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Mittel deutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 31.
mit verschiedenen dringlichen Vorlagen wird, Diese haben die getroffenen Vereinbarungen
z. B. die Zweite Kammer mit der Stellung der Ersten Kammer zur Wahlrechts⸗ reform zu beschäftigen haben. Vor Mitte September werden die Kammerbverhandlungen kaum beginnen.
Gießener Angelegenheiten.
— Die Stadtverordneten lehnten in ihrer Sitzung am 20. Juli ein Gesuch der Militärverwaltung ab, nach welchem diese Ueberlassung eines Geländestreifens am Trieb zur Vergrößerung des Exerzierplatzes wünscht. Da haben unsere Stadtväter ganz Recht gehabt. Wir meinen auch, der Trieb wäre groß genug, um darauf die Soldaten hin⸗ und herjagen zu können.— Eine Eingabe, welche die städti⸗ schen Arbeiter um Verbesserung ihrer Ar⸗ beitsverhältnisse an die Stadt gerichtet haben, ist in der nichtöffentlichen Sitzung verhandelt worden. Sie soll an den sozialpolitischen Ausschuß verwiesen worden sein. Warum diese Angelegenheit nicht in öffentlicher Sitzung verhandelt wird, ist eigentlich nicht recht er⸗ findlich.— Vergangenen Donnerstag war schon wieder Sitzung. Auch in dieser kamen wichtigere Gegenstände nicht zur Verhandlung, mit Aus⸗ nahme des letzten Punktes, der den Theaterbau betraf. Es wurde ziemlich lange über den vorgeschlagenen Grundriß, sowie über die Hauptfassade und die Stellung, welche das Gebäude einnehmen soll, debatttert. Mit dem Grundriß und der vorgeschlagenen inneren Einteilung war man bald einverstanden, nicht so schnell war in Bezug auf die Fassade Eini⸗ gung zu erzielen. Schließlich entschied man sich für den Vorschlag der Kommission, die eine solche im modernen Stil vorsieht und die sich außerdem 40— 50000 Mk. billiger stellt als eine andere im Renaissancestil. Eine sehr lange Debatte rief die Frage der Stellung des Gebäudes hervor. Schließlich stimmte die Mehrheit dafür, daß es quer zur Anlage, parallel mit der Straße„Neuen Bäue“, Fassade nach der Südanlage und Bühnenraum nach der Johannisstraße zu stehen kommen soll. Wir halten diesen Beschluß nicht für glücklich, unseres Erachtens wäre der Kommissionsvor— schlag, der die Fassade nach der Johanniskirche gerichtet wissen will, entschieden besser gewesen.
— Die Gewerkschaftsversammlung am Mittwoch war nur mäßig besucht, wenigstens im Verhältnis zu der Zahl der Gewerkschafts⸗Mitglieder in Gießen. Etwa 180 Personen waren anwesend. Es hat sich damit auch herausgestellt, daß die Zeit— 7 Uhr abends— nicht besonders günstig ist. Genosse Hütt⸗ mann⸗Frankfurt, der als Referent erschienen war, ver⸗ glich den heutigen Stand der Gewerkschaften mit dem⸗ jenigen vor 12 Jahren, als auf dem Kölner Parteitage über die Gewerkschaftsfrage debattiert wurde. Damals hätte niemand geglaubt, daß sich unsere Gewerkschaften in dieser Weise entwickeln würden. Jetzt haben wir 1/ Millionen Mitglieder und das Vermögen erreicht 20 Millionen Mk. Die Arbeiter sind zu größerer Opfer⸗ willigkeit erzogen worden und heute weiß jeder, daß eine gefüllte Kasse vorhanden sein muß, wenn eine Besserung erkämpft werden soll. Auf den Kongreß in Köln selbst eingehend, weist Redner zunächst auf den Bericht der Generalkommission hin. Für Agitation sei in zurückgebliebenen Gegenden und unter rückständigen Ar⸗ beitern viel getan worden. Und dies ist auch notwendig, um den Streikbrecher⸗Zuzug einzudämmen. Wenig Fort⸗ schritte zeigt jedoch die Frauenbewegung, zu deren Förde⸗ rung nicht genug geschehen lönne. Auch die Agitation unter den Ausländern, besonders Italienern und Polen, die in Deutschland arbeiten, ist energisch betrieben worden, was unbedingt notwendig ist, damit diese Leute nicht als Lohndrücker sich zur Verfügung stellen. Dem Antrag auf Gründung eines allgemeinen Streikfonds stimmte Redner auch nicht zu, die einzelnen Gewerkschaften müßten ihre Lohnkämpfe selbst und aus eigenen Mitteln führen, nur ausnahmsweise solle die Gesamtheit der Arbeiter in Anspruch genommen werden.— Hüttmanns weitere Aus⸗ führungen müssen wir wegen Raummangel auf nächste Nr, zurückstellen. An der Diskusstion beteiligten sich Keßler, Vetters und Diehl in zustimmendem Sinne.
