Ausgabe 
26.3.1905
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

Nr. 13.

schaft des Adels und der Geistlichkeit gebrochen wurde und sich das Bürgertum nunmehr frei entfalten konnte. Nachdem es aber zur Herr⸗ schaft gelangt, wandte es gessen die Arbeiter⸗ klasse, die sich auf eigene Füße zu stellen be⸗ gann, dieselben Unterdrückungsmaßregeln an, durch die es vorher vom Adel geknebelt worden war. Das Emporkommen und die Macht des Bürgertums war in der Entwickelung der Produktionsverhältnisse begründet. In den 30er und 40er Jahren dehnte sich die Industrie mehr und mehr aus, es entstanden Großbetriebe. Handel und Verkehr entwickelte sich in demselben Maße und die mittelalterlichen Zollschranken, die Kleinstaaterei, trat hindernd der Weiter⸗ entwickelung in den Weg. Diese Verhältnisse machten die Revolution: man brauchte Zoll⸗ und Vereinsfreihelt, Freizügigkeit ꝛc. und mußte sich diese Forderungen erkämpfen. Redner schilderte dann die hauptsächlichsten Begeben⸗ heiten von 1848 mit Klarheit und historischer Treue. Dabei hob er besonders hervor, welchen Anteil Oberhessen an der revolutionären Bewegung nahm, das man als die Wiege der Revolution bezeichnen könne. Hter in Gießen stritten die Studenten im Verein mit den Demokraten und Arbeitern für die Freiheit, während heute nach 60 Jahren die Studenten um Sonderrechte, die sogenannteakade⸗ mische Freiheit sich streiten. Im weiteren Verlauf seiner Rede erinnerte Quarck an die Berliner Straßenkämpfe vom 18. März, nach deren für das Volk stegreichen Ausgang der König gezwungen wurde, die Leichen der Frei⸗ heitskämpfer zu grüßen; ferner an die Flucht desPrinzen von Preußen, des nachmaligen Heldenkaisers, nach England, wobei der da⸗ malige Zar Nikolaus seine schützende Hand über ihn hielt, der damals jedenfalls nicht glaubte, daß auch einmal im Osten der Tag käme, an dem das geknebelte Volk gegen seine Unterdrücker aufsteht. Redner wies dann hin auf die Bestialitäten der russischen Willkürherr⸗ schaft, deren Beseitigung jeder Kulturmensch wünschen müsse. Wenn es eine Vergeltung gäbe, so wäre die herrschende Clique in Ruß⸗ land längst ausgerottet. Wie brutal wird dort alles niedergehalten, wie entsetzlich das Volk mit Folter, Verbannung, Mißhandlung gequält! Und mit diesen Regiment sympathistere die deutsche Reichsregterung! Zum Schluß brachte Quarck noch ein Gedicht aus dem Friedberger Volk boten aus dem Jahre 1848 zur Ver⸗ lesung. Er wies dann noch hin auf die heutige Freiheit, die sogar in Hessen derart sei, daß uns noch Lolkale zu unsern Versammlungen vorenthalten würden. Demgegenüber sei fester Zusammenschluß nötig, nur durch Einigkeit und Aufklärung könnten wir die polttische Macht erringen. Donnernder Beifall dankte dem Genossen Quarck für seine Ausführungen. Der Gesangverein Eintracht unterhielt die An⸗ wesenden noch mit einigen Vorträgen und ruhig und würdig, wie es sich gehört, verlief unsere Märzfeier.

Für den Theaterbau wurde in der Stadtverordnetensitzung am Donnerstag das ungefähre Programm festgelegt und beschlossen, ein Preisausschreiben zu erlassen. Es werden 3000 Mk. für drei Preise bewilligt.

