Ausgabe 
26.2.1905
 
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Nr. 9.

Mitteldeutsche Sonutags⸗Zeitung.

Seite 7.

Ja, so ist es, greinen könnt ihr Weibsleut',

aber bedenken könnt ihr nichts. Wo nehme ich denn die Taufpaten her? Unsere Verwandtschaft ist aufgebraucht, unsere Bekanntschaft auch. Soll ich gar den Dürgermeister und den Hof⸗ bauer um die Gevatterschaft ansprechen? Kreuz⸗ element! das ist eine windige Geschicht'! Ich tu' nicht mehr mit, schalt der Mann.-

O, du mein Gott, was du für ein Mensch bist! Wenn's nur ein Mädchen wird.

Wie was? Ein Mädchen! Für was hab' ich denn sechs Buben, wenn nicht auch das Siebente ein Bub sein soll? Sieben Buben, da hebt den siebenten der Herzog, und es gibt ein ordentlich Stück Geld. Frau mach' mir leine Geschichten, es muß ein Bube sein.

Frau Marie hat darauf die Achseln gezuckt, als ob ste hätt' sagen wollen:Wie's kommt, so kommt's.

Natürlich, euch Weibsleut' ist ja alles einerlei, was fragt ihr darnach. Aber wir Männer! Da, sieh' dir doch'mal die zer⸗ schundenen Knochen an! Woher hab' ich denn meine steifen Beine? Wer ist denn Schuld daran, daß ich's im Kreuz hab', wie ein alter Mülleresel? Wie's Vieh muß unsereiner schaffen, wenn er rechtschaffen seinen Trabanten die Mäuler mit Brot und Kartoffeln stopfen will. Himmeldonnerwetter! fluchte der Mann.

Johann, Johann, das viele Fluchen! Und schnupfen tust du auch, hat der

So, der Pfarrer hat's gesagt! Natürlich, der kann ja das Zeug nicht ausstehen. Der ist gegen jed' Vergnügen. Deshalb wird aber doch geschnupft. Die einzige Freud', die man noch auf der Welt hat, versetzte der Mann und zog ein blaues Dütchen aus der Tasche. Zu einer Schnupftabaksdose hatte er es noch nicht gebracht.

Als er eben die Finger in dieSchweinerei, wie der Pfarrer Berthold Schwarz den Schnupf⸗ tabak nannte, tunkte, trat der Polizeidiener ein. Nachdem derselbe sich ebenfalls mit einer Prise versehen, sagte er:Rothtann, du sollst einmal zum Schultheiß kommen.

Von wegen was denn? fragte Rothtann.

Genau kann ich dir das nicht sagen, er⸗ klärte der Polizeidiener,aber mir schwant so was. Du hast doch ein Gesuch gemacht um Unterstützung durch die Gemeindekasse. Des⸗ wegen wird's wohl sein.

Rothtann senkte ein wenig den Kopf.Die Eingabe hab' ich freilich gemacht, aber du kannst mir's glauben, ich hab's nicht gern getan. Wenn man sechs lebende Jungen hat und Aussicht auf das Siebente vorhanden ist und man hat außer seinen zwei Händen nichts, dann könnt's passieren, daß einem das Häuschen verkauft würde, weil man nicht mehr imstande ist, achtzehn Gulden jährlich für Hypothekzinsen aufzubringen. Wenn ich nur die aus der Ge⸗ meinvekasse haben könnte ein paar Jahre lang, bis die Kinder aus dem Dreck sind.

Der Mann des Gesetzes nickte.Glaub' dir's schon, und es wäre keinem lieber, wie mir, wenn dir das Gesuch bewilligt würde. Man weiß ja, wie du schaffst.

Der Schultheiß hieß Rothtann niedersetzen, als dieser erschien. Ein Weilchen noch blätterte das Ortsoberhaupt in einem Schriftstück, dann nahm er die Hornbrille von der Nase und sagte: Rothtann, Ihr habt ein Gesuch eingereicht. Heut' war es vor dem Gemein erat.

Und der? fragte der Mann gespannt.

Ihr wollt mit achtzehn Gulden jährlich unterstützt sein. Der Gemeinderat hat das Gesuch nicht bewilligt, erklärte der Schultheiß.

Rothtann stand auf und griff nach seiner Mütze.

Dann mag's gehen, wie Gott will, sagte er.Wenn mir das Häuschen verkauft wird ich kann's nicht halten.

