Ausgabe 
29.1.1905
 
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Seite 6.

Mittel dentsche Sountags⸗Zeitung.

Der fromme Helfer.

Eine medizinische Treibjagd, veranstaltet von einem Arzte. Motto (Schiller): Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüt aus den Ruinen

namlich aus eden Ruinen der medizinischen Wissenschaft, meinte eines schönen Tages ein frommer Mann, der, dem Knabenalter bereits entwachsen, auf den appetiterregenden Namen Semmel hörte; er will denn er lebt noch, verehrtes Publikum! er will in die Köpfe seiner lieben Mitmenschen etwas Neues, noch nie Dagewesenes auf erbauliche Art pflanzen. Und liebevoll nahm sich des guten Mannes der amtlicheWetzlarec Anzeiger an, ein Blatt, welches täglich in derselbem Stadt erscheint, in der Goethe als Praktikant am Reichskammergericht vor nun⸗ mehr 133 Jahren wirkte. Daß das Geisteslicht unseres großen Dichters aber noch nicht bis in die Redaktions- luft des Wetzlarer Anzeiger; gedrungen ist, ersieht man aus dem Berichte, den das Blättchen den lieben Lesern und Leserinnen harmlos vorzusetzen beliebte. Allerdings: dlese Tatsache ist nicht so wunderbar, als wohl manch' Einer glauben möchte, denn die Dummheit hat mehr als ein Paar Siebenmeile istiefel mit denen sie ohne Auf⸗ enthalt schon seit Jahrtau senden siegreich durch die Welt saust. Einen klassischen Beweis dafür liefern dieEnt⸗ deckun en des geehrten Herrn Semmel, die er in seinem Vortrage:Wie werd: ich pesund? am 15. Januar 1905 mit Hilfe jenes Intelligenzorgaues dem geehrten Publikum darbietet.Täglich, so steht dort zu lesen, kämenneue Mittel zur Heilung der Krankheiten auf den Markt, die sich meist nicht bewähren. So habe das Mittel Prof. Koch's gegen die Schwindsucht schwer enttäuscht. Der zufriedene Leser schmunzelt vielleicht dabei, da auch er sich der Erbitterung und des Miß⸗ muts erinnert, die weite Kreise er gesamten Welt da⸗ mals ergriffen hatten, da Koch's Tuberkulin die er⸗ wartete Heilung der Schwindsucht nicht brachte Zum Glück liegen die Dinge denn doch in Wahrheit etwas anders, Allerdings gelingt es auch heute weder mit dem alten Tuberkulin noch mit dem neuen(Tuberkin R) die Schwindsucht zu heilen(das neue Tuberkulin kennt Herr Semmel nicht; oder aber: mit solchen Nichtigkeiten gibt sich seine Entdeckerphantasie gar nicht erst ab J). Wohl aber machen sehr angesehene Aerzte, zugleich tüchtige Forscher, ror allem der Direktor der hygienischen Unter⸗ suchungsonstalt in Danzig, Dr. Petruschky, schon seit Jahren Impfungen an Menschen mit kleinen Dosen Tuberkalin und haben zweifellos in einer ziemlich großen Anzahl von Fällen langsame, aber sichere Besserung bei bestimmten Fällen von Lungenschwindsucht erzielt. Aber Her? Semmel kennt alle diese Dinge nicht; daher er⸗ dre.stet sich der kleineHeld, gegen den großen Robert Koch den Mund aufzutun!

