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Seite 4.

Mitteldentsche Souutags⸗Zeitung.

Nr. 9.

Gutfleisch jedoch, daß auch ihm Klagen über die erwähnten Mißstände zu Ohren gekommen seien, daß man sich sogar im Kreise der Gießener Stadtverordneten darüber unterhalte und er mit dem Oberbürgermeister darüber gesprochen habe. Mit dem Versuch, die Sache so hinzu⸗ stellen, als ob man in Gießen entgegengesetzt der Behauptung des Abg. Dr. David von der Sache nichts wisse, war es also nichts und Dr. David hatte die Genugtuung, daß seine diesbezüglichen Angaben in einwandfreiester Form von einem nichtsozialdemokratischen Mit⸗ glied des Hauses selbst bestätigt wurden. Gar so leicht bringt man die böse Sozial demo⸗ kratie doch nicht zur Strecke!

Pon Nah und Lern.

Gießener Angelegenheiten.

DerFall Schädel in der Zweiten Kammer gab demGieß. Anzeiger Veran⸗ 1 ganze Fuhren pournalistischen Unrats auf die Sozialdemokratie und den Abg. David abzuladen. Wir haben auf die Art hingewiesen, wie das Amtsblatt die Affäre auszuschlachten bemüht ist. Sein Darmstädter Berichterstatter geht dabei mit schamlosen Fälschungen zu Werke. In dem Berichte über die Land⸗ tagsverhandlungen ist die ganze Rechtfertigung Davids unterdrückt, und nur die unwahre Behauptung der Regierung über dessen angeb⸗ liche Quelle wiedergegeben. So wird die öffent⸗ liche Meinung getäuscht. Wir haben oben eingehend die Sache dargelegt und unsere Leser können daraus ersehen, daß es mit derNieder⸗ lage undBlamage, die sich die Soziuldemo⸗ kratie, von der dieOrdnungsblätter fabeln, nichts ist. Ueberhaupt ist es ein Unsinn, hier von einer sozialdemokratischen Angelegenheit zu reden. Das ist sie einfach nicht und unser Genosse David hat schon in der Kammer da⸗ gegen protestiert, daß sie auf den parteipolitischen Karren geladen werden soll. Das haben aber die bürgerlichen Parteien und die Regierung etan und die Sache zu einer politischen Sen⸗ ationsaffäre aufgeputzt, um der Sozialdemo⸗ kratie eins 1 Es macht sich ja so wunderschön, sich siüttlich über dieverruchte Sozialdemokratie zu entrüsten, der nichts heilig ist! Doch die bürgerlichen Parteien und ihre Presse haben einen gehörigen Klapps aufs Maul bekommen. DieDarmstädter Ztg. berichtete nämlich, daßein Oberlehrer des Gymnastums zu Gießen der Schulabteilung angezeigt hat, daß die gegen den Direktor Schädel erhobenen Beschuldigungen indirekt von ihm stammen. Er habe schon vor längerer Zeit bei verschiedenen Gelegenheiten einem ihm verwandtschaftlich nahe⸗ stehenden Arzte Mitteilungen gemacht, die dieser ohne Vorwissen und gegen seine, des Ober lehrers, Absicht, dem Abg. Dr. David zur Verfügung gestellt habe. Direktor Schädel habe darauf eine Disziplinaruntersuch⸗ ung gegen sich selbst beautragt. Somit wäre also erreicht, was Abg. David erreichen wollte, nämlich eine unparteiische Untersuchung und Abstellung der etwa vorhandenen Mißstände. Darum hat er übrigens schon im vorigen Jahre privatim die Regierung ersucht, ohne daß etwas geschehen wäre. Genosse David hat da⸗ mit nichts weiter als seine Pflicht als Ab⸗ geordneter getan; seine Quellen und die Beweg⸗ gründe zu seinem Vorgehen wuren burchaus lautere, sein Gewährsmann ist vollkommen einwandfrei und steht dem polttischen Leben fern. Das wüste Geschimpfe der Amtsblatt⸗ presse richtet sich also von selbst. Ein Bauern⸗ bündler in der Kammer und ihm nach der Berichterstatter desGieß. Anzeigers beklagte, daß die Debatte über diese Geschichle der Kammer einen Tag und somit dem Lande Geld gekostet 2 50 Ei, ste sind doch sonst nicht so! Wollten e doch immer so rechnen! Bei tausend Gelegen- 1 1 55 sie sparen können; wie viel Tage ind beispielsweise schon mit der Wahlrechts⸗ vorlage vertrödelt worden, die längst erle⸗ digt sein konnte! Wo sich's aber um die In⸗ teressen der Besitzenden und ihren Vorteil

