Ausgabe 
25.6.1905
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Im Gegensatz zu seinem Fraktionsgenossen Windecker wendet sich der Nationalliberale Schönberger gegen das Verbot des Schuldenabzugs, weil die kleinen Leute hiervon am härtesten betroffen würden. Die Steuer⸗ erhebung müsse in Staat und Gemeinde eine feste Grundlage haben. In längeren Ausfüh⸗ rungen legt er seinen ablehnenden Standpunkt dar und polemistert gegen den Finanzminister und den Abg. Molthan.

Bei der weiteren Beratung am Dienstag erklärt, Hirschel, daß den Bauernbündlern der Gedanke des Abg. Schönberger, die Ge⸗ meindesteuer durch einfache Zuschläge zur Staatssteuer zu erheben, am age et sei. Bei den Schwierigkeiten, die aber dieser Idee im Hause gemacht werden würden, wollten sie nicht darauf bestehen. In der weiteren Kritik des Entwurfes wünscht er die Rechts⸗ anwälte in die Gewerbesteuer einzubeziehen. Die Landwirtschaft dürfe aber durch die Ge⸗ werbesteuer nicht stärker belastet werden als früher. Selbstverständlich. Wenn Herr Hirschel das nicht 0 hätte, wäre er ja kein Bauernvertreter. Ministertalrat Becker be⸗ merkt, daß man das landwirtschaftliche Betriebs⸗ kapital zur Gewerbesteuer heranziehe, bedeute keinen neuen Schritt.

Finanzminister Guauth erklärt darauf, er sehe es als seine bedeutendste und nächste Aufgabe an, zu prüfen, in wieweit für die Auf⸗ bringung der Kreisumlagen ein neuer Maßstab gefunden werden könne, durch den die Gemeinden Erleichterungen erführen. Dies sei seiner Ueberzeugung nach ein dringendes Bedürfnis. 5

Am Mittwoch kommt es bei der Fortsetzung der Debatte über den Gemeindesteuer⸗Entwurf wieder zu längerer Erörterung zwischen Abg. Ulrich und Ministerialrat Becker über das Prinzip von Leistung und Gegenleistung.

Die Erste Kammer beschäftigte sich am Mittwoch mit der Wahlrechtsvorlage und dem damit verbundenen Initiativ⸗Antrag auf Erweiterung ihres eigenen Budget⸗ rechtes. Staatsminister Rothe erklärte, daß die Regierung die Verbindung dieses An⸗ trages mit der Wahlrechtsvorlage, überhaupt eine Aenderung der Verfassung im Sinne jenes Antrages für sehr bedauerlich halte. In der Debatte zog der Wormser Lederkönig Heyl wieder gegen die Wahlreform los und er sowie verschiedene andere der Bevorrechteten brachten die nichtigsten Gründe dagegen vor.

Die Landtagswahlen

in Hessen finden bekanntlich in diesem Herbste statt. Ganz sicher nach dem bisherigen in di⸗ rekten Wahlsystem, unter dem der Wille des Volkes nicht zum Ausdruck kommt, Moge⸗ leien aller Art möglich find. Unter diesem System sind Leute zu dem wichtigsten Amte eines Volksvertreters gelangt, die von der Mehrheit der Wähler abgelehnt wurden. Die hessische Wahlreform kommt nicht u Stande. Sie wird scheitern in der Haupt⸗ fache an dem bösen Willen der Privilegierten⸗ Kammer, scheitern in erster Linie an dem Widerstand des einflußreichen Wormser Leder⸗ gewaltigen Frhr. v. Heyl. Dem hessischen Volke wird das direkte Wahlrecht verweigert, von Männern, deren gesetzgeberische Tätigkeit nicht getragen ist vom Vertrauen des Volkes, sondern die bedingt ist durch die Größe der ihres Geld⸗ beutels oder die Vorrechte der Geburt. Die richtige Antwort auf diese standesherrliche Anmaßung erteilte die Sozialdemokratie im heffischen Landtag, indem ste folgenden Antrag einbrachte:

Wir beantragen unter Hinweis auf den Initiativantrag von 21 Mitgliedern der Ersten Kammer(Beilage 135) betreffend Erweiterung des verfassungsmäßigen Einflusses derselben, die Zweite Kammer wolle beschließen, die Großh. Regierung zu ersuchen, den Ständen alsbald eine Vorlage auf Aenderung der Verfassungs⸗ und Wahlrechtsbestimmungen im Sinne der Beseitigung der Ersten

Unter dem indirekten Wahlsystem hat unsere Partei mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Diese dürfen uns jedoch nicht ab⸗ halten energisch in den Wahlkampf einzugreifen und es gilt, schon jetzt für den Kampf im Spätjahr zu rüsten.