Ueber die Bedeutung der Konsum⸗ genossenschaften sprach imEinhorn in einer vom Konsumverein Gießen einberufenen Versammlung Herr Prof. Staudinger⸗Darmstadt. Leider war die Versammlung nur schwach besucht; die Mitglieder sollten doch bei derartigen Veranstaltungen besser am Platze sein. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Vorsitzenden ergriff Herr Staudinger das Wort, um zunächst auf die großartige Entwickelung der englischen Kon sumgenossenschaften hinzuweisen. Aus kleinen An⸗ fängen haben die besitzlosen Arbeiter ihre Konsumvereine zu ganz gewaltiger Größe gebracht. Sie sind teilweise zur Eigenproduktion übergegangen, verfügen über Schiffe, Teeplantagen, Getreidemühlen c. Sie kaufen ihre Waren in riesigen Quantitäten nur bei den Fabrikanten ein, die auch die Bedingungen der Gewerkschaften er⸗ füllen und sie zahlen bar ihre Einkäufe, der Fabrikant braucht wegen der Bezahlung nicht zu bangen. In der heutigen Produktionswelse arbeitet der Arbeiter bloß für den Profit anderer. Der Kohlengräber gräbt nicht Kohle, daß wir uns wärmen können, sondern damit die Aktien der Grubenbesitzer steigen! Redner setzte aus⸗

einander, wie die armen Weber in Rochdale(sprich: Rotschdehl) in England mit Energie und Ausdauer ihre Konsumorganisation für sich zum großen Nutzen ausge⸗ stalteten. Der Konsument wahrt bei uns heute zu wenig sein Interesse als solcher. Es nützt oft den Arbeitern gar nichts, wenn sie durch einen Streik ein paar Pfennige mehr Lohn erkämpfen, sie müssen dafür desto höhere Preise für ihre Lebensbedürfnisse zahlen. Das wird viel zu wenig beachtet. Die Zahl der Händler hat in der letzten Zeit ganz unverhältnismäßig zugenommen und sie alle müssen von den Konsumenten ernährt werden. Prof. Bier mer in Gießen sagt in einer seiner neueren Schriften:Es fehlt den Konsumenten an der nötigen Schneid, sich gegen die maßlose Ausbeutung der Händler zu wehren. Biermer spricht sich im Weiteren sehr entschieden für die Konsumvereine aus. Man könne es den Konsumenten nicht übel nehmen, sage er, wenn fie sich durch Zusammenschluß zu helfen suchten. Redner führt weiter aus, daß es nicht wahr sei, daß der Kaufmann durch den Konsumverein geschädigt werde, im Gegenteil werde eher eine Regelung und größere Solidität im Geschäftsleben herbeigeführt. Er weist noch weiter auf die bedeutenden Erfolge des Hamburger Konsum⸗ vereins hin, der bereits dazu übergegangen sei, Woh n⸗ häuser für seine Mitglieder zu errichten. An zahl⸗ reichen Beispielen weist Redner noch weiter den großen allgemeinen Nutzen der Konsumvereine nach und zum Schluß fordert er die Frauen auf, zu beherzigen, daß der Konsumverein ihr eigenes Geschäft sei, zu dessen Gedeihen sie zu ihrem eigenen Vorteil beitragen müßten. Die Ausführungen wurden sehr beifällig aufgenommen. Hieran schloß sich ein kurzer Bericht der Verwaltung des Konsumvereins über die erste Hälfte des laufenden Geschäftsjahres, das bisher, wie schon früher mitgeteilt, ein in jeder Beziehung günstiges Ergebnis brachte.

