Ausgabe 
25.6.1905
 
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Seite 6. Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung. 3 Krankenhaus am Friedrichshain, wo er noch Die Alte nickt dli 6 d von Uah und Fern. enha F chsh Während e e freundlich lächeind dem

Die Unsitte

Petroleum zum Feueranzünden zu benutzen oder gar ins Feuer zu gießen hat schon hunderte von Opfer gefordert. In Lorch a. Rh. ver⸗ unglückten dabei zwei Geschwister. Die Pe⸗ troleumskanne explodierte, die Geschwister standen in Flammen und starben beide an den erlittenen Brandwunden noch an demselben Abend. Auf gleiche Weise kam die 60 jährige Bäckerfrau Lilienfeld in Rückingen bei Hanau ums Leben. Auch sie wollte das Herdfeuer mit Petroleum anfachen, wobei die Kanne explodierte. Bald nach ihrer Verbringung ins Krankenhaus starb die Frau an den erlittenen Brandwunden.

Verkrachte agrarische Genossenschaften.

Der Zusammenbruch des Pyritzer Land⸗ wirtschaftlichen Ein⸗ und Verkaufsvereins ist von dem derzeitigen Vorsitzenden, dem antise⸗ mitischen Reichstagsabgeordneten Krösell, auf dem vorige Woche in Stettin stattgehab ten Verbandstag der Pommerschen landwirtschaft⸗ lichen Genossenschaften zur Sprache gebracht worden. Er schilderte die schlechte Wirtschaft der früheren Geschäftsleitung. Es sei nie⸗ mals Inventur aufgenommen worden, es hätte sich ergeben, daß 70000 Zentner Weizenspurlos verschwunden seien, das man kein Lagerbuch geführt habe und dergleichen mehr. Zu allem Ueberfluß habe man nun eine neue Genossenschaft ge⸗ gründet, wahrlich nur, um den Kleinbauern zu zeigen, daß sie ohne die großen nichts ver⸗ mögen. Dieser neuen Genossenschaft gehören 17 größere Besttzer an, die dem alten Verein insgesamt 200 000 Mark schuldeten; die Grün⸗ dung sei erfolgt, um eineneue Pumpe auf⸗ zumachen. astor Bethke aus Groß⸗Mellen kündigte als unvermeidliche Folge der Kün⸗ digung des Kredits durch die Landesgenossen⸗ schaftskasse schon an, daß durch den Konkurs wahrlich50 bis 60 Bauern ohne Hab und Gut von ihrem Hof werden gehen müssen. Darüber schweigen die agra⸗ rischen Blätter, die sich nicht genug entrüsten können, wenn in sogenannten sozialdemokratischen Konsumyereinen mal eine Unregelmäßigkeit vor⸗ kommt. 70,000 Zentner Weizen verschwinden machen, ist jedenfalls eine ganz neite Leistung.

Ins Gefängnis mit den Armen.

In Stettin wurde der arbeitslose Kutscher Schellin wegen versuchten Diebstahls unter Zubilligung mildernder Umstände zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Sch. wollte, um den Hunger seiner Kinder zu stillen, aus einer Backstube einige Nahrungs⸗ mittel entwenden, wurde aber dabet erwischt. Auf drei Monate wanderte er nun ins Gefäng⸗ nis und seine Familie leidet währenddem die bitterste Not. Im April hat die 45 Jahre alte Arbeiterin Anna Golle in Augsburg bei dem Bachmannschen Neubau in der Wertach⸗ vorstadt ein paar Stückchen Bauholz im Werte von 20 Pfennig mitgenommen. Im Namen des Königs wurde sie vom Land⸗ gericht Augsburg zu 3 Monaten Gefäng⸗ nis verurteilt. Also von Rechts wegen!

Verhungert

ist in Berlin inmitten des Prunkes und Jubels anläßlich der kronprinzlichen Hochzeit der 68 Jahre alte Bildhauergeselle Thumer. Thumer wohnte bis vor kurzem in der Koppen⸗ straße und hatte dort 44,50 Mk. Mietsschulden. In der ersten Juniwoche kam er mit seinem wenigen Hausrat und abgetragenen Kleidungs⸗ stücken nach der Rüdersdorferstraße Nr. 12 und mietete ein leeres Zimmer für 15 Mk. Er bekannte dem Hausverwalter, daß er bei seinem früheren Wirt Schulden habe, weil er krank und arbeitsunfähig gewesen sei, glaubte aber, daß er jetzt bezahlen könne, weil er kleine Aus⸗ besserungsarbeiten habe. Der Verwalter nahm ihn aus Bamherzigkeit auf. Als er den alten Mann am Montag Vormittag anmelden wollte, pan er ihn, nur mit dem Hemde bekleidet, auf em Fußboden liegen. Ein Arzt ließ ihm Milch einflößen und brachte ihn dann nach dem