— Im Gießener Schneidergewerbe haben sich die Arbeits verhältnisse in der letzten Zeit wieder erheblich verschlechtert, wie uns von Seiten der Gehilfen mitgeteilt wird. Die Spannung zwischen Arbeitgeber und Ar⸗ beiter ist ähnlich wie vor dem Streik. Und zwar durch die Schuld der Unternehmer.
nicht gehalten. Obwohl Maßregelungen nicht
stattfinden sollten, sind solche trotzdem in mehreren Fällen erfolgt. Außerdem verlangt man Arbeiten, die früher nicht üblich waren und durch welche die etwaige Preisaufbesserung gänzlich wieder verschlungen wird. Ferner war in den Vereinbarungen gegenseitige 14 tägige Kündigung festgelegt, doch wird auch diese Bestimmung von den Unternehmern nicht ein⸗ gehalten. Unter Umständen hat es ja auch für den Arbeiter Vorteil, wenn keine Kündigung besteht, immerhin waren diese Vereinbarungen getroffen und demgemäß zu halten. Aber die Arbeiter trifft auch Schuld. Einzelne geben jedem Wunsche der Unternehmer nach. So ist in der letzten Zeit von Einzelnen fast Tag und Nacht gearbeitet und eine Unmenge von Arbeit geliefert worden. Damit werden natürlich die Löhne herabgedrückt und den Unternehmern die Möglichkeit gegeben, mit hohen Löhnen zu prahlen, denn es wird niemals gesagt, in welcher Zeit diese verdient werden.— Einer, der schon jahrzehntelang hier arbeitet, wurde entlassen, weil er auf einmal zu wenig fertig brachte! Deshelb muß jeder Schneider wenigstens einiger⸗ maßen die übliche Arbeitszeit einhalten! Vor allem muß aber aber eure Organisation in jeder Beziehung intakt bleiben, sonst setzt euch eines schönen Tages das Unternehmertum den Fuß in den Nacken!
— Vor dem Gewerbegericht kam eine Klage des Schneides Käfers gegen Markus Bauer zur Verhandlung. Käfer beanspruchte Entschädigung von 42 Mk. wegen kündigungs⸗ loser Entlassung. Er war von dem Zuschneider B.“s eingestellt worden, aber dann von B. wieder entlassen.(Anscheinend gemaßregelt.) Bauer behauptet, daß durch eine zweite Ver⸗ abredung Kündigung ausgeschlossen worden set. Bauer wurde zur Zahlung von 42 Mk. an Käfer verurteilt.