De zweite, tiefgründige Satz lautet imWetzl. Anz.; Da hören wir zunächst, daß wir nur dann Speise zu uns nehmen sollen, weun wir wirklich Hunger haben und daß die Nahrungsmittel gehörig gekaut und nicht in zu heißem Zustand genossen werden dürfen. Nun ist zwar, wie schon längst bekannt, Hunger der beste Koch, aber das gilt ja nur für Gesunde; der Kranke, und um den handelt es sich ja gerade hier, denn der Vortrag, lautet doch:Wie werde ich gesund? der Kranke würde sehr oft verhungern, wenn sein Arzt sich nur nach dem Hungergefühl des Patienten richten wollte und ihm also, z. B. beim Darniederliegen der Körperkräfte, weder Speise noch Trank erlaubte, weil ja der Kranke nicht hungrig ist! Zum Glück kommt der Appetit häufig genug erst beim Essen, und besonders Kranke greifen erst dann zur Nahrung, wenn sie a ppe⸗ titlich zubereitet ist. Hier feiert die moderne Kranken⸗ köchin wahre Triumphe.

Der Satz:... und in nicht zu heißem Zustande ist besonders schön gesagt; als ob der Mensch die Speisen nur heiß zu sich nähme!Naturwidrig solldas gleichzeitige Essen und Trinken sein. So, wie es hier steht, ist es baarer Unsinn. Von den Aerzten wird natürlich schon seit vielen Jahren oft genug vor ü ber⸗ mäßiger Zufuhr von Flüssigkeiten in den Magen⸗ Darmkanal dringend gewarnt; dagegen ist Flüssigkeit, in geringer Menge mit fester Nahrung zusammen ge⸗ nossen, oft ein mächtiger Anreiz für die Magendrüsen, die Salzsäure, die zur Verdauung der Eiweißkörper un⸗ bedingt nötig ist, in vermehrter Menge abzusondern. Nur die Alkoholica(Bier, Wein, Cognac, Liqueure usw.) machen hierbei eine Ausnahme, da sie meist in sehr großen Mengen dem Magen einverleibt werden; aber auch in sogenanntenkleinen Dosen find z. B. Bier und Schnaps häufig Räuber einer gesunden Verdauung.

Warumam zuträglichsten Früchte und Pflanzenkost sein sollen, ist schwer verständlich; aber jene vomWetz⸗ larer Anzeiger gebrachte Behauptung des Herrn Semmel ist nicht neu, d. h. nicht von ihm entdeckt, denn aus

Anmerkung:Semmel ist der im Norddeutschen oft gebrauchte Ausdruck fürBrödchen,Weck,

der Rüstkammer der Vegetarier entnimmt er diese Weis⸗ heit, die bekanntlich den eigentlichen Glaubensartikel jener Fleischverächter darstellt. Aber weder die medizinische Wissenschaft, noch die praktische Erfahrung haben bisher den Nutzen einer solchen einseitigen Ernährung für Menschen dargetan, welche gesund werden wollen. Trefflichen Aufschluß darüber geben insbesondere die neuesten Forschungen des Privatdozenten Dr. Albu⸗ Berlin. Was sagt aber der gestrenge Herr Semmel z. B. zu dem enormen Nutzen, den bekanntlich die Milch gerade dem Säugling gewährt? Und Milch ist doch wahrlich rein tierischen Ursprungs und hat mit dem Pflanzenreich nicht das Geringste zu schaffen!

Aber der edle Helfer schwingt sich zu einem weiteren Gedanken auf; der Bericht lautet:Von Fleisch ist Schweinefleisch das am wenigstens empfehlenswerte. Die ta sendfällige, tägliche Erfahrung lehrt aber das Gegenteil; gerade wegen seines hohen Fettgehalts ist dieses Fleisch eines unserer besten Nahrungsmittel, da es dem Körper schon in geringen Mengen viel Wärme zuführt. Die Behauptung des Herrn Semmel, betreffend den großen Nutzen einer ständigen, guten Lüftung der Wohn- und Schlafräume, dieser Ausspruch ist ebenfalls kein Eigentum unseres Gesundheitsbeglückers, denn er, d. h. der Ausspruch, ist schon seit Jahrzehnten Gemeingut aller Aerzte. Dagegen nehme ich, wie sich auch weiterhin ergeben wird, mit Fug und Recht an, daß die Lüftung des Semmelschen Gehirnes alles zu wünschen übrig läßt.

