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Mitteldentsche Ponntags⸗Zeitung.

Nr. 9.

abet

Von Nah und Fern.)

Professor Abbes Vermächtnis.

Bald nachdem Professor Ernst Abbe in Jena gestorben war, wußte die bürgerliche Presse zu berichten, daß ernahezu eine Million Mark zur Förderung künstlerischer und wissen⸗ schaftlicher Anstalten Thüringens hinterlassen habe. Diese Nachricht erweckte den Auschein,

als ob Abbe noch am Ende seiner Tage über

ein fürstliches Vermögen verfügte, von dem er einen Teil für gemeinnützige Zwecke aussetzte. Dem ist aber nicht so. Professor Abbe hat sein Privatvermögen in die Karl Zeiß⸗Stiftung umgewandelt und, wie der Stiftungskommissar bei der Trauerfeier für Abbe in seiner Ge⸗ dächtnisrede sagte, sich an seinem Lebensabend

mit einem bescheidenen Beamtengehalt begnügt,

während er über Millionen frei verfügen konnte, wenn er weniger Selbstentsagung bewiesen hätte. Es dürfte indessen angebracht sein, einige Zahlen darüber anzugeben, was Professor Abbe direkt und durch die Karl Zeiß⸗Stiftung für wissenschaftliche und gemeinnützige Zwecke auf⸗ gewendet hat. Nach zuverlässiger Auskunft handelt es sich dabei um mehrere Millionen Mark. Der größte Teil entfällt auf die Förderung wissenschaftlicher Zwecke, speziell die Universität Jena, die Abbe nicht nur die Errichtung neuer Lehrstühle und die Durchführung einer Besol⸗ dungsreform, sondern auch mehrere Justitute und schließlich auch das neue Universttätsge⸗ bäude verdankt. Denn ohne die Karl⸗Zeiß⸗ Stiftung hätte das letztgenannte Projekt auf viele Jahre hinaus praktische Gestalt nicht ge⸗ wonnen. Für Zwecke gemeinnütziger Art, von denen besonders die Stadt Jena und die Nachbargemeinde Wenigenjena den Vorteil haben, wurden 3,3 Millionen Mark aufgewendet. Rechnet man zu diesen Summen noch die jährlich sich wiederholenden außerordentlichen Wohlfahrts⸗ ausgaben für die Angestellten der optischen Werkstätte von Karl Zeiß, so gewinnt man ein ungefähres Bild von der Hochherzigkeit dieses Mannes.

Zensuren. Ein Kapitel aus der Schule von H. G.

Anerkennung fordern wir, sagt der Apostel Paulus. Anerkennung in irgendwelcher Form für unsere Leistungen. Lobt uns die Krttik, so werden wir vergnügt und unsere Arbeit fördert um so besser; erhalten wir eine gute Zensur, dann wird die Schaffensfreudigkeit verdoppelt und bloß allzu viel Lob macht leger und hochmütig. Das geht den Erwachsenen wie den Kindern so. Ich denke heute nur an die Schulzensuren, die so vieler Eltern Freude, so vieler Eltern Traurigkeit sind, je nachdem dieselben ausfallen. Die Zensuren sind aber auch unserer Kinder wichtigstes Augenmerk, denn Anerkennung heischen gerade sie in erster Linie, und leichten und frohen Herzens trabt der Knabe mit guten Zensuren heimwärts, während mit beklommenem Gemüt das Kind, das schlechte Zensuren erhalten hat, nach Hause schleicht.Wehe, wenn du mir schlechte Zen⸗ suren nach Hause bringst, hat der, Vater ge⸗ sagt,ich haue dich, daß.. wir können uns den Rest denken. Umgekehrt bei guten Zensuren, wo es dann Belohnungen und Liebkosungen allerhand gibt.

Indessen gibt es nicht Trügerisches als Zensuren, wie wenig glaubhaft dies auch mauchem Vater, mancher Mutter erscheinen mag. Zensuren sind in der Tat weder objektiv noch subjektiv ein wirklicher Maßstah für das Können und die Fähigkeiten der Schüler, vor allem jedoch beweisen sie nicht, was sie für manchen beweisen sollen: ein absolutes Krite⸗ riun der Psyche(richtige Beurteilung der 0 und des Charakters des Kindes zu sein.

