Ausgabe 
26.11.1905
 
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Nr. 48.

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Mitteldentsche Sountags⸗Zemung.

Seite 7.

Ich gebe ihr, was ihr zukommt. Wer gute Arbeit haben will, muß gut bezahlen. Du wirst doch nicht wollen daß unsere Gouvernante weniger erhält: als eine andere?

Dies war ein Einwand, auf welchen Frau Taubermann nichts zu erwidern wußte; ste schwieg denn auch und ihr Mann schwieg gleich⸗ falls und man hörte nur das eintönige Ge⸗ räusch des Mörsers, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Tätigkeit blieb.

Dies Geräusch paßte nicht besonders zu dem Gemache, in welches wir unsere Leser geleitet haben. Dort herrschte ein Reichtum und eine Pracht, welche, wenn auch nicht für den Ge⸗ schmack und Kunstsinn, doch sicher für das Ver⸗ mögen des Eigentümers Zeugnis gaben. Es war wirklich schade, daß das einzige Fenster des Gemaches auf einen engen Hof ging, und überdies mit einer schweren Damastgardine der⸗ art verhüllt war, daß man sich nur mit einiger Schwierigkeit ein Urteil über die Kabinetsstücke bilden konnte, welche die Wände schmückten und um die mancher Liebhaber den Besitzer be⸗ neidete. Auch die vielen Gegenstände, welche auf dem Kaminsims und auf der Etagere prunkten, verloren in der Dämmerung viel, und der Glasschrank mit seinen Silberschätzen und der reich verzierte Bücherschrank mit den Reihen von Prachtbänden, und die Sopha⸗ und Fußkissen, der Kronleuchter und die Pendule und was ferner zur Zierde des Gemaches an⸗ gebracht war, kam nur halb zur Geltung. Für einige Salons mag das Clair obscur eine er⸗ wünschte Beleuchtung sein, im Zimmer des Herrn Taubermann brauchte es wirklich nicht zu Hilfe gerufen werden, um den Eindruck zu erhöhen. Das Licht schadet nichts, aber die eintönige Erschütterung, welche durch den Mörser hervorgerufen wurde, ließ den ganzen Tag über die Porzellanvasen zittern und die Glaͤser klirren und das war ein sehr unhar⸗ monisches Geräusch. Es war als wollte der Mörser unaufhörlich den Luxusgegenständen zurufen, daß er ste alle herbeigeschafft habe. Eine Mahnung, für welche das chinesische Por⸗ zellan und die Verzierungen eben so taub waren, wie Frau Taubermann und ihre vier Prin⸗ zeßchen, die nichts sehnlicher wünschten, als weit, weit von dem häßlichen Kolonialwaren⸗ laden entfernt zu sein.

Aber wie wir bereits sagten, davon wollte Taubermann nichts wissen, und wie oft seine Frau auch bei allerlei Gelegenheiten und unter allerlei Vorwänden diesen Gegenstand berührte, er gab auch nicht das geringste Zeichen von Nachgiebigkeit, nur hatte er sich in sofern ge⸗ ändert, als er sich nicht mehr über diese ewigen Mahnungen ärgerte, sondern alles, was seine Frau sagle, unbeantwortet ließ und ruhig seinen alten Gang ging, eben so unbeirrt, wie der

Mörser, der trotz des Zitterns und Klirrens

seine eintönige Arbeit fortsetzte. Es war selbst⸗ berständlich, daß diese fortwährende Verschieden⸗ heit der Anstchten das Glück der Ehe nicht förderte. Beide Gatten entbehren jene höhere Geistesbildung, die uns im Leben so unendlich viel mehr erkennen läßt, als das Befolgen von Gewohnheiten, das Erfüllen von Pflichken und den Genuß von Zerstreuungen. Kirchenbesuch war ihre Religion. Ihr Kunstsinn fand das schön, was teuer, war; Lebensgenuß bestand darin, sich von anderen bewundern zu lassen. Als Pflicht betrachtete Taubermann fast aus⸗ schließlich die Sorge für sein Geschäft, und seine Gattin sah die Sorge für den Haushalt und die Dienstboten, besonders in materieller Be⸗ . für die ihrige an. Nur die Erziehung chrer Kinder leiteten sie gemeinschaftlich, aber in dieser Beziehung liefen ihre Ansichten so vollständig auseinander, daß gerade dies einzige, as eine Annäherung hätte bewirken können, se noch mehr von einander entfernte. Die An⸗ ad mit der Gouvernante warf neuen sfrandstoff in das Feuer. Frau Taubermann verlangte eine Schweizerin, ihr Gatte wider⸗ setzte sich ihr mit aller Macht, weil er keine Menschen haben wollte, die er nicht verstand, eine Schwierigkeit, welche auch wohl für die

