Ausgabe 
29.10.1905
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 44.

Von Nah und Lern. Strafen wegen Schulversäumnis.

Ein interessautes Urteil wegen Schulver⸗ säumnis wurde vor kurzem in Wiesbaden gefällt. Ein Arbeiter aus Biebrich hatte sein Kind wegen Krankheit aus der Schule zu⸗ rückbehalten und davon erst am dritten Tage dem Lehrer Kenntnis gegeben. Deswegen in Strafe genommen, beantragte er gerichtliche Entscheidung. Das Schöffengericht sprach ihn frei und desgleichen auch die Strafkammer. Die Urteilsbegründung besagte, ein Bestrafung setze voraus, daß das Kind nicht wegen Krank⸗ heit, sondern aus irgend einem anderen Grund die Schule unentschuldigt versäumte. Es sei selbstverständlich, daß man für das Zuhause⸗ bleiben eines kranken Kindes nicht erst die Er⸗ laubnis der Schulbehörde einzuholen brauche. Es darf, wie wir hinzufügen wollen, nicht verwechselt werden die Pflicht zur Einholung der Erlaubnis zum Fehlen des Kindes mit der Bestimmung, daß der Vater das Fehlen des Kindes anzuzeigen hat. Will jemand sein Kind aus der Schule zu Hause lassen, so muß er dazu die Erlaubnis einholen.

Ein Musterantisemit.

Wegen unberechtigter Führung des Titels Pfarrer a. D. würde der antisemitische Reichstagsabgeordnete Krösell zu 30 Mk. Geldstrafe oder sechs Tage Haft verurteilt. Der interessante Herr hatte bekannt⸗ lich wegen schwerersittlicher Verfehlungen sein Pfarramt niederlegen und auf alle Rechte des geistlichen Standes, also auch auf die Führung des Titels Pfarrer a. D., verzichten müssen. Im Termin erinnerte er den Amt s⸗ anwalt Bürgermeister Dr. Weißeenergisch an seine Vergangenheit in Loitz. Daraufhin wurde er vom Gerichtshof wegen Ungebühr zu 100 Mk. Geldstrafe oder 3 Tage Haft ver⸗ urteilt und ermahnt, sich weiterer Beleidigungen zu enthalten, da er sonst ohne weiteres in Haft abgeführt werden würde. Krösell hat hiergegen Beschwerde erhoben; er will auch dem Minister des Innern Bericht erstatten. Außerdem, so erklärt er, dürfte die ganze Angelegenheit den Reichstag beschäftigen. Schließlich teilt der wackere Herr mit, daß er bereits alle Schritte getan habe, die zur Wiedereinsetzung in die Rechte des geistlichen Standes und zur Erlangung eines Pfarramtes führen sollen, und daß er bestimmt hoffe, wieder ein Amt zu erlangen. Wozu der Kirche Gück zu wünschen ist.

Die Muttergottes und die Aachener Arbeiter.

Der Name Beissel ist in der katholischen Stadt Aachen der Inbegriff des Vornehmsten, Reichsten und Frömmsten. Die Träger dieses Namens stehen an der Spitze der dortigen In⸗ dustrie und der herrschenden Partei, des Zen⸗ trums, und wie manche ihresgleichen schreiten ste, den hungernden Arbeitern der Tuch⸗, Nadel⸗ und Bäderstadt zum Vorbild, bei den Prozes⸗ sionen mit brennender Kerze und frommem Blick vorauf. In ihren Betrieben sehen sie auf kirchliche Gesinnung und Gepflogenheiten, und ihre Werke sind eine Mischnng modernster Neu⸗ zeit in bezug auf die technischen Einrichtungen und des dunkelsten Mittelalters hinsicht⸗ lich des frommen Gebahrens der Arbeiterinnen und Arbeiter. Ehe die Arbeiter beider Ge⸗ schlechter früh morgens die Fabrik betreten, besuchen sie die Kirche zur Andacht. Manche Arbeiter besuchen mit Fleiß die Kirche, von der sie wissen, daß der Arbeitgeber oder Vor⸗ gesetzte ste dort bemerkt. In jedem der Arbeissäle der Beisselschen Nadelfabrik an der Jakobstraße befindet sich eine Statue der Jungfrau Marta, die von den Lohnsklaven, teils aus wirklich religtösem Sinn, teils in heuchlerischer Streberei mit Kerzen, Blumen und anderem Schmuck be⸗ dacht wird. Vor Beginn der Vor⸗ wie der Nachmittagsschicht wird vor den Muttergottes bildern ein Gebet gesprochen. Leider entspricht diesem kirchlichen Eifer der Aachener Arbeiter- bevölkerung vielfach nicht ihre sittliche Auf⸗