In objektiver sachlicher Hinsicht sind Zen⸗ suren, wenn selbst wahr und zutreffend, nie ein Maßstab für die Leistung, weil die letztere selbst von verschiedenen Personen ganz verschieden be⸗ urteilt werden kann. Was ist eine schöne Schrift, was ein gutes Gedächtnis?

Aber natürlich, lautet die Antwort, was; einmal als Erwachsene benehmen und frei

allen schön und gut scheint; besonders aber muß das der Lehrer und das Lehrerkol⸗ legium wissen. Und dann die gemeindliche oder staatliche Anforderung: der Schullehrplan, das pädagogische...

Hier gehen die Meinungen indessen schon weit auseinander. Schule und Haus zunächst stimmen schon über gut und häßlich, schön und weniger schön nicht überein. Dann stimmten auch die Meinungen von Schule und Haus über die einzelnen Lehrgegen⸗ stände oft nicht überein. Ich erinnere hier nur an den religiösen Memo rierstoff und das mechanische Auswendiglernen von

Feldherrn⸗, Fürsten⸗Geburtstagen⸗ und Schlacht⸗

namen welche greuliche Verwüstung und Ueberlastung des weichen, noch breiigen Kinder⸗ gehirns. Wenn man das Denken abzieht vom grünen Baum, vom Blau des Himmels und des Kindes Gehirn in einer Schattenwelt herum⸗ quält, in welcher nur Fürsten⸗ und Feldherren⸗ namen und Gott Vater, Herr Jesus, der Nächste und hundert andere Begriffe herumexerziert werden, dann ist die Zensur 1, die das Kind für solche Leistungen empfängt, mehr Testi⸗ monium paupertatis, ein Armutszeugnis, statt einer guten Zensurnote.

Was sachlich nützlich ist, unterscheidet oft das Kind, indem es nur mit Widerwärtigkeit an das Auswendiglernen herantritt, und damit iustinktiv gegen den Stoff protestiert. Ebenso auch beim Rechnen, wo es gegen die Methode, d. i. die Art und Weise, wie das Rechnen erfolgen soll, der Ansatz usw. instinktmäßig protestiert. Da genügt es nicht, daß das Exempel überhaupt gerechnet ist, also richtig und mit der geforderten Schnelligkeit, nein, da kommt Flachsmann als Erzieher und fordert pedantisch, daß solches in der geforderten Weise geschehen müsse. Andernfalls verdient sich das Kind die Zensur 3 oder 7 wegen Un⸗ Aae und Widerspenstigkeit. In der

olksschule regiert obendrein noch der Bakel, die Prügelstrafe. Der Stock aber ist das barbarischste Mittel zur Erziehung von Ord⸗ nung und Gehorsam.

Doch auch subjektiv sind Zensuren für die Anlagen und das Können des Kindes nicht viel beweisend, und die beste Bekräftigung sind die zahlreichen Beispiele, daß die berühmtesten Leute mit schlechten Zensuren von der Schule abgegangen sind. Dasselbe läßt sich von der Volksschule wie von den sogenannten Hochschulen sagen. Und es ist klar, daß sich gerade die denkenden und lebhaftesten Kinder von der Schablone abgezogen fühlen, daß gerade die tüchtigsten Menschen ihren Geist nicht in spa⸗ nische Stiefel einschnüren lassen, während umge⸗ kehrt Monsieur Jedermann und Madame Durchschnitt sich am ehesten an das Seil ge⸗ wöhnen, das man um sie herumgelegt hat. So werden Hühner apoplektisch gemacht, (in eine Art Starrkrampf versetzt) indem ste mit der Hand auf einen Tisch niederdrückt und von ihrem Auge weg einen Kreidestrich zieht, von dem die Tiere dann annehmen, daß sie damit angebunden sind und liegen bleiben. Das Seil ist die Schablone, die alle Eigenbe⸗ wegung und Willensfreiheit hindert, dagegen den Drill und die Disziplin fördert.

Aber die Disziplin! Da sind wir ja beim Thema. Disziplin muß sein, mag auch die Welt darüber zugrunde gehen! Gewiß! Aber die Disziplin, die freiwillig ist, nicht die der sklavischen und pedantischen Unterordnung. Eine durch Hunger und Schläge erzwungene Disziplin ist tot, ist schematisch.Wo man ihn hinschubst, hat man ihn! heißt die Formel für derlei Disziplin und daß gerade beim Militär diese Disziplin das Selbst im Menschen tötet, ja ihn sogar in den wirklichen Tod treibt, das erleben wir bekanntlich alle Tage.