rau des Hauses galt, aber. ste weniger

ewicht zu legen schten. Sein Wille hatte ge⸗

siegt. Malvine Werner war als Gouvernante angenommen worden und die Spannung, die schon seit einigen Tagen zwischen Mann und Frau bestanden hatte, endigte mit einem voll⸗ kommenen Friedensbruch, zu welchem die Scene, die wir so eben schilderten, die Einleitung bildete. Die Ruhe, die auf den Streit folgte, war der Anfang eines gegenseitigen Stillschweigens, welches eine Hausgenossenschaft schwerer drückt und traurigere Folgen hat, als ein wenn auch noch so heftiger Ausbruch, der doch immer eine Versöhnung zur Folge hat.

Hätte Malvine Werner dies vermutet, so würde ste sicher von ihrer neuen Stellung noch weniger eingenommen gewesen sein, denn sie fühlte sich überdies schon nicht besonders glück⸗ lich damit, und als ste sich durch die lebhaftesten Straßen der Residenz nach jenem stilleren Teil verfügte, wo eigentlich die Geschäftswelt die Quelle ihres Bestehens findet, fühlte sie sich recht niedergedrückt.

Wenn ein Fremder fragen würde, wo die Lebensadern der Restdenz zu suchen find, würde man nicht besser antworten können, als indem man ihn nach jenem Teile der Stadt führte, wo jene Labyrinthe von Ministerien und Staats⸗ gebäuden sich befinden, in welchem Jahr für Jahr und Tag für Tag ein Heerlager von Beamten das Danaidenfaß der Staatsange⸗ legenheiten füllt. Der einfache Bürger auf dem

Lande, der ein oder zweimal in seinem Leben,

etwas mit dem Staate zu verhandeln gehabt hat, bildet sich nicht wenig darauf ein. Aber wäre es ihm einmal vergönnt, einen Blick in alle diese Bureaux mit ihren vielen Aktenfächern zu werfen, so würde er bald bemerken, daß sein unbedeutendes persönliches Anliegen, so wichtig es für ihn selbst auch war, in diesem Chaos von Akten als ein Stäubchen auf der Wage erscheint. Wenn diejenigen, für welche das Auftreten als Zeuge ein Ereignis in ihrer Lebensgeschichte ist, oder welche mit Aufregung irgend welche Verfügung von Staatswegen er⸗ warten und die königliche Unterschrift wie ein Heiligtum betrachten wenn ste wüßten, wie viele Zeugen täglich verhört, und wie viele Contrakte, Berichte und Austellungen fort⸗ während vorübereilen, sie würden ihreJIllustonen wohl verlieren! (Fortsetzung folgt.)

Allerlei.

Hautpflege.

Die Haut ist das dritte der drei Reinigungs- organe des Körpers. Aber sie ist nicht nur Reinigungsorgan, sondern mehr noch als das. Sie hat viererlet Aufgaben: Wasserausscheidung, Schutz, Empfindungsvermittlung und Wärme⸗ regulierung.

Es fragt sich nun: was können wir tun, um unsere Haut möglichst leistungsfähig für ihre vier Aufgaben zu erhalten?

Unserer Haut gegenüber haben wir drei Hauptaufgaben:

1. für eine reichliche Blutzufuhr zu sorgen;

2. für eine geübte Hautgefäßmuskulatur zu sorgen;

3. für Reinlichkeit zu sorgen.

Diesen Aufgaben genügen wir durch Arbeit, Luft und Wasser.

Die Arbeit erhöht die Körperwärme, und die erhöhte Körperwärme treibt das Blut nach der Haut. Wir kennen alle das wohlige Gefühl, welches uns überströmt, wenn die Haut nach einem raschen Spaziergang oder einer längerer Tour oder einer anstrengenden Muskelarbeit sich mit Blut füllt. Die Blutfüllung unterhält

die Schweißbildung und erleichtert also das

Geschäft der Wasserausscheidung für die Haut.