— Das Sommerfest der Gießener Holzarbeiter am Sonntag auf der Pulver- mühle war gut besucht. Leider ging mit Ein⸗ tritt der Dunkelheit ein ziemlich starker Regen nieder, der die meisten Besucher zur Heimkehr veranlaßte. Im Uebrigen nahm das Fest den besten Verlauf. Unangenehm wurde nur empfunden, daß die Gesangsvorträge der„Ein⸗ tracht“ von der Karoussell⸗„Musik“ gestört wurden und deshalb kaum zum Ausdruck kamen. Wir halten die uns darüber zu Ohren gekommenen Klagen für berechtigt und sind der Meinung, daß man Karoussells besser wegließe. Der ohrenbe⸗ täubende Jahrmarktslärm ist nicht nach jeder⸗ manns Geschmack; Arbeiterfeste sollen ihren Be⸗ suchern ein paar Stunden guter Unterhaltung und Erholung bieten. Es darf auch bei festlichen Ver⸗ anstaltungen nicht aus den Augen gelassen werden, daß man durch die Darbietungen ver— edelnd, erzieherisch und auch agitatorisch wirken will. Das Fest verfehlt seinen Zweck, bei dem 1150 von diesen Gesichtspunkten ausgegangen wird.
— Die„Freie Turnerschaft“ hat bei dem Musterriegenturnen auf dem am Sonntag vor 8 Tagen in Darmstadt abgehaltenen Kreis⸗ turnfeste des Arbeiter⸗Turnerbundes sehr gut ab⸗ geschnitten. Ihre Leistungen waren die viert⸗ besten. An dem Schauturnen beteiligten si 500 Turner.— Sonntag, den 6. August hält die Freie Turnerschaft ihr Sommerfest auf der Pulvermühle ab.
— Die Revision des von dem Gießener Schwurgerichte zum Tode verurteilten Raub⸗ mörders Hudde ist am 20. Juli vom Reichs⸗ gerichte ver worfen worden. Damit ist das Urteil rechtskräftig geworden und wird voll⸗ streckt, wenn der Großherzog den Mörder nicht begnadigt.
Aus dem Areise gießen.
— Ueber das hessische Vereins⸗ und Versammlungsrecht herrscht merkwürdigerweise noch vielfach Unklarheit. Diese erklärt sich meist daher, daß unsere hessischen Arbeiter mit den preußischen in Berührung kommen, von diesen hören, daß Versamm⸗ lungen dort angemeldet werden müssen und nun des Glaubens sind, in Hessen sei dies auch der Fall.
Vielfach wissen auch Landbürgermeister keinen Bescheid
darin. Vor etwa 14 Tagen erst verbot der Bürger⸗ meister in Lützel⸗Wiebelsbach im Odenwald eine Versammlung, weil sie— nicht angemeldet sei. Dem Wirte drohte der kleine Despot sogar noch mit Militärsperre und Kürzung der Feierabendstunde, wenn die Versammlung stattfände! Auch in unserer Gegend wurde ein derartiges Verlangen schon öfters gestellt. Deshalb sei für alle, die in dieser Beziehung noch im Unklaren sind, wiederholt: In Hessen braucht weder ein Verein noch eine Versammlung bei der Behörde angemeldet zu werden. Das Versammlungs⸗ recht ist in Hessen durch das Gesetz vom 16. März 1848 geregelt und in dem Artikel 2 des nur drei Artikel umfassenden Gesetzes heißt es kurz, klar und deutlich:
„Das Recht der Versammlungen zur Beratung über
allgemein politische oder Privatinteressen kann frei ausgeübt werden.“
Und diese Bestimmung wird durch keine andere Vorschrift eingeschränkt.— Was die Bekanntmachung einer Versammlung betrifft, so kann sie durch Plakat⸗ anschlag an den ortsüblichen Stellen oder auch durch Ausschellen durch den Ortsdiener erfolgen. Am Besten ist jedenfalls die Bekanntmachung durch Laufzettel, die man in die Häuser verteilt.
