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Nr. 48.
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Mitteldeutsche SonntagsZeitung.
Seite 5.
sich Menschen in hellen Haufen herzudrängen und als Kämpfer gegen die Hottentotten und Hereros melden würden! Wir ver⸗ übeln das den Leuten nicht; man lasse dann aber auch das(sehr leichte!) patriotische Phrasendreschen! Wie es sich in Wirk⸗ lichkeit mit dem patriotischen Opfermute ver⸗ halt, dafür lieferte neulich unser Saalfelder Parteiblatt einen kleinen Beitrag. Es berichtete unter der Ueberschrift:„Ein patriotisches Idyll“ folgendes:
„Hält da am Sonntag bei dem„Zweckessen“ in Rudolstadt Professor Haushalter eine Pauke, in der er für die ganzen Hel denmannen der Bürgererholung (hauptsächlich Helden im Essen und Kriechen) schwört, daß sie in Krieg und Frieden„alle Zeit furchtlos und treu“ zu dem gegenwärtigen Herrscher stehen wollen, daß man sich vor der ganzen Welt nicht fürchte, und wenn Deutschland ganz allein stände usw. Am Montag früh fand nun für die Reservisten die übliche Herbstkontrolle statt. Bei derselben erschienen auch Söhne und Ange⸗ hörige obengenannter Helden. Es wird aufgefordert, daß fich Freiwillige nach Afrika melden; man hofft,„daß noch Leute mit Ehrge fühl vorhanden sind, die das Vaterland gegen die verruchten Hottentotten nicht im Stiche lassen.“ Warum der Feldwebel selber noch mit seinem Ehrgefühl herumlöuft und sich nicht zur Jagd nach dort gemeldet hat, wird nicht verraten. Der Erfolg der Aufforderung ist verblüffend. Die stolzen Heldenbrüste der Krieger⸗ ve reinler knicken ein, die Bürgererholungsmänner würgen den Katzenjammer herunter und bleiben stehen. Kein Mensch rührt sich. Ein Zeichen, daß auch die größten Maulhelden und Biervertilger allmählich an der„Vernunft“ kranken. Durch eisiges Schweigen wird die Kolonialkriegerei einstimmig abgelehnt.“
Ja, ja, so gehts hundertfach. Die Soztal⸗ demokraten sind bereit— das haben unsere Genossen im Reichstage oft genug erklärt— das Vaterland gegen Angriffe auswärtiger Feinde zu verteidigen, und vielleicht eher wie viele andere, die immer mit ihrer Vaterlands⸗ liebe prahlen; aber die armen Neger abzu⸗ schlachten, die doch auch ihre Heimat gegen die fremden Eindringlinge verteidigen, das finden ste eben nicht patriotisch.
Aus dem Rreise Alsfesd⸗Cauterbach.
b. Folgen der Brotverteuerung. Eine Ver⸗ sammlung, die am Samstag Abend im„Stadtpark“ in Alsfeld stattfand, erörtete die Frage:„Wie vorsorgen wir uns mit gutem und billigem Brot?“ Fabrikarbeiter Steuernagel machte hierzu die einleitenden Ausführungen. Es wurde im Laufe der weiteren Besprechung der Frage darauf hingewiesen, daß die sämtlichen Bäcker in Alsfeld auf einmal den Preis für den 5⸗Pfund⸗Laib von 55 auf 60 Pfg. hinaufschrauben wollen. Dagegen müßten sich die Arbeiter energisch wehren, was wohl am besten durch Gründung eines Konsum vereins geschehe. Wenn bei den Hungerslöhnen, die in Alsfeld gezahlt werden, auch noch die notwendigsten Lebensmittel derart im Preise gesteigert und in die Höhe geschraubt würden, so werde die Existenz der Arbeiter auf's schwerste bedroht und man müsse sich zur Notwehr zusammenschließen. Man wählte eine Kommission von sechs Mi taliedern, welche die nötigen Vorarbeiten zur Gründung eines Arbeiterkonsumvereins ausführen soll. Diese beschloß zu dem Zwecke eine öffentliche Versammlung am Samstag oder Sonntag nach dem Stadtpark einzuberufen.— Bäckermeister Karl Enders, der sich erst lebhaft bei seinen Kollegen wegen Erhöhung des Brotpreises bemühte, will jetzt der Sündenbock nicht sein und gibt bekannt, daß er das Brot zum alten Preise abgebe.
