Ausgabe 
26.11.1905
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung!

Nr. 48.

Wer hat gesiegt? Im rheinhessischen Wahlbezirke Wörrstadt weiß man noch nicht so recht, wer eigentlich als Sieger aus der Wahl hervorgegangen ist. Bisher vertrat der Bündler Wolf⸗Stadecken den Kreis, und die Bündler bezeichnen Wolf als wiedergewählt. Wie aber dieFrkftr. Ztg. als bestimmt fest⸗ gestellt berichtet, hat der Freisinnige Christ zwei Wahlmänner mehr als Wolf, so daß Christ's Wahl gesichert sei. Jedenfalls werden die Bündler das möglichste tun, um ver⸗ schiedene Wahlmänner zum Umfall zu bringen; weshalb die Abgeordneten⸗Wahl immer noch 0 anderes Resultat als das erwartete bringen ann.

In Staufenberg hat der dortige Bürgermeister mehrere Wähler(6 Mann!) zu⸗ rückgewiesen, weil ste nichtgehuldigt hätten. Die Betreffenden sind dazu noch geborene Staufenberger, besitzen die Staatsangehörigkeit durch Abstammung. Ihre Zurückweisung von der Wahl war durchaus ungesetzlich und würde einen Grund zum Wahlprotest bilden. Oder gelten etwa für Staufenberg andere Ge⸗ setze als im übrigen Hessen? Das scheint bet⸗ nahe der Fall zu sein, denn der Ortspolizist schleppte während der ganzen Wahlzeit für die Leun'schen die Wähler zur Urne. Darin liegt eine ganz ungehörige Beeinflussung! Hat der Bürgermeister sonst nichts für den Mann zu tun? Wird letzterer von Leun bezahlt oder von der Gemeinde?

Kriegervereinler⸗Terroris⸗ mus. Als einenhochinteressanten Nachklang zur Landtagswahl ließ sich der Gieß. Anz. aus Langgöns schreiben, daß dem dort für uasere Partei aufgestellten Wahlmann Maurerparlier Schäfer vom Kriegervereinsvor⸗ stande, dem er angehöre, Vorhaltungen gemacht worden seien. Schäfer habedurch Handge⸗ löbnis erklärt, daß er der Sozialdemokratie nicht angehöre und ohne sein Wissen und Willen als Wahlmann aufgestellt worden sei. Was die Kriegervereinler da in die Welt setzen, ist eine grobe Lüge. Schäfer kann gar nicht gesagt haben, daß er ohne sein Wissen ausgestellt worden sei, eine ganze An⸗ zahl Zeugen waren zugegen, als er deshalb be⸗ fragt wurde. Jedenfalls haben ihm die Hurra⸗ patrioten dermaßen zugesetzt, daß er um Ruhe zu haben, leugnete zur Partei zu gehören. Trotzdem er unseres Wissens nicht eingeschriebenes Mitglied ist, hätte er solche Schwäche nicht zeigen sollen. Wir hätten es vielmehr begreiflich gefunden, wenn er diesen Leuten, die ihn in die Gefinnungs⸗Zwangsjacke stecken wollten, gehörig die Meinung gesagt und ihnen womöglich das bekannte Zitat aus Götz von Berlichingen ins Gesicht geschleudert hätte. Jeder denkende Ar⸗ beiter muß sich doch endlich über das volks⸗ und arbetterfeindliche Wesen der Kriegervereine klar sein und dieselben nicht nur selbst meiden, sondern auch alle Bekannten aus ihnen fernzu⸗ halten suchen.

Das edle Gießener Amtsblatt lehnte die Aufnahme einer Berichtigung ab! Es macht sich damit zum Mitschuldigen einer gemeinen Lüge. Es kommt bei ihm allerdings auf einen Schwindel mehr oder weniger nicht an.

Mit großem Jubel wurde das Wie⸗ secker Wahlresultat dort aufgenommen. Und in der Tat, unsere Wiesecker Freunde haben tapfer gearbeitet. Abends formierte sich ein Umzug durch den Ort, zur Feier des Sieges. Hätten unsere Genossen in Steinberg und Großen⸗ buseck in gleicher Weise gearbeitet, so wäre unser vollständige Sieg entschieden gewesen.

Gießener Angelegenheiten.

