Ausgabe 
30.12.1905
 
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Nr. 53.

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Gießen, den 30. Dezember 1905.

12. Jahrgang.

5 Medaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.

Mitteldeutsche

Jonntags⸗Zeitung.

Wedaktionsschlat: Dnnerstag Nachmittag& Nr.

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Zum neuen Jahre:

Mit großen Worten und Waffenklirren,

So zieht das neue Jahr herauf.

Die ganze Welt voll banger Wirren.

Was bringt der nächsten Seiten Lauf d

Gelingt's, den Frieden zu erhalten d

Er hängt an einem Seidenhaar!

Glückt's, sich der herrschenden Gewalten

Su wehren gegen die Gefahr d

Denn sie, die nur die Köpfe zählen,

Die als Kanonenfutter gut,

Sie scheu'n sich nicht, den Krieg zu wählen,

Sie wägen nicht des Volkes Blut.

Es ist des Volkes eigne Sache,

Besorgt auf seiner Nut zu sein.

Das Proletaviat halt' Wache!

Im eignen Land die Wacht am Rhein!

Der Feind wohnt nicht im Nachbarlande;

Der Feind heißt: Ausbeutung und Not!

Krieg gilt es gegen Unechtschaftsbande,

Krieg gilt für Freiheit es und Brot!

Trotz grauer Winternebelflocken

Auch uns scheint einst die Sonne klar!

Drum: Schwert geschliffen! Pulver trocken!

Und dann: Glückauf zum neuen Jahr! (Erich Mühsam im Wahren Jakob.)

Zur Jahreswende! Glück zum Neuen Jahre!

Diesen herzlichen Gruß und Wunsch allen unseren Lesern, allen Parteigenossen und Ge⸗ nossinnen!

Wie der Wanderer auf der Straße am Meilensteine eine kleine Pause macht, zurückblickt und den noch vor ihm liegenden Weg zu er⸗ messen sucht, so machen wir es bei Beginn eines neuen Zeitabschnittes. Wir führen uns das bisher Geleistete, Erreichte vor Augen und überschauen, ob wir unserem Ziele näher ge⸗ rückt, wie weit wir noch von ihm entfernt sind. Wir geben uns Rechenschaft von unserer Arbeit, die wir im Interesse des arbeitenden Volkes, zu seiner Befreiung zu leisten haben. Die Arbeiterklasse blickt auf ein Jahr schwerer Kämpfe zurück. Und sie weiß auch, daß ihr weitere, noch schwerere bevorstehen.

Aber sie geht diesen Kämpfen mit Ruhe

entgegen und wird sich durch nichts von dem

Wege zum Ziele: Befreiung der Arbeit ab⸗ bringen lassen. Die entgegenstehenden Schwierig⸗

keiten werden im Gegenteil ihre Kräfte erstarken

machen und sie veranlassen ihr Rüstzeug zu stählen.

Immer mehr vollzieht sich der Zusammen⸗ schluß der Gegner, immer deutlicher scheiden sich die Klassen, immer stärker tritt der Klassen⸗ gegensatz hervor. Die Arbeiterschaft steht allein, auf sich selbst angewiesen, einer Welt von Feinden gegenüber.

Die herrschende Klasse sucht der Arbeiter⸗ schaft den kümmerlichen Rest politischen Rechtes zu räubern, ste zu rechtlosen Heloten zu machen. Nach Sachsen folgt jetzt Hamburg mit dem Wahlrechtsraub, während in Preußen schon seit einem halben Jahrhundert rechtlos ist. Gegen diese schmachvollen Zustände anzukämpfen bildet jetzt eine Hauptaufgabe unserer Partei. Hier gilt es mit aller Energie einzusetzen. In Sachsen fanden bereits die Vorpostengefechte

statt, Hamburg wird folgen und die Sozial⸗ demokratie wird nicht ruhen, bis auch die preußische Dreiklassenschande beseitigt ist. Für diesen Kampf müssen wir unsere Waffen prüfen und schärfen. Wir haben keine Flinten, Säbel und Kanonen. Aber auch unsere Waffen sind von gewaltiger Wirkung! Wenn ein ein⸗ mütiger Wille die Arbeitermassen beseelt und dieser Wille in entschiedener Weise zum Aus⸗ druck gebracht wird, kann das Staatsgetriebe wirksam beeinflußt werden.

Dies herbeizuführen bedarf es nachhaltiger Aufklärung des arbeitenden Volkes. Es muß zur Erkenntnis kommen über seine Klassen⸗ lage, es muß die wirtschaftlichen Tat⸗ sachen erkennen lernen. Und es muß fernerhin, wie bis heute das Ziel verfolgen: Beseitigung der Klassenherrschaft! Dann erst wird das Volk frei, dann erst sich ein Kulturvolk im wahren Sinne nennen dürfen.

Darum müssen wir auch im neuen Jahre ankämpfen gegen Unfreiheit und Unterdrückung jeder Art. Müssen weiter bemüht sein um die Besserung der Lage der arbeitenden Klasse! Vor allem ist es Pflicht jedes Parteigenossen für die möglichste Verbreltung unserer Presse zu sorgen und dem Parteiblatt immer neue Leser zuzuführen! In diesem Sinne:

Glückauf zum neuen Jahre!