Aus dem Nreise Wetzlar.
h. Zur Verbreitung unseres Land⸗ kalenders wollen sich unsere Parteifreunde recht zahlreich bei dem Vertrauensmann Fauth, Mühlgraben⸗ straße 9 2. Stock melden. Je mehr sich zur Ver⸗ fügung stellen, desto besser!
h, Schmerzen eines Apothekers. In der Sitzung der Handelskammer Wetzlar beklagt sich der sogenante Oberbürgermeister von Wetzlar, Herr Apo⸗ thekenbesitzer Hiepe über die geringe Zahl und die schlechte Beschaffenheit⸗ der Wagen erster und zweiter Klasse auf der Strecke Betzdorf— Gießen. Wir empfehlen den Stadtverordneten, einmal eine Revision der Reise⸗ spesen ihres Obers vorzunehmen; es läßt sich viel⸗ leicht ein Salonwagen für diesen Herren beschaffen. Wie sieht's in den Wagen vierter Klasse aus, in denen die Arbeiter zusammengepfercht werden! Da hat jedenfalls Herr Hiepe noch niemals hingeschaut.
h. Der Bergarbeiter⸗Ausstand auf der fürstl. Braunfels'schen Grube„Juno“, von dem wir in letzter Nr. kurz Mitteilung machten, ist wieder bei⸗
gelegt, da die Verwaltung die alten Löhne weiter be⸗ zahlen will. Trotzdem herrscht unter den Bergleuten nicht geringe Er bitterung, weil man, wie auf der Bude⸗ rus'schen Grube„Amanda“ eine neue Arbeitsordnung in Kraft setzte, ohne auf die Abänderungsvorschläge der Arbeiter irgendwelche Rücksicht zu nehmen. Weiter wird verlangt, daß eine Viertelstun de vor und ebenso lange nach der Arbeltszeit sich die Bergleute zum Verlesen einfinden, es wird also die Arbeitszeit um eine halbe Stunde verlängert. Wer nicht wartet, bekommt nichts für seine Leistung. Mißliebige Leute werden gekündigt oder an schlechtere Arbeit gestellt. Es gewinnt den An⸗ schein, als wenn die Arbeiter terroristert werden sollten. Erfreulich ist, daß der Bergarbeiter⸗Verband immer mehr Mitglieder bekommt, erst vor kurzem wurden 100 Neu⸗ aufnahmen vollzogen. Fester Zusammenschluß! Dann können die Arbeiter ungerechtfertigten Zumutungen am wirksamsten begegnen. 5
h. Zum Bahnhofsumbau bewilligten die Stadt⸗ verordneten 50000 Mk. Der Umbau, der eine Kosten⸗ höhe von etwa 4 Millionen erfordert, sieht eine Brücken⸗ überführung des Fracht⸗ und Personenverkehrs über die Gleisanlage des Bahnhofs vor, vom Hotel Kaltwasser nach dem Portlandzementwerk Wetzlar führend. Der Personenverkehr soll durch einen Personentunnel bewäl⸗ tigt werden. Der Kreis steuert zu dem Umbau 20000 Mk. bei.
h. Ein Hausein sturz wäre dieser Tage beinahe erfolgt. Es handelte sich um eine alte Baracke, die der Mühlenbesitzer Amend erworben hatte und um⸗ bauen ließ. Man riß den Unterbau heraus und jeden⸗ falls war die Absprießung nicht hinreichend, so daß das Gebäude ins Wanken kam. Glücklicherweise geschah kein größeres Unglück, was aber sehr leicht hätte eintreten können. Diese Art des Umbaues sollte überhaupt nur erlaubt werden, wenn für zuverlässige Sicherheits vor⸗ kehrungen gesorgt ist.
Krofdorf. Von einem frühen Tode wurde unser Genosse Wilhem Leib ereilt. Im Alter von erst 28 Jahren erlag er am Donnerstag nachmittag einem Schlaganfalle. Er gehörte der Pflaster⸗ organisation an und war zugleich Mitglied des sozial⸗ demokrat ischen Wahlvereins und des Arbeitergesangver⸗ eins. Unsere Krofdorser Genossen werden ihn in gutem Andenken behalten.