Gemach, setzt Euch ein bißchen, Rothtann, versetzte der Schultheiß und zog den Bittsteller am Kutel auf den Stuhl nieder.Wir haben Eure Sache reichlich besprochen, aber wir kounten zu keinem andern Beschluß kommen. In Dingskirchen gibts eine ganze Anzahl armer Männer, die genau in Euren Schuhen stehen. Wenn die auch gekommen wären! Ihr müßt

einsehen, daß das die Gemeinde nicht fertig gebracht hätte. Ich muß Euch aber auch etwas im Vertrauen sagen, lieber Rothtann: ganz unschuldig seid Ihr an Eurer Lage nicht.

Wie so? fragte der Mann.

Wie so? wiederholte der Schultheiß.Ihr . e Kinder, und das Siebente kommt

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Dafür kann ich nichts. Wie haben halt das Glück. Da müßt Ihr Euch an unseren Herrgott wenden, rief Rothtann.

Der Schultheiß aber klopfte ihm auf die Schulter und sagte:Nein, an Euch muß ich mich wenden. Ich hab' nur zwei Kinder und bin ein reicher Mann. Aber merkt's Euch, ich könnte auch ihrer sechs und noch mehr haben. Versteht Ihr? So viel man ernähren kann, mehr nicht.

Rothtann lachte bitter. ich nicht sein.

Darauf lachte der Schultheiß. Und dann neigte er sich zu dem gesegneten Familienvater und flüsterte ihm etwas in's Ohr.Habt Ihr verstanden? fragte er.

Rothtann kratzte sich am Kinn.Woher hätt' ich das wissen können? Das hättet Ihr mir früher sagen sollen. Jetzt ist's halt ge⸗ schehen.

Für kommende Fälle, erklärte der Schult heiß.Ich muß Euch aber noch etwas mit⸗ teilen, von dem der Gemeinderat gesprochen hat. Nächstens wird einer der Nachtwächter⸗ posten frei. Er bringt dreißig Gulden jährlich ein. Wollt Ihr den Posten nicht vielleicht übernehmen? Wir dachten, dann wär' Euch geholfen, auch ohne daß man Euren Kindern später den Vorwurf machen könnt: Ihr seid aus der Gemeindekasse ernährt worden.

Der Bittsteller dachte einige Augenblicke nach. Ich schaffe von morgens, wann's hell wird, bis in die dunkle Nacht. Ich schaffe mehr wie ein Gaul. Ob ich da auch noch nachts auf der Gasse herumgehen kann?! Es ist ein bißchen viel von einem Menschen verlangt, meinte er.

Ich weiß, daß Ihr Eure liebe Not habt, sagte der Schultheiß.Aber was ist sonst zu machen? Ich glaube, Ihr könnt die Nachtwache ruhig annehmen. Es sind ja jetzt zwei Nacht⸗ wächter da. Der eine bleibt bis zwölf Uhr auf den Gassen und der andere von zwölf bis vier Uhr. Im Sommer nur bis drei Uhr. Meint Ihr nicht, daß Ihr das fertig bringt?

Ich will mir's bis morgen überlegen, antwortete Rothtann,morgen sag' ich Euch Bescheid

So heilig kann

(Schluß solgt.)

Allerlei.

Terpentin gegen Jufluenza.

Als die Influenza, so schreibt man der in Unterhallau erscheinendenKlettgauer Ztg., 1890 in ganz Europa grassterte, blieb auch unsere Gemeinde(Madretsch) nicht von dieser heimtückischen Krankheit verschont. Hierbei konnten folgende interessante Beobachtungen ge⸗ macht werden. In der Nähe meines Eta⸗ blifsements befanden sich vier Fabriken, drei derselben waren Uhrenufabriken, die vierte eine Uhrengehäusefabrik. Von den Arbestern der erstgenannten drei Fabriken erkrankten viele, und eine nicht geringe Anzahl starb. In der Uhrgehäusenfabrik dagegen kamen gar keine Erkrankungen vor. Das war mir ein Rätsel, und ich versuchte, der Sache auf den Grund zu kommen. Ich kam bei meinen Nachforsch⸗ ungen auf folgendes: Beim Drehen der Metalle in der Uhrengehäusefabrik wird Terpentin ver⸗ wendet, dieses erwärmt sich hierbei und ver⸗ dunstet, die Arbeiter atmen die mit Terpentin erfüllte Luft ein, und dieses muß vor An⸗ stekung durch Jufluenza schützen. Seit jener Zeit wird immer in der besreffenden Fabrik Terpentin auf dem Ofen verdampft, und ist auch nie ein einziger Iunfluenzafall vorgekommen. Daß in den Wohnungen diese Vorbeugungsmaß⸗ regel mit Erfolg angewendet wird, ist bekannt, ebenso, daß das Einatmen von Wasserdampf mit Terpentindunst auf angegriffene Luftwege löseud einwirkt.