Nein, je selbsttätiger im Urteil das Kind ist, um so weniger fügt es sich in die Schablone, und da die Schule durchaus nicht, wie viele glauben, das Fundament für das Leben ist, so beweisen auch in subfjektiver Hinsicht Zen. suren nicht eben viel. Da Kinder noch unfrei sind, fremdem Willen unterstehen, so vermag noch niemand zu sagen, wie sie sich schließzlich

entwickeln werden, denn das Leben erzieht, nicht die Schule! Die Schule vermag lediglich formale Elemente für die Entwick⸗ lung zu geben; sie ist nur ein beschränkter Kreis mit ein für allemal gegebener Schablone. Das Leben hingegen ist das weite, ungeheuere Feld der Tatsachen und Erfahrungen, welche millionenfach auf uns einwirken, sich durchdringen, umschlingen u. s. f., so daß das Wort des Dichters zutrifft:

Es bildet ein Talent sich in der Stille,

Doch ein Charakter nur im Strom der

Welt. (Schluß folgt.)

z Vaterlandslose Gesellen.

Hebt wieder einer gegen euch die Hand, Und spricht, ihr Armen habt kein Vaterland, So steht doch auf und fragt ihn einmal frei, Was unser Deutschland für die Reichen sei! Ist es das Land, das er mit Arbeit schmückt, Des Ehre ihn erfreut, des Leid ihn drückt? Ist es das Land, das er im Verzen liebt, Für das er duldet und für das er gibt d Ist es die Heimat, seines Volkes Nerd d Das Land der Brüder, die er treulich ehrt d Ja, steh doch einer auf und frag ihn frei, Ob so dem Reichen unser Oeutschland sei! Und nicht das Land, in dem er Schätze rafft? Und nicht das Volk, das mühsam für ihn schafft d Nicht deutsch, nicht Heimat, nur ein Fetzen Welt, So feil, wie alles, um sein schnödes Geld!

Peter Schlemihl imSimplic.

Dae Sieben e. Von K. H. Diefenbach.

Bleibt mir mit Eurer Gerechtigkeit Gottes vom Leib', Herr Pfarrer! Das ist keine Ge⸗ rechtigkeit! Nein, ein für allemal, das ist Un⸗ recht. Der Philipp Kohl hat fünfzehn Kühe, vier Pferde und so und so viele Schweine im Stall Kinder aber hat er keine. Ich habe keine Kühe, keine Pferde, auch keine Schweine aber Kinder, Kinder, Kinder! Wenn ich Herrgott wär'! sagte der Johann Rothtann zum Pfarrer, als er sein sechstes Kind aumeldete. er Pfarrer hat darauf den Blick nach oben gewandt und gesagt:Lieber Mann, Gottes Ratschluß ist unerforschlich, Kinder sind des Hauses Segen, denn wo viele Kinder, da viele Gebete.

Betet sich was, Herr Pfarrer! Herrgott, nehmt mir's nicht übel, aber ich bin suchsteufels⸗ wild. Weshalb müssen auch wir Armen eins nach dem anderen kriegen? Wer kann denn das Brot all' herbeischaffen? Wenn ste nur noch einen Tausender mit auf die Welt brächten, dann ließ ich mir's eher gefallen. Aber so!

Mann, Mann, Ihr versündigt Euch! warnte der Pfarrer.

Ein halbes Jahr später dachte Rothtann an diese Unterredung. Der Pfarrer hatte recht gehabt, er hatte sich versündigt, Gott strafte ihn, denn sein Eheweib lebte schon wieder in guter Hoffnung.

In Gottes Namen, Johann, sagte die Marte, als sie ihm diese Offenbarung machte. Man kann's halt nicht ändern. Hab' auch gemeint, das Fritzchen sollte das Letzte sein. Ach Gott, die vielen Kartoffeln, die wir essen müssen!

Rechne einmal nach, wie das werden soll, entgegnete Johann.Jetzt liegen wir zu dritt in einem Bett, und die Kleinen liegen gar zu fünft. Drei oben und zwet unten. o soll denn das Siebente hin? Es ist kein Platz da, Marie, es ist kein Platz da!

Aber ich kann's doch nicht ändern, greinte die Frau. ö