Ausgabe 
26.11.1905
 
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Seite 2.

Mitzeldeutiche Sonntags- Seitung.

Nr. 48.

meister, sowie 5643 Unteroffiziere und Mann⸗ schaften. Damit kommen wir von den ein⸗ maligen Ausgaben, deren Summe oben festge⸗ stellt ist, zu den dauernden, sich jährlich wieder⸗ holenden Ausgaben. Wenn die sechs neuen großen Kreuzer ausgebaut sein werden, so werden sie zu ihrer Bemannung die Summe von 20 Millionen Mark jährlich kosten. Nun brauchen aber auch die anderen nach dem alten Flottengesetz zu bauenden Schiffe mehr Leute, da sie ja vergrößert werden sollen. Die Flotten mannschaft soll demnach im ganzen um 669 Offiztlere und 13159 Mann vermehrt werden!

Diese Vermehrung des Personals soll mit Ausbau der Fotte fortschreiten und im Jahre 1920 vollendet sein. Es steigern sich demnach auch die fortdauernden Ausgaben von Jahr zu Jahr. Diese Steigerung wird von 1906 bis 1910 voraussichtlich mindestens im ganzen 40 Millionen Mark betragen, bis 1915 im ganzen 35 Millionen Mark und bis 1920 im ganzen 120 Millionen Mark.

Es stellt sich also das Ergebnis dieser unserer vorläufigen Berechnung folgermaßen dar: Die neue Flottenvorlage wird an einmaligen Ausgaben 545,77 Millionen Mark an fortdauernden Ausgaben in jährlicher Steigerung erst 8, dann 16, dann 2⁴ und schließlich im Jahre 1920 120 Mil⸗ lionen Mark mehr erfordern, als nach demalten Flottengesetz vorgesehen war! Da dasalte Flottengesetz im ganzen 4352,91 Millionen Mark für einmalige Ausgaben ver⸗ langte, so erhöhen sich die Flottenkosten auf 4898,68 Millionen Mark und, wenn man die unvermeidlichenUeberschreitungen mitrechnet, mindestens auf rund

fünf Milliarden Mark.

Wir lassen für heute diese Zahlen selber sprechen. Die Lehre, die sie predigen, ist eindring⸗ lich genug. Daß sich das arbeitende Volk im Laufe der nächsten Zeit sehr eingehend und mit rücksichtsloser Deutlichkeit über diesen neuesten Plan der Flottentreiber und Kriegsphantasten aussprechen wird, ist selbstverständlich. Ed handelt sich für sie nicht nur um einen Akt der Sel bstverteidigung, sondern auch um die Verteidigung des Weltfriedens!

Politische Rundschau. Gießen, den 23. November 1905.

Zur Fleischnot.

Der deutsche Fleischer⸗Ver band beschoß in der Sitzung seines Gesamtvorstandes in Magdeburg am 15. November einen energischen 3 gegen das Verhalten des Bundes der

andwirte. Ferner ersucht er die Reichs⸗ und Landtagsabgeordneten die Reichsregierung dar⸗ über zu befragen:

1. warum sie trotz des nachgewiesenen teils voll⸗ ständigen Erlöschens von Viehseuchen in Dänemark, Holland und Frankreich und trotz der alles bisher da⸗ gewesene übersteigenden Teuerung von Vieh und Flelsch nicht durch Grenzöffnung Maßnahmen zur Linderung dieser Not trifft,

2. warum der Herr Reichskanzler den wegen dieser abnormen Zustände von ihm am 31. Oktober d. J. in Audienz empfangenen Vertretern des Deutschen Städte⸗ tags Vorschläge zur Aenderung der Fleischversorgung der Städte machen konnte, die nicht nur die Grundlage untergraben, auf der die freie Entfaltung von Handel und Gewerbe stehen, sondern auch statt der notwendigen Verbilligung unzweifelhaft eine weitere Verteuerung der Fleischnahrung zur Folge haben würden.

Schwelgende Agrarier.

Während gegenwärtig bei dei Teuerung aller Lebensmittel die Arbeiterfrauen nicht wissen, wie sie sich mit ihrem kärglichen Wirtschafts⸗

elde einrichten sollen, um wenigstens dem amilienvater, dem Ernährer der Familie ein Heines Stückchen Fleisch auf den Tisch legen zu können, feiert das vom Staate unterstützte und aufgepäppelte Großgrundbesitzertum üppige Feste. In den 1 Tagen wurde in der bürger⸗ lichen Presse über mehrereBauernhochzeiten berichtet, bet denen es sehrhoch hergegangen ist. So berichtete dieTägl. Rundschau:

hühner und Tauben,

Eine Bauernhochzett, zu der nicht weniger als 250 Gäste geladen waren, fand dieser Tagen im Dorfe Liedern bei Uelzen stakll. Zwei Rinder, zwei Kälber und mehrere Schweine, eine Menge Geflügel aller Art und 180 Pfund Karpfen haben zur Verherrlichung des Festes beitragen müssen. Die wahrhaft fürstliche Ausstattung der Braut wird in 8 Räumen des neuen zwei⸗ stöckigen, schloß artig gebauten Hau⸗ ses des Bräutigams untergebracht.

