Ausgabe 
29.1.1905
 
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Gießen, den 29. Januar 1905.

12. Jahrgang.

Nedaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

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Revolution in Rusfland.

Endlich scheint sich das von den zarischen Schergen seit Jahrhunderten mißhandelte und getretene russische Volk gegen die Knutenherr⸗ schaft aufzubäumen. Petersburg zu blutigen Kämpfen gekommen, oder richtiger ausgedrückt, die Henker des Zaren haben unter dem friedlichen Volke ein schauder⸗ haftes Blutbad angerichtet! Vertrauensvoll zogen mehrere Tausende Arbeiter unter Führung eines Priesters namens Gapon nach dem kaiserlichen Schlosse, um dem Zaren eine Peti⸗ tion, also eine Bitte zu überreichen. Die vertrauensseligen, uu bewaffneten, bittenden Proleten aber wurden von den Flinten der Soldateska empfangen, Salven krachen und vertierte Kosaken sprengen gegen die Menge und schlagen mit scharfer Klinge auf die Wehr⸗ losen ein. Etwa 2000 Tote und 3 4000 Verwundete sind auf Seiten des Peters⸗ burger Volkes zu verzeichnen!

Durch dieses beispiellos gemeine Verbrechen, diesen verruchten Massenmord, sind aber dem vertrauensseligen Volke die Augen über sein ütigesVäterchen geöffnet worden und es cheint nach den zu uns gelangenden Nachrichten, als wolle es andere, wirksamere Mittel zu seiner Befreiung anwenden, als knieefälliges Bitten. Aus vielen Städten kommen Meldungen, die keinen Zweifel darüber lassen, daß es die ihm vom Zarentum erteilte Lehre beherzigt und seinen Bedrückern in gleicher Münze heim zuzahlen gewillt ist. Möglicherweise bedeutet der 22. Januar den Anfang der großen russischen Revolution.

Zum ersten Male tritt in Rußland die Masse in Aktion und fordert ihr Recht. Die bisher stumm und still gelitten und sich demütig

gebeugt, rufen nach Befretung, nach Anerkennung

ihres Menschenrechts. Und Ironie des Schicksals sie wenden sich an den Zaren, erflehen von ihm, daß er ihnen helfe und ste von ihren Peinigern, den ausbeuterischen Kapi⸗ talisten und denRäubern und Dieben im Beamtenrock befreie. Wie ein Verzweiflungs⸗ schrei erklingt es aus der Petition, mit der sich die Arbeiter Petersburgs an den Zaren wenden und die sie ihm am Sonntag persönlich über⸗ reichen wollten, weil jedes Vertrauen auch zu den höchstgestellten Beamten in der Umgebung des* erloschen ist. Freilich nicht dem Ermessen des Selbstherrschers allein wollten die Arbeiter die Entscheidung über die zu treffenden Maßnahmen überlassen; ste stellten bestimmte Forderungen, deren Erfüllung sie für unerläßlich halten; ste stellen neben den Forderungen, die unmittelbar ihre Arbeitsver⸗ hältnisse bessern sollen, die Forderung, daß eine Volksvertretung geschaffen werde, um an die Stelle des absolutistischen Staates den kon⸗ stitutionellen Rechts staat zu setzen.

Eine solche Massenbewegung mit unmittelbar politischen Zwecken ist in Rußland etwas Un⸗ erhörtes. Um so unerhörter, als aus dem ganzen Inhalt der Petition die Tatsache spricht, daß es sich hier nicht um Revolutionäre im gewöhnlichen Sinne des Wortes handelt, son⸗ dern um fromme, gut russisch denkende Arbeiter, die noch volles Vertrauen zum Zaren Für den Westeuropäer ist das schier

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unbegreiflich; man muß sich erst in die ganzen russischen Verhältnisse hineindenken, um es zu verstehen. In wenigen Tagen haben diese Nan und loyalen Arbeiter, die zum guten

eil mit Zustimmung der Polizei organistert wurden, um als Gegengewicht gegen die revolutionären Bestrebungen zu dienen, die gesamte Petersburger Industrie stillgelegt und als ihre Ausbeuter sich weigern, ihren Wünschen entgegenzukommen, suchen sie Hülfe beim Zaren.

So wurde aus der Streikbewegung mit unerbittlicher Konsequenz eine politische Be⸗ wegung. Aber diese loyalen Massen waren weit davon entfernt, eine gewaltsame Revolution machen zu wollen; sie hofften von der Güte und EinsichtVäterchens, von dem sie glauben, datz er nur durch seine reaktionäre, spitzbübische Umgebung verhindert wird, die Leiden und Nöten der Masse kennen zu lernen, daß er ihnen helfen werde, wenn ihre Notschreie nun bis zu seinen Ohren dringen. Sie bestehen deshalb darauf, ihm selbst unmittelbar ihre Bitten vorzutragen. Das Vertrauen ist noch so groß, daß sie ausdrücklich proklamieren, unbewaffnet vor den Zarenpalast zu ziehen. Ihr Führer ist ein Gefängnisgeistlicher Gapon, der bisher seine Aufgabe darin gesehen hat, diese Massen in der Treue zum Zaren zu er⸗ halten.