am Abend desselben Tages starb. also in Berlin, der Stadt der vielen Kirchen, Hundertausende für den Prunk weniger Stunden ausgegeben werden, gibt es Leute, die in einem kahlen Winkel buchstäblich Hungers sterben.

Die reichsten Leute der Welt.

Kürzlich starb in Paris der Baron Roth⸗ schild, Mitglied der bekannten Geldfürsten⸗ familie und Chef des Pariser Bankhauses gleichen Namens. Sein Tod gab einer fran⸗ zösischen Zeitung Gelegenheit, eine Aufstellung der reichsten Leute zu machen, die heute leben bezw. noch bis vor kurzer Zeit gelebt haben. Natürlich ist nur eine ungefähre Schätzung aller Reichtümer möglich, es handelt sich aber bei dieser Statistik um Personen, in deren Ver⸗ mögen ein paar Milliönchen schon keine Rolle mehr spielen man rundet eben ab. Nach der französischen Aufstellung ist der reichste Mann der Welt Mr. J. Beit in Kimberley mit 2500 Millionen Frank, denn Li⸗Hung⸗Tschang in China, der ebensoviel hatte, weilt nicht mehr unter den Lebenden. Mr. J. B. Robinson in Afrika kommt dann als zweiter mit 2000 Mil⸗ lionen, als dritter der Newyorker Rockefeller mit 1250 Millionen, und dann die Herren Waldorf Astor und der russische Fürst Demidow mitnur 1000 Millionen. Andrew Carnegie in Pittsburg hat 625 Millionen und Herr Vanderbilt noch 125 weniger. Arm müssen sich dagegen Lord Rothschild, Jakob Astor, Pierpont Morgan und der Herzog von West⸗ minster mit 375 Millionen vorkommen, und wo bleibt Jakob Rothschild in Paris mit 340 Millionen, Mendelsohn in Berlin mit 310. Ganz spät erst in die Liste kommen mit ihren 125 Millionen ein Cecil Rhodes, Thomas Linion und dann noch einige andere Millionäre, die bisher für wirklich reich galten, da man die reicheren nicht gegenüberstellte.

Neersen .

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Die freien Denker.)

Die Denker sind der Menschheit Lichtgestalten, Sie weisen den Geschlechtern ihre Bahn,

Mit starker Hand sie eine Fackel halten,

Su leuchten allen Suchenden voran.

Vor ihrem Cichtglanz nächt'ge Schatten schwinden, Vor ihrem Anruf jeder Spuk verweht,

Es scheucht ihr Nauch gleich frischen Morgenwinden Das Nebelmeer, das vor der Sonne steht.

Sie spotten über Macht und äußre Ehren,

Und über den, der heiß sich um sie müht,

Sie können allen ird'schen Glanz entbehren, Berauscht von dem, was ihre Brust durchglüht.

Sie wissen, daß der Wahn die Menschen kettet, Daß nur das Licht der Wahrheit kann befrei'n, Daß treu die Menschheit in die Zukunft rettet, Das Werk der Geisteshelden nur allein.

Daß einst erbleicht der Ruhm der Schlachtenlenker, Jed' Siegeslied im Seitenstrom verhallt,

Doch daß die Menschheit segnet ihre Denker,

So lang sie kämpfend durch die Seiten wallt.

) Aus Neue Gedichte von Artur Pfungst. Berlin, Ferd. Dümmlers Verlag.

Die ungläubige Margareth. Humoreske von Ernsr Freihaupt.

Ich saß im schattigen Garten des Dorfwirts⸗ hauses. Der Wirt leistete mir Gesellschaft. Dieweil wir so plauderten, humpelte auf der Straße ein altes Weiblein vorüber. Ihre zwei Beine konnten den vornübergebeugten Körper nicht mehr im Gleichgewicht halten; so mußte der Krückstock in ihrer runzeligen Rechten den dritten Stützpunkt schaffen, damit der gebrechliche Körper nicht umfalle.

