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Mitteldeutsche Sountags⸗geitung.
5 Von Nah und Fern. Der verächtliche Blick.
Weil er in der Sitzung den Richter, Amts⸗ gerichtsrat D., mit Verachtung angeblickt habe, wurde ein Darmstädter Anwalt dieser Tage in eine Ungebührstrafe von 30 Mark ge⸗ nommen. Gegen diesen, eine eigenartige Unge⸗ bühr deklarterenden Beschluß ist beim Oberlandes⸗ de Beschwerde erhoben worden. Veelleicht äßt das Oberlandesgericht den betreffenden Anwalt„Probe“ blicken.
Aus dem Muckertale.
Aus Barmen erzählt die Frkftr. Ztg.: „Großes Mißfallen hat bei der hiestgen ortho⸗ doxen evangelischen Geistlichkeit die Tatsache hervorgerufen, daß auf Veranlassung der Schul⸗ behörde kürzlich im hiestgen Stadttheater eigens für die Schüler der oberen Klassen unserer Volksschulen Schillers„Tel!“ aufgeführt und daß den Schülern der Besuch dieser Vorstellung empfohlen wurde. Das von drei hiestgen Pastoren redigierte Barmer Sonntagsblatt ist entrüstet. Es hält ein solches Unternehmen für „überaus bedenklich“.„Unsere Schulen“, schreibt es,„haben mit so vielen Dingen beladen werden müssen(als Turnen, Schwimmen, Brausebad, Kochschule, Blumenpflege), daß manche Lehrer darunter seufzen. Man sollte ste nicht noch mit neuen, bisher unbekannten Aufgaben belasten. Aber immerhin müssen wir auf den schweren Schaden hinweisen, den man den Kindern zufügt... Wird nicht die Genußsucht der Kinder noch künstlich durch solche Unternehmungen gesteigert? Wir hoffen bestimmt, dies war der erste und letzte Versuch dieser Art.“
Schillers Aufsatz„Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“ scheinen diese Herren niemals gelesen oder nicht begriffen zu haben. Nach ihrer Meinung haben offenbar unsere großen Dichter all ihre Schaffenskraft — oft genug unter Hintansetzung von Gesund⸗ heit und Leben!— nur deshalb aufgewandt, um das besser begüterte Publikum ein paar Stunden zu amüsteren. Ihre die„Genuß⸗ sucht fördernden“ Werke auch dem„Volk“ vor⸗ zusetzen, ist, wie es scheint, ein pädagogisches Verbrechen. Ueber den Unterschied von Theater⸗ und Wirtshausbesuch haben sich diese Bar⸗ menser Seelenhirten jedenfalls noch nie Ge⸗ danken gemacht. Wie viel Gedanken müßte man auch dazu haben! Und bei so niedriger Einschätzung der edelsten Früchte menschlichen
Geisteslebens wundern sich hernach diese Mucker
über das stetige rapide Sinken ihres Einflusses
und entrüsten sich auf 3 Moralischste über die
Witze des„Simplizissimus“.
Grausiger Tod.
Von einer flüssigen Stahlmasse im Gewichte von 800 Zentnern wurden, nach einer Meldung aus New⸗Nork, zwei Arbeiter in einer Gußgrube der Midvale⸗Gesellschaft über⸗ rascht. Sie wurden im Augenblick durch die ungeheure Weißglühhitze in Gas und Asche ver⸗ wandelt. Auch nicht einmal ein Knopf von ihren Anzügen wurde gefunden.
Die Mutter als Erzieherin.
