Ausgabe 
25.6.1905
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Ar. 26.

möglich. Aber die Früchte der Kultur, die wir genießen, sind nicht aus solchen kurzlebigen Saaten hervorgewachsen. Die großen Geister, deren Namen wir in schönen Reden zu feiern pflegen, haben stets den forschenden Blick weit über die eignen kurzen Tage hinausgehen lassen. Diepraktische Vernunft im Sinne Kants hat ebenso ein Recht gehört zu werden, wie die praktische Vernunft im Sinne des Heut⸗ aufmorgenpolitikers. Das von der Zukunft Geforderte und das in der Gegenwart Gegebene, das Rationale und das Empirische (das auf Vernunft und das auf Erfahrung Gegründete), beides muß geprüpft werden.Ein der Chemie ähnliches Verfahren der Scheidung des Empirischen vom Rationalen, heißt es bei Kant,kann... teils der Verirrung einer noch rohen ungeübten Beurteilung.... teils den Genteschwingen, vorbeugen durch welche geträumte Schätze versprochen und wahre ver⸗ schleudert werden. (Schluß des Artikels nächste Nr.)

Politische Rundschau. SGießen, den 22. Juni 1905.

Die Reichsschulden.

Eine Darstellung der Finanzen des Reiches bringt das neueste Vierteljahresheft zur Statistik des Deutschen Reiches. Die Ausgaben von Reichs⸗ und Bundes staaten im Jahre 1904 sind nach den Voranschlägen auf 6795 Mil⸗ lionen Mark festgesetzt, die Einnahmen auf 6781 Millionen Mark, also ein Minderbetrag von 14 Millionen. Die fundierten Staats⸗ schulden beziffern sich zu Beginn des Rechnungs⸗ jahres 1904 für die Bundesstaaten auf 11,8 56, für das Neich auf 3023 Millionen Mark, die schwebenden Schulden betragen insgesamt 127 Millionen Mark; sie entfallen in der Hauptsache auf das Reich(80 Mil⸗ lionen Mark) und Hamburg(32 Millionen Mark). Für Verzinsung der Reichs⸗ schulden müssen bekanntlich jährlich über 100 Millionen Mark aufgebracht werden.

Warum a die Besitzenden für die Monarchie sind.

Vor Kurzem besuchte der König von Sachsen die Lausitz. Der Oberbürgermeister von Zittau, Dr. Oertel sagte ihm in seiner Ansprache Folgendes:Die Bürgerschaft weiß, daß sie bei allen sozialen Kämpfen und Wirren, denen sie ausgesetzt ist, in einem kraftvollen Träger der Krone ihre festeste Stütze() und ihren sichersten Hort(1) findet. Unser eigenes Interesse() müßte uns dazu bestimmen, fest und treu zu Ew. Majestät zu stehen, wenn uns nicht schon Ehre und Pflicht und unser Herz dazu drängte. Wir bitten daher() unsere Huldigung gnädigst entgegen⸗ zunehmen usw. Die sozialen Kämpfe das sind natürlich die Streiks, die Kämpfe zwi⸗ schen Besitzenden und Besitzlosen. Und weil die Bürgerschaft das ist hier natürlich die besitzende Bürgerschaft weiß, daß der König in allen diesen Kämpfen der sicherste Hort ist, deshalb gebietet es das eigene Iyteresse dieser Bürgerschaft, dem König zu huldigen. Das ist die monarchtsche Gesinnung im benga⸗ lischen Lichte monarchischer Selbstcharakteristik!

Deutsche Offiziere im Solde der Kapitalisten.

Gutgesinnte Blätter berichten:Eine Stif⸗ tung von zehn Millionen Mark soll na derZukunft auf Veranlassung des Fürsten Henckel von Donnersmark zu dem Zwecke errichtet werden, um durch den Kaiser Zulagen an Offiziere zu ge⸗ währen. Der Fürst hat, wie die genannte Wochenschrift behauptet, im Einvernehmen mit dem Reichsbankpräsidenten Dr. Koch eine Reihe großer Bankfirmen und wohlhabende Männer zusammenberufen und ihnen den Vorschlag dazu gemacht. Das kann ja nett werden. Nun fehlt bloß noch, daß die Kohlenbarone und Krautjunker die Armee bezahlen und sie dann unter Oberbefehl des Bergbaulichen Vereins

stellen! Der Fürst Henckel von Donnersmark ist bekanntlich

nichts, denn er hat 250 Million im Vermögen.

