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Partei an der Nase herumführen!
Nr. 31.
Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
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elenden Spekulanten ein, die die anutisemitieche Wie heißt es doch bei Goethe:
Einer dieser Lumpenhunde
Wird vom andern abgetan——
Militärisches Lob der Sozialdemokraten.
In einer vor dem Stuttgarter Ober⸗ kriegsgericht durchgeführten Verhandlung gegen den Unterkanontier Geiger vom Feldartillerie⸗ Regiment Nr. 49 in Ulm wurf sich der Ver⸗ treter der Anklage zum beredten Anwalt der Sozialdemokratie auf, die er gegen den Vor⸗ wurf, ihre beim Militär dienenden Parteigenossen zu Widersetzlichkeit anzustiften, in Schutz nahm. Er stellte den Sozialdemokraten im Heere das Zeugnis tadelloser Führung aus. Das Zeugnis des militärischen Staatsanwalts verliert dadurch nicht aun Bedeutung, daß es dem Wunsche entsprang, das Verschulden des Angeklagten als schwerer erscheinen zu lassen, für dessen gegen einen Unteroffizier begangenen tätlichen Angriff der Verteidiger„sozialistische Verhetzung“ als mildernden Umstand geltend gemacht hatte. Der Gerichtshof schloß sich der Auffassung des Klagevertreters an und erhöhte die in erster Instanz auf 1 Jahr und 3 Mo⸗ nate Gefängnis bemessene Strafe auf 1 Jahr 7 Monate Gefängnis.
Revolution in Rußland.
In der russischen Marine herrscht noch immer gewaltige Gärung, die stets weiter um sich greift. Unter den Mannschaften der Schwarzen Meer⸗Flotte und den Angestellten des Sebastopoler Arsenals wurde ein umfang⸗ reiches Komplott entdeckt, infolgedessen die vor— gesehenen Flottenmanöver aufgegeben wurden. Die russischen Matrosen richteten einen offenen Brief an die Presse aller Länder, in dem sie dagegen protestieren, als Meuterer und Verbrecher angesprochen zu werden. Wört⸗ lich heißt es dann weiter:
„Wißt ihr denn, wer in Rußland der größte Ver— brecher ist, ob der, der gewaltsam die Volksmassen beraubt und ermordet, oder der, der im passiven Selbst⸗ schutze diesen Mörder wegstößt oder zufällig ermordet? Wer ist in Rusland Rebell, Meuterer, Pirat, das Volk oder die Regierung?
Wir russische Matrosen, ebenso wie auch unsere Kameraden im Landherr, wir find verhungerte barbarisierte und blutige Skelette. Unsere Familten weinen und hungern zu Hause, wir, ihre Söhne und Familienväter schmachten hier. Hunger, Gewalt und Raub wüten zu Hause, dasselbe finden wir hier. Nun, wo ist das Recht? Ist die Regierung nicht der Verbrecher selbst, und haben wir nicht recht, uns zu verteidigen.
Wir Matrosen erklären uns als eine Partei, die offen Krleg führt gegen unsere legalen Rebellen und Piraten. Wir fordern die Völker der zivilisierten Welt auf, sich wenigstens moralisch auf unsere Seite zu stellen. Wir fordern die humangesinnten Weltvölker auf, uns ihre hilfreichen Hände zu bieten, uns zu helfen, aber nicht abzustoßen. Wir kämpfen für unsere Freiheit und Recht.“
Unterzeichnet ist die Erklärung mit: Russische Matrosen in Kronstadt, Petersburg, Reval und Libau, 15. Juli 1905.
Zur Gedenkfeier für die Opfer des 22. Januar feierten in Petersburg etwa 450000 Arbeiter. Der Ausstand erstreckte sich auf die meisten Druckereien, Fabriken und Hand⸗ werksbetriebe.— In verschsedenen Orten u. a. in Kiew fanden, angestiftet von der Polizei, Ausschreitungen gegen die Juden statt.— In Warschau wurde ein Geheimagent er⸗ stochen; der Polizeimeister Kowalew in Tiflis durch eine Bombe getötet.— In Lodz soll eine Bombenfabrik entdeckt worden sein, die Polizei will dort auch eine Liste von zwanzig
ührern der Revolutionäre gefunden haben.—
ine Proklamation der sozialdemokratischen Partei Petersburgs wendet sich an die Vertreter der Semstwo's und der Städte, in der gefordert wird, das alte System mit der Wurzel aus⸗ zurotten.
Russisch⸗japanischer Krieg.