Die Luft, welche bald warm und bald kalt auf die Haut trifft, veranlaßt eine öftere Ver⸗ engung und Erweiterung der Blutgefäße und erhält dadurch die Gefäßmuskulatur in Uebung. Ebenso wirkt das Waschen bald mit warmem, bald mit kaltem Wasser, und das Abreiben nach dem Bad führt wieder eine Blutfüllung der Haut mit der bekannten ace Em⸗ pfindung des Warmüberströmtseins herhet. In anderen Worten, ein tägliches Abwaschen des

Körpers, ein täglicher Spaziergang bei jedem

Wetter nebst anderen Muskelübungen und offene

Fenster bilden zusammen die beste Hautpflege. Dr. Adams⸗Lehmann,

Die Gesundheit im Haus. Stuttgart.

Splitter.

Unerläßliche Forderung. Es ist nicht ein bloßer frommer Wunsch für die Menschheit, sondern es ist unerläßliche Forderung ihres Rechts und ihrer Be⸗ stimmung, daß sie so leicht, so frei, so gebietend über die Natur, so echt menschlich auf der Erde lebe, als es die Natur nur immer ver⸗ stattet. Der Mensch soll arbeiten, aber nicht wie ein Lasttier, das unter seiner Bürde in den Schlaf sinkt und nach der notdürftigen Erholung der erschöpften Kraft zum Tragen derselben Bürde wieder aufgestört wird. Er soll angstlos, mit Lust und mit Freudig⸗ keit arbeiten und Zeit übrig behalten, seinen Geist und sein Auge zun Himmel zu erheben, zu dessen Anblick er gebildet ist. Er soll nicht gerade mit seinem Lasttter essen, sondern seine Speise soll von dessen Futter, seine Wohnung von dessen Stalle sich ebenso unterscheiden, wie sein Körperbau von jenes Körperbau unterschieden ist. Das ist sein Recht, darum, well er nun einmal Mensch ist.

Humoristisches

Zoologische Glossen.

Der Hirsch ist das unentbehrlichste aller Geschöpfe, Womit sollten die Fürsten ihre Zut totschlagen wenn nicht mit Hirschjagden?

Der Löwe ist derKönig der Tiere, aber seine Zivilliste muß er sich alle Tage höchsteigenhändig verdienen.

Was nützt der Gans dergroße Schnabel? Wenn sie gerupft werden soll, läßt man sie einfach schreien und rupft sie doch?(Südd. Postillon.)

Eine gute Frau.Daß Sie ihren Gatten die Kohlen aus dem Feuer holen lassen, ist aber nicht recht von Ihnen.O, das tut er recht gerne. weil er dabet eine halbe Zigarre rauchen darf!

Schwer geladen. Nachtwächter:Aber Herr Staatsanwalt, was machen Sie da? Staats⸗ anwalt: Ich hup halte schon seit einer Viertel stunde erfolglose Haus suchung abl

Frommer Wunsch.Fünfzig Mark hat's mich gekostet, daß ich den Großbauer einen Lumpen geheiß en l So viel Geld möcht' ich haben, daß ich ihm jeden Tag sagen könnt', was ich mir von ih m denk'!

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Literarisches.

Die wahre Gestalt des Christentums von Yves Guyot und Sigismond Lacroix, übersetzt von August Bebel, ist soeben mit einem neuen Vorwort des Uebersetzers von der Buchhandlung Vorwärts wieder herausgegeben. Die Uebersetzung ist eine Gefängnisarbeit Bebels, die vor mehr als dreißig Jahren zum ersten Male erschienen ist. Der Zweck der Schrift ist, die Vorurteile und Irrtümer, die über das eigentliche Wesen und die wirklichen Prinzipien des Christentums bestehen, gründlich zu zerstören und es in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Aber auch jetzt noch ist die Schrift zeitgemäß, Erscheint doch noch heut, wie Bebel im Vorwort zur neuen Auflage hervorhebt, den herrschenden Klassen neben den Kanonen der Könige die Kirche als die all ein noch ernsthaft in Betracht kommende Macht, welche die bürger⸗ liche Gesellschaft vor der sozialistischen Sintflut retten kaun. So verdient die Schrift auch in der Jetztzeit weiteste Verbreltung. Einzelne Ausführungen, welche dem Standpunkt der Sozialdemokratie nicht entsprechen, hat Bebel in seiner Broschsre; Glossen zu Yoes Guyot und Sigismond Lacroixdie wahre Gestalt des Christen⸗ tums(Buchhandlung Burwärts 30 Pfg.) kritisch be⸗ handelt. Der Prels für dle Broschüre beträgt 50 Pfg.: sie ist in allen Parteibuchhandlungen erhältlich.

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