In Heuchelheim soll, wie kürzlich der „Wetzlarer Anzeiger“ aus Kinzenbach berichtete, ein Flotten⸗Verein gegründet worden sein und diese Meldung begleitete das Blatt mit einem„Bravo“! Wir in Heuchelheim haben zwar von der Gründung noch nichts gesehen, aber es ist ja immerhin möglich, daß sich einige Heuchelheimer für den Flottenrummel einfangen ließen. Man wird sie ja bald sehen. Denn die Flottenvereinler haben sich ein Abzeichen zuge⸗ legt, das sie sich an den Hut stecken oder an die Uni⸗ form⸗Mütze, die ihnen vom Warenhaus Herzog in Berlin geliefert wird. Dann sind sie also leicht von gewöhn⸗ lichen Sterblichen zu unterscheiden. Besser wäre dies allerdings noch möglich, wenn sie sich ein Brett vor
den Kopf nagelten.
y. Garbenteich. Unser neu gegründeter Arbeiter⸗ Bildungsverein hielt am Samstag vor acht Tagen seine General⸗Versammlung ab, in welcher die Vorstandswahl vorgenommen wurde. Zum Vorsitzenden wurde Genosse Frey gewählt.— Sonntag, 30. Jult nachmittags 1½4 Uhr Versammlung im„Kühlen Grund“, in welcher Genosse Krumm einen Vortrag halten wird.
Aus dem Rreise griedberg⸗Büdingen.
tz. Rommelhausen. Vergaagenen Sonntag fand hier die schon in letzter Nummer angekündigte öffentliche Volksversammlung statt, in welcher Genosse Busold aus Friedberg referierte über das Thema: „Wohin führt unsere Zollpolitik“. Die Versammlung war sehr gut besucht. Als Gegner erschien auf der Bildfläche der Antisemit Reuter aus Offenbach a. M. (Wo kommt denn der auf einmal wieder her? Seit, zwei Jahren hörte man nichts von ihm; vor einiger Zeit wurde uns gesagt, daß er in Offenbach gewaltig auf die Hirschel und Konsorten schimpfe. D. R) Gen. Busold beleuchtete zuerst die Klassengegensätze im heutigen Staat und legte sodann in klarer Weise dar, was die jetztge Zollpolitik für uns bedeutet. In der Diskussion gestatteten wir, wie bei uns üblich, dem Gegner das Wort. Derselbe konnte jedoch an den wahren Tatsachen, wie sie Gen. Busold geschildert, nichts widerlegen. Er brachte deshalb nur etliche Zitate aus unseren Zeitungen und Parteischriften, welcher er entstellt und in ganz anderer Form wieder gab. Auch hier rechnete Genosse Busold glatt mit ih! ab. Außerdem verwickelte sich der Antisemit mit seinen Ausführungen über den Schutz der Industrie derart in Widersprüche, daß es Busold ein Leichtes war, ihn festzufahren und Reuter völlig blamiert dastand. Zum Schlusse gab ihm noch Genosse Wolf⸗Büdes heim den guten Rat, nach Berlin zu gehen, um sich dort für die freigewordene Stelle des Dresch⸗ grafen Pückler zu bewerben. Als zweiter Punkt der Tagesordnung galt die Gründung eines Wahlvereins, zu welchem sich sofort 17 Mitglieder einzeichneten und noch weitere in Aussicht stehen. Wir können mit dem guten Verlauf der Versammlung sehr zufrieden sein.
V. In Büdingen war am Samstag Bürger⸗ meisterwahl, bei welcher der seitherige Bürgermeister Knaf mit 354 Stimmen wiedergewählt wurde, während sein Gegenkandidat Fendt 228 Stimmen erhielt. Dessen Anhänger hatten gegen den Bürgermeister Knaf eine bis auf die Spitze getriebene wüste Agitation entfaltet. Die Arbeiterschaft trat dagegen für Knaf ein.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Auf die Parteiversammlung, die am Sonntag(30. Juli) nachmittags ½4 Uhr im Wiener Hof(Löb) in Gießen stattfindet, sei nochmals auf⸗ merksam gemacht. Tagesordnung wurde schon mehrfach bekannt gegeben. 5
h. Die Sammlungen des Wetzlarer Ge⸗ schichts vereins sind bis auf Weiteres jeden ersten Sonntag im Monat, vormittags von 11—12 Uhr, zur
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