Westerwald und Anterlahn.
b. Dillenburg. Unsere Nationalmiserablen sind wunderliche Leute, zum größten Teil wissen sie selbst nicht was sie wollen. Nach dem Amtsblatt hiel⸗ ten sie am Samstag in Haiger ihre Generalversamm⸗ lung ab, in welcher komisches Zeug zutage gefördert wurde. Man kann daraus ersehen, welche Vogelstrauß⸗ politiker die Herren find. Wörtlich schreibt das Amts⸗ blatt:„Wegen des vorhandenen geringen Kassenbestandes beschließt die Versammlung, dieses Jahr die Mitglieder⸗ beiträge pro 1906 zu erheben, um gegebenenfalls not⸗ wendige Ausgaben bestreiten zu können.“ Also nun auch der finanzielle Bankrott nach dem schon längst eingetretenen politischen. Seminarlehrer Weidner, die Hauptstütze des Nationalliberalismus im Dillkreis, hielt einen Vortrag über die politische Lage. Er klagte, daß die Unzufriedenheit überhand nehme und von Sozlal⸗ demokraten und Christlich⸗Sozialen(ach, du lieber Gott!) geschürt werde. Statt daß sich Weidner aber mit dem Vorwärtskonflikt beschäftigte, hätte er lieber erklären sollen, warum der nationall. Parteisekretär Leis ner auf einmal so stillschweigend kalt gestellt wurde. Natürlich trat er dann für die größere Flotte zum„Schutze des Handels“ ein. Mit solchen Mätzchen sollte er nun schon nicht mehr kommen. Auch Herr Weidner sollte wissen, daß mehr als die Hälfte der deutschen Ausfuhr anf dem Landwege erfolgt. Dem Handel nützt die Flotte nicht einen Pfifferling, sondern nur den Panzerplatten. Fabrikanten. Das arme Volk muß aber bluten.
aus dem Nreise Marburg⸗Nirchhain.
Ein Gewerbegericht giebts in Marburg noch immer nicht, trotzdem die Arbeiter schon wiederholt die Errichtung eines solchen verlangt haben. Daß ein solches unbedingt notwendig wäre, darüber giebts keine Meinungsverschiedenheiten mehr, wenigstens nicht unter den Arbeitern. Nun hat aber Marburg nach neuer⸗ lichen Feststellungen bereits 19 900 Einwohner und es dürfte jedenfalls nicht mehr lange dauern, so sind deren 20 000. Nach§ 2 des Gewerbegerichtsgesetzes mu ß ein Gewerbegericht in allen Gemeinden mit über 20009 Einwohnern errichtet werden und so dürfte wohl nun auch unsere Stadt bald ein solches erhalten. An Arbeit wird's ihm kaum fehlen.
* Zur Stadtverordneten⸗Stichwahll Laut amtlicher Bekanntmachung ist die Stichwahl auf den 5. Dezember, von morgens 10 bis mittags 1 Uhr festgesctzt. Es stehen sich vie Beamtenliste und die der vereinigten Bürger gegenüber. Da die Sozialdemokratie ausschlaggebend ist, bemühen sich beide Parteten im Still en, die Arbeiterstimmen zu erhalten und jede ver⸗
spricht jetzt das Menschenmögliche. Während die jetzigen Stichwahl⸗Kandidaten vor der Hauptwahl nichts von sich hören ließen, versprechen ihre Anhänger jetzt, die in unserem Flugblatt aufgestellten Forderungen unter⸗ stützen zu wollen. Ernst wird's wohl keinem damit sein. Am lebhaftesten agitiert der Beamtenverein für seinen Kandidaten Kronemann. Die Gruppe brachte bei der Ergänzungswahl nicht einen einzigen Kandidaten durch und macht nun Anstrengungen zur Rettung ihrer Ehre. Ob's aber glücken wird, ist fraglich, denn Re⸗ serven dürfen ihr kaum zur Verfügung stehen, Selbst die sogenannte Rathauspartei, die diesmal nicht öffent⸗ lich auftrat, hat ihre Stimmen schon für die Bea mten⸗ liste in die Waagschale geworfen. Daher muß der Be⸗ amtenverein bei den Arbeitern