Denn schau der nächste Satz lautet:Auch darf der Körper nicht durch hohe Kopfunterlagen in der Blutzirkulation gehindert sein. Wie aber, Herr Semmel, wenn es sich um einen vollblütigen Menschen handelt oder um solche meist nervenschwache Personen, deren Blutgefäße sich schon nach geringen Anstrengungen schnell füllen? Sollen diese ihre Gesundheit etwa durch niedrige Kopfunter⸗ lagen wiedererlangen? Dann würde ja eine noch viel größere Blutmenge z. B. zum Gehirn dringen!!!

Leute mit schwachem Herz tun natürlich oft gut, niedrig zu liegen; aber so, wie der oben angeführte Satz lautet, ist er geeignet, eine vollständige Verwirrung der gewöhnlichsten ärztlichen Erfahrung herbeizuführen: denn alles kommt doch auf die Art der Krankheit an und kranke Menschen will ja Herr Semmel bekanntlich gesund machen!!!

Noch ein paarEntdeckungen verdanken wir der Weisheit des Herrn Semmel.Ein dreistündiger Schlaf wird für einen vollständig gesunden Menschen für aus⸗ reichend erklärt, womit aber nicht gesagt sein soll, daß damit auch das Ruhebedürfnis befriedigt ist. Ja, aber1 Wenn das Ruhebedürfnis, dem doch der Schlaf allein dient, durch 3 stündigen Schlaf nicht befriedigt ist, wie kann denn der kluge Helfer in dem- selben Atem behaupten, ein nur so kurze Zeit dauernder Schlaf wäre für einen vollständig gesunden Menschen ausreichend??? Warum ist man denn bei unserem Militair, das doch zumeist aus vollkommen gesunden Menschen besteht, sorückschrittlich, die Soldaten zirka 7 Stunden schlafen zu lassen? Herr Semmel müßte eigentlich von Rechts wegen Generalinspekteur des Mili⸗ tair⸗Sanitätswesens werden, vorläufig mit der Wirksam⸗ keit fürDummsdorf. Und wie steht es mit der größten Schlafzeit bei Kindern, wie bei derjenigen der Erwachsenen nach Anstrengungen? Herr Semmel schweigt, aber nicht aus Bescheidenheit. Denn die Sucht ein berühmter Mann zu werden, läßt ihn nicht ruhen; er verkündet deshalb die wunderbare Heilung eines an Blutvergiftung erkrankten Menschen.

Die Vergiftung, so heißt es,war schon soweit vorgeschritten, daß der Arm unförmig angeschwollen war und die Geschwulst schon auf den Körper überging. Ein Arzt hatte die Amputation des Armes als vergebens bezeichnet. Redner ließ den Mann den kranken Arm und die Seite in ein schnell gegrabenes Loch im Boden stecken und schon nach ein paar Stunden war die Gefahr vorüber. Auch bei Rheumatismus ist das Auflegen von Lehm auf die kranke Seite sehr wirksam. Soweit der angeführte Bericht. Hierbei ist dem geehrten Herrn Berichterstatter desWetzlarer Anzeigers ein kleiner Denkfehler passiert, denn während vorher von einem schnell gegrabenen Loch die Rede war, steht nachher zu lesen:Auflegen von Lehm, zwei Dinge, die nach gewöhnlichem Menschenverstand nichts miteinander zu tun haben. Durch die Worte:Auch bei Rheumatismus wird aber das liebe Publikum darüber belehrt, daß auch die Blutvergiftung(J) durch Lehm geheilt werden kann, und zwar schonnach ein paar Stunden! Nun wissen wir zwar nur durch Herrn Semmel, daß eine Blut⸗ vergiftung vorlag; ein ärztlicher Beweis dafür wurde aber nicht angeführt, denn kluger Weise war weder der Name des angeblich vorher behandelnden Arztes, noch derjenige des Kranken genannt; das läßt tief blicken! Uebrigeus wird im Volke sehr häufig schon bei den gewöhnlichsten Hautverletzungen, die mit irgend welchen größeren Beschwerden einhergehen, der NameBlut⸗ vergiftung gebraucht, während diese Krankheit in Wahrheit zum Glück bei Weitem nicht so oft auftritt. Schluß in nächster Nummer.