Lerne Widerspruch ertragen. Das ist ein schöner Rat, wirst du denken. Den Widerspruch des Kindes soll ich ertragen? Sei ohne Sorge, ich will nicht, daß dein Kind trotzig und eigensinnig ist und daß es jeder Anordnung der Mutter oder des Vaters und jeder Belehr⸗ ung ein unkindliches Besserwissen entgegenstellt und mit naseweisen Worten den Eltern über den Mund fährt. Solche Kinder sind uner⸗ träglich; wenn ihnen diese schlechte Eigenschaft nicht in der Jugend abgewöhnt wird, werden später aus ihnen gedankenlose, vorlaute Schwätzer, Menschen, die uns im Befreiungskampf des Proletariats durchaus keine angenehme Beigabe sind. Aber, proletarische Mutter, es gibt eine andere Art des Widerspruchs bei den Kindern. Dein Kind hört Aeußerungen von dir, die du dir im e d nicht genau überlegt hast; oder du gibst dem Kinde einen Auftrag, von
dem am Tage vorher der Vater gesagt hat,,
daß ihn dieses Kind nicht, sondern der Bruder oder die Schwester erfüllen soll; oder du er⸗ zählst etwas aus den Erinnerungen an deine Schulzeit, während dein Kind die Dinge in der Schule anders und richtiger gelernt hat; oder dein Kind hat Bedenken gegen eine Anordnung, die du triffst; oder dein Kind glaubt einen Auf⸗ trag von dir besser auf seine eigene, von ihm selbst ausgeklügelte Weise ausführen zu können — du wirst dir selbst eine Reihe weiterer Fälle aus deinen Erfahrungen bilden können. In solchen Fällen sollst du— nicht immer, aber gelegentlich— Widerspruch ertragen können. Der Widerspruch ist dann nicht unkindliches Besserwissen, sondern er entspringt den ersten Versuchen des kindlichen Geistes, selbständige Wege zu wandeln; er ist das Zeichen der er⸗ wachenden Kritik, des beginnenden Selbstge⸗ fühls beim Kinde. Er ist auch wohl eine stille Auflehnung gegen die Autorität, ein Versuch kindlichen Protestes gegen die superkluge, vom Kinde oft ehrlich und mit Recht gehaßte All⸗ macht und Ueberlegenheit der Erwachsenen. Da mußt du in jedem Einzelfall vorsichtig prüfen, ob du durch barsche Zurechtweisung, durch schroffe Unterdrückung des kindlichen Wider⸗ spruchs nicht gute Ansätze im Kinde vernichtest. Gute Ansätze! Denn wir Sozialdemokraten wünschen, daß unsere Anhänger„widersprechen“, wo immer ihnen Unrichtigkeit oder Ungerechtigkeit oder Unwahrhaftigkeit gegenübertritt. Wenn wir den„Widerspruchsgeist“ bei unseren Kindern mit Gewalt ausrotten, wenn wir ste an blinden Gehorsam gewöhnen, so werden sie auch im späteren Leben, als Erwachsene, nicht wider⸗ sprechen und keine Opposition machen. Solche rückgratlose Subjekte aber willst du aus deinen Kindern nicht machen. Darum: dulde nicht jeden Widerspruch, sonst wirst du zum Sklaven deines Kindes; aber lerne auch Widerspruch ertragen. ch. sch. in der„Gleichheit“.)
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Glück auf! Der Herrscher aller Reußen sprach: „Nicht Menschen— ich gebrauche Knechte, Ich schmett're nieder Tag für Tag Und schlag entzwei des Volkes Rechte, Ich tron' im Gottes Gnadenglanze Erhaben ob dem niedern Pöbel— Nicht Parlament! Nur Knut' und Lanze Ich hemm' des freien Wortes Hebel“— Es lauscht das Volk dem Sarenschwur— „Soll ew'ge Nacht uns ewig knechten d Auf, laßt auf blut'ger Henker Spur Uns Geißeln der Vergeltung flechten! Und himmelan schlug wild der Groll Viel tausend heiße Herzen glühten.
Der edle Quell der Rache quoll—
Die Flammen der Revolte sprühten
Blutrot im finstern Reußenlande,
An jedem Tag erneutes Hoffen
Su stürzen dieses Reich der Schande
Wenn auch vom Schergenblei getroffen
So mancher Held der Freiheit schied
Von seinen lieben Kampfgenossen,
— Die singen ihm das Sterbelied—
Von Rußlands Sukunft— lichtumflossen— Wenn längst vermodert und vergessen
Die gift'ge Hydra liegt begraben
Wenn man im Schatten der Cypressen
Die Helden preist, die kämpfend starben.—
Wie zitterte ob solcher Fehde
Der morsche Bau der Tyrannei—
Wie drang so manche mut' ge Rede
Aus kühnem Munde frank und frei.
Wie ward so zage die Gewalt
Und wie verblich der Mächt'gen Stern— Als zornerfüllt das Reich durchschallt
Des Volkes Wille uah und fern!
— Kein Parlament? Kein Volkstribund— Ja doch, das Blatt, es wird sich wenden. Der heil'ge Sar wird bald geruhn— Die Staatsverfassung„gnädig“ spenden.
a Ar. 48.
