Seite 2.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 31.
Simultanschule verübt. Sein führendes Organ, das„Mainzer Journal“, verlangte Beseitigung der e Schule und konfefftoge le Aufsicht. Dieser plumpe, unkluge Vorstoß hat den Zentrums⸗ führer in der hessischen Kammer, Dr. Schmitt, peinlich berührt und er gab in einer Erklärung dem Blatte eine kalte Douche.
Ueber die Tagesordnung des Jenger Parteitages entspann sich in unserer Partei⸗ presse eine Debatte. Der„Vorwärts“ verlangte, daß die Tagesordnung Punkte von„aktueller Wichtigkeit“ aufweisen solle. Demgegenüber betonen andere Parteiblätter, sowie Genosse Stadthagen im letzten Hefte der„Neue Zeit“, daß unsere Parteitage keine Paradevorstellungen seien, es müßten in erster Linie die inneren Parteiangelegenheiten erörtert und erledigt werden und außerdem könnten aktuelle politische Fragen bei dem Berichte der Fraktion behandelt werden. Die Anregungen des Vorwärts mögen ja ganz gut sein; wenn er aber meint, es sei . der Parteitage, Stellung zu den Er⸗ eigusssen der Zeit zu nehmen, so halten wir dies mit Stadthagen für unrichtig.
Herr Ruhstrat, der oldenburger Poker⸗ minister bleibt nun doch im Amt, trotzdem er in dem Bückeburger Prozeß gegen den Kellner Meyer auf's Schlimmste bloßgestellt wurde. Leider hat das Bückeburger Gericht den Ent⸗ schädigungsanspruch Meyers, der 7 Monate unschuldig in Untersuchung saß, abgelehnt.
1000 königliche Bergleute befinden sich im Bassingshausener Kohlenbezirk(Hannover) im Streik. Diese Leute gehörten bis jetzt keiner Organisation an und der Ausstand ist keineswegs auf„soztaldemokratische Hetze“ zurück⸗ zuführen. Sie verlangen Lohnerhöhung und bessere Behandlung. Allerdings sind in dem staatlichen„Muster“betriebe die Löhne erbärmlich, sie betragen 1.80 Mk. bis 2.20 Mk., und die Behandlung gleicht der in Saarabien.
Bei den Gemeindewahlen in Holland haben unsere Genossen gute Erfolge erkämpft. — In Serbien fanden die Wahlen zur
kupschtina statt, bei denen auch zwei Soz'al⸗ demokraten gewählt wurden. Das will in diesem Lande schon etwas bedeuten und zeigt, daß unsere Bewegung überall fortschreitet.
Gegen den Sultan verübte ein bis jetzt noch unermittelter Täter, der Offiziersuniform getragen haben soll, am Freitag einen Bomben— an griff. Es sollen dabei etwa 40 Personen getötet, hunderte verwundet worden sein. Der Sultan, welcher eben die Moschee verließ, blieb unverletzt.
Wilhelm II. traf in der Ostsce mit Nikolaus II zusammen, dem er geraten haben soll, den Krieg energisch fortzusetzen. Unterdes verhandeln die russischen und japanischen Deleglerten in Washington über die Friedens— bedingungen.
Reichstagsersatzwahlen und„Rückgang der Sozialdemokratie“.
Die am 20. Juli im Wahlkreise Fürth⸗ Erlangen stattgefundene Reichstagsersatzwahl hat mit dem Siege des„freisinnigen“»isch— maschkandidaten Barbeck geendet. Jedenfalls zum letzten Male, denn das Stimmenverhält⸗ nis zeigt, daß uns dieser Wahlkreis bei der nächsten Wahl unbedingt zufallen muß. Mit Mühe und Not, mit Anwendung der schofelsten Mittel gelang es den Bürgerlichen noch einmal ihn zu behaupten. Barbeck erhielt 14426, unser Genosse Segitz 13624 Stimmen. Das bedeutet für unsere Partei gegen die Hauptwahl von 1903 eine Zunahme von 2120 Stim⸗ men, während die Gegner nur ein paar Hundert mehr als bei der vorigen Hauptwahl, aber zirka 700 weniger als in der Stichwahl von 1903 erhielten! Und dies trotz der niedrigsten Mittel, welche die Bürgerlichen im Wahlkampfe anwendeten. Unter anderm wurde die Lüge verbreitet, Segitz habe den Landbündlern für Stimmenthaltung bei der Reichstagswahl die drei Landtagsmandate versprochen! Und dieser offenbare Schwindel wurde auch dann noch weiter kolportiert, nachdem er als solcher von der sozialdemokratischen Parteileitung und Presse
——— 0 ee
—— 0
öffentlich festgestellt war. Selbst die „Frankfurter Zeitung“ wiederholte die blöde Lüge. Trotzdem und trotz verlogenster Agitation des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie haben wir einen schönen Fortschritt, wie noch bei jeder Wahl in diesem Kreise zu verzeichnen, dagegen ist der politische und moralische Bankrott des Freisinns offen⸗ bar geworden.
