Ausgabe 
30.4.1905
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 18.

Von Nah und Lern. Ein teurer Feldwebel

besonders für die Einjährigen war der aus lingen bei Hungen stammende Wacht⸗ meister Fr. Paul, der seit etwa 6 Jahren die zweite Batterie des Artillerieregiments Nr. 25 in Darmstadt führte. Er benutzte seine Dienst⸗ gewalt seit Jahren dazu, um von seinen Unter⸗ gebenen Geld zu erpressen und dafür ein flottes Wohlleben zu führen. Er hat sich für Urlaubs- pässe, für Futtergeld ꝛc. besonders von den Einjährigen sehr namhafte Beträge erpreßt, die Gelder für Uebungen für sich behalten usw. usw. Damit hat er sich nach und nach einige tausend Markerspart. Bezeichnend ist, daß die Verhandlung auf Beschluß des Gerichts nicht öffentlich geführt wurde, da angeblich die militärische Disziplin gefährdet würde; das Schicksal hat ihn aber doch ereilt, denn er wurde degradiert und zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt.

Ein auständig er Arbeitgeber.

Der Klavierfabrikant Bösendorfer in Berlin hat anstatt einer Arbeitsordnung folgende Fabrikordnung in seinem Betriebe hängen:

An meine Herren Mitarbeiter! Da die eingehendste und längste Hausordnung immer lückenhaft sein wird, beschränke ich mich auf folgendes: 1. Ich beanspruche von meinen Mitarbeitern möglichst gute Arbeit und An⸗ ständigkeit. 2. Dagegen haben meine Mit⸗ arbeiter selbstverständlich das Recht, von mir ebenfalls Anständigkeit und möglichst hohe Be⸗ zahlung zu beanspruchen. Ich setze voraus, daß meine Mitarbeiter unter sich in freund⸗ schaftlicher Weise die Ordnung beeinflussen werden, um ein erfolgreiches Arbeiten zu er⸗ möglichen. Uebrigens unterstehen wir alle den behördlichen und genossenschaftlichen Vorschriften. März 1902. L. Bösendorfer.

Kurz und bündig und ehrlich! Das muß man sagen! Keine von schönen salbungs⸗ vollen Phrasen triefenden Heucheleien, sondern eine einfache Konstatierung des Verhältnisses zwischen Arbeiter und Unternehmer. Und wir sind überzeugt, daß Herr Bösendorfer mit dieser Arbeitsordnung mindestens ebensogut fährt, als anmaßende Fabrikpaschas mit ihren Straf⸗ paragraphen.

Opfer unserer herrlichen Ordnung.

Das Schwurgericht zu Metz verurteilte die Dienstmagd Mirguet, die ihr drei Wochen altes Kind in den Kanal warf und ertrinken ließ, zu 5 Jahren Gefängnis. Die Geschworenen verneinten die Frage nach der Ueberlegung und bewilligten außerdem mildernde Umstände, wegen der Notlage der Mutter. Diese war, nachdem sie das Wochenbettfieber überstanden hatte, gänzlich mittellos am 20. Februar aus der städtischen Entbindungsanstalt entlassen worden. Sie irrte zwei Stunden lang hilflos in der Stadt umher und entledigte sich dann des Kindes auf die angegebene Weise. Der Staats⸗ anwalt plädierte auf Todesstrafe und Empfehlung der kaiserlichen Gnade. Bei derartigen Fällen erinnert man sich an den ähnlichen der Gräfin Seckendorf, die jedoch Freisprechung erzielte. Drei Monate Gefängnis für ein paar Holzstückchen. Die Arbeiterin Ida Semmig aus Moholz hatte für 30 Pfg. Holz aus dem Forste des reichen Grafen Lippe gestohlen. Da sie wegen Dieb⸗ stahls zweimal vorbestraft ist, liegt Rückfalls⸗ diebstahl vor. Die Görlitzer Strafkammer mußte auf die Mindeststrafe, nach§ 244 des Str.⸗G.⸗B. drei Monate Gefängnis, er⸗ kennen. So will es die die deutsche Paragraphen⸗ gerechtigkeit.

Gebrochene Staatsstütze.