handelt, wird nicht nach den Kosten gefragt. Heuchlergesellschaft!- 5

Höchst unanständig benahmen sich am Sonntag Studenten, die im Kaiserhof eine Kneiperei abhielten. Einer derselben trat, nur mit Hemd und Unterhosen bekleidet, auf den Balkon heraus, verführte einen Heidenspektakel und rief die gemeinsten Worte herunter. Und das geschah zwischen 12 und 1 Uhr nachts! Poltzet war leider nicht in der Nähe, sonst würde sie wohl dem wüsten Treiben ein Ende gemacht haben, denn es wird ja sogar den Schulkindern eingeschärft, bei ihren Spielen auf der Straße am Tage!. keinen Lärm zu machen.

Das Gießener Gewerkschafts⸗ kartell wählte in seiner am vorigen Freitag stattgefundenen Sitzung den bisherigen Vorstand wieder, A. Bock als Vorsitzenden, H. Baum als Kassterer, als Bibliothekare Krausch, Homeyer und Pfund. Außerdem wurden Schreiber und Widera als Mitglieder zu dem Ausschuß für Volksvorlesungen gewählt. Getadelt wurde, daß eine ganze Anzahl Delegierten fehlten; nächstens sollen die Namen der Säumigen ver⸗ öffenthicht werden. Die nächste Sitzung wurde auf den 14. März festgesetzt.

Ein Eisenbahnunfall ereignete sich am Samstag früh auf der Fuldaer Strecke in der Nähe des Siechenhauses. Eine Anzahl Wagen eines Güterzuges, die sich losgehängt hatten, prallten auf den andern Teil auf und gingen in Trümmer. Menschen sind glücklicher⸗ weise nicht verunglückt.

Plötzlicher Tod. Im Volksbade verstarb am Donnerstag früh die Frau des Reichstagsabgeordneten Becker⸗ Sprendlingen an einem Gehirnschlage. Die Frau hlelt sich hier bei Verwandten auf.

Aus dem RAreise gießen.

Die Geburtstagsfeier des Bürger⸗ meisters von Großen⸗Linden und das, was wir darüber in voriger Nummer zu sagen uns erlaubten, hat uns eine im Pückler⸗Stil gehaltene Schimpf⸗Salve des Hirschelblattes in Friedberg eingetragen. Darüber regen wir uns nicht auf. Wüstes Schimpfen ist dem vom Junkerbund ausgehaltenen Organ zur Gewohnheit geworden und macht überhaupt den ganzen Inhalt dieses Papieres aus. In der Sache selbst sei noch bemerkt: Die Feier des 70⸗- oder 60 jährigen Geburts⸗ tages eines Mannes oder des 25⸗- oder 50 jährigen Dienst⸗ oder sonstigen Jubiläums mit solchem Aufwande, wie es hier geschah, läßt man sich noch gefallen. Außergewöhnlich ist aber eine solche Feier zum 50. Geburtstage. Und wenn Herr Leun so anspruchs⸗ los ist, wie ihn Hirschels Blatt hinstellt, so mußte er den Rummel ablehnen, Lächerlicher Personenkultus ist es und nichts anderes, das kommt auch in den lob⸗ hudelnden von uns vorausgesagten Zeitungsberichten zum Vorschein. Uebrigens hat nicht Hirschel selbst dieAnspruchslosigkeit Leun's kennen gelernt? Er könnte darüber ja ein Kapitel schreiben mit der Ueber⸗ schrift:Wie Leun zu einem Landtagsmandat kam.

