks den Stationsassistenten Stullgys zu 16 Mo⸗ naten Gefängnis, den Weichensteller Schmidt zu 1 Monat Gefängnis und fprach den Weichensteller Wiedemann⸗Schleife frei. Der Staatsanwalt hatte gegen Stullgys 3 Jahre, gegen die anderen beiden Angeklagten je 6 Monate Gefängnis beantragt. Dem Haupt⸗ angeklagten Stullgys ist zweifellos ein Teil der Schuld an dem Unglück zuzumessea, es stellte sich heraus, daß er nicht nüchtern gewesen ist. Aber auch dieser Prozeß ergab wieder ein krasses Bild von der Ueberlastung der Beamten auf den preußischen Bahnen. Seit dem Unglück läßt man jetzt am Vormittag zwei Beamte den Dienst versehen, den sonst einer zu verrichten hatte. Uebrigens erklärte ein Sachverständiger, daß der Zusa mmenstoß vermieden werden konnte, wenn die Strecke zweigeleistg ausgebaut oder wenn auf der Strecke das soge nannt Blocksystem eingerichtet gewesen wäre.
Das Unglück, das sich am 7. August er⸗ eignete, kostete 16 Personen, das Leben, außerdem 25 es eine große Anzahl Verwundete. Von der Verwaltung muß entschieden verlangt werden, daß sie alle nur möglichen Vorsichts⸗ mußregeln zum Schutze der Menschenleben an⸗ wendet.
Kleine politische Nachrichten.
Sie verdienen den Pokerminister. Der oldenburgische Landtag sprach am 21. Dezember dem Minister Ruhstrat auf einen Angriff des Sozial⸗ demokraten Hug wegen der Vorgänge im„Refidenz⸗ boten“⸗Prozeß mit 33 Stimmen gegen 5 und 2 Ent⸗ haltungen sein Vertrauen aus.
Das direkte Wahlrecht scheint in Bayern. nun endlich eingeführt werden zu wollen. Die Reichsrats⸗ kammer will dem neuen Entwurf des Landtags wahl⸗ gesetzes zustimmen.
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