Ein großer Sozialistenfresser und dazu ein überaus konservattiber Mann, eine Staatsstütze ersten Ranges und Polizei⸗ verwalter war der vor kurzem verstorbene Bürgermeister von Friedland, Rat Voß. Nach seinem Tode stellte sich jedoch heraus, daß der brave Ordnungsmann seit Jahren

Fälschungen und Unterschlagungen in großem Umfange verübt hat, und daß die bisherigen Ermittlungen einen Fehl⸗ betrag von etwa Mark 200000 ergeben haben. Besonders geschädigt sind durch Fälsch⸗ ungen die Stadt⸗Armenkasse, die Hospital⸗ Verwaltung und mehrere Bankinstitute. Die

ahl der mit in die Affäre hineingezogenen an en soll eine sehr große sein. Dieser Bürgermeister und Rat Voß ließ vor zwei Jahren, als er wahrscheinlich schon langst für's Zuchthaus reif war, durch einen Polizeibeamten die gemaßregelten Former des Friedländer Eisenwerkes vor sich laden, und verlangte von ihnen, daß ste 1 755 Austritt aus dem Metall⸗ arbeiterverband erklären sollten. Als die Arbeiter aber fest blieben, sagte die brave Staatsstütze zu den Arbeitern, die er mitIhr undEuch anredete:Was habt Ihr denn vom Verband? Der führt Euch bloß an der Nase herum und zieht Euch das Geld aus der Tasche!

7 UMnterhaltungs-Ceil.

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Der alte Klaus.

Eine Maigeschichte aus der Zukunft. Von Edmund Fischer. Vachdrack verb.

Es war im Jahre neunzehnhundertund..., nun, es ist ja gleichgültig, im welchem Jahre es war, als sich unsere kleine Geschichte abspielte. Fest steht jedenfalls, daß damals die Arbeiter bereits nicht mehr die unterdrückten Arbeitstiere waren, die elf oder zwölf oder fünfzehn Stunden im Tage im Joche der Arbeit seufzten und dabet doch der Notdurft des Lebens entbehrten. Längst hatten ste sich allgemein den achtstündigen Arbeitstag erkämpft, aber auch alle politischen Rechte und Freiheiten.

Deswegen konnte der im farbenprächtigen Gewande auftretende Wonnemonat auch ein glückliches, lebensfrohes Menscheugeschlecht be⸗ grüßen, als er bei seinem Wiedererscheinen heller und wärmer als sein unzuverlässiger und rauher Vorgänger die freundliche Sonne auf das fröhliche Völklein herablachen ließ, das schon in frühester Morgenstunde ein geschäftiges Treiben entfaltete.

Rüstete es sich doch zur Matfeier! Zum frohen Frühlingsfeste, an dem es der Ueber⸗ windung schwerer Wintersnot, des früheren Elends und der drückenden Knechtschaft in ernster Rede und bei heiterem Spiele gedenken und zum weiteren Kampfe um Erringung der vollen Menschlichkeit anfeuern wollte.

Festlich gekleidet, mit Blumen geschmückt, verließen jung und alt, Männlein und Weiblein, Knaben und Mädchen die schmucken, von kleinen Ziergärten umgebenen Häuslein des in idyllischer Schönheit daliegenden Industrie⸗ dorfes, das einer großen Villenkolonie glich, wie sie früher nur für besonders gottbegnadete Menschenkinder errichtet wurden, die nichts arbeiteten, aber dafür umso besser lebten.

Nun wohnten Arbeiter mit ihren Familien in diesen stimmungsvollen Gartenheimen, die in mannigfaltigster Abwechselung sich weithin ausdehnten und von den in der Mitte bes Dorfes stehenden Fabrikgebäuden weit genug entfernt waren, um die glücklichen Bewohner die freie und frische Natur unbeeinträchtigt genießen zu lassen.

Auf dem mit Guirlanden und Fahnen reich geschmückten Dorfplatze sammelten sich die von allen Seiten herbeiströmenden Festgenossen zu einem geschlossenen Zuge, und unter den lustigen Klängen der gutgeschulten Arbeiterkapelle zog die jauchzende Schar der sich in großen Windungen den Berg hinauf chlängelnden Straße entlang, zum alten Schloß.