führung: Kein Wunder bei den Hungerlöhnen, der Wohnungs⸗ und Lebens mittelteuerung und der ultramontanen Erziehung! In der Beissel⸗ schen Nadelfabrik entstanden dieser Tage zwischen der Betriebsleitung und achtchristlich organi⸗ sterten Schleifern Auseinandersetzungen wegen eines zum Schaden aller anderen begünstigten Arbeiters. Die Folge war Maßregelung und Entlassung. Als am Samstag die acht Schleifer den Betrieb verließen, gingen sie aber nicht allein, sondern sie nahmen ihre Muttergottes nebst Zubehör mit sich! Hatten sie bisher unter dem Schutze der Jungfrau Maria ge⸗ arbeitet, so wollten sie vermutlich nun auch unter deren Schutz und Schirm sich neue Ar⸗ beit suchen.

Arbeit.

Und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Ar beit gewesen. 90. Psalm.

Zwar der Psalmist will mit diesen Worten nur die ganze Nichtigkeit des menschlichen Lebens zum Ausdruck bringen: Auch das köstlichste Leben ist nur Mühe und Arbeit, wenn man ge⸗ nauer hin sieht. Das Wort ließe sich aber auch in einem positiven Sinn deuten: Ein Leben ist köstlich gewesen, wenn es Arbeit gewesen ist.

Freilich giebt es Arbeit, die drückt und lastet, Arbeit, die man nur mit Zwang und Stöhnen tut, stumpfsinnige Arbeit, die nur unter Auf⸗ opferung jeder persönlichen Eigenart und Neigung geleistet werden kann. Dem Bergmann, der 10 Stunden in nächtlicher Tiefe bei glühender Hitze im drückend engen Stollen die schwarze Kohle pickt, der Näherin, die um eines kärg⸗ lichen Lebensunterhaltes willen Tage und halbe Nächte zusammengekauert sttzt und sich die Finger lahm stichelt, denen kann man von dem Köstlichen ihrer Arbeit nicht allzuviel sagen. Der Fehler liegt in der Art dieser Arbeit, und noch mehr in ihrer übermäßigen Dauer, nicht an der Arbeit an und für sich. Oft genug haben abgehetzte, müde Menschen ihre Arbeit verwünscht, aber wenn es irgendwo das erdich⸗ tete Schlaraffenland gäbe, es würde mit seiner tödlichen Langweile noch viel mehr, noch viel allgemeiner verwünscht werden. Und nicht nur der Langweile wegen! Es liegt im Menschen auch das Bedürfnis, etwas wert sein zu wollen, keine Null, kein gleichgültiger Punkt in der Welt zu sein. Irgend ein Wert aber wird immer nur durch irgend eine Ar beit ge⸗ schaffen. Die Arbeit unterscheidet geradezu bie Menschheit von der Tierwelt, denn nur durch Arbeit, durch zweckvoll in Jahrtausenden fort⸗ gesetzte Arbeit hat das Menschengeschlecht der Natur gewissermaßen ein oberes Stockwerk auf⸗ gesetzt, alles das geschaffen, was wir in dem Namen Kultur begreifen. Durch Arbeit, kör⸗ perliche und geistige, hat der Mensch die Natur schließlich sogar in den Dienst seiner Kultur gezwungen: Staaten und Völker bedeuten in der Welt nur das, was sie für diese gearbeitet haben. Kunst und Wissenschaft danken wir den Griechen, Recht und Gesetz den Römern. Sie haben ganz andere Spuren in den Werdegang der Menschheit eingegraben, als die blutigen Kämpfe barbarischer Völker oder die toten Reichtümer schwelgender Prasser. Und auch was das einzelne Menschenleben köstlich, wertvoll macht, es ist die Arbeit. Wenn einer sich noch so stolz auf sich selbst zurückziehen wollte, er bliebe doch immer abhängig von ungezählten Leistungen seiner Mitmenschen, er könnte doch nur so viel Raum im Dasein füllen, als er Leistungen und Wirkungen von sich aus her⸗ vorbringt. Denn wirkliches Leben ist eben wirken! Wen es danach dürstet, der wird die Arme recken und den Geist strecken nach Arbeit.

