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Nr. 9.
Gießen, den 26. Februar 1905.
12. Jahrgang.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Sonnt
Mitteldeutsche
Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
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Agrar⸗ und Industriestaat.
Der Reichskanzler Hohenlohe nannte Deutsch⸗ land gelegentlich einmal zum großen Verdruß der Agrarier einen Industriestaat. Heute sprechen die Regierungsvertreter von Deutschland als von einem Agrar- und Industriestaat. Es ist müßig, darüber zu streiten, ob der eine oder der andere Ausdruck richtig ist. Ein Industriestaat im Sinne Englands ist Deutsch⸗ land keinesfalls, denn dazu ist die Schichte der landwirtschaftlichen Bevölkerung viel zu breit. Worauf es bei dem ganzen Streite, der mit den erwähnten Schlagworten geführt wird, ankommt, ist die Frage: muß bei den heutigen Berhälttnissen die deutsche Wirtschaftspolltik mehr d je industriellen oder die agrarlschen In⸗ teressen fördern? Und diese Frage findet sehr leicht ihre Beantwortung dadurch, daß man die Art und Weise, wie der Bebölkerungs⸗ zuwachs des deutschen Reiches existenzfähig ge⸗ macht wird, in den Mittelpunkt der Erörle⸗ rung zieht.
Deutschland vermehrt sich jedes Jahr um ca. 900,000 Menschen. Für sie muß Nahrungsspielraum geschaffen werden. Wäre die Landwirtschaft im stande, jedes Jahr einem solchen Zuwachs an Menschen eine Existenz zu gewährleisten, so könnte man vielleicht die zoll⸗ politische Fürsorge der Regierung für die Landwirtschaft einigermaßen verstehen. Aber es steht fest, daß die Landwirtschaft nicht in der Lage ist, den Bevölkerungszuwachs in sich dufzunehmen. Zugegeben soll werden, daß zur Beseitigung der Leutenot vielleicht ein bis zwei Jahrgänge des Zuwachses von der Landwirt⸗ haft ernährt werden könnten. Aber darüber inaus ist die deutsche Landwirtschaft mit Menschen vollständig gesättigt. Ja die wahr⸗ sheinliche Weiterentwicklung ist die, daß in der Zukunft infolge von vermehrter Anwendung der Maschinenarbeit an menschlicher Arbeits⸗ raft noch Ersparnisse zu machen sind. Die Fntvölkerung des platten Landes, der steigende zuzug nach den industriellen Zentren und Groß⸗ füdten ist der beste Beweis, wie unmöglich zurzeit ine steigende Anstedelung in den rein ländlichen Iizirken ist. Gewiß braucht es nicht immer J zu bleiben, aber augenblicklich haben wir ut der Tatsache zu rechnen, daß in absehbarer it keine wesentliche Aenderung in dem Gang keser Entwickelung eintreten wird. Die 900,000 Nenschen, die jährlich dem deutschen Reiche zu⸗ nachsen, müssen aber mit Arbeit und Verdienst kwasehen werden, um leben zu können. Wird fi sie nicht Nahrungsspielraum geschaffen, so sürde ein überaus starker Export von Menschen eltreten müssen, wie dies in verschiedenen gahrzehnten des vorigen Jahrhunderts der
l war, in denen die deutsche Industrie in ten ersten Anfängen begriffen war, und die Uindwirtschaft auch schon kein Auskommen für he vermehrte Bevölkerung bot. Wollen wir ne massenhafte Auswanderung, so müssen Hewerbe, Handel und Verkehr für den Be⸗ herungszuwachs eine Existenzmöglichkeit scoffen. Dies kann auf zweierlei Weise ge⸗ chen: entweder macht man den inländischen Mörkt aufnahmekräftiger, als er hente ist, so aß beträchtlich mehr gewerbliche Erzeugnisse sossumiert werden, oder man sorgt für eine
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Vergrößerung oder Vermehrung des auslän⸗ dischen Absatzes, wodurch die Zahl der in der Industrie beschäftigten Personen beträchtlich wachsen kann. Bei der heutigen Wirtschafts⸗ politit ist an ein Beschreiten ersteren Weges leider noch nicht zu denken.
Die Lage der Landwirtschaft, die Organi⸗ sation der gewerblichen Erzeugung, sowie die heutige Art der Güterverteilung lassen es aus⸗ geschlossen erscheinen, daß eine Steigerung des inländischen Massenkonsums in einem Grade eintreten könnte, der schon in einer nahen Zu⸗ kunft die Lösung der Frage des Bevölkerungs⸗ zuwachses bringen würde. Es bleibt daher für die diesmalige Periode der Handelsverträge in der Hauptsache nur der zweite Weg offen; das heißt, Deutschland muß seinen gewerblichen Export von Jahr zu Jahr steigern, um dem größten Teil seines jährlichen Bebölkerungs⸗ zuwachses eine Existenz zu bieten. Der Teil des Bevölkerungszuwachses, der direkt für den Export arbeitet, verstärkt gleichzeitig auch den Konsum des Insaudmarktes, da der industrielle Arbeiter durchschnittlich mehr verbraucht als der Arbeiter in der Landwirtschaft. Je gün⸗ stiger wir also exportieren können, je besser die am Export beteiligten Arbeiter gestellt werden, desto stärker wächst gleichzeitig auch der inlän⸗ dische Konsum, so daß ein gewinnbringender Export direkt und indirekt die Möglichkeit schafft, der anwachsenden Bevölkerung Nahrungs⸗ spielraum zu gewähren.