Wilhelm II. pumpt nicht.

Das halbamtliche Organ der Reichsregierung, dieNord. Allg. Ztg. sah sich neulich ver⸗ anlaßt, den Kaiser wegen seiner Privat⸗ wirtschaft zu verteidigen. Das Blatt er⸗ klärte an hervorragender Stelle:

Am Schluß eines vielfachen Unrechtig⸗ keiten enthaltenden Artikels überdas Vermögen und den Haushalt des Deutschen Kaisers stellt derDaily Expreß die Behauptung auf, der Kaiser sei zur Deckung der auf ihm lastenden Ausgaben genötigt gewesen, von einigen seiner Untertanen Geld zu leihen; er habe niemals von preußischen Adeligen Geld geliehen, aber von großen Magnaten des Kaufmannstandes und Industriemillionären. Die Erzählung trägt den Stempel bos⸗ hafter und frecher Erfindung deutlich zur Schau. Wir sind aber auch zu der ausdrücklichen Feststellung ermächtigt, daß der Kaiser niemals auch nur einen Pfennig geborgt hat.

Warum sich die Norddeutsche so heftig und entrüstet gegen die Angaben des englischen Blattes wendet, ist nicht recht verständlich. Ob Wilhelm II. Schulden hat und bei wem, ist doch seine Privatsache und geht die Oeffentlich⸗ keit wenig oder gar nichts an. Bei sechzehn Millionen jährlichem Gehalt, die der Kaiser bezieht, braucht doch auch schließlich niemand zu pumpen. Die Entrüstungs⸗Erklärung des Regierungsblattes scheint danach nur den Zweck zu haben, die Erzählung des englischen Blattes der größeren Oeffentlichkeit mitzuteilen.

Parlamentswahlen in Hollaud.

Am 16. Juni, dem Jahrestage des Deutschen Dreimillionen⸗Sieges, fanden in Holland die Hauptwahlen zur zweiten Kammer statt. In der bisherigen hatten die Klerikalen die Mehr⸗ heit und der Ministerprästdent Kuyper ist ein reaktionärer Mucker, der sich selbst bei der frömmelnden holländischen Bourgeoiste verhaßt gemacht hat. Dies brachten die Wahlen auch zum Ausdruck: es wurden zwar 44 Regierungs⸗ kandidaten gewählt und nur 16 Freistnnige, doch es müssen 40 Stichwahlen stattfinden, die meist für die Klerikalen ungünstig stehen. Unsere Partei hat bei den Hauptwahlen keinen Kandidaten durchgebracht, steht aber in 9 Stich⸗ wahlen. Auch bei der Wahl von 1901 wurden die 6 sozialdemokratischen Kandidaten erst in der Stichwahl gewählt. Doch die sozialdemo⸗ kratiscen Stimmen sind von 38 279 auf 65743 gestiegen. Also kann man mit 9 5 von einem Erfolge unserer Partei reden.

Der russische Zusammenbruch

tritt immer mehr in Erscheinung. Sogar die Offiziere sagen dem Zarismus den Gehorsam auf. Am 15. Juni versammelten sich Kraßnoje⸗ Sselo einige Hundert Offiziere und erklärten, daß sie nicht weiter die Rolle von Polizei⸗ soldaten spielen könnten, die ihnen vor einigen Monaten aufgedrungen worden sei. Die Rolle trenne sie vollständig von der Gesellschaft, der gegenüber sie eine Art Henker rolle hätten. General Rehbinder, das Werkzeug des Großfürsten Wladimir, jagte sie auseinander.

Einer Semstwo⸗Deputation erklärte Niko⸗ laus, daß er eine Nationalversammlung ein⸗ berufen werde. Wer glaubts?

Großartige Demonstrationen fanden in Lodz am Mittwoch statt. Fünf am Sonntag bei den Zusammenstößen mit der Polizei Getötete wurden beerdigt und etwa 50000 Personen mit roten Fahnen nahmen an dem Leichenzuge teil. Die Polizei wagte nicht einzuschreiten.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Aus der Mandschurei wird wiederum ein bedeutender japanischer Sieg gemeldet. Ende voriger Woche, am 16. Juni griffen die

eine der reichsten Personen Deutschlands, die 10 Millionen machen ihm

(Besteuerung des Kapital⸗

Japaner die russische Stellung bei Liaoyang⸗ 1

wopin an und nahm sie nach heftigem Kampfe ein. Russtsche Kavallerie, die sich nördlich zurückzog, wurde von dem linken Flügel der japanischen Abteilung beschossen; schließlich wurde der Feind mit schweren Verlusten in großer Verwirrung zurückgeworfen. Nach den Aussagen der Gefangenen war Liao⸗ hangwopin von 5000 Mann Kavallerie, 20 Ge⸗ schützen und einem Teil der Armee des Generals Mischtschenko besetzt. Die Russen, die anschei⸗ nend von einer Panik ergriffen waren, ließen Vorräte und Kleidungsstücke im Stich.

