Ausgabe 
27.8.1905
 
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Nr. 35.

Gießen, den 27. August 1905.

12. Jahrgang.

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Mitteldeutsche

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Parteigenossen Hessens!

Die Landeskonferenz in Alzey hat beschlossen, in allen Orten des Landes, in denen Säle zur Verfügung stehen,

Protest⸗Versammlungen gegen die Fleischverteuerung

abzuhalten, zu denen das Landes-Komitee Referenten zu stellen verpflichtet ist.

Wir fordern die Genossen des Landes des halb auf, diesem Beschlusse der Landeskonferenz entsprechend mit den Arrangements der Ver sammlungen unverzüglich zu beginnen und, wo es möglich ist, zunächst selbst für Referenten zu sorgen; wo das aber nicht möglich ist, wolle man sich sofort an den Unterzeichneten wenden, damit dieser rechtzeitig für dieselben zu sorgen vermag.

Die von der Landeskonferenz beschlossene Protestresolution gegen die Fleischverteurung ist an das Großh. Staatsministerium abgesandt worden.

Offenbach, 22. August 1905.

Das Landes⸗ Komitee. C. Ulrich. (.... TTP

Lehrreiche Zahlen.

Die Kölnische Volksztg., eines der führenden Zentrumsblätter, hat sich geärgert, weil man dem Zentrum vonnationaler Seite wieder den Vorwurf macht, daß es noch nicht genug für das Heer, Marine und Kolonialpolitik be⸗ bewilligt habe. Das Kölnische Blatt antwortet, indem estrockene, aber lehrreiche Zahlen zusammenstellte. Es hat die Aus⸗ gaben für Heer und Marine seit dem Jahre 1872 und für Kolonien seit 1890 berechnet und kommt dabei zu folgenden Summen:

Reichs heer. Fortlaufenden Ausgaben 13, 983,533,709 Mk. Einmalige Ausgaben 1,593,338,234 Mk. Außerordentliche Ausgaben 89,813,408 Mk.

Gesamtausg. f. d. ber 16,475,685, 351 Mk. oder

16 und eine halbe Milliarde.

Von den 34 Etatsjahren(1872 1905) fällt die erste Hälfte auf die Regierungszeit Wilhelms I., die andere auf die seines Enkels, des jetzigen Kaisers. Der größere Teil dieser Ausgaben, nämlich zehn und ein Viertel Mil- liarde, ist in der zweiten Hälfte gemacht worden, auf die erste entfallennur sechs und ein Viertel Milliarde. Das heißt: in den letzten 17 Jahren sind die Ausgaben für das Reichs- heer 64 Prozent höher gewesen als in den ersten 17 Jahren nach dem Kriege.

Mari ortlaufende Ausgaben

ne. 1.574,329,584 Mk. inmalige Ausgaben 954,814,131 Mk. Außerordentliche Ausgaben 507,735,694 Mk. Gesamtausgaben f. d. Marine 3,036,899, 409 Mt.

oder rund 3 Milliarden. Hiervon sind unter der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. ausgegeben worden zwei und ein Viertel Milliarde- 75 Prozent, während auf die ersten 17 Jahre 25 Prozent entfallen.

Kolonien. Allgemein seit 1890 193,824,079 Mk. Kosten der ostastat. Expedition 271,837,200 Mk. Bewilligungen für den Aufstand in Südwestafrika 194,975,800 Mk.

Gesamtausgaben für Kolonien 660,637,079 Mk. oder zwei Drittel Milliarde. Insgesamt also Ausgaben für Heer, Marine und Kolonien mehr als 20 Milliarden 20,000 Millionen!

Hierzu kommen noch die Ausgaben für Pensionen, die Zinsen der Reichsschuld, die hauptsächlich für Militärzwecke aufge⸗ nommen worden ist, den Eisenbahnbau, soweit er durch die Landesverteidigung geboten war das sind Summen, die sich wiederum auf viele Milliarden belaufen.

Die Kölnische Volkszeitung stellt dann noch fest, daß von der drei und eine halbe Milliarde betragenden Reichs schuld ein und eine halbe Milliarde für die Zwecke des Reichsheeres, 572 Millionen für die Marine, 248 Millionen für die ostasiatische Expedition ver⸗ wendet wurde. Da der Schiffswert unserer Flotte 700 Millionen betrage, so sei unsere ganze deutsche Flotte auf Pump ge⸗ baut. Das Blatt schließt:Mehr wollen wir vorläufig nicht sagen, sondern die Zahlen für sich selbst sprechen lassen. Sie werden ihren Eindruck hoffentlich überall machen.