Vor allem müssen unsere Parteifreunde, die Nichthessen sind, sofort Schritte zur Erlang⸗ ung der hessischen Staatsangehörig⸗ Leit un!

In Oberhessen finden in folgenden Wahlkreisen Neuwahlen statt: Wahlbezirk Namen der bisher.

Abgeordneten

1. Wahlbezirk(Vilbel). Ullmann(stl.)

2.(Friedberg⸗Bad⸗Nauheim) Windecker(ntl.) 4. 0(Gungen⸗Lich) Köhler(Brubdlr.) 5. 195(Gießen⸗Land) Leun(Brubbdlr.) 165 1(Homberg ⸗Ulrichstein) Brauer(Brubdlr.) 8. 1(Alsfeld⸗Ulrichstein. Korell(Brubdlr.) 12. 5(Nidda⸗Ortenberg) Erk(Brubdlr.)

13. 0(Altenstadt⸗Büdingen) Bähr(Brubdlr.)

Die Gewerbegerichtswahl in Mainz, die am Freitag zum erstenmale nach den Grundsätzen der Verhältniswahl stattfand, brachte den freien Gewerkschaften den Sieg. Zwar ist die Steigerung der Stimmen⸗ zahl nur unbedeutend sie stieg von 2649 im Jahre 1903 auf 2708 in diesem Jahre doch muß dabei berücksichtigt werden, daß eine große Zahl städtische Arbeiter, welche früher anstandslos wählen durften, diesmal nicht zu⸗ gelassen wurden, weil sie nicht als gewerb⸗ liche Arbeiter angesehen wurden. Die christ⸗ lichen Arbeiter brachten es auf 390 Stimmen. Das ist gegen die letzte Wahl eine Abnahme von 95 Stimmen. Auf der Arbeitgeber⸗ seite erhielt die Liste des Gewerkschafts⸗ kartells 28 Stimmen, die gegnerische 212. Als Beisitzer sind demnach gewählt: von den Ar⸗ beitnehmern 23 Kandidaten des Gewerkschafts⸗ kartells und 3EChristliche; von den Arbeit⸗ gebern: 23 Kandidaten der vereinigten Unter⸗ nehmergruppen und 3 Kandidaten des Gewerk⸗ schaftskartells. b

Gießener Angelegenheiten.

Agrarische Ansichten über Lohnzahlung in Blechmarken. Wir haben vor einiger Zeit das Gebahren der gräf⸗ lichen Gutsverwaltung in Schlitz beleuchtet, die ihre Arbeiter nicht mit Reichsmünzen, wie sich das gehört, sondern mit Blechmarken aus⸗ bezahlt. Dies verwerfliche und die Arbeiter schwer schädigende System wird von Herren Professor Gisevius⸗Gießen, den Oekonomte⸗ räten Schlenke, Leithiger und Schade sowie dem Landtagsabg. Brauer in einer Erwiderung auf einen Aufsatz, den Dr. Eugen Katz gegen sie richtete, folgender⸗ maßen verteidigt: Jedem Landwirt ist es bekannt, daß es 3. B. bei Akkordarbeiten Arbeitsgetegen⸗ heiten gibt, bei denen viele einzelne Arbeiter läglich zu entlohnen und zu verzeichnen sind, und daß es in solchen Fällen notwendig ist, den Leuten täglich Zeichen für die geleistete Arbeit einzuhändigen, welqse dann wöchent⸗ lich oder zu sonst vereinbarten Terminen oder jederzeit beliebig in barem Gelde ein⸗ gelöst werden. Diese Zeichen werden ent⸗ weder nach der Menge der geleisteten Arbeit oder nach dem verdienten Tagelohn täglich abends gegeben. Die Einrichtung ist darum überall, im Osten wie im Westen, not⸗ wendig, weil kein Landwirt im Stande ist, in seiner Umgebung so viel Scheide⸗ münzen aufzutreiben, daß er damit die Ar⸗ beiter täglich in vielen kleinen Beträgen ent⸗ löhnen könnte. Es ist auch den Arbeit⸗ nehmern sicher viel lieber, wenn sie täglich für den von ihnen verdienten Lohn Zeichen ausgehändigt erhalten, als wenn ihre Arbeitstage nur täglich aufgeschrieben werden; in der Wirkung sind sich beide Methoden gleich, weil die Zahlungen doch an der Guts⸗ kasse bei beiden Verfahren zu den bestimmten gleichen Terminen erfolgen.

Im Weiteren behaupten die genannten

Kammer zu machen.

