Ausgabe 
29.1.1905
 
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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 5.

Kräften steht. Die Metallarbeiter bewilligten 50000, die Holzarbeiter 15000 Mk., andere Verbände ähnliche Summen. Der Bischof von Köln stiftete 1000 Mk., Kardinal Kopp 3000. Arbeitswillige gibts verhältnismäßig wenig, jeder einzelne von ihnen wird mit Argusaugen von zahlreichen Gendarmen bewacht. Kohlen⸗ mangel macht sich immer mehr fühlbar. Eisen⸗ werke, Brauereien ꝛc. mußten die Produktion einschränken.

Die im Bergbaulichen Verein organisterten Zechenbesitzer wollen mit den Arbeitern nicht verhandeln, wie berichtet wird, aus Rache gegen die Regierung wegen der Hibernia⸗An⸗ gelegenheit! Hoffentlich wird den Arbeitern der Sieg, den ihnen jeder fühlende Mensch wünscht.

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Die Forderungen der Bergarbeiter

haben folgenden Wortlaut:

1. Achtstündige Schichtzeit, einschließlich Ein⸗ und Ausfahrt, und zwar fürs laufende Jahr wie bisher, jedoch nicht über 9 Stunden, von 1906 ab 8 und von 1907 ab 8 Stunden.

Sechspündige Schicht(inklusive Ein⸗ und Ausfahrt) vor nassen Orten und heißen Orten mit über 28 Grad Celsius.

2. Sonntags- und Ueberschichten sind nur zur Rettung von Menschenleben und bei außerordentliche Betriebsstörungen zulässig.

3. Das Wagennullen wird sofort beseitigt und die Kohlen, die wirklich sich im Wagen befinden, werden auch bei Berge enthaltenden Wagen bezahlt(demnach darf nur der Prozentsatz der Steine den Arbeitern in Abzug gebracht werden, der sich in dem betreffenden Wagen befindet). Eventuell Bezahlung der Kohle nach Gewicht(wie in England).

Alle Wagen müssen geeicht und der Rauminhalt oder Gewichtsinhalt des Wagens jederzeit leicht er⸗ sichtlich sein.

4. Die Belegschaft hat in alljährlich wiederkehrend er geheimer Wahl einen Wagenkontrolleur bezw. Wiegemeister zu wählen(§ 80 0, Absatz 2 des Berg⸗ gesetzes), welcher seinen Lohn mit von der Zechenver⸗ waltung erhält. Diese verteilt denselben auf alle bei der Förderung beteiligten Grubenleute und bringt ihn bei den letzteren beim Lohntag in Abzug.

Der Wagenkontrolleur besitzt alle Rechte der sonstigen Belegschaftsmitglieder und ist auch bei allen Versicherungen und Kassen seiner Zeche ebenso beteiligt wie alle anderen.

5. Löhne(Schießmaterial und Geleuchte darf nicht verrechnet werden):

a. Minimallohn für Hauer und Lehrhauer

im Gedinge.. 5, Mk. b. 1 Hauer und Lehrhauer

im Schick tlohnn. 4,50 85 65 e, d. 15 e, 5 55 Schlepper e 15 5 erwachsene Tagearbeiter 3,80 g. 5 e,, R. 5 jugendliche Tagarbeiter 1,50 15 1Koksarbeiter, Brenner. 4,50 5 5 7 5 Verlader 5,. 15 1 1 1 Füller. 4,50

M. 1 1* Schlepper 3,80 n. Lohnzahlung zweimal. Abschlag und spätestens am 20. des folgenden Monats Lohntag.

6. Errichtung eines Arbeiterausschusses zur Vorbringung und Regelung

a, aller Beschwerden und Mißstände,

b. aller Lohndifferenzen einschließlich des Gedinge⸗ lohnes,

C. zur Mitverwaltung der Unterstützungs kassen, deren Abrechnung alljährlich der Gesamtbelegschaft durch Aus⸗ hang bekannt zu machen ist. Wenn die Zechenbesitzer⸗ verwaltungen keine Beiträge leisten, haben sie auch in der Unterstützungskasse kein Verwaltungsrecht, mehr als die Hälfte Sitze dürfen die Verwaltungen bezw. Besitzer nicht haben, selbst wenn sie mehr Beiträge zahlen sollten.