Das hoffen auch wir. Nur bezweifeln wir, daß sie ihren Eindruck da machen, wo die Verantwortlichkeit für diese Ausgaben zu suchen ist. Bei der Mehrheit des Reichstages, den Konservativen, Antisemiten, Nationalliberalen und namentlich beim Zentrum, das sich seit den letzten Jahren so bewilligungslustig gezeigt hat, steht fest, daß die Regterung der Annahme

einer jeden Militär- und Flottenforderung sicher ist. Die Folge der warnenden Zahlen, die die

Kölnische Volkszeitung veröffentlicht, wird die sein, daß das Zentrum die nächste Flottenvor lage, die nicht lange auf sich warten läßt, bewilligt, wie es vor einigen Monaten die Militärvorlage bewilligt hat. g

Das wird so lange fortgehen, bis die Wähler des schnöden Spiels überdrüssig werden und die bewilligungslustigen Herren, dieanständigen undgutgesinnten Politiker judenfresserischer, zentrümlicker oder nationalliberaler Couleur zum Teufel jagen.

e Fleischnot.

Ueberall in Deutschland empfindet man, wie die Fleischnot immer unerträglicher sich gestaltet, in zahlreichen Volksversammlungen wird auf Beseitigung des traurigen Zustandes gedrungen und die Stadtverwaltungen vieler Städte erwägen Maßregeln, den Notstand zu mildern. Viel wird von den Städten kaum getan werden können, wenigstens nicht direkt, sie können höch stens die Regierung durch Darstellung der Verhältnisse zur Oeffnung der Grenzen für Vleh⸗Einfuhr veranlassen.

Gegenüber dem immer fühlbarer zu tage tretenden Notstande kann die Regierung nicht taub bleiben und sieht sich trotz der Wurschtig keit, die Landwirtschaftsminister Podbielski

bet Behandlung der Frage zeigte, genötigt, etwas zu tun. Man willErhebungen ver- anstalten; aber anstatt bei Stadtverwaltungen, Schlachthöfen, Metzgern und Arbeitervertretungen Auskunft zu holen, beauftragt man die Polizei, die in 24 Stunden darüber berichten soll. Da wird was Gescheites herauskommen!

Von agrarischer Seite wird natürlich das Vorhandensein einer Fleischnot bestritten, trotzdem die Fleischpreise eine für die Arbeiter⸗ schaft unerschwingliche Höhe erreicht haben, sogar die Preise für Pferde fleisch erheblich gesttegen sind und zahlreiche Metzgergeschäfte bereits zu grunde gingen! Die Presse der Brot- und Fleischwucherer scheut auch nicht vor groben Lügen zurück. So brachte das Organ des dicken Oertel, dieDeutsche Tagesztg. folgende Notiz:Fleischnötliches. Schivelbein, 11. Aug. Zur Fleischnot in Ober⸗ schlesien teile ich Ihnen mit, daß ein Fett⸗ viehhändler in Schivelbein in Pommern sich nach Zabrze in Oberschlesien an den Ober⸗ meister gewandt habe, um dorthin Fettschweine zu liefern. Ihm wurde aber der Bescheid, daß dort keine Schweinenot set; wenn er trotzdem liefern wolle, solle er liefern; man könne ihm aber nur 48 Mk. pro Zentner zahlen.

Auf eine Anfrage bei dem Obermeister der Fleischerinnung in Zabrze, Anton Goczolla antwortet dieser:Auf Ihre heutige Anfrage muß ich ihnen mitteilen, daß ich weder eine Anfrage bekommen, noch eine Antwort in der Sache geschrieben habe. Die Sache beruht auf Un wahrheit. Hochachtend Anton Goczolla, Obermeister.

Mit solchen Schwindeleien will man offenbare und für jeden erkennbare Tatsachen aus der Welt schaffen!

Noch ein anderes Beispiel dieser Art! In seiner bekannten Schweinerede hatte Pod, der preußische Landwirtschaftsminister und Junker- knecht, auch die kühne Behauptung aufgestellt, daß England kein lebendes Vieh ins Land lasse.

Nun steht aber fest, und der edle Pod, wenn er kein Analphabet ist, muß es wissen, daß allein im Jahre 1904 520000 Stück nordameri⸗ kanische Rinder und einige Hunderttausend Schafe in lebendem Zustande nach England eingeführt wurden.

Da man von Ministern nicht sagen darf, daß sie frech lügen, weil sonst der Staatsanwalt nervöse Zustände bekommt, set festgestellt, daß die Deutsche Tageszeitung frech gelogen und der biedere Pod sich nurgeirrtumt hat.

In Frankfurt fanden am Dienstag vier große überfüllte Volksversammlungen statt, in denen gegen die Politik der Lebensmittelver⸗ teuerung protestiert und Abhülfe des Notstandes von Regierung und Behörden gefordert wurde. Auch in Leipzig, Berlin, Stuttgart, Dresden und anderen Städten nahmen große Versamm lungen gegen den Fleischwucher Stellung. Von den Verwaltungen vieler Städte wurde ebenfalls die Freigabe der Vieh⸗Einfuhr aus dem Aus⸗ lande gefordert. Diesbezügliche Beschlüsse wurden gefaßt in Stuttgart, München, Aachen, Darm⸗ stadt, Frankfurt, Düsseldorf, Zwickau und vielen andern Städten. Die oberschlesischen Bürger⸗ meister haben ebenfalls eine Petition an den Reichskanzler gerichtet, in welcher Vorschläge