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striellen Moskaus, als wären sie seine Leib⸗ eigenen. Seiner Umgebung und seinen Unter⸗ geordneten gegenüber war er roh und brutal wie ein Stallknecht. Die letzten Tage seiner Herrschaft zeichneten sich dadurch aus, daß er das rote Kreuz oder besser die unglücklichen russischen Soldaten um viele Millionen bestohlen hatte.
So kann man die Hinrichtung als Vergel⸗ tung für die scheußlichen Verbrechen auffassen, welche dieser Bluthund persönlich auf dem Gewissen hat und die er durch seine Schergen und Mitverbrecher ausführen ließ. An ihm ist ein gerechtes und sogar mildes Urteil voll⸗ streckt worden. Mögen Heuchler und Pharisäer Krokodilstränen vergießen, um das durchlauch⸗ tigste Blut, das da vergossen wurde, wir sagen ruhig mit Sasonow, der den Mordbuben Plehwe getötet: Bedauerlich ist nur, daß der schuldlose Kutscher sein Leben einbüßen mußte. Ein per⸗ verser Unmensch, der Männer und Frauen peitschen läßt, hat kein anderes Recht als das, zertreten zu werden wie Ungeziefer.
Wie die deutsche Sozialdemokratie, verwirft auch die russische den politischen Mord. Das ist oft genug klar und deutlich ausge⸗ sprochen worden. Nicht die Beseitigung einzelner Menschen führt zum Ziele, zur Befreiung der Arbeiterklasse, sondern die sozialistische Aufklä⸗ rung der Massen. Das weiß jeder denkende Arbeiter. Der Zustand der Rechtlosigkeit in Rußland macht aber solche Taten erklärlich, sie sind notwendige Folgen des Blutregiments, Akte der einfachen Notwehr.
Die Revolution in Rußland.
Aus Warschau
werden Massenhin richtungen gemeldet. Auf Anordnung des Gouverneurs Tschertkow seien 150 Arbeiterführer am Donnerstag an eine Mauer gestellt und durch mehrere Salven einer Militärabteilung getötet worden, ohne daß vorher ein Richterspruch gegen sie ergangen wäre. Gegen die Urheber solcher Massenmorde ist doch die grimmigste Notwehr erlaubt!
Aufruhr im Kaukasus.
Die Völkerstämme des ganzen Kaukasus⸗ gebietes sollen sich gegen Rußland in Rebell ion befinden. Das Militär sei zerstreut. In Baku, der Petroleumstadt, fordere der Kampf entsetzl ich viele Opfer, die Straßen seien mit Haufen von Leichen angefüllt.
Ueber das Moskauer Attentat
wurden noch folgende Einzelheiten berichtet: Der Großfürst Sergius fuhr kurz nach 3 Uhr aus dem Museum für Geschichte im geschlossenen Wagen nach dem Kreml zurück, wo er seit dem Ausbruch der Unruhen gewohnt hatte. Geheim⸗ polizisten folgten ihm in zwei Droschken nach. Der Kutscher fuhr sehr schnell, wie es seine Gewohnheit war, da der Großfürst, der immer Furcht hatte, auf der Straße ermordet zu werden, ihm den Auftrag gegeben hatte, mit 10 Schnelligkeit durch die Stadt zu fahren. Is sein Wagen das Micholski⸗Tor passterte, kam ein luxuriös ausgestatteter Schlitten von einem trabenden Pferde gezogen, von der ent⸗ ande Richtung. Auf dem Schlitten aßen drei Männer: ein Kutscher und zwei Insassen. Der Kutscher trug das gewöhnliche Kostüm eines Droschkenkutschers und die beiden Insassen waren ziemlich sckäbig gekleidet. Eine kurze Strecke, bevor der Schlitten dem Wagen des Großfürsten begegnete, blieb er stehen, und zwar genau in dem Augenblick, als der Wagen des Großfürsten bei ihrem Schlitten vorbeifahren wollte. Einer der Männer zog eine Bombe, die er unter dem Pelzmantel versteckt hatte, und warf sie kühl und bedacht in der Richtung des großfürstlichen Wagens. Die Bombe war gut gezielt und explodierte sofort. Die Kraft der Explosion war ungeheuer. Dichter Rauch verhüllte die Szene des entsetz⸗ lichen Vorganges. Als der Rauch verging, merkte man, daß der Wagen in hunderte Stücke zerrissen war. Es war nichts übrig
Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.