Die Verluste der Russen in der

letzten großen Seeschlacht werden auf 7000 bis 9000 Mann geschätzt, abgesehen von den Ge⸗ fangenen. Von der 15000 Köpfe betragenden

Gesamtbemannung sind nur etwa 10002000

Mann entkommen. Die japanischen Ver⸗ luste betragen 113 getötete und 424 ver⸗ wundete Offiziere und Mannschaften, insgesamt also 537. Die Verluste sind also geringer als ursprünglich angenommen worden war.

Ueber die Greuel auf dem russtschen

SchlachtschiffeOrel während der Seeschlacht in der Koreastraße wurde einem italienischen

Korrespondenten in Tokio vom Kapitän des

Schiffes mitgeteilt:An Bord desOrel waren 900 Mann, wovon bereits 300 Mann tot oder verwundet waren. Das Verdeck war vollständig aufgerissen. Es war unmöglich, den Verwundeten zu helfen. Das Blut floß langsam über den Boden und vermischte sich

mit dem Kohlenstaub, der das ganze Schiff

bedeckte. Die Klagen und Hilfeschreie der Ver⸗ wundeten deprimierten die Herzen der Seeleute. Da wurde Befehl gegeben, das Verdeck frei zu halten und die Verwundeten über Bord zu werfen. So wurden 150 von ihnen eine Beute des Meeres. Die Leichtverwun⸗ deten leisteten diesem Befehl verzweifelten Wiederstand und klammerten sich an Taue und Wände an, um Barmherzigkeit flehend. Schwerverwundeten wälzten sich in ihrem Blute vom Platze, um ihrem Schicksale zu entgehen. Wir warfen sie jedoch ins Meer. Das ist russische christliche Barmherzigkeit!

Die Gemeindesteuer-Reform in Hessen. 12

Nachdem wir die Vorlage der Regierung im Allgemeinen behandelt und gezeigt haben, daß sie nicht den Anforderungen entspricht, die wir an eine gesunde Steuergesetzgebung stellen, wollen wir uns zum Schluß noch etwas ein⸗ gehender mit der Frage der Heranziehung der Kapitalvermögen zur Besteuerung, und der des Schuldenabzugs, beschäftigen.

Die Stellung der Regierung zur Heran⸗ ziehung des Kapital vermögens zur Gemeinde⸗ steuer kam am besten in dem Entwurf derselben, der den Gemeindevertretungen und den Handels⸗ kammern zur Begutachtung vorlag, zur Geltung. In diesem Entwurf war eine völlig gleiche Ulit dem Grundbesitz⸗ und Gewerbebetriebs⸗ vermögen vorgesehen. Und zur Begründung dieser gleichmäßigen Besteuerung wurde damals auf Seite 12, nachdem die Bedenken gegen die Heranziehung der Kapitalrenten zur Gemeinde⸗ steuer vollauf gewürdigt worden waren, wört⸗ lich gesagt:

Allein abgesehen davon, daß ein Versuch der Be⸗ seitigung der besonderen Besteuerung des Kapitalbver⸗ mögens aus der Gemeindebesteuerung kaum besondere Aussicht auf Erfolg haben wird, spricht doch auch manches gegen einen solchen. Zunächst erhebt schließlich auch gerade der Rentner besondere Ansprüche an die Gemeinde: er wird insbesondere bei der Wahl seines Wohnsitzes auf viele Annehmlichkeiten Wert legen, die ein andrer kaum genießen kann, und für welche die Gemeinden deshalb gerade mit Rücksicht auf die Rentner besondere Aufwendungen machen müssen; die Anpreisung der in allen größeren Städten bestehenden Verkehrsvereine reden in dieser Beziehung eine deutliche Sprache. Dazu kommt, daß, wenn Grundbesitz und Gewerbebetrieb mit einer

Bruttovermögenssteuer betroffen werden, das Fehlen

Die

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einer gleichen Steuer für das Kapitalvermögen zweifellos

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