An die Arbeiter aller Länder

richtet sich ein Aufruf des inter nationalen soztalistischen Bureaus. Es behandelt die russische Revolution und fordert für diese die moral ische Unterstützung von Seiten der internationalen Sozialdemokratie. Es heißt darin u. a.:Am 22. Januar wird es ein Jahr, daß Nikolaus II. und seine Ratgeber die Arbeiter Petersburg niedermetzeln ließen, die unbewaffnet und flehend um die Beendigung eines niederschmetternden Krieges, die Besserung ihrer unglückseligen Lage und die Bewilligung elementarer Volksrechte baten welche das Pro- letariat aller übrigen Länder bereits besitzt.

Dieser Tag, der 22. Januar, bezeichnet ein entscheidendes Datum in der Geschichte der russischen Revo⸗ Lütten.

Dieser Tag hat dem Volke die Augen ge öffnet. Er hat alle Illusionen Derer vernichtet, die noch an das Wohlwollen des Zaren glaubten. Er hat schließlich zum äußersten Kampf her⸗ ausgefordert, zu einem Todeskampfe zwischen der Arbeiterklasse und den letzten Stützen eines Regimes, das vom Gewissen Aller schon läugst verdammt worden ist. Aber das Werk ist nicht vollendet. Wenn die Revolution im Gehirn auch verwirklicht ist, so hat sie doch als Tatsache erst nur begonnen. Ehe der russische Sozialismus einen entscheidenden Steg feiern kann, wird, noch das Proletariat Monate, viel⸗ leicht auch Jahre lang seinen Kampf fortführen müssen.

In diesem Kampfe, der auch unser Kampf ist, muß das russische Proletariat auf unseren moralischen Beistand und ebenso auf die mate⸗ rielle Unterstützung der ganzen Internationale bauen können.

Das Bureau macht daher folgenden Vor⸗ schlag:

Am Montag, den 22. Januar oder wenig⸗ stens am Vorabend(Sonntag), werden alle Vereine aller angeschlossenen Sozialistischen Parteien Massenversammlungen abhalten] und, womöglich, Umzüge veranstalten. Die bezeich⸗ neten Redner werden an den heroischen Kampf unserer Brüder in Rußland erinnern und eine Geldsammlung wird veranstaltet, um mit allen Mitteln Denen behilflich zu sein, die gegen den Zarismus für die heilige Sache der Frei⸗ heit kämpfen. Die Kollekten sollen, sei es an die Zentralorganisation der angeschlossenen Parteien, sei es an das Internationale Sozia⸗ listische Bureau übermittelt werden.

Politische Rundschau.

Gießen, den 28. Dezember 1905.

Die Reichs⸗Sozialistenvernichter

waren am 14. Dezember zu einer Ausschuß⸗ sitzung versammelt, an der 35 Vertreter teil⸗ nahmen. Der Generalleutaant v. Liebert renommierte den 35 Sozialistentötern allerlei über die Erfolge des Reichsverbandes vor. Seine Einnahmen hätten sich verdreifacht, die Mitgliederzahl sogar vervierfacht(81747 Mit⸗ glieder soll er am 14. Dezember gehabt haben). Bei sechs Reichstagswahlen hatte der Reichs⸗ verband mitgewirkt, auch bei den Landtags- wahlen werde er sich mehr und mehr betätigen. Vor allem aber habe er auch den Stadtver⸗ ordnetenwahlen sowie den Krankenkassen⸗ und Gewerbegerichtswahlen seine Aufmerksamkeit geschenkt. Im Jahre 1908, bei den allgemeinen Reichstagswahlen, will der Reichsverband aber erst zeigen, was er leisten kann. Da werde er der Sozialdemokratie eine so empfind⸗ liche Niederlage beibringen, daß der Reichstag hoffentlich wieder eine zuverlässige nationale Mehrheit aufweisen wird. Als Haupt⸗ kampfmittel dienen dem Reichs verbande bekannt⸗ lich neben seinen von Verleumdungen der Sozial⸗ demokratie strotzenden Flugblättern dieVolks⸗ redner, die in einer Berliner Rednerschule auf Sozialdemokraten dressiert werden. Ueber den letzten Kursus dieser Rednerschule teilte Herr Dr. Bovenschen mit, 23 Teilnehmer hätten sich ein paar Wochen lang die bekannten Lügen über die Sozialdemokratie eintrichtern lassen. Davon seien zwei Bayernals begeisterte An⸗ fänger der Sache des Reichsverbandes in ihre Heimat zurückgekehrt. Unter den Agitatoren befänden sich auch acht gelernte Arbeiter und fünf Bergleute, die demnächst auf die Sozialdemokratie losgelassen werden. Wir fürchten, es wird den Agitatoren des Reichs⸗ verbandes schlecht ergehen, wenn sie in die politische Arena treten. Ueber die Mittel, über die der Reichsverband verfügt, wurde leider nichts bekannt gegeben. Allzu üppig wird sein Budget also nicht sein, sind doch die Kreise, aus denen er seine Mitglieder holt, bekannt dafür, daß sie nicht gern finanzielle Opfer für ihre politischen Anschauungen bringen. Die Sozialdemokratie braucht den Reichsverband nicht zu fürchten, immerhin empftehlt es sich aber, ihn auch nicht als vollkommen bedentungs-

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