8. In Heuchelheim feierte der Arbeiterbildungs⸗ verein am Samstag sein Winterfest, das den besten Verlauf nahm. Aug. Rinn's geräumiger Saal war bis auf den letzten Platz besetzt und für Unterhaltung sorgte ein reichhaltiges Programm. Die einzelnen Nummern desselben, die theatralischen Darbietungen, sowie die Vorträge der Gesangsabteilung unter der be⸗ währten Leitung ihres Dirigenten Gernandt fanden reichen Beifall. Besonders verdienen die geradezu groß⸗ artigen Leistungen der Turnabteilung des Vereins her⸗ vorgehoben zu werden. Erst am frühen Morgen endete die schöne Feier.

J. Trohe. Unser Arbeiter⸗Gesangverein feiert Sonntag, den 5. März sein 1. Stift ungsfest im Saale des Gastwirts Ph. Seipp. Es beginnt nachmittags um 4 Uhr und besteht in Konzert, Gesang, Deklamatlonen und Tanz. Von den Genossen unserer Nachbarorte wird erwartet, daß sie sich recht za hlreich zu unserm ersten Feste einfinden, um mit uns eintge vergnügte Stunden zu verleben.

Aus dem Rreise Alsfeld⸗Cauterbach.

Ueber die Wahl Dr. Wallaus als Reichs⸗ tagsabgeordneter für Alsfeld⸗Lauterbach hatte am 15. Februar die Wahlprüfungskommission des Reichstags zu befinden. Gegen die Wahl ist bekanntlich von den Antisemiten Protest erhoben worden, der sich hauptsäch⸗ lich auf die von amtlicher Seite betriebene Wahl⸗ beeinflussung stützt. Ueber die Verhandlung vor der Kommisston wird demOffenb. Abendbl. geschrieben,

daß die Kommisston zunächst die Protestangabe, nach

der viele Bürgermeister einen Wahlaufruf für Dr. Wallan, unter Beifügung ihres Amtstitels, unterzeichnet haben, für unerheblich erachtete. Dem hatte Abg. Geyer (Soz.) in der Debatte entsch eden widersprochen und aus⸗ geführt, welche Funktionen auch die hessischen Bürger⸗ meister zu erfüllen hätten; er bezeichnete ihren Einfluß als einen um so wirksameren, weil sie auf Grund des allgemeinen Wahlrechts gewählt werden. Uebrigens gebe man ja den hessischen Bürgermelstern die Wahl⸗ beeinflussung völlig frei, wenn man sie nach den Aus⸗ führungen des Abg. Lucas als nichtamtliche Personen betrachte.

Für erheblich wurde aber die Angabe erklärt, daß der Kreisamtmann Werner auf die Anfrage des Vor⸗ standes des Kriegervereins zu Langenhain, ob eine vom Kaiser dem Verein geschenkte Fahnenschleife am 16. August überreicht werden könnte, antwortete:Dies könne geschehen unter der Voraussetzung, daß der Kriegerverein Dr. Wallau wähle. Ebenso entschied die Kommission über den Fall im Kreise Lauterbach, wo der Kreisschulinspektor Andres die Lehrer seines Kreises versammelte und sie ermahnte, für Dr. Wallau zu stimmen.

Als noch bedeutsamere Parteinahme hielt die Kom⸗ misston die im Protest behauptete Tätigkeit des Kreis⸗ rates, Herrn Schönfeld aus Schotten, der in den Versammlungen, die Dr. Wallau im Kreise Schotten abgehalten hat, für Dr. Wallau öffentlich agttierte. Zwar hielten die nationalliberalen und konservativen Mitglieder der Kommission auch diese Angabe nicht für genügend substanttiert, aber die Mehrheit erklärte die positive Behauptung des Protestes für erheblich, die, wenn sie er wiesen, in Verbindung mit den vorher bezeichneten Fällen die Majorität der Stimmen für Wallau beseitigen und die Wahl ungültig ma chen würde.