Gegen die Tabaksteuer⸗Erhöh⸗ ung. Der Verein der Tabaksinteressenten von Gießen und Umgegend hielt am Montag Abend im Kaufmännischen Vereinshause eine Versamm⸗ lung ab, in der man sich mit der drohenden Tabaksteuervorlage beschäftigte. Es wurde ein Agitationskomitee gewählt und beschlossen, eine Eingabe an den Finanzminister Gnauth zu richten und ihn zu bitten, gegen jede Mehrbe⸗ lastung des Tabaks einzutreten, da sonst eine

schwere Schädigung der hiestgen Tabak⸗ und Zigarrenindustrie, sowie des Handels und namentlich der Arbeiterschaft zu erwarten sei. Jetzt, wo eine Schmälerung des Profits droht, erinnern sich die Herren Tabakinteressenten auch der Arbeiterschaft, die sie zum Protest gegen die drohende Belastung der Tabakindustrie auf, fordern. Vor zwei Jahren bei der Reichstags⸗ wahl trat aber auch der GießenerTubaks⸗ freistnn für die Wahl eines national liberalen Zöllners ein! Wir könnten schadenfroh wünschen, daß die Zollwucherpolitik jene Leute ganz gehörig an den Geldbeutel griffe, wenn eben nicht zugleich die Arbeiterschaft da⸗ runter empfindlich leiden müßte. Deshalb und weil wir grundsätzlich gegen die gemeingefähr⸗ liche Zollräuberei sind, protestieren wir eben⸗ falls gegen die Erhöhung der Tabaksteuer.

Kundgebung für Abg. Gut⸗ fleisch. Am Schlusse der Stadtverordneten⸗ Sitzung am Donnerstag nahm der Stadtver⸗ ordnete Eichenauer Veranlassung, dem Abg. Gutfleisch für sein Verhalten und seine Tätig- keit im Landtage Dank und Anerkennung im Namen der Gießener Bürgerschaft auszusprechen. Auf seine Veranlassung erhoben sich die Stadt⸗ verordneten zu Ehren Gutfleisch's von ihren Sitzen. Gutfleisch anwortete, daß ein Abgeord⸗ neter seine Pflicht tun müsse und dafür Dank nicht zu beanspruchen habe. Gewiß könne es ein Abgeordneter nicht allen recht machen. Alle aber die im Ausschuß bei dem Gemeindesteuer⸗ gesetz mitwirkten, hätten sich redlich bemüht, das Beste zu schaffen, jedenfalls habe es ihnen nicht am guten Willen gefehlt. Er begnüge sich, wenn dies von der Bürgerschaft anerkannt werde. Diese Kundgebung war eine Ant⸗ wort an den Wormser Lederbaron und seine Treibereien, sowie die Wormser Stadtverord⸗ neten, die in das Heyl'sche Horn tuteten. Wenn Gutfleisch gegen die Anmaßungen des Wormser Millionärs auftritt, wird er jederzeit auch die Sozialdemokratie auf seiner Seite finden. Die Freisinnigen in ihrer Gesamt⸗ heit zeigen sich allerdings mit jedem Tage weniger fähig, dem wachsenden Einflusse des Großkapitalismus auf politischem Gebiete ent⸗ gegen zu wirken. Interessant war noch zu sehen, wie alle nationalliberalen Stadtväter sich dem ihren Parteifreund Heyl verurteilenden Votum anschlossen.

Gießen ist doch ein Drecknest! Dieses harte Wort sprach nach glaubhaften Be⸗ richten voriges Jahr ein höherer Postbeamter in Darmstadt aus. Damit hatte er allerdings unsern Lokalpatriotismus empfindlich verletzt. Recht hat er aber zweifellos gehabt. Denn der Schmutz in den Straßen unserer Stedt ist selbst bei nur mäßig nassem Wetter schlimmer, wie in jeder anderen Stadt. Die Stadtver⸗ waltung sollte es sich doch angelegen sein lassen, etwas mehr zur Beseitigung dieser Mißstände zu tun. Wir glauben gerne, daß das nicht allzuleicht ist, aber die Zustände sind doch der⸗ art, daß sie nach Abhülfe geradezu schreien!

Bauarbeiterschutz. Diesen Samstag, 25. November finden hier zwei Bauarbeiter⸗Versamm⸗ lungen statt, in der Genosse Kremser⸗Frankfurt über die Mißstände im Baugewerbe und den Bauarbeiter⸗ schutz sprechen wird. Die erste Versammlung beginnt 5 Uhr bei Löb für Bauhilfsarbeiter, Dachdecker, Maurer, Weißbinder und Zimmerer; die zweite 7 Uhr bei Orbig für Glaser, Holzarbeiter, Bauschlosser und Spengler.

st. Die Maler und Weißbinder hielten am Samstag eine allgemeine Versammlung im Wiener Hof ab, die recht gut besucht war. Koll. Zimmermann⸗Frankfurt erörterte die Frage:Sind die Lohnverhältnisse in Gießen mit der fortgesetzten Teuerung der Lebens⸗ bedürfnisse in Einklang zu bringen? Redner führte den Anwesenden in sachlicher Weise vor Augen, wie und wodurch die bestehende Teue⸗ rung der notwendigsten Lebensmittel verursacht sei, daß aber keineswegs der Lohn mit diesen Verhältnissen Schritt halte. Nach der in diesem Jahre aufgestellten Statistik ergebe sich ein Stundenlohn von 34,6 Pfg⸗ also bei 10 stün⸗ diger Arbeitszeit ein Tagelohn von 3,46 Mk. Ein großer Teil der Berufskollegen habe aber ein noch viel geringerer Verdtenst aufzuweisen. Redner wies hierbei auf statistische Arbeiten

eine Familie mindestens 90 Pfg. pro Kopf und Tag für die notwendigste Ernährung ge⸗ brauchen müsse. Das mache im Jahr annähernd 900 Mk. aus. Unsere Kollegen verdienen aber oft viel weniger als diesen Betrag, denn zahl⸗ reiche Weißbinder müssen im Winter feiern. Wovon sollen unter solchen Umständen die übrigen

