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Nr. 9.

Mitteideutsche Sountags⸗Zeitung.

Seite 5.

etwas besser zu beaufsichtigen und ihm die Spielerei mit Schußwaffen zu untersagen.

Westerwald und Anterlahn.

* Eine Kreiskonferenz findet am Sonntag 26. Februar, für den Wahlkreis Limb urg⸗Diez in Niedershausen bei Weilburg statt. Damit ver⸗ bunden ist eine öffentliche Versammlung. Die Tages⸗ ordnung lantet: 1. Kassenbericht; 2. Bericht der Ver⸗ trauensleute; 3. Referat des Genossen Habicht über den Bergarbeiterstreik.

* Herr Direktor Vahlensieck von der Grube Konstanze in Langenaubach hat uns wegen der Ver⸗ öffentlichungen über den genannten Betrieb verklagt. Ob er damit klug getan hat, wird ja die Gerichts ver⸗ handlung erweisen. Seine Behauptung aber, daß in sozialdemokratischen Betrieben 13½ stündige Arbeitszeit massenhaft üblich sei, hat er bis heute noch nicht bewiesen. Vielleicht tut er's im Termin. Wie der Prozeß aber immer ausgehen mag besser wäre jedenfalls, Herr V. sorgte für gute Arbeitsverhältnisse in seinem Betriebe.

t. Ch ristlich- soziale Verdrehungskunst. Bekanntlich leisten die Christlich⸗Sozialen in Sozialisten⸗ Beschimpfung alles Mögliche, weil sie sachlich nichts gegen uns vorbringen können. Mit Vorliebe werden immer die einzelnen Genossen angepöbelt. So schrieb das Herborner Schleifsteinchen Dr. Burckhardt's kürzlich über Adolf Hoffmann⸗Berlin Folgendes:Es betrat die Zehn Gebote⸗Hoffmann(Soz.) die Rednertribüne, um seine Jungfernrede zu halten. Sie war auch danach. Der Clown des Reichstags. Bekanntlich hat Genosse Bebel unter allseitiger Zustimmung den Oberantisemitrich Liebermann von Sonneberg, der zur Zeit das schwierige Amt, als Burckhardts politischer Vormund bekleidet, als Reichsclown bezeichnet. Dr. B. suchte nun wahrschein⸗ lich noch einen Gegen⸗Vor mund, für den er offenbar Herrn Hoffmann ausersehen hat. Der wird sich aber für die zweifelhafte Ehre bedanken. Anders als das Herborner Schimpfblättchen beurteilt im Zentral⸗ organ der Christlich⸗ Sozialen, demVolk, Adolf Stein das Auftreten Hoffmanns. Dieser schreibt unter anderem:Der Genosse mit dem großen graumelierten Struwelpeterkopf... hielt seine Jungfernrede. Lang aber nicht langweilig, oft mußten auch die herzhaft lachen, die eigentlich gar nicht wollten. Dabei kommt . auch manche überwältigende Pointe heraus, wenn man so viel Mutterwitz besitzt

Herr Burckhardt muß natürlich alles, was von der Sozialdemotratie kommt, herunterreißen, um sich desto mehr zu beweihräuchern.

Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.