Nr. 5. Uah und Fern.

Mit Turm oder ohne Turm?

Um diese Frage streitet man sich jetzt in Kassel. Die dortigen Stadtverordneten lehnten am 19. Januar abermals den Antrag ab, das neue Rathaus mit einem Turm zu erbauen, der einen Kostenaufwand von Mk. 600 000 er⸗ fordern würde. Der nochmalige Antrag war auf eine lebhafte Agitation hin erfolgt, die in der Bürgerschaft eingesetzt hatte, als der Kaiser bei der Vorlage des Projektes des Architekten Roth⸗Darmstadt die Bemerkung machte,er könne sich das Rathaus ohne Turm nicht recht denken. bleiben?

Pokern ist ein Glücksspiel.

Wie aus Magdeburg gemeldet wird, hat die dortige Strafkammer in der Sache wider den Inhaber des Casé Dülow als Be⸗ rufungsinstanz die Berufung des Angeklagten gegen ein Urteil des Schöffengerichts, das ihn wegen Duldens von Glücksspielen,Mauscheln undPokern, zu Mk. 40 Geldstrafe verurteilt hatte, verworfen. Der Angeklagte, Schank⸗ wirt Albert Schmidt, der im Jahre 1903 schon einmal wegen besselben Vergehens bestraft worden war, hatte sich auf das bekannte Olden⸗ burger Urteil berufen, nach demPokern kein Glücksspiel sein soll. Nach dem Gutachten der Kriminalpolizei sindPokern undMauscheln zweifellos als Glücksspiele zu betrachten, weil sich bei ihnen eine Wahrscheinlichkeitsberechnung nicht aufstellen läßt, und das Gericht schloß sich diesem Gutachten an.

Ein Dienstbote für einen Hund!

Ein Annoncenblatt in Dresden brachte dieser Tage folgendes Inserat: Gesucht eine wirkliche Tier freundin, ältere Witwe oder Fräulein, die etwas nähen und flicken kann, für die Pflege von Schoßhündchen für ein herrschaftliches Haus auf dem Lande in Thüringen. Gefl. Offerten ꝛc.

Hunderte von Proletarierkindern verkommen und verderben, weil ihre Mütter ins Joch der Erwerbsarbeit gespannt, ihnen nicht die nötige Pflege und Aufsicht angedeihen lassen können. Der Herrschaftshund bekommt aber einen Menschen zur Bedienung!

N Ade 2 80 W 8

Anterhaltungs-Ceil. 1

4 Slüeck auf!

Schwer von steter Nacht umfangen, Brechen sie im Erdenschoß, Unter Qualen, unter Bangen, Heißer Urzeit Schätze los.

Sind von schrecklichen Gewalten Jeden Augenblick bedroht, In den Klüften, aus den Spalten Lauert hundertfacher Tod!

Keuchend mühen sie die Glieder, Wo der Hölle Atem weht, Tauchen auf und tauchen nieder, Wie im Bronn der Eimer geht.

Und des Lichtes goldne Welle, Die kein Bettler missen mag, Labt sie mit gesunder Helle Nur an selt'nem Feiertag.

Und sie leiden und sie fronen Jahr um Jahr in gleicher Müh' Arme Sklaven reicher Drohnen! Welken bald und sterben früh!

Kann's Euch wundern, wenn sie riefen Grollend jetzt nach Recht und Licht, Wenn's aus ihres Herzens Tiefen Jäh' wie schlagend Wetter bricht d

Sollten die Herren weiter standhaft

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