Und über ein weiteres Hochzeitsfest, das in der Umgegend von Kallies, Reg.-Bez. Köslin stattgefunden hat und zu dem 400 Gäste er⸗ schtenen waren, berichtet dasselbe Blatt:

Für Speisung der Gäste waren angeschafft worden: Sechs Zentner Schweine⸗ fleisch, zwölf Hämmel, vier Zent⸗ nei Kalbfleisch, an Wild ein großer Hirsch, zwei Rehe und acht Hasen, weiter gegen fünfzig Stück Suppen z wan zig Gänse und vier Zentner Fische.

Kleine Bauern sind es ganz gewiß nicht, die solche Gelage veranstalten, die können sich darartiges nicht leisten. Die ihren Töchtern solche Hochzeiten ausrichten können, gehören zu den Groß⸗Agrariern, die aber am meisten über dieNot der Landwirt⸗ schaft schreienundden Lebensmittelwucher aufdem Gewissen haben. Der großen Masse des Volkes werden die härtesten Entbehrungen auferlegt; Tausende müssen mit Pferde- und Hundefleisch fürlieb nehmen, dienotleidenden Agrarter vertilgen Fleisch, Wild, Gänse, Hühner ꝛc. im Uebermaß.

Arbeiter und Arbeiterfrauen! Seht Euch an, wie das agrarische Besitzertum aus Eure Kosten lebt! ort herrscht keine Fleischnot, keine Wohnungsnot, kein Kummer um Arbeit und Brot. Von Eueren Zöllen werden diese Hochzeiten mit Rindern, Kälbern, Schweinen, Karpfen und Geflügel hergerichtet. Je höher der Zoll, je niedriger Eure vebens⸗

altung, um so voller sind die Taschen der unker, um so prächtiger ihre Schlösser und Güter.

Und kaltblütig, ohne ein Wort zu sagen, setzt die bürgerliche Presse den Arbeitern die Hochzeits nachricht vor und tausende von Klassen⸗ Padkn verstehen die aufreizende Sprache nicht ondern gehen stumpf daran vorüber. Und doch müßte jede solche Nachricht wie Posaunen⸗ 1 65 in ihre Ohren dringen und tausende aus

em Schlafe wecken! Genossen, gehet hin und holt nach, was die Schlafenden versäumen!

Vom elendesten aller Wahlsyste me.

In Elbing wird die erste Abtei⸗ lung für die Stadtverordnetenwahl von einem einzigen Wähler gebildet, dem Geheimrat Ziese, dem Schwiegersohn des verstorbenen Werftbesitzers Schichau und dem Fehn In- haber der Firma. Geheimrat Ziese hat nun kürzlich acht Stadtverordnete ge⸗ wähltl!

Für vas allgemeine Wahlrecht!

Eine riesige Demonstration für das allgemeine Wahlrecht hat am Samstag und Sonntag in Sachsen stattgefunden. Es fanden etwa 70 T. statt, die außerordentlich stark besucht waren, zirka 75 000 Personen mögen im Ganzen daran teilge⸗ nommen haben. Die Ausführung der Redner, die sich mit Schärfe gegen die Wahlrechts⸗ räuberei und die Entrechtung des Volkes wen⸗ deten, wurden mit Begeisterung aufgenommen. Ueberall fand eine Resolution Annahme, in welcher die Versammeltenschärfsten Protest erheben gegen das bestehende Landtags⸗Drei⸗ klassenwahlsystem, das eine 8 Entrech⸗ tung der Masse des sächsischen Volkes ist. Sie protestieren entschieden gegen die Verschleppung der Wahlrechtsreform. Die Versammlung for⸗ dert im Namen der entrechteten Dreiklassen⸗ wähler die Durchführung der Wahlreform unter allen Umständen noch in diesem Landtage. Das sächsische Volk fordert die Einführung des all⸗ gemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahl⸗ rechts mit Proportlonal ystem.

