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Seite 2.
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
Nr. 35.
zur Abhülfe gemacht werden.— Die Thüringer Stadtgemeinden haben ebenfalls wegen der Fleischteuerung beim Bundesrat und dem Reichs⸗ kanzler telegraphisch Beschwerde erhoben.
Die Metzger und Gastwirte regen sich ebenfalls überall und das ist sehr begreiflich, da diese Gewerbetreibendeu mit in erster Linie den Notstand zu spüren bekommen. Bei dieser Gelegenheit kann das Handwerk und der„Mittel⸗ stand“ mal die patentierten Handwerk. und Mittelstandsretter kennen lernen. Ist es nicht einfach zum Lachen, wenn z. B. der Antise⸗ mitrich Laaß, seines Zeichens Gast wirt, in der Frankfurter Stadtberordneten⸗Versamm⸗ lung durch— Vorlegung von Ausschnitten aus agrarischen Blättern zu bestreiten sucht, daß Fleischnot vorhanden sei, wo doch die Preise um mehr als 50 Prozent gestiegen sind, und in Frankfurt selbst etliche 30 Metzger ihre Ge⸗ schäfte geschlossen haben! ü E— ͤòq!pJ——
Politische Rundschau.
Gießen, den 24. August 1905.
Politisches von der Woche.
Die Berichte des Parteivorstandes und der sozialdemokratischen Reichstags⸗Fraktion an den Jenaer Parteitag sind dieser Tage er⸗ schienen. Wie immer giebt der Vorstands bericht ein umfassendes Bild der Entwicklung unserer Partei, bespricht den Ausfall der verschiedenen Wahlen und erörtert die verschiedenen Vor⸗ kommnisse des Parteilebens. Die Reichstags⸗ tätigkeit unserer Fraktion wird eingehend ge⸗ schildert und an den einzelnen Vorlagen Kritik geübt. In den nächsten Nummern werden wir größere Auszüge aus den interessanten Be⸗ richten bringen. b
Für Errichtung der Republik Nor⸗ wegen demonstrierte am Sonntag eine vom sozialdemokratischen Parteivorstand in Christ⸗ tania veranstaltete große Volksversammlung. Die beschlossene Resolutton verlangt, daß über die Frage: Republik oder Königtum durch Volks⸗ abstimmung entschieden, eine konstituierende Ver⸗ sammlung einberufen, die Bernadotte'sche Kandi⸗ datur schnell erledigt und von der Unionsab⸗ wickelung unabhängig abgemacht werde. Die Resolution protestiert gegen jede Verhandlung der Thronfrage mit ausländischen Fürsten und Diplomaten, bevor das Volk gehört ist. Sie be⸗ hauptet das Recht, jeder Ordnung dieser Frage Widerstand zu leisten, falls das Selbstbestim⸗ mungsrecht des Volkes verweigert wird.
Eine„Verfassung“ hat nun Väterchen Nikolaus seinem lieben russischen Volke„ge⸗ schenkt.“ In einem Manifest ist der Entwurf eines Gesetzes über die Wahl eines Parlamentes — Reichs dum a— bekannt gegeben worden. Die einzelnen Bestimmungen des Machwerks zeigen aber, daß das Volk mit dieser Art „Parlament“ unter Umständen noch schlechter daran ist als jetzt. Einzelne Bestimmungen in diesem Projekt sind geradezu lächerliche und sogar die Liberalen erklären das Ganze für eine freche Verhöhnung des Volkes durch die Regierung. Wenn diese Meinung schon von den Liberalen vertreten wird, so läßt sich die Stimmung der Revolutionäre denken.
Die Friedens verhan dlungenzwischen den Russen und Japanern in Portsmouth sind noch nicht zum Abschluß gelangt, doch sprachen die Telegramme der letzten Tage die Hoffnung aus, daß man in Kürze zu einer Einig ung kommen werde. Verschiedene Male soll die Konferenz nahe vor dem Scheitern gestanden haben, doch sei es Roosevelt gelungen, die Fortsetzung der Verhandlungen zu stchern.
Justizaktion gegen den Generalstreik.