Ick weiß, noch wir envoljʒdke Das Purpurbanner nicest entfaltet. Noch trübt des Mammons sinstre Wolke Den Geist— daß er nicht friedlich waltet.— — Doch ward' ein neue Weg erschlossen Wohl für der Freiheit Siegeslauf; Drum klinge unsren Kampfgenossen Ein herzlich jubelndes„Glück auf!“
f A. Deppe.
Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller.
2(Fortsetzung.)
„Ist ste denn nicht gut?“
„Gut?“ wiederholte Frau Taubermann in einem Tone, aus dem eben so viel Verwun⸗ derung wie Verachtung sprach, und es war auch wirklich unbegreiflich, wie Taubermann eine solche Bemerkung machen konnte. Die Tochter eines kleinen Beamten, die kaum anständig ge⸗ kleidet war und niemals ihre Vaterstadt ver⸗ lassen hatte, als Erzieherin ihrer Kinder, an⸗ statt einer ächten Schweizerin, die nur fran⸗ zösisch verstand und an deren Kleidung man sofort sehen konnte, daß ste eine Fremde sei. Denn Frau Taubermann, die von Länder⸗ und Völkerkunde nicht viel wußte, stellte sich eine Schweizerin genau so vor, wie ste dieselben auf Bildern abgebildet gesehen hatte und es machte ihr sogar Mühe, sich die Milcheimer dabei wegzudenken. Wenn ste nun auch an⸗ nahm, daß ihre Gouvernante nicht ganz so ausgesehen hätte, so hatte ste sich dieselbe doch anders als diese Malvine Werner vorgestellt, welcher nun, in Folge des Drängens ihres Mannes, die Erziehung ihrer Kinder anver⸗ traut werden sollte. Und nun wagte er noch zu fragen, ob sie nicht gut sei, als ob man mit Malvine überhaupt Staat machen könnte!
Als Frau Taubermann diese letzte Be⸗ merkung laut werden ließ, antwortete der Krämer, daß dies auch nicht nötig sei, denn eine Gouvernante sei zur Erziehung der Kinder da, und nicht um damit zu glänzen, aber daß er trotzdem sehr wohl begreife, daß seine Frau eine andere verlange, da ste immer und mit allem glänzen wolle. Darauf gab Frau Tauber⸗ mann ihre Meinung dahin ab, daß sie es müde sei, auf diese Weise ihre Tage zu verbringen. Taubermann müsse doch begreifen, daß seine Töchter jedes Jahr älter würden und daß er Geld genug habe, um denselben eine Erziehung u geben, wie es sich gehöre. Oder wollte er fie vielleicht zu Ladenjungfern erztehen? Darauf folgte eine ununterbrochene Reihe von unzu⸗ sammenhängenden Aeußerungen, die mit Vor⸗ würfen und Drohungen abwechselten und sämtlich in der Behauptung gipfelten, daß Taubermann nichts für seine Frau und seine Kinder tun wolle und daß ste nicht länger in der Krambude bleiben wolle.
Der Krämer begnügte sich damit, die Achseln zu zucken und zogen Taschenbuch hervor, in welches er einige Aufträge notierte.
„Ste auf fünf Jahre anzunehmen!“ fuhr Frau Taubermann fort, indem ste auf die Ur⸗ sache ihres Verdrusses zurückkam.„Auf neun Jahre! Wie kamst du nur darauf?“
„Ich danke herzlich dafür, jedes Jahr eine andere ins Haus zu bekommen und ich habe meine Prinzeßchen viel zu lieb, um ihnen jeden Augenblick eine neue Erzieherin zu geben.“
Prinzeßchen war der Lieblingsausdruck, mit welchem Taubermann seine vier Töchter be⸗ zeichnete und obgleich seine Gattin verstcherte, daß sie keine anständige Erziehung erhielten, entsprachen sie in ihrer Toilette und Lebens⸗ weise wirklich einigermaßen diesem Titel.
„Prinzeßchen!“ wiederholte seine Fran;„du solltest diesen Spottnamen für dich behalten, oder hast du ihnen vielleicht darum eine so vor⸗ nehme Gouvernante gegeben?“
„Nun, Fräulein Werner ist ein sehr an⸗ ständiges Mädchen. Ihr Vater ist Beamter und— die Leute haben es nötig.“
„Richtig, und um ein Almosen zu geben, opferst du die Erziehung unserer Kinder auf! Darum hast du ihr auch ein so hohes Salair zugestanden.“ s
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