Alle vom Kriegsschauplatz in der Mand⸗ schurei eingelaufenen Nachrichten lassen erkennen, daß die Japaner fortgesetzt weiter vordringen, trotz der Schwindelnachrichten, die der russische
Oberkommandierende Linewitsch über angeblich von ihm erfochtene„Siege“ in die Welt setzt.— Die Insel Sachalin haben die Japaner fast vollständig in Besitz und Wladiwostock dürfte bald in ihre Hände fallen.
Dom Kontraktbruch der Arbeitgeber.
Was macht die bürgerliche Presse immer so viel Aufhebens vom„Kontraktbruch“ der Arbeiter, wenn ihnen einmal die Geduld gegen⸗ über dem selbstherrlichen Fabrikantenabsolutis⸗ mus reißt. Bis zum Ueberdruß oft haben wir diesen Vorwurf in allen Spießbürgerblättern und von allen Parlamentsphilistern zu hören bekommen, als es sich um den großen Berg- arbeiterstreik im Ruhrkohlengebiet handelte. Trotzdem es ein Kampf war gegen Bestimmungen und Gebräuche, die eben dem Vertrag von sich aus schon direkt zuwiderliefen, trotzdem die Arbeiter in einer Weise gereizt und provoziert waren, daß ihre Erbitterung jedem menschlich fühlenden Wesen begreiflich, ihr empörter An— sturm gegen direkte Ungerechtigkeiten und Quäle⸗ reien jeden denkenden Kopf natürlich und be— gründet erscheinen mußte, trotzdem immer dieser pharisäerhafte Hinweis auf das Papier, auf den formalen Schnitzer. 5
Und nun, wie machen es die Herren Arbeit⸗ geber selbst, wenn ihrer schrankenlosen Selbst⸗ sucht ein solches Papier im Wege steht? Ja, Bauer, das ist etwas anders! Verträge respek⸗ tieren die hohen Herren in ihrem„gesunden Egoismus“ nur, wenn sie selbst Vorteil davon haben. Wo aber Bestimmungen einmal von ihnen selbst etwas verlangen, da ist's plötz⸗ lich„berechtigte Notwehr“, darüber hinwegzu⸗ gehen. In Essen ist ein Kampf im Bau⸗ gewerbe im Gange, der sich in den üblichen Formen abspielte: Streik und daraufhin Aus- sperrung der organisierten Arbeiter. Diese Aussperrung sollte aber nun auch auf diejenigen ausgedehnt werden, die in einem durch Tarif⸗ vertrag festgesetzten Verhältnis arbei⸗ teten. Also der unverblümteste Kontrakt⸗ bruch von Seiten der Herren Unternehmer! Die doch sonst so gern den Arbeitern gegenüber sich brösten mit bessern Sitten, mit bessrer Einsicht, mit bessrer Bildung! Man sieht, wie rasch der sogenannte„gesunde“ Egoismus zum nackten, brutalen Egoismus wird. Und— Egoismus weckt wieder Egoismus! Diese Herren dürfen sich wahrhaftig am aller— wenigsten wundern, wenn schließlich ihnen gegenüber jede ethische Rückstcht, jeder höhere Gesichtspunkt außer Acht bleibt. Denn für sie fällt doch absolut jede Entschuldigung, die einem solchen Gewaltakt mildernde Umstände sichern könnte, völlig weg: Da ist keine Unbildung, keine Verrohung durch verzweifelte Lebensum⸗ stände, keine Notwehr gegen direkte physische Entbehrungen und Schädigungen, kein Kampf gegen eine übermäßige Willkürherrschaft— da ist nichts, als die Profitgier, der Gewinn⸗ hunger, der rüde Selbsterhaltungstrieb des menschenverzehrenden Kapitalismus!
Der Oberbürgermeister von Essen, Zweigert, ein sozial gebildeter Herr, hat diesem Kontrakt⸗ bruch gegenüber einen in unsern Tagen leider nur zu seltenen Mut und rechten Blick bewiesen. Er will mit Klage und Unterstützung der aus⸗ gesperrten Tarifarbeiter gegen das kontrakt⸗ brüchige Unternehmertum vorgehen. Aber da regt sich auch sofort das Solidaritätsgefühl, das die Vertreter des Kapitalismus verbindet und stark macht(die Arbeiter müssen sich daran ein Beispiel nehmen!!) und schließlich stellen sie eine Macht dar, die stärker ist als Staat, Recht und Gesetz, eine Macht, die jeder Ethik, jeder Ansprüche andrer spottet, die nur sich selbst kennt, ihre Herrschaft, ihren Profit! Und lieber wird da jedes Opfer für die rücksichtsloseste eigene Interessenpolitik gebracht, als auch nur das einfachste und notwendigste Zugeständnis an die primitivsten Forderungen von Gerechtig⸗ keit gemacht. Eine Anzahl von Geldfürsten des rheinisch⸗westfälischen Arbeitgeberbundes hat sich bereit erklärt, diejenigen Unternehmer zu unterstützen, die durch die Aussperrung der Bauarbeiter in Schwierigkeiten geraten sollten!