Herren noch, daß bei Lohnzahlung nach der

Schlitzer Art vonTrucksystem keine Rede sein könne. Es sei eine Unterstellung falscher Motive, wenn der Verwaltung die Absicht zu⸗ geschoben werde, mit demverhältnismäßig verschwindenden Lohnbetrage andere Geschäfte machen zu wollen. Es ist eine zu starke Zumutung, die Gründe ernst zu nehmen, welche die Herren hier zur Verteidigung der Blechmarken⸗Zahlung anführen. Hat man je etwas tolleres gehört als dies, daß kein Land⸗ wirt im Stande sei, soviel Scheidemünzen aufzutreiben, um den Betrag auszuzahlen, der wenige Zeilen weiter als verhältnismäßig verschwindende bezeichnet wird! Was

und zwanzigmal mehr Arbeitern anfangen? Gewiß handelt es sich hier um Trucksystem schlimmster Art, durch das der Arbeiter em⸗ pfindlich geschädigt wird, das dem Butsbesitzer aber nicht geringe Vorteile bringt. Und warum foll in diesem Falle die Gesetzvorschrift, daß die Arbeitslöhne baar in Reichswährung aus⸗ zuzahlen sind, für den gräflichen Gewerbe⸗ treibenden und Bierbrauereibesitzer nicht gelten? Vielleicht interesstert sich der Gewerbeinspektor einmal eingehender für die Sache und bringt den Grafen Görtz auf Grund des§ 146 J der Gewerbeordnung zur Anzeige.

Der Konsumverein Gießen und Umgegend hat in seinem jetzt zu Ende gehenden. vierten Geschäftsjahre eine recht erfreuliche Entwickelung zu verzeichnen. Die Zahl der Mitglieder stieg um 93 und beträgt gegenwärtig 265. In den drei ersten Geschäftsjahren betrug der Mitgliederzugang 52, 57 und 42. Der Warenumsatz im letzten Jahre stieg ebenfalls bedeutend und zwar um 300%. i

Eine Konferenz hielten die Tabakarbeiter von Gießen und Umgebung am Sonntag im Wiener Hof ab. Es waren Vertreter aus folgenden Orten anwesend: Burkhartsfelden, Garbenteich, Gleiberg, Krof⸗ dorf, Launsbach, Leihgestern, Heuchelheim, Wieseck und Gießen. Das Referat hatte Gen. Hermann⸗Wiesbaden übernommen, der in/ stündigem Vortrage auf die Erfolge des Tabak⸗Arbeiter⸗Verbandes hinwies und die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Organisation im all⸗ gemeinen darlegte. Die Aussprache ergab Ueberein⸗ stimmung der Anwesenden mit den Ausführungen des Referenten, die sämtlich dem Verbande beitraten und versprachen, für weitere Förderung desselben eintreten zu wollen.

Raubmörder Hud de hatte gegen das vom Schwurgericht Gießen über ihn ver⸗ hängte Todesurteil Reviston eingelegt. Diese ist vom Reichsgericht als begründet erachtet worden, weil formale Verstöße vorlägen.

DieKrachen burg in den Neuen Bäuen wird jetzt endlich abgebrochen. Es war die höchste Zeit; lange genug hat die alte Ba⸗ racke der Stadt zum Hohn dagestanden.

Aus dem Rreise gießen.

Unser drittes Kreisfest findet, wie genügend bekannt sein dürfte, diesen Sonntag in Staufenberg statt. Hoffentlich beteiligen sich unsere Parteifreunde im Kreise und den

bietet doch diese Veranstaltung fast die einzige Gelegenheit im Jahre, wo die Genossen der einzelnen Orte zusammenkommen und ein paar freudige Stunden mit einander verleben können. Und wenn uns das Wetter keinen Strich durch die Rechnung macht, so wird das Fest einen gleich guten Verlauf wie seine Vorgänger nehmen dafür sorgt ja schon jeder Teilnehmer! Was übrigens das Wetter betrifft, so dürfen uns ein paar Tropfen Regen nicht genteren. Das Fest kann nicht verschoben werden; die Vorbereitungen sind auch so getroffen, daß die Besucher auch bei Regenwetter gute Unterkunft finden. Die Festrede wird an Stelle des Genossen David, der eine Versammlung in Baden übernehmen mußte, Gen. Stadtverord⸗ neter Krumm halten. Von Gießen geht ein Extrazug punkt 1 Uhr mittags nach

werden. Lollar 8/ Uhr. Fahrpreis: Rückfahrkarte III. Kl. 35 Pfg. Kinder frei.

ist aus dem Inserat ersichtlich.

sollten dann andere Unternehmungen mit zehn

benachbarten Bezirken recht zahlreich daran;

Lollar ab, es muß also frühzeitig gerüstet Abends erfolgt die Abfahrt von

Alles Weitere 05

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