Wie sie der Seele Sturm beschwört, Beschäftigung die nie ermattet, Die langsam schafft, doch nie zerstört, Die zu dem Bau der Ewigkeiten, Zwar Sandkorn nur für Sandkorn reicht, Doch vou der großen Schuld der Zeiten, Minuten, Tage, Jahre streicht.

(Schiller, die Ideale.)

5 Jubelruf entran

Freilich giebt es Leute, die nicht danach

dürsten, arbeitsscheue Weltbummler, Reiche, denen das Dasein nichts ist, als eine fortgesetzte Kette von Amüsements, Pessimisten und Skep⸗ tiker, die der Gedanke von der Sinn⸗ und Zwecklostgkeit alles Daseins beherrscht. Aber ibt es unglücklichere Leute, als die letzteren?

erden nicht auch die ersteren einmal fühlen, und sei es gleich erst am Ende ihrer Bahn, daß sie nur die flüchtigen Wellen der Lebens⸗ oberfläche genossen haben?

Es gibt aber auch Leute, die gern arbeiten möchten und nicht können, denen die Kräfte dazu fehlen oder die keine Gelegenheit zur Arbeit finden, so sehr sie danach suchen. Jenes sind die Kranken und Leidenden, mit denen die Heilkunde, sei es helfend, sei es vorbeugend, zu tun hat. Dieses ist das Problem der Ar⸗ beitslosigkeit, Griechen und Römer haben vor diesem Problem gestanden, und wir stehen wieder vor ihm. Selbst in günstigen Jahren zählen die Arbeitslosen der verschiedensten Berufe nach Hunderttausenden. Wie leicht sind die Zahlen gesprochen, und wie schwer wiegt das Elend, das hinter ihnen steht. Sorge, Not und Zweifel, das ist der Anfang, bann kommt der Bettel, der Trunk, die Landstraße, die schlechte Gesellschaft, die moralische Gleichgültig⸗ keit oder Verzweiflung. Mit der Zahl der Arbeitslosen steigt die Zahl der Diebstähle, der Morde, der Verbrechen überhaupt. Arbeits⸗ losigkeit ist der Ruin des Einzelnen, aber auch der Ruin des Staates. Die Ueber⸗ zahl der enterbten, arbeitslosen kleinen Bauern führte zu den Fieberkrämpfen der römischen Revolutionen und alle Reformen der Gracchen oder eines Cäsar konnten den Untergang des Weltreiches nur noch aufhalten, nicht mehr abwenden. Krank ist ein Staat schon da, wo überhaupt in ihm die Arbeit schlecht ver⸗ teilt ist, wo einer mit Arbeit überlasteten Herde ein Haufe von Rentnern und Müßiggängern gegenübersteht. Die Arbeit in der Menschheit so zu verteilen, daß niemand ein wertloses Drohnenleben auf Kosten seiner Mitmenschen führen könnte, daß niemand unter der Last seiner Arbeit die Freude an ihrem Werte ganz verlieren könnte, daß niemand vergeblich nach redlichem Verdienst, nach nützlicher Betätigung, nach einem rechten Halt und Inhalt seines Lebens zu suchen brauchte das ist eine große, eine heilige Aufgabe! Es ist die ethische(höchste sittliche) Aufgabe der Menschheit! Am Forischritt ihrer Lösung hängt das Leben Millionen Ein⸗ zelner, derer, die jetzt mit uns sind, und der ungezählten, die nach uns kommen und über unsre Teilnahme an dieser Lösung urteilen werden. Und der Wert unseres eigenen Lebens wird sich nach dieser Frage entscheiden: Es ist köstlich gewesen, wenn es Arbeit gewesen ist! Str.

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* eee Teil.

A

Gerettet!

Von Gustav Sommer.

Der Boden des Vaterlandes! Wie ein sich dieser Ausruf der Brust des großen ernsten Mannes mit dem dichten schwarzen Vollbart und den schwermütigen Augen, welcher soeben dem Schiff entstiegen, der Stadt zuging. 5 Fünfzehn Jahre war er draußen in der Welt gewesen, in der großen, weiten Welt und hatte endlich nach langen Irrfahrten in der neuen Welt, jenseits des Ozeans, eine zweite Heimat gefunden. Doch das war der Boden, auf welchem er den ersten Schritt gewagt, sorg⸗ sam geleitet von der liebenden Mutter Hand,

um nachher den langen Weg durchs Leben Welch

schreiten zu können. Heimatluft und deutsche Laute! sonderbares, wonniges Gefühl faßt den, der so