Ausgabe 
29.1.1905
 
Einzelbild herunterladen

B

r

5

AF

2

r

r ·

U

ö 3

* 7

Nr. 5.

Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung.

W Seite 7.

sinken, blieb er mißmutig zu Hause.

Wenn die Schar mit einem Schlage Sich der großen Macht besann, Die Euch oben hier, am Tage, Bittre Sorge lehren kann p

Merkt Euch: Wenn sie feiern werden Trotzig dort im Kohlenschacht, Wird es kalt auf Euern Herden, Dunkel sein in Eurer Nacht!

Und der Sturm des Lebens flutet Nimmer bald landaus, landein, Wie ein Leib, der sich verblutet, Stumm und öde wird es sein!

Alle Essen sind erloschen, Alle Räder stehen still Und das alles, weil um Groschen Krämerselbstsucht feilschen will! Weil die Habgier der Bedränger Baren Vorteil darin sieht, Daß ein Viertelstündchen länger Sklavenhand am Karren zieht!

Mögt Ihr da noch lange grübeln, Was der Arme darf und soll p Könnt Ihr seinem Sorn verübeln, Daß er endlich über quoll P

Wahrlich, nein! Und brausend weiter Walle dieses Sturmes Lauf! Und für Euch, gerechte Streiter Schalle schmetternd ein Glück auf! O. in derJugend,

Der Gottlose. Sine Dingskircher Geschichte von K. H. Diefenbach.

Was ist die Bibel?

Gottes Wort.

Recht so. Und warum ist die Bibel Gottes Wort?

Weil sie Offenbarungen....

Nun, nnn, nur heraus damit, Peter. Weil sie Offenbarungen.. 2

Gottes enthält.

Ganz gut. Ich merke, du willst was sagen, du dahinten. Den Kaspar mein ich.

Ich wollte nur etwas fragen, Herr Pfarrer.

Sprich.

Es steht in der Bibel; ich glaub', in einem

der Moses steht's, wer seinen Knecht schlage,

daß er sterbe, der soll darum bestraft werden, bleibe er aber einen oder zwei Tage am Leben, so solle er nicht darum bestraft werden, denn es sei sein Geld. Und dicht davor steht doch: Wer einen Menschen schlägt, daß er stirbt, der soll des Todes sterben. Da wollte ich fragen, ist ein Knecht kein Mensch und ist das auch eine Offenbarung Gottes?

Ich merke, du spintisterst, Junge. An Gottes Wort soll mau nicht drehen und deuteln; man soll es glauben, denn auch die scheinbaren Widersprüche darinnen würden sich in herrliche Weisheit auflösen, wenn es uns schwachen Menschen gegeben wäre, sie recht zu verstehen. Du scheinst übrigens recht fleißig in der Bibel zu lesen, Kaspan?

Ich lese gern in der Bibel.

Aber ein's sage ich dir, wenn du nichts weiter dabei profitieren willst, als na, für heute setz' dich mal um einen herunter.

So im Katechumenen⸗Unterricht der Sech⸗ zehn⸗ bis Achtzehnjährigen. Sachte rückte Kaspar nach dem unteren Bankende zu, und als er am äußersten Ende angekommen und die Aussicht abgeschnitten war, noch tiefer zu

Vater gab's Prügel und von der Mutter Tränen über den ungeratenen Sohn, der sich unterstand, eigene Gedanken zu haben und nicht nur die Bibel durch die Augen seines Lehrers zu be⸗ sehen. Von dem letzteren kam ein halbes Dutzend Strafzettel; bezahlt wurden sie auf dem Rücken Kaspars, anders nicht. Zuletzt blieben Strafzettel und Prügel aus, und Mutter Katharine wischte sich die Augen trocken. 2 Gottes Namen! Er ist eiamal so, und wenn Gott will, wird er noch vernünftig. Schlecht ist der Kaspar nicht, nur leichlsinnig.

Der Kaspar leichtsinnig!