Das Vertrauen dieser Tausende ist am Sonntag furchtbar enttäuscht worden, wie es nicht anders sein konnte. Der Autokrat begibt sich nicht freiwillig seinerRechte. Anstatt den Arbeitern den Weg zu sich zu bahnen, sie wenigstens anzuhören, hat Nikolaus sich feige gedrückt, Petersburg verlassen und sich nach Zarskoje Sselo, einem seiner üppigen Paläste, begeben, während Polizei und Militär ein furchtbares Gemetzel unter den vertrauens⸗ voll unbewaffnet dem Schlosse sich nahen⸗ den Bittenden veranstaltete. Die Arbeiterschaft Petersburgs hat am Sonntag in dem beginn⸗ enden politischen Kampfe die Bluttaufe er⸗ halten. Sie wird lernen, auch daraus die richtigen Lehren zu ziehen.

*

Daß sie das tut, beweisen die zahlreichen Nachrichten aus den Arbeiterstädten, die das Erwachen der Arbeiterschaft erkennen lassen. In Moskau, Wilna, Lodzs, Odessa traten die Arbeiter massenhaft in den Ausstand und er⸗ klärten ihre Sympathie mit den Petersburgern; in verschiedenen Orten kam es zu Kämpfen. In Sewastopol meuterten die Marinesoldaten und Matrosen und steckten die Kasernen und Depots in Brand. Infanterie, die gegen die Seeleute geführt wurde, verweigerte den Gehor⸗ sam. Als der Oberst des Bialystocker Regi⸗ ments seine Leute an ihren Treueid erinnerte, erklärten diese, wenn man sie zum Schießen zwinge, würden sie zuerst auf die Offiziere schießen.

In Petersburg wurde die Militär⸗ diktatur errichtet und General Tre po w zum Generalgouverneur ernannt. Als solcher besitzt er außerordentliche Vollmachten und Strafgewalt, alle sonstigen Behörden sind ihm unterordnet. Zahlreiche Führer der Intelligenz, darunter der Dichter Maxim Gorki warden

verhaftet, der Arbeiterklub auf gel öst.

Ueber die Lage in Petersburg wird derZeit in Wien berichtet: Der furchtbare Verlauf des Sonntags hat den Arbeitern deutlich die Ab⸗ sichten der Regierung gezeigt. Jetzt heißt es allgemein:Nieder mit der Monarchie! und man bereitet sich zur nächsten Demonstration mit Waffen vor, damit man sich nicht wehr⸗ los niederknallen lassen müsse. Diesmal aber wird das Volk Tag und Stunde seiner Demon⸗ strationen den Machthabern nicht vorher anzeigen. Allgemein greift die Ueber⸗ zeugung um sich, daß das Gemetzel am Sonn⸗ tag absichtlich herbeigeführt worden sei, um das Volk niederzuknallen und in Schrecken versetzen zu können, um es so von einer wirk⸗ lichen Revolution abzuhalten.

Alle anständigen Leute in der ganzen Welt wünschen dem Befreiungskampfe des russtschen Volkes den besten Erfolg. Die Gemeinderäte verschiedener französischer Städte nahmen Reso⸗ lutionen an, in denen den russtschen Revolu⸗ tionären Sympathie bekundet wird und dasselbe geschah in Deutschland in vielen Versammlungen. Höchstens die Blätter des Junkertums und des bornierten Antisemitismus halten es mit der Kosaken⸗Regierung. Möge es dem Volke ge⸗ lingen, die Willkürherrschaft zu beseitigen!

Der Bergarbeiterkampf im Nuhrrevier.

Der Ausstand der gewaltigen Arbeiterarmee im Ruhrkohlenrevier nimmt in geradezu be⸗ wundernswürdiger Ruhe seinen Fortgang. Die Zahl der Streikenden hat in den letzten Tagen noch um einige hundert zugenommen und dürfte etwa 230000 betragen. Die Führer der Bergarbeiter erklären, mit der bisherigen Entwicklung der Dinge durchaus zufrieden zu sein. Die Haltung der Streikenden entspräche den höchsten Anforderungen. Die von aus⸗ wärts entsandten Gendarmen wüßten kaum, warum sie hierher geschickt worden sind. Die Widerstandskraft der Arbeiter würde lange reichen, zumal ihnen ganz allgemein kredittert würde. Die öffentliche Meinung und fast alle Parteien des Reichstages hätten sich für ste erklärt.

Im Bochumer Schützenhof fanden Ver⸗ sammlungen von zirka 4000 Bergleuten statt, die in größer Ordnung verliefen und in denen sich eine begeisterte Stimmung bemerkbar machte. Auch die Frauen hielten eine große Ver⸗ sammlung ab, in der beschlossen wurde, die Männer vor Streikbruch und vor Alkoholgenuß zu bewahren. Unerschüttert halten die einzelnen Organisationen zusammen.

Unterstützung erhalten die Streikenden von allen Setten. Die Gemeiudevertretung von Stiepel bei Hattingen heschloß, alle streikenden eingesessenen Arbeiter durch Barvorschüsse zu unterstützen und solche Bergleute, die nach dem Streik nicht wieder angenommen werden. bei Wegebauten zu beschäftigen.

Die englischen, schottischen und belgischen Bergarbeiter erklärten ihre Sympathie und stcherten jede nur mögliche Unterstützung zu. Bernstein und Schröder sind daraufmach England gereist, um die dortigen Organtsationen über die Lage aufzuklären. Selbstverständlich tun die deuts hen Gewerkschaften, was in ihren