Ausgabe 
30.4.1905
 
Einzelbild herunterladen

Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

klar wird, daß der Sozialismus einen Kultur⸗ kampf bedeutet, der erst beendet ist, wenn die bürgerliche Gesellschaft überwunden am Boden liegt, der ist noch nicht von dem echten, stählernen Klassenbewußtsein durchdrungen und der bleibt dem Gedanken der Maifeier das wertvollste schuldig.

Zwei Forderungen sind es besonders, denen die Maimanifestation des arbeitenden Volkes gilt. Im Inneren verlangen wir wirksamen Arbeiterschutz, den Acht⸗ stundentag, nach außen hin fordern wir den Völkerfrieden.

Der Arbeiterschutz greift dem Kapitalismus an sein innerstes Herz. Nur durch maßlose Ausbeutung der Arbeiter, durch ruchloses Hin⸗ wegschreiten über die Menschlickkeit und Ge⸗ sittung konnte das Kapital seine glänzenden Triumphe feiern und wenigen Auserwählten ein Paradies auf Erden schaffen. Jede Förderung des Arbetterschutzes ruft den Kapi⸗ talismus mehr und mehr zur Scham zurück und zwingt ihn, auf einen Teil seines Profits und seiner Bequemlichkeit zugunsten der Arbeiter zu verzichten.

Dauernd wird damit die Lage der Arbeiter allerdings noch nicht gebessert sein. Jeden kleinen Fortschritt auf diesem Gebiete müssen die Arbeiter den Unternehmern und der Staats⸗ gewalt mühsam abringen. Trotzdem müssen wir stets für Erweiterung des Arbeiterschutzes eintreten, um damit für die Arbeiterklasse die nötige innere und äußere Stärke zu gewinnen, für die Durchführung des Kampfes gegen den Kapitalismus und seiner Niederwerfung und der Errichtung einer gerechteren und schöneren Ordnung der Dinge der freien sozialistischen Gesellschaft.

Der Völkerfrieden bleibt gleichfalls so⸗ lange ein frommer Wunsch, als die maßgebende Gewalt in den Händen der Bourgeoiste, der Vereinigung zwischen Absolutismus, Aristokratie und Bürgertum, ruht. Die Kriege sind die unausbleibliche Begleiterscheinung der bürgerlich⸗ kapitalistischen Jagd nach dem Prosit. Wo sich zwei Nationen um das Anrecht an eine Futter⸗ krippe nicht einigen können, da lassen sie zwischen sich die ultimo ratio, Kanonen, Gewehre, Tor⸗ pedos und Minen entscheiden.

Die klassenbewußte Arbeiterschaft hat an den Raufhändeln der Bourgeoiste nur ein mittelbares Interesse. Einmal insofern, als leider die Arbeiter gezwungen werden, der bürgerlichen Gesellschaft als Kanonenfutter zu dienen. Anderer⸗ seits kann es für den internationalen Sozialismus nicht gleichgiltig sein, wer bei den Kriegen den Sieg davon trägt.

So wünscht das klassenbewußte Proletariat aller Länder in dem gegenwärtigen Völkerringen in Ostasien zwischen Rußland und Japan dem kleinen Japan den Sieg, damit durch den kriegerischen Sturz Rußlands das Zarentum, der Inbegriff der Volksunfreiheit und Unter⸗ drückung, mit in den Abgrund gezogen wird.

Die deutschen Arbeiter protestieren am dies⸗ jährigen 1. Mai noch mit besonderem Nachdruck gegen die Hinopferung blühender deutscher Jugend in den Sandwüsten Deutsch⸗Südwest⸗ afrikas. Nur im Interesse deutscher Kapitalisten, Spekulanten und verkrachter Junker treibt Deutschland eine ebenso kostspielige als un⸗ fruchtbare Kolonialpolitik. Die Sozial⸗ demokratie war stets gegen die spätgeborenen Kolonialgelüste in Deutschland. Sie erhebt gerade jetzt laut die Stimme des Protestes, wo Krankheiten aller Art die deutschen Jünglinge massenhaft in dem ungesunden Klima dahin⸗ raffen, soweit sie den Geschossen des schwarzen Feindes glücklich entgangen sind.