r. Die Marburger Innungsleute treiben in Bezug auf das Krankenkassenwesen eine recht nette Politik, die zum Schaden der Arbeiter aus⸗ schlagen muß. Man versucht durch Gründung von Innungskrankenkassen die Ortskrankenkasse zu sprengen, oder wenigstenstrocken zu setzen. Den Anfang machten die Bäcker, die seit 1. Januar eine Innungskranken⸗ kasse errichtet haben, doch können die Erfahrungen, welche die Herren damit in der kurzen Zeit gemacht haben, die andern Handwerksmeister kaum zur Nacheiferung anreizen. Es ist ja auch selbstverständlich, daß eine Krankenkasse, der im Ganzen 45 Gesellen, 56 Lehrlinge und 23 Brödchenträgerinnen angehören, nichts leisten kann. Aber die Herren haben nun einmal den Stolz, alles nach ihren Willen zu regieren, auch die Krankenkasse und kümmern sich wenig darum, ob die Versicherten Nutzen oder Schaden davon haben. Die Schreiner- und die Metzgerinnung wollen auch noch Kassen errichten und die Beamtenvereinigung will eine solche für Dienstboten schaffen. Was den Arbeitern durch eine solche Zersplitte⸗ rung für Schaden zugefügt wird, darüber denken die Wenigsten nach. Jeder vernünftige Mensch muß aber einsehen, daß solche Kassen absolut leistungsunfähig sind. Gerade auf diesem Gebiete kann eine Organisation desto mehr leisten, je größer sie ist. Sache der Arbeiter muß es daher sein, gegen die Gründung von Innungskassen entschieden Widerspruch zu erheben, sobald in irgend einem Berufe eine solche gegründet werden soll und alles zu tun, um ihre Rechte zu erhalten, die ihnen in der Ortskranlenkasse zustehen.

O Indirekte Steuern sind Steuern, welche die große Masse des Volkes belasten, wobei die Un⸗ kenntnis über die Steuerlast das drückende derselben im Volke nicht einmal so recht zum Bewußtsein kommt. Der Staat hat auf viele Leben sbedürfnisse der großen Masse schon ungeheuere Steuern gelegt und hinterher kommen dann noch die Kommunen, um noch mehr Steuern davon zu erheben. Unser städtischer Haushaltsetat weist an Einnahmen aus indirekten Steuern die schöne Summe von 88780 Mk. auf, also per Kopf der Be⸗ völkerung ca. 4,50 Mk., davon kommen vom Brannt⸗ wein 11800 Mk., vom Bier 16800 Mk., und vom Fleisch 33 700 Mk. Da durch diese indirekten Steuern die Lebensmittel immer mehr verteuert werden, so wird

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namentlich der Fleischgenuß im Haushalt des Arbeiters immer seltener und der Arbeiter sinkt immer mehr zur Familie derPflanzenfresser herab, dessen Haupt⸗ nahrungsmittel Kartoffeln und Brot sind.

OVolksbad nennt der städtische Haushalts⸗ etat etwas schönfärberisch eine Stelle der Lahn, die im Sommer zum Baden frei gegeben ist und wirft dazu die ungeheuere Summe von 65 Mk. aus. Dabei ist die betreffende Stelle als Badeplatz die denkbar schlechteste. Die Stadtverordneten⸗Versammlung würde sich bei der demnächstigen Etatsberatung ein Verdienst erwerben, wenn sie darauf dränge, daß entweder dieser Badeplatz besser ausgestaltet werde, oder die städtische Badeanstalt wenigstens an bestimmten Stunden völlig unentgeltlich benutzt werden könnte. 6

1 Ip einer Holzarbeiter⸗Versammlung am Montag sprach Gen. Vetters⸗Gießen über die Lage der Holzarbeiter. Diese sei in den letzten Jahren eher schlechter als besser geworden. Den Preissteige⸗ rungen der notwendigsten Lebensmittel sei keine Besserung der Löhne gefolgt. Meistens seien daran die Arbeiter selbst schuld, weil sie nicht auf Besserung hingewirkt und ihre Organisationen nicht vervollkommnet haben. Letzteres müsse unbedingt geschehen, sonst sei nichts zu erringen, denn die Arbeitgeber sind in der Zwangsinnung zu⸗ sammengeschlossen und wahren ihre Interessen. In der Diskusston wurden besonders die jämmerlichen Lohnverhältnisse besprochen. Löhne von 15 16 Mk. werden hler noch pr. Woche für verheiratete Leute ge⸗ zahlt! Dies könne nicht so weiter gehen, hier müsse unbedingt Wandel geschaffen werden. In geheimer Ab⸗ stimmung wurde darauf mit allen gegen 2 Stimmen beschlossen, folgende Forderungen an die hiesigen Schreiner⸗ meister zu stellen: 1. Erhöhung der Stunden⸗ und Akkordlöhne um 10 Prozent; 2. Ueberstunden sollen möglichst vermieden und mit 15 Pfg. Aufschlag pr. Stunde bezahlt werden; 3. Abschaffung von Kost und Logis beim Meister; 4. Samstags 9 stündige Arbeitszeit. Durch diese bescheidenen Forderungen, deren Be⸗ willigung von den Schreinermeistern erwartet wird, hoffen die Marburger Schreiner wenigstens eine kleine Besse⸗ rung ihrer Lage zu erreichen.