Vor der Strafkammer des Breslauer Land⸗ gerichts fand ein Prozeß gegen den Genossen Paul Löbe wegen der Rede des Genossen Bernstein über den politischen Massenstreik statt. Löbe ist deshalb angeklagt, weil die Volkswacht über jene Rede einen Bericht brachte, der nach der Ansicht der Staatsan⸗ waltschaft eine„Aufreizung zu Gewalt⸗
tätigkeiten“ enthalten soll. Genosse Bern⸗ stein, der die Rede gehalten hat, war nicht mit angeklagt, sondern nur als— Belastungszeuge von der Staatsanwaltschaft geladen worden. Als Zeuge vernommen erklärte Bernstein natür⸗ lich mit aller Entschiedenheit, daß er mit seinem Vortrag, der in der Volkswacht dem Sinn nach richtig wiedergegeben sei, ausschließlich einen belehrenden Zweck verfolgte, jede Aufforderung zu Gewalt sei ihm ferngelegen. Der Staats⸗ anwalt beantragt gegen Löb eine Geldstrafe von 400 Mark. Das Gericht sprach den A n⸗ geklagten frei, indem es aussprach, daß keine Aufreizung vorliege, die Tendenz des Artikels gehe vielmehr dahin: Arbeiter, seid ruhig bleibt vernünftig, macht alles in Frieden, wendet keine Gewaltätigkeiten an.
Erinnerung an einen schändlichen Justizakt.
Am 17. August waren 10 Jahre ver⸗ flossen, seitdem das Urteil in dem berüchtigten Essener Meineidsprozeß gefällt wurde. Damals wurden die sechs Bergarbeiter Schröder und Genossen wegen Meineids zu Zuchthaus⸗ strafen von insgesamt 18 ¼ Jahren und fünf⸗ jährigem Ehrverlust verurteilt; ein Urteil, das so ungeheuerlich war, daß selbst die meisten Bourgeoisblätter in ihren damaligen Artikeln kein Blatt vor den Mund nahmen und offen aussprachen, daß das Urteil ein Schlag ins Gesicht der Gerechtigkeit sei. Die„Bergarbeiter⸗ zeitung“ erinnert in ihrer neulichen Nummer daran, daß in den bürgerlichen Druckereien Essens in jener Nacht, in der das Schreckens⸗ urteil gefällt wurde, bereits Extrablätter mit der Freisprechung der Schröder und
Genossen gesetzt waren, so sicher erwarteten alle
Zuhörer ein freisprechendes Erkenntnis. Der eigentliche Urheber des Urteils war— Herr Brust, der„christliche“ Bergarbeiterführer, der von 1884 bis 1904 an der Spitze des christlichen Verbandes stand. Er hetzte die Gendarmen auf die damaligen Führer des freien Verbandes und forderte zur Entfernung der Leute aus „seiner“ Versammlung auf, nachdem sie ihm gründlich die Wahrheit gesagt hatten. Dieser Prozeß sichert dem Helden Brust und seiner ganzen„christlichen“ Gewerkschaftsbewegung die Unsterblichkeit. Die Gendarmen hatten sich durch einen Artikel der„Bergarbeiterzeitung“ beleidigt gefühlt, Schröder und Genossen beschworen aber, daß ste tatsächlich von den Gendarmen miß⸗ handelt worden waren. Darauf erfolgte die Meineidsklage und alle Zeugen vermochten gegen den Schwur der christlichen Gendarmen nicht aufzukommen: Die Angeklagten wurden ver⸗ urteilt. Was die„Christlichen“ mit dem Prozeß erreichen wollten, war klar, in Erfüllung gegangen ist es freilich nicht. Die Mitglieder⸗ zahl des freien Verbandes, die damals wenige Tausend betrug, ist heute auf weit über Hundert⸗ tausend gestiegen, und der sozialdemokratische Verband, der 1895 vernichtet werden sollte, ist heute die stärkste Bergarbeiterorganisation des Kontinents.
Revolution in Rußland.
In den russischen Ostseeprovinzen hat der Bauernkrieg einen bedeutenden Umfang ange⸗ nommen. Man sucht ihn mit dem Belagerungs⸗ zustande zu bekämpfen, der über ganz Ku r⸗ land verhängt ist. Ebenso wurde über ganz Polen der verschärfte Kriegszustand verhängt und es soll gegen alle, die sich gegen„Ruhe und Ordnung“ vergehen, ein kriegsgerichtliches Verfahren eingeleitet werden.— In War⸗ schau, Odessa und anderen Orten protestiert das Volk unter Führung der Sozialdemokraten mittels des allgemeinen Ausstandes gegen die Volksverhöhnung die mit dem Ge⸗ setz betreffend die sogenannte Reichsduma (das Parlament) begangen wird. Viele Fa⸗ briken in Warschau stehen still, der Weichsel⸗ bahnbetrieb ist unterbrochen, auch auf der Bahn⸗ linie Warschau— Wien wurde der Betrieb ein⸗ geschränkt. Unter der Odessaer Arbeiterschaft herrscht wegen des Wahlzensus zur Reichsduma große Unzufriedenheit. Die Arbeiter fordern durch Flugblätter auf, den Kampf solange
fortzusetzen, bis das allgemeine Stimm⸗ 5
recht bewilligt wird.