anklopfen. Die Wahl⸗ vereinsversammlung an Samstag wird zeigen, ob er auf Entgegenkommen rechnen kann, doch kann jetzt schon gesagt werden, daß die Mehrzahl der Wahlvereins keine Lust haben, Hurrapatrioten, wie Kronemann in's Stadt⸗ parlament zu schicken. Wenn es dem Beamtenverein Ernst damit war, daß ein Arbeiter⸗Vertreter gewählt werde, wie sich jetzt nach der Wahl einige seiner ein⸗ flußreichen Mitglieder vernehmen ließen, so brauchte er ja nur einen unserer Kandidaten auf seine Liste zu nehmen! Merkwürdig fiel die Abstimmung der Beamten⸗ Kandidaturen überhaupt aus. Obwohl vier Kandidaten aufgestellt worden waren, stimmten alle Beamten wie auf Kommando nur Kornemann und Laubscher. Dieser Umstand muß zu der Vermutung führen, daß kurz vor der Wahl eine dementsprechende Parole ausgegeben worden war, und daß es dem Verein mit seiner voll⸗ ständiger Liste nicht ernst war. Ihr Auserkorener war eben der Postbeamte Kronemann. Dessen Gegenkandidat ist Dr. Maurmann von der Bürgerliste. Dieser ist nicht ein solcher Hurrapatriot und es dürfte ihm der Sieg um so sicherer sein, als er einen nicht unbedeu⸗ tenden Vorsprung und jedenfalls noch Reserve zur Ver⸗ fügung hat. Als Ersatzleute stehen sich Schlossermeister Laubscher von der Beamtenliste und Metz germeister Keppler von der bürgerlichen Liste gegenüber. Wer von den beiden gewählt wird kann uns Arbeitern„schnuppe“ ein, unsere Interessen vertritt keiner.
Partei-Machrichten.
Der Arbeiter⸗Notizkalender 1906 ist im Verlage der Buchhandlung Vorwärts erschienen. Der in Partei⸗ und Gewerkschaftskreisen allgemein beliebte Kalender hat sich als ein nützlicher Ratgeber und als ein unentbehrliches Nachschlagebuch für alle organi⸗ sierten Arbeiter eingebürgert. Der Preis für den Kalender ist 60 Pfg.; er ist in unserer Expedition zu haben. Baldige Bestellungen erwünscht.
Parteigenossen in Gießen!
Diesen Sonntag zahlreich zur Kalender- Verbreitung erscheiuen! Die Parteifreunde auf dem Lande wollen den Verteilern so viel als möglich zur Hand gehen.
Versammlungskalender. Samstag, den 25. November.
Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 19 Uhr Versammlung bei Wirt Kal Rinn. „Zur Wilhelmshöhe.“ Marburg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung im Lokale D. Jesberg. Sonntag, den 26. November Staufenberg. Volks verein. Nachm. ½4 Uhr Versammlung bei Wirt Vogel. Montag, den 27. November. Marburg. Schneider abends ½9 Uhr bei Hill⸗ berger. Samstag, 2. Dezember. Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahlverein Abends 8/ Uhr Mitglieder⸗Versammlung bei Gast⸗ wirt Keutzer.
Empfehlenswerte sozialistische Schriften! Von der Expedition der Mitteld. Sonnt.⸗Zeltung Gießen, Rittergasse 17, sind zu beziehen:
Wahrer Jakob; Süddeutscher Postillon. Witzblätter. Erscheinen alle 14 Tage. Preis 10 Pfg.
Freie Stunden. Beste Romanlitteratur. Illu⸗ striert. Wöchentlich ein Heft à 10 Pfg.
Die Volksschule, wie fie sein soll. Rühle. Preis 30 Pfg.
Die innerpolitischen Zustände des deut⸗ schen Reiches und die Sozialdemokratie. Von Gg. v. Vollmar. Preis 20 Pfg.
Christliche Arbeiterpflichten. Jesuitische Fragen und soztaldemokratische Antworten. Preis 20 Pfg.
Intime Briefe Lassalles an seine Familien Angehörigen. Herausgegeben von Ed. Bernstein. Preis 3 Mk.
Von Otto
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