r. Wahlverein. In der am Samstag(25.) bei Jesberg stattfindenden Versammlung steht als erster Punkt ein Vortrag des Gen. Habicht-Frankfurt über Generalstreik auf der Tagesordnung. Ferner soll Neu⸗ wahl eines Schriftführers vorgenommen und über die Schillerfeier verhandelt werden. Die Parteigenossen wollen recht zahlreich erscheinen.

O Wehrda, unser Nachbardorf, dürfte der mit Kommunalsteuern am reichsten gesegnete Ort unseres Kreises sein, denn nicht weniger als 250 Prozent der Staatssteuer werden dort erhoben, also mehr als das doppelte wie in Marburg. Als bei der letzten Reichs⸗ tagswahl die sozialdemokratischen Stimmen in erfreulicher Weise stiegen, soll von einflußreicher Seite die Aeuße⸗ rung gefallen sein, daß die Arbeiter dies noch zu fühlen bekämen. Es ist nun natürlich nicht festzustellen, ob ein Zusammenhang besteht zwischen dieser Aeußerung und der Tatsache, daß nicht nur in Wehrda, sondern auch in Cappel, Ockershausen und anderen Orten, die Arbeiter aufs schärfste zur Steuer herangezogen worden find, während gutsituierte Bauern, deren Ein⸗ kommen nicht so leicht festzustellen ist, wie das der Arbeiter, bedeutend weniger Steuern zu zahlen haben. Für die Arbeiter in unseren Nachbardörfern Cappel, Ockershausen, Wehrda, Marbach, Cölbe usw. ergibt sich daraus die Lehre, sich mehr mit ihren Gemeindeange⸗ legenheiten zu befassen. Ste müssen schon jetzt sich ge⸗ eignete Leute aus ihrer Mitte aussuchen, welche sie beit der nächstjährigen Wahl in den Gemeinderat wählen. Ein Erfolg ist in diesen Dörfern für die dritte Wähler⸗ klasse unbedingt sicher. Das ist die beste Antwort für die hohen Gemeindelasten, deren Ertrag den Arbeitern am wenigsten zu Gute kommt.

In Kirchhain ist in der Nacht von Freitag auf Samstag ein 64 jähriger Handwerksbursche, der in derHerberge zur Heimat wegen Trunkenheit in christ⸗ licher Weise hinausgewiesen und dann im Wachtlokal untergebracht wurde, von den Nachtwächtern tot aufge⸗ funden worden. Es wird Herzschlag infolge Alkohol⸗ vergiftung vermutet. Der Mann war erst kürzlich aus der Arbeiterkolonie Ulrichstein entlassen worden. Bei der Ernährung, die dem armen Teufel zu teil geworden sein mag, wird's zur Vergiftung nicht viel gebraucht haben. Im Grunde ist doch die heutigeOrdnung daran schuld, daß der 64 jährige Greis sein unstetes Leben im Wachtlokal endete.

Pfäffische Sünder.

Dompropst Mal zy von Worms wurde am Dienstag Abend durch die dortige Gen⸗ darmerte ins Mainzer Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Malzy ist eines Stttliqkeits⸗ verbrechens beschuldigt. Gegen den 32 Jahre alten katholischen Pfarrer Korn brust

die Untersuchunge haft wegen Sitt 11 chketts⸗ verbrechens verhängt und ein Streckbrief erlassen worden.