In Mloziny bei Warschau fand zwischen f
Kosaken und einer 80 Mann starken Gruppe
der terroristischen Kampforganisation ein Zu⸗
sammenstoß statt, bei dem 10 Mann der letzteren getötet wurden. Auch in Warschau selbst kam es am Sonntag zu einem Kampf mit der Polizei, die eine geheime sozialdemokratische Versammlung aufheben wollte. 27 Teilnehmer wurden verhaftet.
Zu einer großen Arbeiter⸗-Demon⸗ stration gegen die Polizei kam es, wie d ie F. Ztg. berichtet, am 17. August in Minsk. Als abends unbewaffnete Arbeiter sich gegen die Hauptstraßen in Bewegung setzten, wurden sie von einer Sotnie Kosaken und einem Regiment Infanterie ohne weiteres angegriffen. Die Arbeiter liefen auseinander, trotzdem hieben und stachen die Kosaken auf die Fliehenden los, wobei viele Unschuldige zum Opfer fielen. Hier⸗ bei wurden mehr als zwanzig Personen
getötet und mehr als hundert verwundet.
In der Stadt ruht jede Arbeit. Das Be⸗ gräbnis der Opfer der Demonstration gestaltete sich zu einer abermaligen großen Kund⸗ gebung gegen die Regierung. Die Särge mit den Leichen wurden, begleitet von einer nach Tausenden zählenden Menge, durch alle Straßen der Stadt getragen. Die Teilnehmer an dem Zuge trugen rote Abzeichen, die Kränze hatten rote Schleifen mit revolutionären Aufschriften. Polizei und Militär wagten diesmal nicht, der Menge entgegenzutreten. seit sechs Wochen Herr Kzudow Gouverneur von Minsk ist, derselbe, der im April dieses Jahres als Gouverneur von Kursk 80 Kinder
im Alter von 10 bis 12 Jahren auf offenem
Platze hatte zu Tode peitschen lassen.
Der Staat— der Ausschuß der besitzenden Klasse.
Daß dieser Ausspruch Bebels nur zu be⸗ rechtigt ist, beweist folgende Meldung: Der königliche Landrat in Freienwalde a. O. ver⸗ öffentlicht im Oberbarnimer Kreisblatt eine Liste von fünf kontraktbrüchigen Landarbeitern mit dem Ersuchen an die Poltzei⸗ und Gemeinde⸗ behörden, geeignete Maßnahmen zur Ermittelung der Leute zu treffen und dem Landratsamt sowie dem Arbeitsamt der Land wirtschafts⸗ kammer Nachricht zu geben. Zugleich fordert die amtliche Stelle die Landwirte auf, jeden Fall von Kontraktbruch dem Arbeitsamte der Landwirtschaftskammer zu melden.— Gerade als ob Sklaven oder Sträflinge entlaufen wären und verfolgt würden!
Der Stabsarzt als Sozialpolitiker.
Einige zur Uebung in Darmstadt einge⸗ zogene Reservisten brachten Gesuche um Be⸗ freiung von der Uebung vor; der Herr Stabs⸗ arzt nahm in einigen Fällen an diesen Gesuchen Anstoß und ermahnte die Gesuchsteller zu opfer⸗ bereiterem Patriotismus. Da fragte er einen: „Wo sind Sie her und was haben Sie für ein Geschäft?“ Antwort:„Von Offenbach und Maurer.“ Gutachten des Herrn Stabsarzt: „Ach was, die Maurer streiken ja das ganze Jahr; Sie können ruhig die Uebung mitmachen!“ Ein anderer ist Offen⸗ bacher Weißbinder; er bekommt dieselbe Sentenz zu hören, doch mit dem Zusatz:„Ich möchte nur wissen, was Ihr mit der ewigen Streikerei habt. Die Meister haben ja doch mehr Geld wie Ihr und werden sich auch deshalb nicht von Euch bestegen lassen!“ So, das also des Herrn Stabsarztes soziale Theorie und Praxis, die wohl wohl in die einfache Formel gefaßt werden
kann:„Mehr Geld, mehr Macht, mehr Recht!“ 1 9
Unsere Landeskonferenz in Alzey wurde am Samstag Abend pünktlich um 8 Uhr vom
Genossen Ulrich als Vorsitzenden des Landeskomitees er⸗
öffnet. Die Konferenz tagte im Saale des städtischen
Saalbaues, dessen Bühne und Wände hübsch dekoriert sind. Auf der Tribüne erblickt man die Büsten von
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Interessant ist, daß
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