Ausgabe 
30.7.1905
 
Einzelbild herunterladen

.

iuse

*

1

T

.

Nr. 31. Gießen, den 30. Juli 1905. 12. Jahrgang. Auhenplahß 11, Satte Mitteld eutsch 2 9 Nacht. Uhr. N

Sonnt

-I

itung.

Abonnementspre is:

Bestellungen

8 Juserate

Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Die 5 gespalt.

Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107)

Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestelluug 33½% und bei mindestens 2 mal. Aufgabe 50% Rabatt

Bei mindestens

Wohltätigkeit. Von Gisela Michels(Marburg).

Tag aus, Tag ein ertönt im Lager unserer bürgerlichen Gegner dieselbe Klage:Die Sozialdemokratie ist die Partei der Hetzer und Wühler, sie macht die bisher so zufriedenen Arbeiter unzufrieden und aufrührerisch! Sie gibt dem Volke nichts weiter, als hohle un⸗ erfüllbare Versprechungen, sie zieht die armen Leute mit gletisnerischen Verheißungen an sich, während wir, die staatserhaltenden, ordnungs- liebenden Bourgeois allein die Armut in Wahr⸗ heit zu lindern suchen! Und dann wird des weiteren aufgezählt, wie unendlich viel die guten reichen Leute doch für die Armen tun, welche Summen Staat, Gemeinde, Kirche und private Vereinigungen für Unterstützungszwecke aus⸗ gegeben, und wie unendlich groß überhaupt die bürgerliche Wohltätigkeit sei! Gegenüber all diesen Liebestaten müsse sich die Sozialdemokratie mit ihren paar hohlen Phrasen und leeren Ver⸗ sprechungen doch wahrhaftig verkriechen.

Gar manche Arbeiterfrau gibt diesen Reden in ihrem Herzen recht, freut sich über die schönen warmen Röckchen und die hübschen Spielsachen, die ihre Kleinen zu Weihnachten von den guten Schwestern in der Kleinkinderschule oder bei ähnlicher Gelegenheit geschenkt bekommen und zankt mit ihrem Manne, wenn er womöglich ein paar der zum Lebensunterhalt so nötigen Groschen zur sozialdemokratischen Parteikasse trägt oder in einer Versammlung darauf gehen läßt, die ihm auch keinerlei handgreiflichen Vorteil für sich oder seine Familie einbringe! Sie versteht es eben nicht, daß all die warmen Röckchen und all die großen Suppentöpfe der Barmherzigkeit, und mögen sie auch aus noch so hilfsbereiten Herzen gespendet werden, doch nie und nimmer ausreichen können, um all die Blöße zu bedecken und all den Hunger zu stillen, die auf Erden Tag für Tag infolge unserer verkehrten Gesellschaftsordnung immer neu ent⸗ stehen, daß alle diese Wohltaten nur wie einzelne Wassertropfen auf ein von der Sonnenglut aus gedörrtes Ackerland wirken, während ste selbst, die arme Frau, ebenso dumm ist wie jener Narr in der Fabel, der stolz und glücklich sich rühmte, ein köstliches Mittagsmahl verspeist zu haben, als er seine trockene Semmel vor dem Küchenfenster eines reichen Prassers ver⸗ zehrt, und dabei die Düfte all der in jener Küche zubereiteten Braten und Leckereien ein- geatmet hatte. Denn sie steht womöglich stun den⸗ lang Spalier, um die Toiletten der vornehmen Damen zu bewundern, wenn sie vor dem Theater oder dem Konzertsaal aus dem Wagen steigen, und sie ist stolz und glücklich, wenn die Frau Geheimrat oder die Frau Kommerzienrat, bei der ste vielleicht alle Tage die Teller spült und die Stiefel putzt, ihr hier und da einmal ein altes Kleid oder einen altmodisch gewordenen Hut schenkt, oder die Köchin ihr ein paar gute Brocken für die Kinder zusteckt.