Zur Lohnbewegung der Schnei⸗ der wird uns folgendes mitgeteilt. In Gießen wird in fast sämtlichen Geschäften auf Akkord (auf Stück) gearbeitet. Von einer geregelten Arbeitszeit ist eigentlich keine Rede. In der sogenannten Saison muß stets Ueberzeitarbeit geleistet werden, oft genug werden sogar die Nachtstunden zu Hülfe genommen, bei den ver⸗ heirateten Schneidern werden die Frauen zur Beihilfe herangezogen. Trotz diefer langen Arbeitszeit ist der Verdienst eines tüchtigen Schneiders nicht höher als 9001000 Mk. im Jahre zu bemessen. Angestchts dessen wird jedermann die Forderung einer 10 prozentigen Lohnerhöhung, wie sie der von den Gehülfen eingereichte Tarif darstellt, als berechtigt aner⸗ kennen müssen. Die Unternehmer können dies auch ganz gut bewilligen, eine Weigerung kann nicht anders als Starrköpfigleit angesehen werden. Verschiedene Geschäfte(und gerade jüdische) haben den alten Tarif ganz von selbst verbessert, weil ste einsahen, daß die Gehülfen mit dem bisherigen Verdienste bei den heutigen Kosten der Lebenshaltung nicht auskommen können. Andere Arbeitgeber und zwar gerade solche, die als Gehülfe ihre Forderungen zu stellen wußten, zeigen sich einsichtslos und arbeiterfeindlich. So erklärte Herr Schich, daß er seine ganze Arbeit auf Konfektion in Mainz bei Scheuer& Plaut machen lassen wolle. Was wird aber dazu die Kundschaft sagen, die doch Maßarbeit bezahlen muß, aber dann Konfektion, also minderwertige Ar⸗ beit geliefert bekommt? Uebrigens muß doch noch immer leidlich etwas herausspringen. Es kam öfters vor, daß Zuschneider, die 3000 Mk. Gehalt bezogen, sich selbständig machten, doch jedenfalls nicht, um weniger zu verdienen! Berücksichtigen muß man ferner, daß die Schneidergehülfen 35 Prozent ihres Lohnes für Nähutenstlien ausgeben müssen. Sollten die Arbeitgeber den durchaus berechtigten Forde⸗ rungen gegenüber kein Entgegenkommen zeigen, so sehen sich die Schneidergehülfen gezwungen, die Arbeit niederzulegen.

Sechzig Jahre. Am Sonntag feierte unser Genosse Orbig seinen 60. Geburtstag. Er war der Erste, der hier in Gießen für unsere Sache eintrat, die seitdem hier ebenso wie anderwärts bedeutende Fortschritte gemacht hat. Vom GesangvereinEintracht wurde dem Genossen Orbig ein Ständchen gebracht und von vielen andern Seiten erhielt er zahl⸗ reiche Glückwünsche.

Aus dem Rreise gießen.

r. Watzenborn⸗Steinberg. Der sozial⸗

demokratische Wahlverein hielt am Samstag eine gut wickler der Firma Moosdorf& Hochhäusler nur 10 M. 4

besuchte öffentliche Versammlung ab. In derselben sprach

Genosse Häuser über die Ereignisse vom 18. März

1848. Redner schilderte, mit welchen Mitteln damals die preußische und die übrigen Regierungen, die berech⸗ tigten Forderungen des Volkes niederzuhalten suchten. Die Freiheitskämpfer, welche am 18. März 1848 auf den Barrikaden in Berlin ihr Blut für die Rechte des Volkes verspritzt haben, müßten wir in Ehren halten. Redner widmete noch zum Schluß den um ihre Frei⸗ heit kämpfenden russischen Revolutionären warme Worte der Anerkennung. Die Versammlung ehrte das Andenken der Märzgefallenen und der Opfer des 22. Januar in Petersburg durch Erheben von den Sitzen.

In Leihgestern wurde bei der Bürger⸗ meister wahl Joh. Heß 24. gewählt. 1

Eingesandt.

Wohl jedem aufmerksamen Beobachter, der die Dorf⸗ bewohner kennt und der weiß, wie sie leben und woran es ihnen mangelt, werden die großen Schwierigkeiten aufgefallen sein, rechtzeitig und billig alle Heil⸗ mittel den Kranken zu beschaffen. Ich sehe ganz von

den Medikamenten ab; schon hier ergeben sich täglich

arge Verdrießlichkeiten: eine Hausapotheke) findet sich selten in einem Dorfe, und selbst, wenn dieses sehr nahe einer Stadt liegt, wie z. B. Mieseck, haben die Bewohner in dringenden Fällen, die ja oft vor⸗ kommen, unter der notwendigen Verzögerung sehr zu

