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26.11.1905
 
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Nr. 48.

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Gießen, den 26. November 1905.

12. Jahrgang.

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Karger Lohn teures Brok.

Noch einige Monate und die neuen Handels⸗ verträge treten in Kraft, die auf Grund jenes Wuchertarifs abgeschlossen wurden, der in der berühmten Adventwoche des Jahres 1902 im Reichstag durchgedrückt wurde. Daß diese Verträge für die große Masse der Minderbe⸗ mittelten Jammer, Hunger und Elend bringen werden, steht fest. Ihre Wirkung wird sich um so mehr fühlbar machen, als wir schon jetzt unter einer harten Lebensmittelteuerung leiden. Heute heißt es für die Arbeiterschaft: Tue Geld in deinen Beutel. Fast alle Lebensmittel sind im Preise gesttegen. Vor allen Dingen aber die Fleischpreise. Sie sind derart in die Höhe geschraubt, daß es der arbeitenden Klasse immer unmögltcher gemacht wird, ein Stückchen Fleisch auf den Tisch zu bringen. Vergleicht man die Lebensmittel und besonders die Fleisch⸗ preise aus derguten alten Zeit mit den jetzigen Preisen, so erkennt man, daß ganz systematisch Unterernährung der breiten Volks⸗ masse herbeigeführt worden ist.

Am besten ist die Verteuerung des Lebens- unterhaltes aus einer Tabelle zu ersehen, die die Arbeitsmarkt⸗Korrespondenz unter Zugrund⸗ legung der niedrigsten Markthallenpreise ver⸗ öffentlicht. Danach sind die Haushaltungs⸗ kosten für eine vierköpfige Arbeiterfamilie von 1900 bis 1904 um 44,10 Mk. gestiegen. Zwei Kinder sind bei dieser Berechnung gleich einem Erwachsenen gezählt. Dabei ist die Verpflegungs⸗ ration eines deutschen Marinesoldaten als Maßstab genommen worden. Nach diesem Maßstab ergibt sich, daß die Ernährungskosten einer vierköpfigen Arbeiterfamilie, gleich drei Erwachsenen, betrugen:

1900 1901 1902 1903 1904 pro Woche 20,44 20,56 20,72 21,15 21,29 Mk.

Es dürfte nach dieser Aufstellung für jeden ersichtlich sein, daß die Lebensmittelpreise rapid gestiegen sind. Und sie sind im Jahre 1905 weiter gestiegen.

Veispielswesse stiegen die Preise für Schweine⸗

fleisch in Schlesien von Juli 1896 bis Juli 1905 von durchschnittlich 1 Mk. bis 1.50 Mk. das Kilogramm. Selbst die Kartoffeln, die in diesem Jahre eine so gute Ernte ergaben, sind künstlich im Preise in die Höhe getrieben worden, nachdem von dem Hauptorgan der Agrarier, derDeutsch. Tagesztg. der Vor⸗ schlag gemacht worden war, die Kartoffeln mehr als 1 zu verwenden und so dem Markte zu entziehen. Das Volk hat also nicht einmal den Trost, sich an Kartoffeln satt essen zu können, nachdem ihm Fleisch und Brot künst⸗ lich verteuert sind. Diesen enormen Teuerungspreisen gegen⸗ über stehen die Arbeiterlöhne in gar keinem Verhältnis; sie haben mit der Teuerung nicht gleichen Schritt gehalten, denn es ist nur allzu bekannt, daß ein großer Prozentsatz der Ar⸗ beiter nur ein Jahreseinkommen von 600 bis 700 Mk. erreicht, daß dabei in diesen, meist mit Kinder reich gesegneten Familien Schmal⸗ hans Küchenmeister spielen, daß die Unterer⸗ nährung zur Regel werden muß und damit für Krankheit und Elend Tür und Tor ge⸗ öffnet ist, das ist so selbstverständlich, wie zwei mal zwei vier ist.

Doch hiermit ist die Gefahr, die der Ar⸗ beiterklasse aus der heute beliebten Zollpolitik droht, noch nicht zu Ende. Die Handelsver⸗ träge, die von 1906 bis 1917 gelten sollen, bringen neben der sehr merkbaren Verteuerung der Lebenshaltung für die nicht mit Glücks⸗ gütern gesegneten Volksklassen noch eine Ver⸗ minderung der Arbeitsgelegen⸗ heit mit sich. Schon jetzt sieht man, wie ein⸗ zelne Unternehmer, um den Zollscherereien aus dem Wege zu gehen, bemüht sind, ihre Fabriken aus Deutschlands Gauen in das Ausland zu verlegen; das bedeutet aber eine schwere Schädigung der deutschen Arbeiter. Es bedeutet ferner, daß infolge vermindeter Arbeitsgelegenheit der Männer noch weit mehr die Frauen anf den Arbeitsmarkt gedrängt werden, um in Industrie und Land wirtschaft für karge Bettelpfenntge das Joch der Lohn⸗ sklaverei auf sich zu nehmen, oder um als Haus⸗ industrielle bei vielstündiger Arbeitszeit ihre Jugendkraft und Jugendlust dem dreimal hei⸗ ligen Geldsack zu opfern.

Durch solche wucherische Ausbeutung wird nicht nur der weibliche Organismus schwer ge⸗ schädigt, sondern auch die spätere Generation wird dadurch zu Grunde gerichtet. Wir brauchen nur die amtlichen Statistiken zur Hand zu nehmen, dann entrollt sich uns ein Bild der Degeneration, der Säuglingssterblichkeit usw. wie wir es nicht schrecklicher zeichnen können.