eblieben als die Stangen und die beiden orderräder. Die Leiche des Sergius war fürchterlich zerstückelt. Teile des Kopfes, ein Arm und ein Bein wurden gefunden, während die übrigen Teile seines Leichnams derart mit den Trümmern des Wagens und den Fetzen seiner Kleider vermengt waren, daß sie nicht auseinander zu trennen waren. Der Kopf war vollständig zerschmettert, und nur Teilchen des Gehirns waren auf dem Pflaster zu finden; ste wurden von einer Frau gesammelt und dem Polizeikommissar übergeben. Durch die Exploston wurden 64 Fenster des Justizpalastes zertrümmert. Die Bergung der Leichenteile nahm eine geraume Zeit in Anspruch. Der Hauptmann der Kremlwache leitete diese Arbeik, welche dadurch erschwert wurde, daß von einzelnen Trümmern des zerschellten Wagens Muskelstücke und Knochensplitter losgelöst wer⸗ den mußten. Die Schädeldecke wurde notdürftig zusammengestellt.
Der Kutscher wurde einige Meter weit ge⸗ schleudert und fiel auf das Trottolr; er starb einige Minuten später unter entsetzlichen Leiden. Die Pferde des Wagens waren durchgegangen und zogen die beiden Vorderräder mit, bis sie gegen eine Mauer, 2 Kilometer von dem Tatort entfernt, stießen.
Russische Greueltaten.
Von furchtbaren Bluttaten der zarischen Schergen wurde dem„Vorw.“ aus Mohil ew am Dniepr berichtet. Wir entnehmen diesen Schilderungen, die unserm Zentralorgan durch Privatbriefe mitgeteilt wurden, nur das Folgende. Vom 5. Februar wird berichtet: Bei uns in Mohilew ist das mittelalterliche Foltersystem wieder eingeführt worden. Nach den Peters⸗ burger Ereignissen brachen hier einige kleine Streiks aus, und Donnerstag am 2. Februar sollte eine Demonstration stattftnden. Sie blieb aber aus, da in allen Höfen Militär versteckt war. An diesem Tage begann die Orgie der Polizeibestlalität. Ohne jedweden Anlaß wur⸗ den friedliche Passanten von der Straße her nach der Polizeiwache geschleppt und dort in der barbarischsten Weise zu⸗ gerichtet. Kalt und absichtlich wurden den Unglücklichen Arme und Beine ge⸗ brochen. Am Freitag und am Sonnabend wurden zirka 100 Personen auf diese Weise zu Krüppeln gemacht.
Die Folterprozedur ging folgendermaßen vor sich. Man brachte erst die unglücklichen Opfer zum Polizeileutnant und dort wurden ihre Namen notiert. Dann begegnete ihnen an der Treppe eine Gruppe Polizisten, welche sie bis zur Bewußtlosigkeit schlugen; nachdem man die Opfer halb zu Tode geprügelt hatte, warf man sie die Treppe hinunter, wo ste von einer anderen Gruppe Polizisten empfangen wurden, welche mit blankem Säbel auf ste einhieb. Endlich lieferte man ste den im Hofe postierten Soldaten aus, welche mit ihren Gewehren den Unglückseligen die Augen aus⸗ stachen, Arme, Beine und die Finger an der Hand brachen. Ein unbeschreibliches Stöhnen und Schreien war auf der ganzen Straße zu hören. Aber es war unmöglich, ihnen zu helfen. Zwei Aerzte wandten sich an den Polizeimeister, aber derselbe schrie ste mit den Worten an:„Ich kenne Euch, Ihr seid alle Demokraten. Man sollte Euch tüchtig durchbläuen. Jetzt ist, Gott sei Dank, andere Zeit. Swiatopolk ist nicht mehr Minister!“
Einige junge Mädchen wurden in schimpf⸗ lichster Weise behandelt, einige wurden fist zu Tode gepeitscht. Eine ohne Bewußtsein Daliegende warf man den Hunden vor. Einige Opfer liegen bereits in der Todes⸗ agonie. Die übrigen sind alle Krüppel.
Und in einem andern dem Vorwärts zur Verfügung gestellten Briefe, der diese Scheuß⸗ lichkeiten bestätigt, heißt es:„Seit der Berufung Trepows und der damit signalisterten Rückkehr zur rohesten Reaktion ist der friedliche Bürger unserer Gouvernementsstadt mit einem Schlage außer Schutz und Gesetze gestellt worden, Männer aller Stände, die harmlosesten, werden ohne irgend einen Grund und ohne die mindeste
Veranlassung und Verantwortlichkeit vom nied⸗ rigsten Poltzisten öffentlich geschlagen.