Der Konsum der landwirtschaftlichen Be⸗ völkerung fällt viel zu stark ins Gewicht, um Deutschland als einen reinen Industriestaat ansprechen zu können. Der günstige Einfluß einer guten Ernte und befriedigender Getreide⸗ preise zeigte sich z. B. in den Jahren 1902 und 1903, wo der Mehrertrag aus der Ernte gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1899 bis 1902 auf zirka 356 Millionen Mark zu schätzen war. Im Jahre 1902 war die Mehr⸗ einnahme gegen 1901 noch erheblicher. Man kann sich lebhaft vorstellen, daß eine solche Mehreinnahme auch zu vermehrten Ausgaben veranlaßt. Nicht nur der persönliche Konsum gestaltet sich besser, es werden vor allem auch Neuanschaffungen für den Betrieb gemacht. Die Intensität des Konsums war nach der guten Ernte des Jahres 1902 um so erheblicher als nach der unerfreulichen Ernte des Jahres 1901 eiue starke Einschnürung des Konsums eingetreten war. Die Besserung bes gewerblichen Beschäftig⸗ ungsgrades seit Herbst 1902 stand in ziemlich direktem ursächlichen Zusammenhang mit dem Ernteausfall des nämlichen Jahres. Ebenso dürfte die besonders in die Augen fallende Er⸗ holung gegen Ende des Jahres 1903 wieder durch die gute Ernte mit verursacht worden sein.
Die Tatsache, daß die Bevölkerungsziffer, die von der Landwirtschaft beschäftigt und er⸗ nährt werden kann, keiner beträchtlichen Steige⸗ rung fähig ist, und die von dem Ausfall der Ernte bedingten Konsumschwankungen sehr stark ins Gewicht fallen, ergibt als notwendige wirtschaftspolitische Aufgabe Deutschlands eine gesunde Steigerung des industriellen Exportes, durch den zurzeit allein die Exi⸗ stenz des Bevölkerungszuwachses Deutschlands gewährleistet wird. Diese Notwendigkeit be⸗
dingt aber vor allem die Berücksichtigung der Interessen der Exportindustrie. Und gerade
diese Interessen werden durch die neuen Handels⸗ verträge geschädigt.
Ein Akt gerechter Polksjufliz
Am Freitag Nachmittag verbreitete der Tele⸗ graph die Nachricht, daß der Großfürst Sergtus, ein Onkel des russischen Kaisers in Moskau durch eine Bombe hinge richtet worden sei. Er kam in seiner Equipage vom Nikolausplatze über den Senatsplatz, als ein Schlitten mit zwei Männern ihm entgegenkam. Am Justizpalast ließ der Schlitten die Equi⸗ page vorbeifahren. In diesem Augenblick wurde eine Bombe unter die Equtpage geschleudert. Die Explosion war so heftig, daß alle Fenster⸗ scheiben im Justizpalast zersplitterten. Dez Wagen wurde völlig zertrümmert. Der Groß⸗ fürst war sofort tot. Der Kopf und die, Beine waren vom Rumpfe getrennt, die Kleider zerrissen.
Die Nachricht von der Hinrichtung dieses Menschen ist in Deutschla nd allgemein mit Genugtuung aufgenommen worden. Auch in bürgerlichen Blättern wird der Befriedigung darüber unverhohlen Ausdruck gegeben und zwar oft mit einer Schärfe des Tons, die der soztal⸗ demokratischen Presse gleichkommt. Ihm wurde die Hauptschuld an den zahllosen Verbrechen zugeschrieben, die an dem russischen Volke in der letzten Zeit verübt worden sind. Er besaß großen Einfluß und ihm wird es zugeschrieben, daß am 22. Januar die wehrlosen, um ihr Menschenrecht flehenden Arbeiter von der Sol⸗ dateska niedergeknallt wurden. In ihm häuften sich alle Verbrechen des Absolutismus. Er war das Haupt der brutalsten Reaktion, galt als der Berater und Anstifter aller Verbrechen des Zarismus. Hugo Ganz schreibt über ihn in seinem Buch über Rußland:„Das arge Gegen⸗ stück bildet Großfürst Sergius, der General⸗ gouverneur von Moskau, der Schwager und Onkel des Zaren. Was über seine persönliche Lebensführung ganz öffentlich erzählt wird, entzieht sich der Wiedergabe. Auf die Passtonen des Großfürsten Sergius kommt man aber darum gern zu sprechen, weil ste mit seiner sonstigen Frömmelei in so schreiendem Wider⸗ spruch stehen. Von ihm wird unbestritten be⸗ hauptet, daß er ein böser belasteter Mensch sei, dessen Wonne die Qual anderer bilde.“ Zu dem, was man sich über den Unhold erzählt, gehört die Behauptung, daß er seine Gewalt mißbraucht, um sich zwangsweise Kinder für seine Gelüste zuführen zu lassen; er komman⸗ dierte Schulrektoren, ihm die Opfer seiner Be⸗ gierden zur Verfügung zu stellen.
Als Generalgouverneur von Moskau hat der Hingerichtete lange Jahre hindurch ein rücksichtsloses, gewalttätiges Regiment geführt. Mlt außerordentlichen Vollmachten ausgerüstet und jeder Kontrolle enthoben, konnte er unge⸗ stört das Ziel verfolgen, das er sich gesteckt hatte: die zweite russische Residenzstadt zu einer Hochburg des Selbstherrschertums zu machen. Er herrschte dort unumschräukt und achtete weder Gesetze noch Erlasse des Zaren.„Für ihn existierten keine Minister und keine höhere Staatsbehörden. Er schreckte nicht zurück, wenn
es galt, Privatvermögen zu seinen Gunsten zu exproprtieren und verfügte über die Großindu⸗