Denn in der alten Burgruine fand das Fest statt. Hier oben, wo einst der Fronherr gehaust hat, wo jedes Fleckchen der Erde mit dem

Blute der um ihre Freiheit ringenden Vor⸗ fahren gedüngt ist; aber auch jeder abbröckelnde Stein von neuem deu errungenen Sieg ver⸗ kündet, den Sieg des Fortschrittes, einer neuen Welt über die olte; hier oben, wo der Moder⸗ geruch einer längst zerfallenen Zeit daran er⸗ innert, daß keine Herrschaft ewig währt von hier aus sollte das Frühlingsfest der Arbeiter den im Tale verbliebenen Fabrikherren den Anbruch einer neuen Zeit dokumentieren, in der es 5 keine Herren und Knechte mehr geben werde.

Zu den Festesteilnehmern gehörte auch der alte Klaus. Seine beiden goldlockigen Enkel, Karl, ein aufgeweckter, munterer Knabe, und Susel, ein immerfort gesprächiges und lachendes Mädchen, an den Händen führend, den weichen Hut mit grünem Laub geschmückt, war er mit den Kinden singend und hüpfend vor Freude dem Zuge gefolgt.

Klaus war früher Weber. Nun aber bezog er eine Altersrente, die ihm einen ruhigen Lebensabend sicherte, den das Glück seiner Kinder und Enkel noch verschönten.

Begrüßt von jungen Burschen und Mädchen, die den Festplatz geschmückt und die nötigen Erfrischungen herbeigeschaft hatten, kam der Zug in jubelnder Fröhlichkeit an seinem Ziele an.

Bald aber drängte sich alles nach dem Rittersaale, wo die Feier durch Rede eröffnet werden sollte.

Auch Klaus hatte mit seinen beiden Enkeln dort Platz genommen, dicht vor dem Redner⸗ pulte, damit er ja alles höre und auch seinen beiden Lieblingen kein Wort entgehe.

Ein alter Arbeiter mit schneeweißen Haaren bestieg die Rednerbühne.

Lantlose Stille trat ein.

Der Redner schilderte in ergreifenden Worten die früheren Kämpfe und die grausamen Ver⸗ folgungen, denen die um ihr Recht ringenden Arbeiter ausgesetzt waren.

Liebe Freunde! sagte er,es war eine schwere Zeit. Aber jenen Braven, Männern und Frauen, Jünglingen und Jungfrauen, ver⸗ danken wir es, daß es heute anders ist und ein glückliches Menschengeschlecht heranreift. Und für uns Alten ist es der höchste Lebens⸗ gabe siob sagen zu können: Du warst auch

abei!

Ein Beifallssturm, der nicht enden wollte, brach nun aus, sodaß der Redner eine kleine Pause machen mußte. Einmal auf das andere⸗ mal ließ man die Vorkämpfer hochleben.

Der kleine Karl aber zupfte Klaus am Aermel und frug ihn:Großvater, warst Du auch dabei?

Klaus wurde kreidebleich. Aber er schwieg.

Das Mädchen hatte die Frage ihres Bruders jedoch ebenfalls gehört und da Klaus keine Antwort gab, frug auch sie ihn:Ja, Groß⸗ vaterle, sag' uns, warst Du auch dabei?

Klaus gab wieder keine Antwort. Ganz verstört sah er vor sich hin, und als nun der Redner erzählte, der allerschlimmste Feind sei der Unverstand der Arbeiter gewesen, von denen nicht wenige ihren kämpfenden Brüdern feind⸗ lich gegenüberstanden und ihnen sogar in den Rücken fielen, da begann Klaus am ganzen Körper zu zittern.

Gelt, Großvaterle, Du warst auch dabei? hörte er noch einmal seine Enkelin fragen. 6

Nun konnte er sich nicht mehr halten. Tränenden Auges erhob er sich und schob sich durch die Menge ins Freie.

Großvater! Großvater! riefen aber nun die beiden erschreckten Kinder laut durch den Saal und es gab eine allgemeine Aufregung, sodaß der Redner abbrechen mußte.

Viele hatten auch den verstörten Blick und

die Tränen des Alten gesehen, ohne sich die 1

Ursachen erklären zu können. Was ist mit Klaus? Wo ist Klaus hin?

frug nun ein jedes und alles eilte zur Tür 4

hinaus, nach Klaus zu sehen.

Es war nirgends mehr zu sehen. Vestürzt,

besorgt durchsuchte man das Gemäuer der

Ruine, die Sträucher, den Wald, Klaus war 4

nicht zu finden.