Schließlich vertagte die Kommisston die endgültige Entscheidung über die Wahl Wallaus, weil noch die neueren Gesetze zur Feststellung des amtlichen Charakters der hessischen Bürgermeister durchgesehen werden sollen. Alle Verstöße zusammengenommen müssen aber zur Un⸗ gültigkeitserklärung des Wallau'schen Mandats führen.

Im übrigen ist zu gunsten des Dr. Wallau gear⸗ beitet worden, wie in dem Gießener, andern hessischen Kreisen für andre gutgesinnte Kandidaten auch. Darauf haben wir schon öfters hingewiesen. Polizeidiener, Nacht⸗ wächter, Bürgermeister, Kreisamtmann und Kreisrat haben sich in den Dienst derguten Sache gestellt, Und außer den Lehrern gehörten zu denjenigen, denen besonders gutzugeredet worden ist, natürlich die Kriegervereinler. Bekanntlich ward Herr Dr. Wallau gegen den Antisemiten Bindewald gewählt. Wallau er⸗ hielt im ersten Wahlgange 5642, Bindewald 5472, unser Genosse Dr. Michels 1084 Stimmen. Die Ent⸗ scheidung lag und liegt auch in Zukunft bei unsern Genossen. Da Herr Wallau inzwischen zu dem Bunde der Landwirte hinübergewechselt ist, seinem antisemitischen Gegenkandidaten Bindewald also gar nichts mehr vor⸗ aus hat, so dürfte es bei zukünftigen Wahlen für unsere Genossen kaum einkleineres Uebel geben, sobald nur zwischen den Herren Binde wald und Wallau zu ent⸗ scheiden wäre. 0

Aus dem Rreise Wetzlar.

h. Kein Kaufmannsgericht in Wetzlar Die Hand elskam mer hat abermals die Bedürfnisfrage für Errichtung eines Kaufmannsgerichtes für den Kreis Wetzlar verneint. Daß für die Herren, die in der Handelskammer sitzen, ein Bedürfnis nicht besteht, glauben wir gerne. Desto mehr aber für die Ange⸗ stellten.

h. Der Christlich⸗Soziale Behrens hat am Samstag in Nauborn und am Montag in Burg⸗ solms Agitatlonsversammlungen abgehalten. In letz⸗ terem Orte trat ihm unser Gen. Diener⸗Frankfurt entgegen. Dessen Ausführungen wurden mit großem Beif all aufgenommen, Herr Behrens fand aber sast gar keine Zustimmung. Auffällig war das Verhalten der Burgsolmser zu ihrem Seelenhirten. Dieser saß nebst seinem Bruder allein an einem Tisch. Trotzdem Platz⸗ mangel war und aufgefordert wurde, daß die Leute fich an den Tisch des Pfarrers setzen sollten, machte niemand davon Gebrauch. Das Verhältnis zwischen Hirt und

Heerde scheint also nicht besonders innig zu sein. Die

Ernte des Stöckerjüngers dürfte im ganzen recht mager ausfallen. In Nauborn war die Versammlung in das Zimmer des Bürgermelsters einberufen, fand aber dann in einer Wirtschaft statt.

Die Strafkammer hatte am Mittwoch den Fall mit der Revolverschießerei vom November vorigen Jahres, der ein Menschenleben zum Opfer fiel, abzu⸗ urteilen. Angeklagt war der Eymnastast Och. Amend, Sohn des Besitzers der Lahnmühle der fahrlässigen Tötung. Er wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, der mitangeklagte Knecht, den Herr Amend nachher ent⸗ ließ, freigesprochen. Wle wir schon früher betonten, wäre es Sache des Vaters des Schülers gewesen, diesen