In der sozialistischen Gesellschafts⸗ ordnung wird es keine Kriege zwischen zwei Kulturnationen mehr geben. Durch brüder⸗ liche Solidarität verbunden, werden sie sich miteinander zum gemeinsamen Wirken am Bau der Kultur vereinigen. Auch Vergeltungs⸗ und Rachezüge gegen rebellische Wilde wird es nicht mehr geben, da dann nicht mehr durch List, Betrug, Schnaps und Prügel die Kultur den unzivllisterten Mitbewohnern unseres Planeten

übermittelt werden wird. Und endlich auch der Klassenkampf wird ein Ende haben, der Sieg des Sozialtsmus bedeutet den Untergang aller Klassenherrschaft. a

Von dem Maß der Einsicht und der Kraft des Proletariats hängt es ab, wann dieser Sieg eintreten wird. Bringe die diesjährige Maifeier dem kämpfenden Proletariat neue Einsicht und neue Kraft!

An der baldigen a en dieses Zieles unablässig, unverdrossen mitzuarbeiten ist Pflicht eines jeden, der sich zur Armee des arbeitenden Volkes zählt. Darum in die Reihen getreten! Stärkt die gewerkschaftlichen und politischen Organisationen! Verbreitet nach besten Kräften die sozialdemokratischen Ideen, agitiert für die Parteipresse! Ohne Mühe kein Erfolg, kein Sieg ohne Opfer! Geben wir uns am heutigen Maitage das feierliche Gelöbnis mitzuarbeiten am Neubau der Menschenwürde, in dem Friede, Freiheit und Wohlfahrt für alle Menschen eine Stätte haben soll!

Die zwei Welten.

Folgende Betrachtung entnimmt unser Münchener Parteiorgan dem Philadelphiaer Tageblatt:

Die Verlagsfirma der Newyorker Zeitschrift Succeß hatte vor einiger Zeit dem Schrift⸗ steller C. Moffet den Auftrag erteilt, einen Blick in das Leben der reichen Amerikaner zu nehmen und seinen Befund in Artikeln nieder⸗ zulegen. Dieser hat nun seinen Auftrag erfüllt. Er faßte zuerst den fashtonablen Wohnplatz dieser reichen Parasitenklasse, Newport, R. J., ins Auge, und was er in seinen Artikeln über die Verschwendungssucht dieser Klasse sagt, das soll hier wenigstens zu Nutz und Frommen der Armen wiedererzählt werden. Er berichtet:

Das Leben einer selbst nicht großen Familie kommt diesen Reichen auf täglich 1000 Dollar) zu stehen, dieses sind aber nur die ärmeren Reichen unter den Reichsten. Diese letzteren bedürfen 10000 Dollar zu ihrem täglichen Leben. Roben für die reichen Damen kosten nicht weniger als 500 Dollar, eine Dame, die sich mit ihrem Bekleidungsstück von geringerem Werte in eine Gesellschaft wagen würde, würde sich einfach unmöglich machen.

Diese reichen Damen verausgaben für Klei⸗ dung jährlich von 7000 bis 12 000 Dollar. Manche tragen die Kleidungsstücke nur ein ein⸗ ziges Mal. Viele verbrennen diese darauf, damit keine gewöhnliche Sterbliche diese an ihrem Leibe trägt.

Die Ausgaben für Blumensträußchen bei Tanzvergnügen kommen auf 2000 Dollar und mehr zu stehen. Eine Metzgerfirma liefert einer reichen Familie monatlich an Fleisch das beste Fleisch, Geflügel, Wildbret, vielleicht aus anderen Ländern importiert zum Werte von 800 Dollar. Im folgenden lassen wir eine Lohnliste der Angestellten folgen, die einen Ueberblick über die Verschwendungssucht dieser Parasttenklasse gewährt:

Beschäftigung Jahresgehalt Oberküchenchef aus Paris. 5,000 Doll. Zweiter gef Privatsekretär d. Dame d. Hauses 3,000 Pee 3000 r Zwei Kindermädchen 1,000 Hausheleßrß 1 Fünf Z ofen 120055 Oberkutscher e ee, Zweiter und dritter Kutscher. 1,200 Ehauffeun ß 000, BHC N 900 Zweiter Butler 5 600 ih Vier Gartenarbeiten.. 2,500

Summa 23,800 Doll.

*) Ein Dollar ist ungefähr 4 Mk. 20 Pfg.