7. Einführung von Grubenkontrolleuren, die alljährlich in geheimer Wahl von der Belegschaft aus ihrer Mitte gewählt und von den Zechenbesitzern oder dem Staate bezahlt werden.

8. Reform des Knappschaftswesens nach dem Programm der Arbeiterorganisationen.

9. Gute Deputatkohlen zum Selbstkostenpreise an alle verheirateten Arbeiter, ebenso an Invaliden und Witwen(mindestens monatlich einen Wagen).

10. Beseitigung der zu vielen und zu harten Strafen.

11. In den Mietskontrakten der Zechenkolonien ist vierteljährliche Kündigung aufzunehmen.

12. Humane Behandlung; Bestrafung und even⸗ tuelle Entlassung aller die Arbeiter mißhandelnden und beschimpfenden Beamten.

13. Keine Maß regelungen, keine Abzüge und Strafen wegen der Bewegung. 14. Anerkennung der

sationen. Berggewerb 15. Anrufung des e ee 1

als Einigungsamt.

Arbeiterorgani⸗

in Dortmund

Der Bergarbeiterstreik vor dem Reichstage.

Nachdem die von der sozialdemoeratischen Fraktion eingebrachte Interpellation eine Woche lang verschleppt worden war, weil Handelsminister Möller zu ihrer Beantwortung keine Zeit hatte, kam sie endlich am Freitag (20. Januar) zur Verhandlung. Folgendes ist der Wortlaut der Anfrage:

Ist dem Herrn Reichskanzler bekannt, daß die Werkbesitzer im Ruhrkohlenbezirk

1. systematisch die zum Schutze der Arbeiter in der

Reichs⸗Gewerbe⸗Ordnung festgelegten und auch für

die Bergarbeiter gültigen Bestimmungen umgehen,

und sogar eine förmliche Organisation behufs

Verrufserklärung unbequemer Arbeiter ge⸗

schlossen haben; ö die reichsgesetzlichen Vorschriften über den Arbeits⸗ vertrag tatsächlich außer Wirkung setzten, die Ar⸗ beitsordnungen durchaus willkürlich anwenden und dadurch werkseitig fortgesetzt Kontrakt⸗ bruch geübt wird;

3. durch das Nullen der Kohlenwagen den Arbeiter um einen Teil seines verdienten Lohnes betrügen; durch ihre Verkaufsorganisation, das Kohlen⸗ syndikat, ohne Berücksichtigung der Industrie und der allgemeinen Volksbedürfnisse die Kohlen⸗ preise systematisch hinaufschrauben, und um dieses in höherem Grade zu erreichen, al les getan haben, was den Ausbruch der Bergarbeiterstreiks zur Folge haben mußte.

Welche Maßregeln gedenkt der Herr Reichskanzler gegenüber diesen Vorgängen zum Schutze der Arbeiter

sowie der Kohlenverbraucher zu ergreifen?