Zieht eure Lehren auch wieder aus diesem Fall, Arbeiter! Was jene stark macht, das kann auch euch stark machen: Efnigkeit! Organisation!„Vereinigt werden auch die Schwachen mächtig!“(Schiller.) Nur die Kräftigung eurer Organisationen verschafft euern Verträgen Respekt! Nur als Macht könnt ihr von den Arbeitgebern die Achtung eurer Men⸗ schenrechte fordern! Für die Stimme des Ge— wissens, für die Gebote der Ethik sind die Herren taub nach wie vor! Es gibt nur die eine Wahl für euch Arbeiter: entweder ihr bleibt in dem schönen„patriarchalischen“(väter⸗ lichen!!“) Verhältnis, wo man euch fuͤr ein paar Groschen Lohn als Unmündige ausnutzt bis an die letzte Grenze eurer Kraft, oder ihr tretet den Organisationen bei, die jener unstttlichen und unmenschlichen Selbst⸗ herrlichkeit den Krieg zu erklären wagen können. Von euch aber, das bedenkt, von eurer Zahl, von euern Beiträgen, von eurer Vernunft hängt es dann ab, ob wir auch siegen können. Ein Hemmnis ist jeder Nichtorganisierte für seine Kameraden! K. Wẽ̃
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Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.
Die wichtigsten Einfuhrartikel Deutschlands, die zusammen 38,2 Prozent des Wertes der Gesamteinfuhr ausmachen, sind nachstehende Waren, von denen jede in einer Quantität eingeführt wird, deren Wert 100 Millionen übersteigt:
Wert der Einfuhr im Jahre 1904
in Milliouen Mark.
Baumwolle, rohe 471,0 Gold, roh und gemünzt 454,0 Schafwolle, roh ꝛc. 289,8 Weizen 281,0 Kaffee, roher 162.9 Gerste 146,8 Kupfer, rohes 134,0 Rindshäute 138,8 Bau⸗ und Nutzholz 115,8 Eier und Geflügel 114,7 Kautschuk und Guttapercha 109,4 Rohseide, ungefärbt 104,6 Steinkohlen 100,7
Zusammen wurden diese 13 Artikel in einem Werte von 2618,5 Millionen Mark eingeführt; demgegenüber hatte die Gesamteinfuhr des Jahres 1904 einen Wert von 6864,3 Millionen Mark.
Die Arbeiter⸗Konsumvereine zeigen recht erfreuliche Fortschritte. Einer der be— deutendsten ist der Konsumverein Leipzig⸗ Plagwitz, dessen Gesamt- Verkaufserlös in dem mit dem 30. Juni zu Ende gegangenem Betriebsjahre 13092082 Mark betrug. Der Mehrumsatz beziehungsweise Verkaufserlös gegen das Vorjahr beträgt 1006 736.34 Mark. An Mehrerlös parttzipieren die Verkaufsstellen des liquidierten Konsumvereins Leipzig ⸗ Connewitz mit 562 451.24 Mark. Um 444 285.10 Mark hat sich der Verkaufserlös, in den der Genossen⸗ schaft schon früher gehörenden Verkaufsstellen, erhöht.— Der Konsumverein Vorwärts in Dresden erzielte im abgelaufenen Geschäfts⸗ jahr einen Umsatz von 6679 099 Mark gegen 6032 176.79 Mark im vorangegangenen Jahre. Der Mehrumsatz beträgt also trotz aller Hetzereien der Genossenschaftsgegner 646 922.36 Mark. Der Umsatz wurde erzielt in 35 Verkehrsstellen. — Die Machinationen der Gegner der Genossen⸗ schaftsbewegung, die sich neuerdings wieder offener hervorwagen, müssen mit massenhaftem Beitritt zu den Konsumvereinen beantwortet werden. Jeder Arbeiter besonders hat ein leb⸗ haftes Interesse daran, die Kaufkraft seines geringen Einkommens zu erhöhen.
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von Nah und gern.
Hessisches.
— Der Landtag soll nach einer Mit⸗ teilung des Ministeriums erst Mitte Oktober geschlossen werden. Bis dahin harrt noch umfangreiches Material der Erledigung. Außer
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