Doch noch ein andere Erscheinung tritt als Folge der ungeheueren Anspannung der Ar⸗ beitskraft sowie der Unterernährung der breiten Volksmassen ein. Durch statistische Aufnahmen ist festgestellt, daß der wirtschaftlich niedrig Stehende am meisten dem Alkohol frönt, um den knurrenden Magen, allerdings zu seinem eigenen Nachteil, zu täuschen. Es ist bewiesen, daß recht oft das Elend als Förderin des Alkoholgenusses auftritt. Vom Atetgerden Wohlstand und von einergesicherten Exlstenz der Arbeiter, wovon man in den höheren Re⸗ gionen spricht, ist selbst mittels Röntgenstrahlen nichts zu entdecken.

Aus all den geschilderten Tatsachen geht zur Genüge hervor, daß die Zollpolitik nicht Halt macht vor dem Kochtopf und dem Speiseschrank der Hausfrau. Jene Frauen, die noch in dem Glauben befangen sind, Politik sei eine ausschließliche Männer⸗Angelegenheit und eigent⸗ lich auch eine Sache, die dem Arbeiter nicht zu kümmern brauche, da sie ihm doch keinen Pfennig mehr Lohn bringe, ihm im Gegenteil allerlei an Vereinsbeiträgen und Versammlungs⸗ kosten abnehme, diese Frauen können jetzt am eigenen Leibe verspüren, wie die Politik direkt auf die Lage des einzelnen Arbeiters, auf den Stand seiner Ernährung, auf seinen Brot⸗ schrank und seine Fleischschüssel einwirkt. Eine Aenderung unserer Zollpolitik, und der Arbeiter kann sich besser nähren als heute oder gar erst vom 1. März 1906 an, unter den neuen Han⸗ delsverträgen. Mögen sie daraus die Erkennt⸗ nis ziehen, daß Politik eine sehr ernste, not⸗ wendige Sache ist, mögen sie ihre Männer nicht von der politischen ebenso natürlich nicht von der gewerkschaftlichen Bewegung fern⸗ zuhalten suchen, sondern im Gegenteil sich be⸗ streben, in die Gänge der Politik einzudrängen, sel bst Kämpferinnen für eine bessere Zukunft.

zu werden. danken!

Die neue Flotten⸗Bescheerung.

Nunmehr sind die ungeheueren Flottenfor⸗ derungen, von denen schon längere Zeit die Rede war, an das Tageslicht gekommen. In der offiziösenNordd. Allgemeinen Zeitung wurde die Vorlage veröffentlicht und was ste fordert, dürfte sogar manchemPatrioten die Haare sträuben machen.

Zum drittenmal wird das deutsche Flotten⸗ gesetz, das angeblich für viele Jahre hinaus einen stcheren Plan abgeben sollte, umgestürzt, umgekrempelt und wieder heißt es: noch mehr Geld her! Sechs neue große Kreuzer, achtund vierzig neue Torpedoboote, Vergrößerung der nach dem Flottenbauplan noch zu bauenden Schiffe und Torpedoboote, be⸗ deutende Summen für Erprobung und spätere Beschaffung von Unterseebooten infolge aller dieser Vermehrungen und Vergrößerungen ver⸗ mehrter Personenbedarf das ist das unge⸗ fähre Bild der neuen Flottenvorlage

Die neugeforderten sechs großen Kreuzer, von denen fünf auf die Auslands⸗ flotte, einer auf die Materialreserve entfallen, sollen jeder 27¼ Millionen Mark kosten, alle zusammen also 165 Millionen Mark.

Es sollen ferner über den bisherigen Flotten⸗ plan hinaus 8 neue Torpedobootsdivistonen (im ganzen 24 statt 16) gebaut werden. Eine Torpedobootsdiviston kostet nach neuester Auf⸗ stellung 8,87 Millionen Mark. Die neuen acht Divistonen(achtundvierzig Boote) kosten dem⸗ nach insgesamt 70,96 Millionen Mark.

Rechnen wir hinzu die 5 Millionen, die für Unterseeboote gefordert werden, so ergibt sich, daß die neugeforderten Bauten die Summe von rund 242 Millionen Mark oder bei⸗ nahe einer Viertelmilliar de verschlingen sollen.

Damit ist aber unsere Rechnung noch nicht fertig. Denn es sind ja noch die Kosten in Betracht zu ziehen, die die geplante Vergröße⸗ rung jener Schiffe erfordert, deren Bau schon durch das alte Flottengesetz vom 14. Juni 1900 beschlossen worden ist. Es sollen nach diesem Gesetz noch gebaut werden: 18 Linienschiffe, 7 große Kreuzer, 24 kleine Kreuzer und 10 Torpedobootsdivistonen. Der Bau eines Linien⸗ schiffes wird nach dem neuen Gesetz 12,22, der eines großen Kreuzers 8,33, der einer Torpedo⸗ bootsdiviston 1,60 Millionen Mark mehr kosten, als nach dem alten Gesetz projektiert war. Damit steigen die Kosten der Linien⸗ schiffe um 219,96 Millionen Mark, die Kosten der großen Kreuzer um 58,21 Millionen Mark, und die Kosten der Torpedoboote um 25,60 Millionen Mark.

Die Vermehrung der Flotte und die Ver⸗ größerung der Schiffe des alten Flottengesetzes erfordert also an Baukosten weit mehr al s eine halbe Milliarde, nämlich 537,77 Milltonen Mark. f

Neue Schiffe, größere Schiffe brauchen aber natürlich auch mehr Offiziere und mehr Mann⸗ schaften. Die sechs neugeforderten Kreuzer brauchen 190 Offiziere, Ingenieure und Zahl⸗

Ihre Kinder werden ihnen einst