Begründet wurde die Juterpellation durch den Genossen Hu, der in seiner Eigenschaft als Bergarbeiterführer und als Abgeordneter eines der vom Streik betroffenen Wahlkreise in jeder Beziehung der gegebene Wortführer der Ausständigen war. Hus verstand es vom Anfang bis zum Schluß seiner beinahe drei⸗ stündigen, vorzüglichen Rede, die Aufmerksam⸗ keit des gesamten gutbesetzten Hauses sowie der überfüllten Tribünen zu fesseln. Er legte dar, wie mit schier übermenschlicher Geduld die Belegschaften des Ruhrreviers 1 ¼ Jahrzehnte hindurch die schnöde Behandlung der Gruben⸗ barone und die noch schnödere der Zechenbeamten ertragen haben. Verlängerung der Ar⸗ beitszeit, Reduktion des Lohnes, Aus⸗ schluß aus der Kassenverwaltung, systematisches Nullen; alles hat die Arbeiterschaft über sich ergehen lassen müssen; vergebens waren Vor⸗ stellungen und Beschwerden, vergebens waren die Anrufungen der Behörden. Noch schlimmer wurde es, als das Kohlensyndikat seine verderb⸗ liche Tätigkeit begann, als das Publikum durch hohe Kohlenpreise ausgebeutet und ganze Ort⸗ schaften und Distrikte durch frevelhaftes Still⸗ legen der Zechen verödet wurden. So kam denn, was kommen mußte: Mit explosiver Ge⸗ walt brach der Streik aus, den die Arbeiter⸗ führer vergebens zu verhindern suchten. Leider sind wir bet unsern Raumverhältnissen nicht in der Lage, die Ausführungen Huss vollständig wiederzugeben, sondern müssen uns mit einem kurzen Auszuge begnügen. Zuerst wies der Redner die Lügennachrichten über angebliche Ausschreitungen zurück. Nirgends sei die Ruhe gestört. Allerdings könnten die Behörden durch ihre Nervosität Ruhestörungen veranlassen. Zahlreiche Gendarmen sind überflüssigerweise von auswärts herangezogen, die sich in den Verhältnissen nicht zurecht finden. Recht nervös habe sich namentlich der Dortmunder Ober⸗ bürgermeister Schmieding gezeigt, vielleicht weil er Aufsichtsratsmitglied des Harpener Bergwerks ist. Bedenklich ist namentlich auch, daß die Zechenbeamten vielfach mit posizeilicher Quali⸗ fikation ausgestattet worden sind, dieselben

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Zechenbeamten, die durch ihr Auftreten die

Bewegung zum großen Teil veranlaßt haben.

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Durch nutzlose Revolverschießereien, durch offenen Hausfriedensbruch haben diese Jechenbeamten durchweg die wenigen Untaten, die überhaupt vorgekommen sind, veranlaßt.

ue ging dann weiter auf die Ursache des Streiks ein und führte unter anderem aus:

Der Streik wäre nicht ausgebrochen, wenn Herr Stinnes auf Zeche Bruchstraße, bevor er den Anschlas betr. die Schichtenverlängerung machte, sich mit den Arbeitern ins Einvernehmen gesetzt hätte. Statt dessen hat er die Deputation, die ihm Vorhaltungen über den durchaus ungesetzlichen Anschlag machte, brügk abgewiesen. Minister Möller bedauert, daß die Arbeiter so geringen Sinn für Gerechtigkeit haben; ich bedaure, daß die Arbeitgeber so wenig Sinn für Gesetzlichkeit haben. Das Oberbergamt selbst hat die Ungesetzlichkeit des Anschlags anerkannt. Trotzdem fuhr die Belegschaft vollzählig an. Da wurde ihnen am 7. Januar die Brandkohle verweigert. Die Brandkohle ist aber ein Teil des Arbeitslohnes, wie daraus hervorgeht, daß bisher im Falle ihrer Nichtlieferung Ersatz geleistet wurde. Warum sollen gerade die wohlerworbenen Rechte der Arbeiter nicht respektiert werden? Aber trotz allem, was vorgegangen war, konnte noch am vorigen Donnerstag eine Einigung erzielt werden. Den Unter⸗ nehmern wurden noch einmal goldene Brücken zum Rück⸗ zug gebaut. Aber, statt diese Brücken zu benutzen, haben