Gedrückt ging der Bursche einher. Er war Bauerntaglöhner. Hin und wieder erübrigte er sich ein paar Groschen. Dafür kaufte er

Vom

sich einige Bücher Bücher, die er zufällig in diesem oder jenem von der Straße aufge- lesenen Zeitungsblatt angezeigt fand, und von denen er dachte, daß er etwas aus ihnen werde lernen können. Abends, wenn er nicht zum Umsinken müde war, saß er dann auf dem Rande seines Bettes und las beim Lichte eines armseligen Küchenlämpchens und war bald be trübt, daß niemand da war, der ihm das Ge⸗ lesene so recht plausibel gemacht hätte, bald froh, daß er trotzdem vieles zu begreifen be⸗ gann, was er ohne seine Bücher wohl nie be⸗ griffen hätte. Aufmerksam las er immer und immer wieder in der Bibel. Das neue Testa⸗ ment war ihm ein Heiligtum. Er fühlte sich gehoben beim Lesen der herrlichen Worte, die der arme Nazarener von dem Verhältnis des Menschen zum Menschen gesprochen hatte. Wenn er sich auch manches nach seiner Art auslegte und das Wort Christi wohl beherzigte:Wer Ohren hat zu hören, der höre, und demgemäß nicht nur an der Oberfläche haften blieb, son⸗ dern der leichtsinnige Kaspar tiefer in den Sinn der Worte eindrang, so fühlte er sich doch mit der Lehre des Menschensohnes eins. Aber eine große Betrübnis erfaßte ihn, wenn er dem Christentum, wie es Christus ge⸗ wollt, das Chriftentum von heute gegenüber⸗ stellte. Es kam vor, daß er laut zu reden anfing:Wer mich lieb hat, der folge mir nach, so hat Christus eingeladen, aber wer von allen, an welche die Ladung erging, folgte ihm nach? Brüder und Schwestern sollen sie unter⸗ einander sein, seine Anhänger, keiner höher, keiner niedriger, keiner reicher, keiner ärmer; es sollte nicht sein, daß der eine Mangel leide, während der andere im Ueberfluß schwelge. Der höchste Titel ist Mensch, der höchste Rang wiederum Mensch nach welchem Gesetz soll sich der Mensch dem Menschen unterordnen, wie läßt es sich begründen, daß der Mensch darben muß, während der Mensch schwelgt? Sind nicht alle Glieder einer Familie, warum der gewaltige Unterschied?

Solche Fragen legte sich der Bauernbub in seinem Dachstübchen vor. Er kannte die Welt nicht weiter, als die Gemarkung seines Dörfchens reichte aber in diesem engen Be⸗ zirk, so dachte er, spiegelt sich die große Welt wieder. Was hier im Kleinen passtert, geschieht draußen im Großen. Es ist überall der⸗ selbe Tanz.

So wurde er zum Phantasten.

Und niemand war da, der ihm geantwortet, der ihn geleitet hätte. Auch das Buch der Bücher konnte ihm keine Auskunft geben. Es konnte ihm nur den Beweis liefern, daß selbst im Worte Hottes der ungleichen Stellung, in der sich die Menschen zu einander befinden, Rechnung getragen wird. Das quälende Warum? aber blieb ihm ungelöst.

Christus allein suchte den Menschen dem Menschen gleichzustellen, dafür hat man ihn gekreuzigt.

Einmal, nachdem Kaspar müde vom Lesen und Denken aufs Bett zurückgesunken war, träumte er. Der Traum war deutlich und lebendig; ihm träumte, was er hundertmal mit offenen Augen gesehen, was er hundertmal un⸗ bewußt in sich aufgenommen hatte. Als er erwachte, schwebte ihm das Geträumte noch so lebhaft vor Augen, daß er beschloß, dasselbe aufzuschreiben. Auf die letzten unbeschriebenen Blätter eines Schulheftes schrieb er Folgendes:

Mir träumte, ich stand an des Pfarrers Stelle auf der Kanzel. Die Kirche war ge⸗ füllt; ganz Dingskirchen hatte sich eingefunden. Nur zwei Plätze waren leer. Ich wußte, wer fehlte. Es waren der Flickschuster und der Baldusphilipp, zwei arme Männer, die am Sonntag das Brot für den Montag erarbeiten mußten. Mein Auge schweifte über die Ver⸗ sammlung und blieb haften auf einer Bank, der sogenannten Herrenbank. Dort saß der Bürgermeister; die Hände fromm über das runde Bäuchlein gefaltet und die wasserblauen Augen auf die runden Engelein gerichtet, so

Mund mit dünnen Lippen auszeichnete, einen Mund, der zum Keifen und nur zum Keifen geschaffen. Sie hatte ihre grauen Augen auf mich gerichtet. Dann kam der Gutsbesitzer, den neulich der Schullehrer einen jovialen Herrn nannte. Der hatte die beringte Rechte auf dem Betpult liegen und den Daumen der Linken in der Westentasche stecken, während seine neben ihm sitzende Frau auf die in ihrem Schoße ruhenden Hände niederblickte. Schließlich kam noch Franz, des Gutsbesitzers Sohn. Dieser steckte in der Uniform eines Einjährigen und zeichnete sich durch weiter nichts aus, als durch eine Schmarre auf der Wange und einen weißglänzenden, bis in den Nacken hinziehenden Scheitel.