Ho, die ungläubige Margareth! begrüßt der Wirt das Weiblein.

Wirte zu.

War's bloßer Spott oder hatte dieser Spitz⸗ name einen tieferen Grund? Ich sah den Wirt fragend an.

Ja, ja, s ist wirklich so, bester Herr, die Margareth glaubt an keinen Gott. Fragt sie nur selber!

Alte Leute sind gewöhnlich fromm und gar alte Weiber. Daß dieses alte Mütterchen Atheistin sei, das schien mir merkwürdig. Ich fragte die Alte, ob es war sei, daß sie an keinen Gott glaube.

Wohl, wohl, lieber Herr, sagte die Alte lächelnd.Ich glaub' an nichts, an gar nichts. Mein Lebtag nicht! damit humpeltke ste fort.

Und so redet die Margareth schon seit vierzig Jahren, sagte der Wirt.Und selbst bei Ge⸗ richt hat sie's einmal dem Richter ins Gesicht

esagt. Ste war als Zeugin vorgeladen und ätt' sollen beeidet werden.Ich geb' kein' Eid ab, sagte da die Margareth. Der Richter, dem das wohl noch nicht vorgekommen sein mag, fragte sie erstaunt, warum.Ich glaub' an kein' Gott, und so wär' ein Eid bei mir doch ein' unnötige Sach', meinte trocken die Mar⸗ gareth.

Ich deutete nach dem Kopfe:Sie ist wohl nicht recht beinand'?

O, die Margareth ist ganz gescheit, be⸗ teuerte der Wirt, und sie hat gar nicht so un⸗ recht. Ist Niemand im Dorf, der ihr nicht Recht gäbe, und selbst der Herr Pfarrer weiß nichts darauf zu sagen, wenn man die Red' auf die Margareth bringt.

Bücher konnten dieser Alten ihren Gott nicht genommen haben; wer weiß, hat sie außer dem Gebetbuch und dem Kalender jemals ein Buch in den Händen gehabt. Bloße Lust am Lästern sprach nicht aus ihrem Gehaben. Die Sache begann mich zu interessieren.

Sie hat wohl recht viel Widerwärtiges erlebt und viel Not und Unglück durchgemacht, daß sie den Glauben an Gott verlor, meinte ich.

Aber nein, gar nicht, lachte der Wirt, nicht mehr hat sie erlebt, als was jeder von uns zu tragen hat. In mancher Hinsicht vielleicht sogar noch viel weniger, als andere. Ist sie eh nicht verheiratet gewesen, hat nie Kinder gehabt...

Wie, die Alte ist ledig geblieben? unter⸗ brach ich den Wirt.

Ja, freilich, eine alte Jungfer ist sie heißt das, fügte der Wirt lächelnd hinzu,wenn man ihr eine Viertelstunde in ihrem Leben verzeiht.

Eben diese Viertelstunde, in der sie damals den Glauben an Gott verloren hat.

Ihr kennt die Geschichte? fragte ich.

Ei, freilich kenne ich sie! Jeder Mensch im Dorfe weiß es, auf welche Weise die Mar⸗ gareth ungläubig wurde. Sie selbst hat ja die Geschichte oft genug erzählt.

Dann lagt die Geschichte hören!

Und der Wirt begann:

Vor vierzig Jahren war die Margareth auf einem Bauernhof als Magd im Dienste. Sie war damals ein junges frisches sauberes Ding. Auf demselben Hofe war ein Knecht Namens Martin, ein kerniger Bursche, wie aus einem Eichenstamm ausgeschnitten. Es war keine Dirne im Orte, die nicht auf Martin ein Auge geworfen hätte, so manche warf auf ihn wohl auch alle zwei. Wenn er in der Nähe war, da hatte die eine etwas an den Haaren zu richten, die andere am Busentuch zu nesteln, die dritte an der Schürze zu lupfen, die vierte am Schuhband zu knüpfen, kurz jede hatte etwas zu tun, um Martin's Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Martin aber kümmerte sich um die meisten nicht viel. Nur auf eine hatte er's besonders abgesehen. Gerade diese eine aber gab ihm kein rechtes Gehör. Was er auch der Anna schöntat und wie er auch um sie warb wenn er sie so recht stürmisch seiner Liebe versicherte, so lachte sie, daß es nur so schallte. Und wurde

er gar zudringlich, 11 machte ste wohl eine (Handbewegung, die ihm das Verlangen nahm, diese Hand in Schwung zu bringen.

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