Ein Amtsblatt⸗Redakteur

und zwar Herr Hans Rößler vomOschatzer Gemeinnützigen ist in Untersuchungshaft ge⸗ nommen worden, weil er widerrechtlich den Titel eines Doktors der Rechte führte. Außerdem soll ihm Betrug und Urkundenfälschung zur Last gelegt werden. Rößler spielte namentlich in konservativen Bezirksvereinen eine Rolle.

Dem Majestätsbeleidigungsparag raphen

ist in Lübeck durch einen schuftigen Denun⸗ zianten wieder ein Opfer zugeführt worden, oder eigentlich deren zwei. Im Juni 1900, als der Kaiser gelegentlich der Einweihung des Elbe⸗Trave⸗Kanals in Lübeck war, soll ein Arbeiter eine den Kaiser beleidigende Aeußerung gemacht haben. Als nun im vorigen Sommer eine Feindschaft zwischen diesem Arbeiter und einem anderen, der die angebliche Aeußerung gehört hatte, entstand, erfolgte die Denunziation durch den letzteren. Die Verhandlung vor der Strafkammer hatte das Ergebnis, daß der Angeklagte zu vier Monaten Gefängnis ver⸗ urteilt und ein dritter Arbeiter wegen Verdachts des Meineids verhaftet wurde. Wenn je ein Fall, so beweist dieser, wie notwendig die Be⸗ seltigung des Majestätsbeleidigungs⸗Para⸗ graphen ist.

Ein Kulturwerk naht sich seiner Vollendung: der Durchstich des Simplontunnels wird in diesen Tagen erfolgen.

Wieder ein Zuchthausurteil.

Vom Kriegsgericht in Saarburg wurden wegen sogenanntenAufruhrs zwei Soldaten zu je fünf Jahren Zuchthaus und zwei zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Partei-Nachrichten.

August Bebel hatte am Mittwoch seinen 65. Geburtstag. Möge unser bewährter Vorkämpfer noch recht viele Jahre mit gleicher Frische wie bisher für die Sache des arbeitenden Volkes wirken!

Die Sozialdemokratie Badens hielt am Sonntag in Offenburg ihren Parteitag ab, der von 77 Delegierten aus 55 Orten besucht war. Den Vorsitz führte Abg. Dreesbach. Nach dem Geschäfts⸗ bericht beträgt die Zahl der organisterten Parteimitglieder 7400, was eine Zunahme von 2000 bedeutet. In Baden gibts über 1000 sozialdemokratische Gemeinde⸗ vertreter und 5 Bürgermeister. Fast einstimmig wurde die Errichtung eines Parteisekretartiats beschlossen, für das Abgeordneter Eichhorn vorgeschlagen wurde,

Versammlungskalender.

Samstag, den 25. Februar, Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Sonntag. den 26. Februar. Gießen. Freie Turnerschaft. Abends 8 Uhr Zusammenkunft bei Dreher(im Pfau).

Für die streikenden Bergarbeiter gingen folgende Beträge ein:

Bei der Expedition der Mitteld. Sonntags Zeitung: Typographia Gießen(2. Rate) Mk. 27,20. Gesammelt in der Versammlung der freiwilligen Feuerwehr Lollar 10,..

Bei Fauth in Wetzlar; Liste 1609, 3,80(St. Krofdorf); L. 1611 muß 26,50 heißen, nicht 25,50 wie in Nr. 8 d. M. S.⸗Z. angegeben.

Um baldige Rücksendung der übrigen Listen wird gebeten.

Briefkasten. L. P.⸗Stfubg. In Hessen brauchen weder Ver⸗ eine noch Versammlungen angemeldet zu werden. Ein Vereinsgesetz existiert nicht und das Gesetz über das Versammlungsrecht vom 16. III. 1848 besagt kurz und bündig:Das Recht der Versammlungen zur Beratung über allgemeine politische oder Privatinteressen kann frei ausgeübt werden. Und Sie sehen, es geht bei uns ebenso gut, als in andern Bundesstaaten, wo immer ein Polizist dabei sitzen muß, wenn ein halbes Dutzend Leute sich über irgend eine Sache beraten will. Dabei

aus Berglicht an der Mosel, der flachlig ist, ist

spart Hessen noch einige Beamten.