Aber wenn ste sich mit offenen Augen in der Welt umsehen würde, dann würde sie gar bald erkennen, daß trotz aller Wohltätigkeit die Armut nicht aus der Welt verschwindet, sondern daß sie im Gegenteil tagtäglich wieder neu ersteht. Gegen Armut und Hunger hilft eben nur eine vollständige Umwälzung

unserer heutigen Verhältnisse, während ihr einen ebenso schön geschmückten Christbaum

die bürgerliche Wohltätigkeit ja gerade darauf ausgeht, unseren augenblicklichen Gesell⸗ schaftszustand zu erhalten und zu be⸗ festigen. Denn ihr Streben geht nicht dahin, die Unterschiede zwischen Arm und Reich völlig aufzuheben, sondern nur dahin, sie weniger kenntlich zu machen, indem ste mittelst einiger, kleinen milden Gaben, die die Taschen der Reichen doch nicht wesentlich leichter machen, den Proletarier mit dem Los, das ihm gefallen ist, zu versöhnen sucht. Sie gleicht dabei einem Arzte, der dem Kranken, dem er nicht anders zu helfen weiß, Betäubungsmittel gibt, die zwar seine Schmerzen lindern, aber nicht das Uebel heilen.

Gewiß gibt es viele bürgerliche Idealisten, die von dem reinsten und edelsten Streben be⸗ seelt sind, und sicher schaffen die Nolkskaffee⸗ küchen, Volkslesehallen, Volksbäder, Volks⸗ bibliotheken ꝛc. innerhalb des kleinen Kreises von Unbemittelten, welche zufällig in das Be⸗ reich ihres Tätigkeitsgebietes geraten, manches Gute, aber, wenn wir die Unsumme von Energie, Tatkraft und Begeisterung, welche bei derartigen Liebeswerken aufgewendet wird, vergleichen mit dem Erfolg, wenn wir sehen, daß der Boden des Topfes, den diese Ideologen mit Glück und Wohlbehagen für die ganze Menschheit zu füllen trachten, durchlöchert ist wie ein Sieb, daß deshalb das Glück und der Wohlstand in der Welt niemals größer wird, so sehr ste sich auch abmühen, dann können wir nicht umhin, diese Menschen trotz all ihrem guten Willen verblendete Toren zu schelten, die, statt ihrer Absicht gemäß die Menschheit aus Not und Elend zu erretten, sie nur immer tiefer darin verstricken. Denn durch all ihre Sammlungen und wohltätigen Veranstaltungen, die, wie gesagt, immer nur einer verschwindend kleiner Zahl Armer zugute kommen, erwecken sie in den Besitzenden den Glauben, daß sie mit einigen mehr oder minder kleinen Beiträgen zu Wohltätigkeitszwecken sich vollauf von jeg⸗ licher Verpflichtung gegenüber den Besitzlosen befreien könnten und daß sie damit ja alles läten, was in ihrer Macht stünde, um das Los der Armen zu verbessern, während andererseits in den Besitzlosen selbst ein Gefühl der Abhängigkeit, der Unselbständigkeit groß⸗ gezogen wird, welches ihnen alle Lust und alle Kraft zu eigenem Handeln nimmt und in ihnen schließlich die Meinung befestigt, daß ihr Leben garnicht anders sein könne, daß es Sache der Reichen sei, die Armen über Bord zu halten und ste nicht Hungers sterben zu lassen, während aber andererseits der Arme keinen Anspruch darauf habe, teilzunehmen an den höheren Gütern des Lebens, welche allein der Reichtum verschafft. So zahlt z. B. manche reiche Frau Professor oder Frau Rechtsanwalt, selbst über ihr gütiges Herz ganz gerührt, ein paar hundert Mark jährlich Beitrag als Ehrenmitglied eines Kindergartens oder einer Volksküche, ohne sich doch! darum zu bekümmern, bei welchen Hungerlöhnen vielfach ihre kostbaren Toiletten hergestellt werden, während die arme Zeitungsfrau schon von vorneherein mit den Weihnachts- oder Neufahrsgaben ihrer reichen Kundschaft rechnet, ohne daß ihr dabei der Gedanke kommt, daß bei einer gerechteren Ordnung der Dinge ihre eigene harte Arbeit

verschaffen würde, wie er im Zimmer der Reichen erstrahlt, ohne daß sie auf das milde Herz Anderer angewiesen zu sein brauchte.