In Leipzig entwickelte sich nach den Ver- sammlungen am Sonntag ein riesiger Demo n⸗ stratlonszug, der sich unter Hochrufen auf das allgemeine Wahlrecht durch mehrere Straßen bewegte. Als der Zug an der Thomas⸗ kirche vorbeizog, kam es, wie dieLeipziger Volksztg. berichtet, zu einem komischen Zwischen⸗ fall. In der Kirche war gerade der Gottes⸗ dienst zu Ende und die abmarschierenden Sol⸗ daten mußten wohl oder übel ihren Weg durch die demonstrierende Masse nehmen. Den Proletarieren im Waffenrock hat das sicherlich nichts geschadet, und wer weiß, ob nicht mancher in das Hoch auf das allgemeine Wahlrecht, das ihm in die Ohren dröhnte, herzhaft mit gestimmt haben würde, wenn er nur gedurft hätte. Beim Hause des kommandierenden Generals spielte eine Regimentskapelle, deren Weisen aber völlig übertönt wurden von dem tausend⸗ und abertausendfachen Hochrufen auf das allgemeine Wahlrecht. Der Zug war von eine Masse Schutzleuten begleitet, bie aber keine Gelegenheit fanden, irgendwie einzuschreiten. Auf die Bevölkerung hat die prächtig gelungene Fact e einen großartigen Eindruck ge⸗ macht.

Die Eisenacher Wahl

hat mit dem Stege des Antisemitrichs Schack geendet. In der Stichwahl erhielt unser Ge⸗ nosse Leber 8748, Schack 10392 Stimmen. Dies Ergebnis war zu erwarten. Der Frei⸗ sinn hat natürlich wieder völlig versagt. Ein überwiegender Teil der Freisinnigen 15 trotz der anders lautenden Parteiparole für den Antisemiten gestmmt. In Eisenach ist es, als das Ergebnis bekannt wurde, neuer⸗ dings zu großen Demonstrationen gekommen. Eine vleltausendköpfige Menge zog unter dem Rufe: Nieder mit der Reaktion durch die Stadt. Einige Verhaftungen wurden vorgenommen.

Die Lübecker Bürgerschaftswahlen

wurden vorige Woche zum erstenmal nach dem verschlechterten Wahlgesetz vollzogen, nach welchem die Wähler in zwei Klassen geteilt sind. Die erste Klasse wird gebildet von den Wählern über, die zweite von denen unter 2000 Mk. Einkommen. Der zweiten Klasse, zu der die 95 Masse der Wählerschaft gehört, sind nur 5 Mandate zugeteilt, während die erste Klasse deren 100 besetzt! Diesmal war ein Drittel der Bürgerschaft zu erneuern. In der zweiten ant wurden die vier Kandidaten der So⸗ zialdemokratie mit großer Mehrheit ge⸗ wählt. Damit halten die ersten vier sozial⸗ demokratischen Vertreter ihren Einzug in die Lübecker Bürgerschaft. Sie werden nicht ver⸗ fehlen, den Wahlrechtsräubern ein Licht auf⸗ zustecken.

Sozialistische Wahlsiege

sind eine ganze Reihe zu verzeichnen. In Hanau wurden nach hartem Kampfe vier unserer Genossen in die Stadtverordneten⸗Ver⸗ sammlung gewählt. Für unsere Liste wurden ca. 1700, für die gegnerische 1500 Stimmen ab⸗ egeben. Acht Sozialdemokraten wurden erner in Bielefeld in die Gemeindevertretung 7 Bel den Stadtverorbnetenwahlen in

ber feld stieg die sozlalistische Stimmenzahl von 1430 vor 2 Jahren auf 4100 jetzt. 8. des Kuddelmuddels stiegen von 2400 auf 5200. Die Genossen Gewehr und Ullenbaum kommen in Stichwahl. Ebenso stieg in 788 unsere Stimmenzahl von 4300 auf 6 300, während diejenigen der Gegner nur um etwa 6 Prozent sich vermehrten. In Pasing bei München er⸗ rangen unsere Genossen drei Sitze im Gemeinde rat. In Radeburg(Sachsen) wurde unter lebhafter Betetligung der Arbeiterschaft der Genosse Braune als erster Sozialdemokrat in die Stadtverordneten⸗Versammlung gewählt. Unsere Stimmen stiegen um 202 rozent. Bei den Stadtverordnetenwahlen in Che in. nitz wurden in der Abteilung B.(Arbeiter) acht Sozialdemokraten gewählt. In diesem Jahre wurden 3 968 sozialdemokratische Stimmen oder 93 Prozent gegen 3782 im Jahre 1903 abgegeben. e Bürgerlichen dagegen

erhielten nur 341 Stimmen, 22 weniger

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