Im Wahlkreise Oberbarnim fiel die am Freitag vorgenommene Stichwahl zwischen dem Reaktionär Pauli und unserm Genossen Bruns zu Gunsten des Ersteren aus. Pauli erhielt 8748, Bruns 7590. Gegen die Haupt⸗ wahl brachte unsere Partei 1271, die Konser⸗ vativen dagegen 2480 Stimmen mehr auf, was den Beweis liefert, daß die Freisinnigen für den Reakttonär stimmten, eine Erscheinung aller⸗ dings, die schon hundertfach beobachtet wurde. Gegen die Hauptwahl von 1903 beträgt unser Stimmenverlust 893, derjenige der Konservativen 561 Stimmen. Von gegnerischer Seite wurde der bei dieser Wahl wiederum wie bet früheren auf den Stimmenverlust der Sozialdemokratie hingewiesen und daraus deren Rückgang gefolgert. Selbst Parteiblätter fanden diese Erscheinung bedenklich und maßen dem Dresdener Parteitage die Schuld daran zu. Nun ist es für uns zwar ganz gewiß bedauerlich, wenn irgendwo unsere Stimmenzahl zurückgeht. Aber einmal ist dies bei Nachwahlen fast stets der Fall und trifft auch meist alle Parteien, dann haben wir aber auch seit Dresden sehr gute Erfolge sowohl bei Reichstags⸗, wie bei Land⸗ tags⸗ und Gemeindewahlen zu verzeichnen. Man muß aber auch die Wahlergebnisse von 1898 zum Vergleiche heranziehen. Und da zeigt sich, daß fast überall, wo seit den letzten allge⸗ meinen Wahlen Nachwahlen stattgefunden haben, eine nicht unbedeutende Zunahme der sozial⸗ demokratischen Stimmen gegenüber der 1898er Wahl zu verzeichnen ist. Daß die einer Flut⸗ welle vergleichbare riesige Zunahme von 1903 nicht überall Stand hielt, ist nicht weiter ver⸗ wunderlich. Besspielsweise betrug 1903 unsere Stimmenzahl im Wahlkreise Essen 22773 gegen 4400 im Jahre 1898, also eine Zunahme von über 18 000 Stimmen! Wenn wir bei der jetzt auf den 19. September festgesetzten Nachwahl 16— 20 000 Stimmen bekommen, also ein paar Tausend weniger als 1903, aber immer noch 12— 16000 Zunahme gegen 1898, so können wir ganz zufrieden sein und den Rückgang uns ganz ruhig gefallen lassen. Uebrigens brauchen wir auch einen wirklichen Verlust von ein paar Tausend Wahl⸗Stimmen nicht allzu hoch anzuschlagen. Mit Recht weist Kautsky demgegenüber auf die überaus günstige Entwickelung unserer Presse und unserer politischen und gewerkschaftlichen Orga⸗ nisation hin, die mehr als die Wahlziffern das Fortschreiten unserer Bewegung beweisen. Und der Meinung sind wir auch.
Mit den bayrischen Landtagswahlen
hat sich die Presse aller Parteien noch weiter ausgiebig beschäftigt. Während sich in unserer Parteipresse nirgends Widerspruch gegen die von unsern bahrischen Genossen beobachtete Taktik erhebt, gefällt sich die liberale Presse in Verspottung der Sozialdemokratie, die vom Zentrum übertölpelt worden sei. Als ob die gänzlich aufgeriebenen Liberalen Ursache hätten, andere zu verhöhnen! Anders beurteilt der Freisinnige Barth die sozialdemokratische Taktik, der ganz richtig in der„Nation“ schreibt:„Daß die Sozialdemokratie nur einen geringen Mandatsgewinn heimgebracht hat, ist nicht allein entscheidend. Wichtiger ist die politische Position, welche die Sozial⸗ demokratie durch dieses Bündnis gewonnen hat. Nachdem das Zentrum, diese Hauptstütze von Thron, Altar, Eigentum, Religion usw., mit der Sozialdemokratie Arm in Arm vor die bayrische Wählerschaft getreten ist, hat es für alle Zeiten seine Angriffskraft gegen die Sozialdemokratie geschwächt.“ Ganz unsere Meinung.