Ueber den Alkoholgenuß der Kinder spricht sich der bekannte Berliner Pspychiater Professor Dr. Ziehen, Direktor der Klinik für psychische und Nervenkrankheiten, in seiner jüngst in zweiter Auflage erschienenen BroschüreUeber den Einfluß des Alkohols auf das Nervensystem wie folgt aus:Das kindliche Nervensystem ist für die nachteiligen Wirkungen des Alkohols unendlich viel empfindlicher. Kinder bis zum 15. Lebensjahre sollen überhaupt keinen Alkohol in keiner Form und bei keiner Gelegenheit erhalten. Es ist geradezu ein Ver⸗ brechen ich kann den Ausdruck nicht mildern , wenn Kindern täglich ein bestimmtes Alkohol⸗ quantum verabfolgt wird. Wie ganz anders das kindliche Nervensystem auf Alkohol reagiert, können Sie schon daraus ersehen, daß ein mit dem Delirium tremens fast genau überein- stimmendes Krankheitsbild bei Kindern schon nach einmaligem stärkeren Alkoholgenuß auf⸗ treten kann, während das Delirium tremens Erwachsener nur auf dem Boden des chronischen Alkoholtsmus vorkommt. Auch die Tatsache, daß der Rausch im Kindesalter sehr häufig von Konvulstonen begleitet ist und nicht selten tötlich endet, gehört hierher. Dabei schweige ich ganz von den extremen, übrigens auch nicht gar so selteuen Fällen, wo Kindern in den ersten Lebensjahren von gewissenlosen Eltern oder Dienstmädchen Branntwein in irgend einer Form zur Milch zugesetzt wird, um sie zu be⸗ ruhigen. Ich könnte Ihnen mehr als einen Fall mit allen Einzelheiten und den sehr schweren Folgeerscheinungen mitteilen. Es mutet den Sachverständigen geradezu lächerlich an, wenn er beobachtet, wie dieselben Eltern, welche über eine Zigarre im Munde des 12 jährigen Jungen in die größte Entrüstung geraten, dem⸗ selben Jungen täglich sein Bier vorsetzen. Ich will gewiß nicht das Rauchen der Kinder be⸗ fürworten, aber ich möchte Sie nux daran er⸗ innern, daß das kindliche Nervensystem unter dem gewohnheitsmäßigen Genuß selbst kleiner Alkoholdosen jedenfalls ganz ebenso sehr, wenn nicht noch viel mehr leidet. Nach meiner Er⸗ fahrung bereitet zahlreichen Nerven- und Geistes⸗ krankheiten, welche in der Pubertät auftreten, der gewohnheitsmäßige Alkoholgenuß im Kindes⸗ alter den Boden vor.

Von den gewaltigen Kräften,

die erforderlich sind, um die großen transat⸗ lantischen Riesendampfer über den Ozean zu bewegen, gewinnt man erst eine richtige Vor- stellung, wenn man hört, daß die Maschinen der drei bekannten Schnelldampfer: Kaiser Wilhelm II., Kronprinz Wilhelm und Kaiser Wilhelm der Große des norddeutschen Leoyd in Bremen zusammen nicht weniger als 107,000 Pferdekräfte entwickeln. Der Kaiser Wilhelm I. allein verfügt über 43 bis 46,000 Pferbekräfte, die auf einer Reise von und nach Newyork un- unterbrochen tätig sind. Die Bedeutung dieser riesigen Maschinenleistungen tritt noch mehr hervor, wenn mau sich vergegenwärtigt, daß die gesamte Kavallerie von Preußen, Sachsen, Württemberg und Bayern nur 66,000 Pferde ins Feld zu stellen vermag.

Humoristisches.

Kindermund. Der kleine Kurt hat öfters Ge⸗ legenheit, Augenzeuge von ehelichen Szenen seiner Eltern zu sein, bei denen sich das Familienoberhaupt meist in der Defensive befindet. Eines Tapes zupft er die Mutter am Kleide und fragt:Sag', Mama, wenn ein Mann immer sehr brav ist muß er bann auch heiraten?

Im russischen Generalstab.Erzelleng, eben kommt die Meldung, daß wenigstens in der Papier- Industrie die Arbeit zum Teil wieder aufgenommen wurde. Sollen nun erst die Helligenbilder fertig⸗ gestellt werden oder die Schuhe für die Mandschurel⸗ Armee?(Ult.)

7 Bemüht Parteifreunde! coc ses nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Gueres Blattes, der

Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!