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die Unternehmer uns brüskiert, haben die Arbeiter be⸗ handelt, als wenn sie Luft wären! Das sind die Leute,

die sich als Ordnungsstützen aufspielen! Wir wollen den Frieden, aber nicht den Kirchhofsfrieden! Im Namen meiner Kameraden kann ich erklären: die Worte des Reichskanzlers haben große Sympathien bei uns gefunden, haben die Hoffnung erweckt, daß es nicht zum äußersten kommen werde. Aber die Reden des Handelsministers Möller, namentlich die vom Montag, haben diesen Traum zerstört und die Hartnäckigkeit der Besitzer gestärkt. Hätte nicht der Handelsminister Möller, sondern nur der Reichskanzler gesprochen, dann wären wir zur Einigung gekommen. Der Regierungsvertreter v. Velsen tat, was er konnte, aber die Unternehmer erklärten einfach: wir wollen nicht. Wenn es der Regierung nicht gelingt, diesen Protzenhochmut unter das alls emeine Wohl zu beugen, so ist es mit der Autorität der Regierung beim Volke vorbei. Es wundert mich sehr, daß trotz der Hibernia⸗Affatre Minister Möller so warm für die Syndikatsherren eintritt.

Nicht einmal die Stilllegung der Gruben hat der Staat verhindern können; Herr Stinnes erklärte einfach: es paßt mir so. Gegen Streikende schickt der Staat Gendarmen; hat er denn kein Mittel in der Hand, die Verödung ganzer Ortschaften durch die Zechenbarone zu verhindern? Das Kohlen syndikat pfeift auf die ganze Staatsautorität: sein Leibblatt, die Rheinisch⸗Westfälische Zeitung beschuldigt den deutschen Richterstand der Korruption, sobald derselbe nicht nach der Syndikatspfeife tanzt.

besitzer einsetzt, das zeigt erst, welcher Selbstverleugnung ein Mensch fähig sein kann. Jahre, Jayrzehnte hindurch hat die Regierung sich von den Bergwerksbesitzern das Material beschaffen lassen, mit dem sie die bescheidenen Forderungen der Arbeiter bekämpfte; wundert sie sich jetzt, daß den Herren der Kamm geschwollen ist? Jetzt treten die Folgen der sozialpolitischen Rückständigkeit der Regierung grell zutage; jetzt benutzen die Herren vom Bergbaulichen Verein die früheren Reden der Minister als Unterlage für die ablehnende Antwort, die sie den Friedensermahnungen eben dieser Minister geben

Der Streik kam nicht überraschend. Noch vor Weihnachten war es hinreichend Zeit, zu vermitteln. Die Belegschaften haben in den letzten ein, zwei, drei Jahren immer wieder Deputationen geschickt, aber sie haben keine oder nur eine abspeisende Antwort erhalten. Der Streik ist eine elementare Bewegung, die sich seit Jahren vorbereitet hat. Daher rührt auch die schnelle Einigung aller vier Organisationen der Bergarbeiter, jener Organtsationen, die so oft gegeneinander gekämpft haben. Die ganze öffentliche Meinung, die ganze Presse mit Ausnahme weniger Zeitungen, die auf seiten der Besitzer stehen, sympathisieren mit dem Streik. Der Streik berührt alle Voltskreise. Bürger und Bauern sagen uns: Leute, haltet fest, wenn ihr nur gewinnt; die Zechenbesitzer sind unsere Feinde. Die Bergleute treten nicht für utopische sagen wir einmal sozial⸗ demokratische Forderungen ein, sondern für die Er⸗ haltung der bürgerlichen Rechtszustände. Wir wollen keine Vorrechte, sondern nur, daß man die bürger iche Gesetzgebung, die Gewerbeordnung, das Berggesetz auch wirklich anwendet. Dieser Streik ist in Wahrheit eine Demonstration gegen die Ungesetzlichkeit der Unternehmer, eine Demonstration für das bürgerliche Recht.

Der Minister Möller behauptet, daß Kontrakt⸗ bruch vorliege. Ich behaupte, daß keiner vorliegt. Wo es keinen Vertrag gibt, ist auch ein Bruch desselben unmöglich. Im Ruhrrevier besteht aber ein kontraktloser Zustand dadurch, daß die Zechen die Not⸗

Daß gerade Herr Möller 0 sich nach der Hibernia⸗Schlappe so warm für die Zechen⸗