Von sozialdemokratischen Vertretern sind wiedergewählt: Schriftsteller Ad. Müller
n„ e
in München, Wein wirt Frz. Sch mir, München, Gemeindebevollmächtigter Gg. Birk, München,
Schriftsteller Gg. v. Vollmar, Sohyensaß, Tapeziermeister Jos. Ehrhardt, Ludwigs⸗ hafen, Arbeitersekretär Segitz, Nürnberg, Buchdruckereibesitzer Jos. Huber, Ludwigs⸗ hafen, Schuhwarenfabrikant Keidel, Pirmasens.
Als neue Männer ziehen in den bayerischen Landtag folgende Sozialdemokraten ein: Re⸗ dakteur Hans Rollwagen, Augsburg, Ar⸗ beitersekretär Hans Timm, München, Stadt⸗ rat Körner, Ludwigshafen, Stadtrat E. Klement, Kaiserslautern.
Dagegen müssen infolge des Nürnberger Wahlbetrugs bis auf weiteres der Landtags⸗ arbeit fernbleiben die bisherigen Vertreter von Nürnberg, die Genossen Löwenstein, Merkel und Haller v. Hallerstein.
Der Hänge⸗Peters begnadigt!
Ein Hallunke schlimmster Sorte, der frühere Reichskommissär in Ostafrika Dr. Karl Peters, ist durch kaiserliche Gnade wieder zu Ehren gekommen. Er gehörte zu den Kolo⸗ nialbestten, die im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte in hoher amtlicher Eigenschaft als Vertreter der Reichsautortität in unseren Schutz⸗ gebieten die Humanität, das Recht und den deutschen Namen geschändet haben. Geradezu scheußliche Schandtaten gegen Neger und Neger⸗ weiber, offenbaren Mord, hat diefes Subjekt verübt, wie sowohl im Reichstage, als in den Gerichtsverhandlungen festgestellt worden ist. Nach Recht und Gesetz hätte Peters mindestens lebenslänglich ins Zuchthaus gehört. Der Disziplinargerichtshof zu Leipzig aber ließ es in unbegreiflicher Milde dabet bewenden, ihn mit der Dienstentlassung und mit der Aufer⸗ legung sämtlicher Kosten des Verfahrens zu bestrafen. Das Gericht stellte damals fest, daß Peters in den Jahren 1891 und 1892 einen Negerjungen und ein Negermädchen willkürlich aufknüpfen ließ, nur um seine Rachsucht zu befriedigen und ebenso ließ er den Neger Mabruk aufknüpfen, weil er mit seiner, des Dr. Peters, schwarzen Konkubine geschlechtlich verkehrt hatte. Noch eine Reihe ähnlicher Schandtaten sind ihm nachgewiesen worden. Trotzdem fand dieses Scheusal noch immer Verteidiger. Konservative und nattonalliberale Politiker, wie Kardorff, Normann, Paasche und andere bemühten sich um seine Ehrenrettung, man wollte sogar noch eine Pension für den Elenden heraus. schlagen! Infolge des Gnadenaktes darf sich dieser Kulturverbreiter nun wieder„Reichs— kommissar“ nennen!
Krach im antisemitischen Lager.
Zwischen dem Organ der Antisemiten in Sachsen, der„Deutschen Wacht“ und dem früheren„Direktor“ derselben, dem auch in unserer Gegend(er kandidierte bei der letzten Wahl in Marburg und früher einmal in Wetzlar) bekannten Führer der sächsischen Anti— semiten Zimmermann ist eine grimmige Fehde ausgebrochen und die Stinkbomben fliegen herüber und hinüber.
Die Berliner„Staatsbürgerzeitung“, das frühere Pückler-Organ nimmt die Partei Zimmermanns und so tobt die Katzbalgeret auch zwischen den beiden Judenfresser⸗Blättern äußerst heftig. Die„Deutsche Wacht“ wirft Zimmermann vor, daß er während der Reichs⸗ tagsersatzwahl für unsern Genossen Rosenow im Zschopauer Wahlkreise Berichte über seine Versammlungstätigkeit an Dresdener Blätter geschickt hat, aber an sein eigenes Parteiorgan nicht. Es ist interessant, meint dazu unser Dresdener Parteiblatt, festgestellt zu sehen, daß jene reklame und lügen haften Berichte Zimmermann selbst verfaßt und verschickt hat! Die„Wacht“ droht noch mit weiteren Enthüllungen und bemerkt, es löse sich mit rapider Schnelligkeit ein Stein nach dem andern aus dem Zimmermannschen Ge⸗ bäude. Aus dem antisemitischen Ge⸗ bäude hätte das Blatt sagen können, wenn bei dem Antisemitismus überhaupt von einem „Gebäude“ die Rede sein köunte. Wem fällt da nicht das Wilberg'sche Wort von den Gauk⸗
lern und Schaumschlägern, Phrasenhelden und