Laufende Ausgaben Laufende Ausgaben für Haus in Newport und New⸗NYork mit Löhnung und Gehalt, für sage 25 Leute, einschließlich Nah⸗ rungsmitteln, Weinen ꝛc. Kosten v. Unterhaltungen, Festen, Bällen, Diners, Blumen ꝛc. Damp ß; ß; Ausgaben für Stallungen und Zuchtfarm, samt Löhnung für Firka 0 Seuf,f, Anlagen, Treibhäuser, Gärten samt Löhnung für zirka 20 r Ausgaben für zwei andere Plätze (in Palm Beach vielleicht und in den Adriondacks) Kleidung für Familie Taschengeld für Familie. Automate Reiseausgaben f. Privatwaggons, besondere Suites a. Dampfern, in Hotels e. lo

Summa 300,000 Doll. Hierzu kommen jetzt noch die Ausgaben für

40,000

17

20,000

20,000 20,000 50,000 10,000

allerlei sonstige Liebhabereien für Segel⸗ oder

Dampfboote, Automobile usw. Sie geben Tanz⸗ vergnügungen, die an die 100,000 Dollar kosten. So Moffet, dessen Ausführungen bis dato un⸗ bestritten sind.

Nun die andere Seite: Der Durchschnitts⸗

verdienst eines Arbeiters beträgt in den Ver⸗ einigten Staaten in einem Jahre laut Bundes⸗ Zensus 436 Dollar. milie erhalten. Aber derjenige, der 436 Dollar wirklich bekommt, der ist noch der glückliche. Der Zensus bekümmert sich um die, die keine Arbeit haben, nicht. Er fragt nur nach der durchschnittlich im Jahr beschäftigten Anzahl Arbeiter. manchmal sehr viele. Die Gesamtzahl der Arbeiter, in die die Gesamtsumme der bezahlten Löhne zu teilen ist, ist viel größer, als die im Zensus angegebene. Dem entsprechend reduziert sich auch der Durchschnittsverdienst noch ganz erheblich. 1 Weiter: Der Wert der Sachen, die von den Arbeitern erzeugt werden, ist gerade doppelt so groß als ihre Löhne, ebenfalls erwiesen durch den Zensus. Das was ihnen da vor⸗ enthalten wird, das sammelt sich nun in den

30,0005 Doll.

50,000 50,000

r CPC

Damit muß er eine Fa-

Es gibt aber nun Arbeitslose und

Händen von Leuten, wie die vorbeschriebenen, an.

Warum kann es den Arbeitern vorenthalten

werden? Weil sie sich nicht selbst beschäftigen 0

können, sondern zum Kapitalisten gehen und sich anbieten müssen für den Marktpreis der Arbeit, der herabgedrückt wird durch die Ueber zähligen, die Frauen und Kinder, die sich billiger anbieten, durch die fortwährende Einführung von Maschinen. Wie abhelfen? Dadurch, daß die Produktionsmittel allen zugänglich gemacht werden. Wie? Dadurch, daß die Gesellschaft ste übernimmt. Alles sehr einfach, aber leider von den Arbeitern noch nicht allgemein begriffen. . ͤ öů.

Politische Rundschau. Gießen, den 27. April 1905. Hunnenbriefe aus Afrika.

Soldatenbriefe aus Südwestafrika sind während des Herero ⸗Feldzuges verschiedentlich veröffentlich worden. Und die bürgerlichen

Blätter drucken ste meist ohne ein Wort der

Kritik, ja zum Teil mit desto größerem Behagen

ab, je roher ihr Inhalt ist und je mehr Blut⸗ rünstigkeit der Briefschreiber zeigt. Vor Kurzem veröffentlichte der Schwanheimer Anzeiger einen Brief des Andreas Hochheimer aus Schwan⸗ heim(bei Franksurt), der ebenfalls zu der

Schutztruppe gehört. In dem Brief heißt es

unter anderem: 1

In der Neujahrsnacht haben wir zwanzig Hererd totgeschlagen. Das waren die ganzen Feiertage, die wir hatten. Am 27. Februar wird die Hauptschlacht gegen die Hottentotten geschlagen werden. 1

Sonst noch alles beim alten. Ich bin im noch gesund, aber nicht mehr so lustig

é

r

f...jj