Die Versammlung stimmte dem Referate zu und man war sich im Uebrigen dahin einig, daß für Stärkung der Organisation gesorgt werden müsse, um bessere Lohn⸗ und Arbeitsbedingungen zu erkämpfen. Die stattgehabte Landtagswahl kam noch zur Sprache und es wurde bemängelt, daß immer noch ein großer Teil der Arbeiter sein Interesse nicht zu wahren suche; den bestehenden Wahlvereinen beizutreten und die Arbeiter- Presse zu lesen müsse jedes Gewerkschaftsmit⸗ glied für seine Pflicht halten.(Das sollten sich auch die übrigen Gewerkschaften zur Notiz nehmen. D. R.)

Die Rezitation von Frau Lina Leidl, die am Mittwoch vom Gewerkschafts⸗ kartell im Saale des Lenz'schen Felsenkellers veranstaltet war, hatte einen zahlreichen Besuch zu verzeichnen. Die in bayrischer Mundart ge⸗ gebenen Vortragsstücke fanden beifällige Auf⸗ nahme. Es sollten nun aber auch einmal aufklärende Vorträge über politisch und wirt⸗ schaftliche Fragen veranstaltet werden, um da⸗ durch unsere Parteigrundsätze weiter zu ver⸗ breiten und zu vertiefen.

Auf die Generalversammlung der Ortskrankenkasse Gießen, die nächsten Mitt⸗ woch abends ½9 Uhr imPostkeller statt⸗ findet, machen wir aufmerksam. Die Tages⸗ ordnung ist aus dem Inserat ersichtlich.

Aus dem Rreise gießen.

Patriotisches. In der am Montag vor acht Tagen in Langgöns von unserer Partei abgehaltenen Landtagswähler⸗Versamm⸗ lung wurde unser Redner an einer Stelle durch lebhafte Protest⸗ undPfui⸗Rufe von Seiten der anwesenden Gegner unterbrochen. Und das ging so zu: Vetters erwähnte im Laufe seiner Ausführungen, welch' ungeheure Summen für die Kolonialpolitik verpulvert würden, die doch im Inlande für notwendige Kulturzwecke viel besser im Interesse des Volkes verwendet werden könnten, 3400 Millionen Mark kostete der Krieg gegen die südafrikanischen Negerstämme bereits und außerdem Tausende von Menschen⸗ leben. Hier wurde ein Zwischenruf gemacht, der etwa lautete:Die gehen freiwillig hin, aus Patriotismus! Vetters entgegnete, der Frei⸗ willigkeit würde hier und da nachgeholfen und aus Patriotismus würden wohl die wenigsten nach Südafrika gehen, meistens hofften ste, sich etwas zu erwerben und mit gefüllten Taschen wieder zu kommen. Darauf großer Lärm bei den Gegnern, die das ganz irrtümlich als Ver⸗ letzung ihrespatriotischen Empfindens an⸗ sahen. Einer fing an zu schreien und nach ihm schrien mehrere. Nachdem sich der Lärm gelegt, erklärte Vetters, er habe doch damit weder den Soldaten in Südafrika, noch sonst jemanden einen Vorwurf gemacht. Es sei damit doch nicht gesagt, daß die Leute dort rauben und plündern wollten, sondern ste könnten doch von der höheren Löhnung sparen, da ste jedenfalls wenig Gelegenheit hätten, davon zu verbrauchen. Beispielsweise würden wohl auch die wenigsten, die freiwillig zum Militär gehen, dies aus Patriotismus tun, sondern weil sie hofften Unteroffiziere zu werden, nach 12 jährigem Dienst die 1000 Mk.⸗Prämie in Empfang zu nehmen und eine Anstellnng zu erhalten. Jeder Un⸗ befangene wird zugeben müssen, daß das, was Vetters ausführte, den Tatsachen entspricht. Wenn es wahr wäre, daß die Leute aus Patrio⸗ tismus nach Afrika zögen, dann müßte es in Deutschland berteufelt wenig Patrioten geben, denn so oft auch die Aufforderungen der Bezirkskommando's ergehen, brachte man bisher nur mit Mühe die erforder⸗ liche Anzahl Afrika⸗Krieger zusammen. Bei den vielen Tausend Kriegervereinlern, die es in Deutschland, gibt, sollte man doch meinen, daß

maßgebender Volks wirtschaftler hin, nach welchem

Kosten für die Lebenshaltung aufgebracht werden?

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