leiden. Ich erinnere nur an die schleunige Beschaffung

schmerz⸗ und blutstillender Mittel, falls der Arzt zu⸗ fälligerweise nicht sofort den Kranken aufsuchen kann oder falls der Erstere eine längerdauernde Anwendung solcher Mittel für notwendig hält. Der für die Kranken ideale Zustand wäre natürlich der, daß jedes einer eigenen Apotheke entbehrende Dorf wenigstens eine Haus⸗ apotheke besäße; die Voraussetzung dafür aber müßte dann sein, daß jedes Dorf seinen eigenen Arzt hätte. Das ist aber wirtschaftlich unmöglich, denn fast jeder Dorfarzt muß aus Gründen den Existenzmöglichkeit mehrere Ortschaften besuchen, ganz abgesehen von den zahlreichen Stadtärzten, die zugleich Landpraxis treiben. So notwendig diese Zersplitterung der ärztlichen Arbeits⸗ kraft ist und so unmöglich(aus wirtschastlichen Gründen) es andererseits ist, jedem Dorfe seine eigene Apotheke bezw. Hausapotheke zu geben: die physikalischen Heilmittel(z. B. kleine, billige Dampfapparate), Wannen und Aehnliches) können sehr wohl in jedem Dorfe zentralisiert werden, d. h. jedem Bewohner der Ortschaft wäre es möglich, schnell und ohne Anstrengung, dabet sehr billig im Dorfe selbst alles das sich zu beschaffen, was für ihn auf ärztliche Anordnung zur Wiederherstellung seiner Gesundheit bezw. zur Be⸗ wahrung vor Krankheit notwendig ist. Ein Beispiel beweist hier viel. So habe ich es in Magdeburg⸗Buckau (Stadtteil von Magdeburg, zirka 35000 Einwohner, meist Arbeiter) vor einigen Jahren erlebt, daß Kranke für wenige Pfennige sich Wannen und Aehnliches von dem auch zu diesem Zwecke gegründ ten Verein liehen, da diese Heilmittel sonst zu kostspielig zur An⸗ schaffung sind und der Zeitverlust zur Benutzung der⸗ selben außerhalb der Wohnung zu groß ist.

Diese überaus bequeme Maßregel ließe sich auch in den hiesigen Dörfern durchführen: wenn sich jeder erwachsene Dorfbewohner z. B. mit 10 Pfennige (Wie oft wird soviel für nutzloses Zeug ausgegeben!) beteiligte, so käme bei 1000 Personen bereits die nette Summe von 100 Mk. heraus. Mit diesem Gelde ließe sich schon sehr viel erreichen: Fußwannen, Wärmflaschen, Binden usw. könnten angeschafft und(wie z. B. in Magdeburg⸗Buckau für zirka 1 bis 2 Pfg.!) auf eine gewisse Zeit verliehen werden. Dadurch würden auch

die Krankenkassen erheblich entlastet werden. Denn wenn

auch zugegeben werden muß, daß viele Kranke nur in Anstalten(Badeanstalten, Krankenhäuser) mit ge⸗ höriger Sorgfalt behandelt werden können, so bleibt doch das große Heer derjenigen übrig, die schon mit kleinen Hilfsmitteln recht oft ihre Beschwerden lindern können, ohne erst den oft beschwerlichen Weg zur Krankenkasse machen, ja ohne überhaupt die Kasse in Anspruch nehmen zu müssen. Damit würde in immer breitere Volksschichten der Sinn für die Pflege des kranken Körpers getragen werden, ein Ziel, würdig unseres auch auf medizinischem Gebiete rastlos vorwärts schreitenden Jahrhunderts! H. Arndt, prakt. Arzt.

Aus dem Odenwald.

2. Die Märzfeier in Erbach nahm einen sehr schönen Verlauf. Etwa 250 Personen hatten sich trotz des schlechten Wetters eingefunden und war der Saal im GasthausZur Sonne bis auf den letzten Platz gefüllt. Genosse Ha senz ahl⸗Erbach eröffnete die Feier

) d. h. der Arzt des Dorfes darf sel bst gewisse Heilmittel herstellen und abgeben, was sonst nur dem Apotheker erlaubt ist.

0 z. B. kostet ein transportabler Dampfent⸗

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