Und als ich die Herrschaften ansah, wurde mir das Herz voll, und ich erzählte eine Ge⸗ schichte. Dieselbe lautet:

An einem Sommerabend war es. Die Herrschaft saß in der Wohnstube, trank Wein und Schinkenbrot. Das Gesinde saß im Hofe unterm Apfelbaum und Buttermilch und Kartoffeln. Dabei war ein Weib. Ihre Wangen waren blaß und ihre Augen gerötet vom vielen Weinen, denn vor vier Wochen hatte man ihren Mann begraben, vor drei Wochen war sie zum ersten Male Mutter geworden. Der Säugling befand sich bei einer mitleidigen Nachbarin tagsüber, damit die Mutter nicht behindert war in ihrer Arbeit. Und sie mußte arbeiten, denn sie wollte leben. Aber auch Schulden hatte das Weib. Da war zunächst der Tischler, der den Sarg für ihren verstorbenen Gatten geliefert hatte. Vierzig Marl hatte er zu fordern. Dann der Arzt und der Apotheker und zuletzt der Hypothekengläubiger. Früh⸗ morgens um vier Uhr erhob sich Luise von ihrem Lager. Mit Arbeit begann ihr Tag und mit Arbeit ging er zu Ende. Der Tag ging zu Eude, aber nicht die Sorge. Sank die Nacht auf die Gefilde und der Verwalter sprach: So, nun ist Feierabend, ihr Leute, dann war Luise um einen Tag älter und um eine Mark reicher. Nun aber erschien die Pflegerin des Kindes. Sie bekam sechzig Pfennige; Bäcker und Krämer erhielten dreißig Pfennige. Blieb dem Weib noch ein Groschen. Den nahmen die Gläubiger aber sie waren nicht zufrieden damit.

An ihre Armut Hachte das Weib unter dem Apfelbaum.Wie wär's, ging's ihr durch den Sinnwenn ich einmal den Herrn bitten würde. Vielleicht, daß er mir zwanzig Pfennige täglich zulegt. Ihm täte das nicht weh, mir aber wäre geholfen. Der Herr ist ja immer freundlich zu mir, vielleicht daß er's tut.

(Fortsetzung folgt.)

Wieder ein Frommer.

Das Schwurgericht in München verurteilte am 21. Januar den Bauern und Kirchen⸗ pfleger Johann Simperl von Asbach wegen zweier Verbrechen des Totschlages und wegen fortgesetzter Blutschande zu 14 Jahren Zuchthaus, dessen Tochter Marie Simperl wegen Blutschande zu Jahren Gefängnis. Simperl lebte nach dem Tode seiner Frau mit seiner Tochter, diese kam zweimal von ihm nieder. Er nahm ihr jedesmal nach der Geburt das Kind weg, erdrosselte es und warf es ins Wasser. Das zweite Mal tat er es, als er von der Kirche nach Hause kam. Pfarrer und Bürgermeister stellten ihm in der Schwur⸗ gerichtsverhardlung das beste Zeugnis aus. Der Bürgermeister sagte, Simperl sei fleißig, sparsam, ordentlich und sehr religiös gewesen. Die Tochter plauderte die Geschichte aus, als ste von ihrem ehrenwerten Vater geschlagen worden war.

Humoristisches.

Ein Stoßseufzer.Ja, ja, teurer Amtsbruder von der andern Konfesston, du meinst, wir hätten es schöner, weil wir heiraten könnten? Sage das nicht! Früher dachte ich es auch, aber heute beneide ich dich. Du kannst deiner kündigen ich aber nicht!

den in der Mitte des Schiffes stehenden Tauf⸗ Pariert.Von Euch Weibern, sagt Tolstol, stein zierten. Neben ihm thronte die Bürger-stammt alles Uebel.Sogar die Männer stammen meisterin, die sich besonders durch einen breiten von uns!