Wenn nun aber schon die eben erwähnte Art der Wohltätigkeit, welche ich hier dieun⸗ interessierte Wohltätigkeit nennen möchte, weil ste, obgleich sie ja eben indirekt auch nur den Interessen der eigenen Klasse dient, doch dem⸗ jenigen, der sie ausübt, nur selten einen direkten Vorteil bringt, eine nur sehr beschränkte Wirkung auszuüben vermag, so begegnen uns im Leben noch viele andere Schattierungen innerhalb der bürgerlichen Wohltätigkeit, welche mehr oder weniger hauptsächlich in Rücksicht auf das eigene Interesse ausgeübt werden, und daher um so weniger geeignet sind, die Lage der besitzlosen Klasse beträchtlich zu verbessern. Da haben wir neben der Wohltätigkeit der Kirchen, welche durch die Nahrung und Kleidung, die sie den Armen bieten, sich ihren Anhang und ihre Macht zu sichern streben und unverholenermaßen mit ihren Wohltaten Handel treiben, indem ste sich auf diese Weise Glauben und Gewissen der Beschenkten erkaufen wollen, die Wohltätigkeit des Unter⸗ nehmertums, das den bei ihm beschäftigten Arbeitern durch billige Wohnungen, Unter⸗ stützungskassen, Konsumvereine ꝛc. zwar gewiß manchen materiellen Vorteil bietet, um sie andererseits desto bedingsloser an sich zu ketten und ihnen jede eigene Handlungs⸗ und Meinungs⸗ freiheit zu rauben, und da haben wir endlich jenen widerwärtigen und aufgeblasenen Wohl⸗ tätigkeitssport, der in der vornehmen Gesell⸗ schaft zumguten Ton gehört, und der die Armut und Bedürftigkeit der großen Masse zum Deckmantel benutzt für die Vergnügungen und Festlichkeiten derobersten Zehntausend, die alljährlich unzählige Bazare, Theater⸗ vorstellungen, Konzerte, Illuminatio⸗ nen ꝛc. ꝛc.zum Besten der Armen veran⸗ stalten und sich der herrlichen Gelegenheit freuen, ihre glänzenden Toiletten zur Schau zu stellen, während sie sich auch gleichzeitig auch noch für ihr gutes Herz bewundern lassen.

Nein, erst wenn durch die Einführung der sozialistischen Gesellschaft eine gleiche Grundlage für alle geschaffen ist und jeder den vollen Ertrag seiner eigenen Arbeit erhält, erst dann werden die ungerechten sozialen Gegensätze zwischen Arm und Reich in Wahrheit beseittgt werden. Und darum sollte auch jede Arbeiter⸗ frau sich darüber klar sein, daß ihr und den Ihren nicht gedient ist mit ein paar Brocken, die von der Reichen Tische fallen. Die klassen⸗ bewußte Proletarierin heischt keine Almosen, ste verlangt Rechte.

Politische Rundschau.

Gießen, den 27. Juli 1905.

Politisches von der Woche.

Die Politik in Hessen macht einstweilen Sommerpause. Minister und Kammern sind in den Ferien. Die Zweite Kammer soll um Mitte September wieder zusammentreten und gegen Ende Oktober soll die Landtagsbude überhaupt zugemacht werden. Unterdessen hat das Zentrum einen Angriff gegen die