Die Polizei ist immun. Gerichtliche Klagen sind zwecklos; in solchen Fällen wird der Spieß gegen den Kläger gedreht. Am vorigen Sonn abend erwartete man Protestdemonstratione und die Polizei ging eifrig ans Werk. In
Scharen arretierte sie Arbeiter und Arbeiterinnen dul die so viehisch geschlagen wurden, daß Re man es in den nicht sehr fern gelegenen Häusern an vor dem flehentlichen Hilferufen und e Gestöhne der Gemarterten nicht aus. I halten konnte. Viele Leute, die sich auf ie n der Straße angesammelt hatten, standen hilflos dn da und weinten. Am anderen Tage kam eine 1 Demonstration doch zustande, an der die Jugend 6 der Lehranstalten, des Gymnastums und der de Realschule teilnahmen. Was die Polizei hier⸗( bei für Heldentaten verübte, spottet jeder Be⸗ gt schreibung. Ein Realschüler, der nur ein Bein Jo hat, wurde geschlagen und durch die Straße 0 eschleift, weil er nicht schnell genug mit den a. Poltziten mitlaufen konnte. Ein anderer, den J die Polizei selbst keiner Schuld zeiht, wurde der mit Säbeln auf den Kopf geschlagen, daß er au erst heute aus der Gefahr heraus ist. Ein 1 Arbeiter ist im Krankenhaus am anderen Tage i estorben. Wird einer auf der Straße arretter 0 85 kommt er auch gleich um seine ganze Bar⸗ a1 schaft. Ein Arbeiter, der kurz nach der De⸗ li monstration in der Arbeitsschürze nach d N Tagesmühe mit einem Sümmchen von 3 Rube de 75 Kopeken nach Hause zurückkehrte, wurde v 19 einem Poltzisten aufgehalten und etwa ei 9. halbe Stunde lang blau geschlagen und dann 9 mit leeren Taschen entlassen. 1 90 Die Polizei sieht die ganze Bevölkerung als 0 ihre tatsächlichen Sklaven an und der geringste 0 Polizist vermag im Handumdrehen eine ihm 1 mißfällige Person zugrunde zu richten. 5 N Leben, Hab und Gut, unsere Ehre ist in den 0 Händen des Poltzisten. In der Stadt herrscht 1 eine wahre Panik. Wer aus dem Hause geht,. ist nicht sicher, daß er glücklich zurückkehrt.“ Es wird noch hinzugefügt, daß diese Schilde⸗ dit 115 noch weit hinter der Wirklichkeit zurück⸗ n. bleiben. Zweifellos hat man es hier mit Tat- erg sachen zu kun; ähnliche Bestialitäten der russi?⸗ in schen Polizel⸗Hallunken wurden früher schnn V. öfters berichtet. Man muß sich nur wundern, llt daß die Bevölkerung nicht zur Selbsthilfe greift und die entmenschten Henkersknechte einfach wie tolle Hunde niederschießt! i 11 Zar Nikolaus wird kindisch. 0 Unserm Zentralorgan wurde von einer gut S unterrichteten Persönlichkeit aus Petersburg di geschrieben:„Der Kaiser ist in einem üblen 9 Zustande. Die Minister beklagen sich, daß er 1 immer mehr dem zufälligen Einflusse unbe- 6 kannter Menschen zum Opfer fällt: immer tt mehr weint er und betet er. Der Eisen bahnminister Fürst Chilkoff erscheint vor ihm, dein er hört kaum den Vortrag des Ministers zu die und in der Mitte unterbricht er ihn:„Haben ba Sie den Neugeborenen gesehen?“ Der 80 Minister wird ins Kinderzimmer geführt. Um das ganze Bett des Kindes herum hänge kleine Heiligenbilder. In die Hand d 1 Süuglings wirr ein Bildchen des heilige Serafim von Saroff hineingelegt. Der e al staunte Minister erhält mit Respekt das Heili 100 tum aus der Hand des Säuglings und 5 weg, ohne den Vortrag beendet zu haben. f Den Vorträgen der Minister hört er kaum zu, l er hat aber Zeit genug, um jetzt sowie in den ge früheren Jahren den Kaiserinnen lange alte 0 historische Materialien vorzulesen.“ Und ein 0 solcher Mann bestimmt über das Schicksal von I Milltonen Menschen! 9 e e eee ene Politische Rundschau. Gießen, den 23. Februar 1905.% 0
Der Reichstag
hat nach der ersten Lesung der Handelsvertri einige Tage Pause gemacht. Montag wurden UI die Handelsverträge in zwester Lesung„berate
und fast ohne Debatte angenommen. 0


